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Psychologie: "Befohlene Hilflosigkeit"

Vor einigen Jahren war in der Süddeutschen Zeitung folgender Artikel zu lesen: "Betrunken unter der Parkbank. Ende Juni fanden Passanten einen betrunkenen, bewusstlosen Mann in Fötus-Stellung unter einer Parkbank in der Stadt Hull bei Ottawa. Es war Romeo Dallaire. Im vergangenen April war der Drei-Sterne-General, vierzehn Monate vor dem Ruhestand, zurückgetreten. Er leidet an einer Krankheit, die in der Fachsprache ,Post-Traumatic Stress Disorder‘ (Belastungsstörung nach traumatischen Erlebnissen) genannt wird. Das Massaker in Ruanda hat den einst so robusten und optimistischen Berufssoldaten, der Zeuge war und nicht helfen durfte, zu einem gebrochenen Mann gemacht. Der Zorn, die Wut, der Schmerz und die kalte Einsamkeit, die einen von der Familie, von Freunden und der täglichen Routine der Gesellschaft trennen sind so machtvoll, dass die Option, sich selber zu zerstören, real und attraktiv ist. Er hat zwei Selbstmordversuche hinter sich." In einer bedrückenden Videodokumentation der Kanadischen Armee schildern neben General Dallaire auch einige seiner Soldaten ihre unfassbaren Erlebnisse im damaligen Peacekeeping-Einsatz in Ruanda. Ihre Konfrontation mit dem Genozid und seinen Leichenbergen, mit Übergriffen, eigener Lebensgefahr und der Irritation durch "befohlene Hilflosigkeit" aufgrund der in diesem Einsatz geltenden - als unangemessen empfundenen - Rules of Engagement (ROE).

Es gibt wohl nichts Schlimmeres für Soldaten, die gut ausgebildet und ausgerüstet in einen friedenserhaltenden Einsatz gehen, um zu schützen und zu helfen, als dann vor Ort aufgrund anderslautender ROEs nicht handeln und eingreifen zu dürfen! Die Konfrontation mit einer noch nie erlebten, schrecklichen Realität erschüttert das ethische und normative Weltbild eines zivilisierten Menschen massiv und kann dieses sogar zerstören. Die Folge von solchen potenziell traumatisierenden Erlebnissen, zusätzlich verstärkt durch die erlebte Hilflosigkeit, sind massive innere Wertekonflikte zwischen moralischer Verpflichtung und soldatischem Gehorsam - emotionale Stürme von ungeheurer Frustration, Wut und Aggression, die normalerweise ventiliert werden müssten. Für einen Offizier ist es wohl besonders schwierig, seinen Zorn, die ungeheure Wut und den Schmerz über das selbst erlebte, tausendfache Unrecht adäquat hinaus zu schreien. Wieder zu Hause, können seine Familie und Freunde die furchtbaren Schilderungen nicht begreifen, das Unvorstellbare nicht verstehen. Die Folge: Tiefe innere Verzweiflung und Resignation, die dauernd zurückgehaltene, eingesperrte Aggression richtet sich nach innen, gegen den Betroffenen selbst. Die Selbstzerstörung wird attraktiv, ihre Wege sind vielfältig. Flucht in Drogen und Alkohol, um die unerträglich gewordene Gesellschaft zu ertragen. Im Rausch bricht sich dann auch die Aggression unkontrolliert Bahn, richtet sich gegen Alles und Jeden, auch gegen geliebte Menschen. Und schließlich, der scheinbar letzte Weg zur Erlösung aus diesem zum Albtraum gewordenen Leben: der Selbstmord. General Dallaire stand zweimal an dieser Schwelle. Er hat sie nicht überschritten. Er fand Hilfe in einer monatelangen psychotherapeutischen Behandlung und hat ein erschütterndes Buch über seine Erlebnisse geschrieben. Zudem hält er zahllose Vorträge. Das Darüber-Reden, das Aussprechen und insbesondere das Zulassen von Gefühlen, gelten als wichtigste Instrumente zur erfolgreichen Verarbeitung und Bewältigung von traumatischen Erfahrungen. Ziel aller Maßnahmen ist es, das durch die Intensität und Wucht des Ereignisses beschädigte oder "ver-rückte" Weltbild wieder zurechtzurücken bzw. die erlebte unfassbare Realität fassbar zu machen und in das bisherige Weltbild zu integrieren. Das Trauma lediglich zu verdrängen wird auf Dauer nicht gelingen. Diese Problematik betrifft keineswegs nur ausländische Offiziere. Auch in unserer Armee gibt es einsatzerfahrene Kameraden aller Dienstgrade, die in ihren Auslandseinsätzen, vom einfachen Wachsoldaten bis hin zum Militärbeobachter, mit nie gekannten Realitäten und auch dem Phänomen der "befohlenen Hilflosigkeit" konfrontiert waren. Manche von ihnen haben bis heute Schwierigkeiten, ihre Erlebnisse ins normale Alltagsleben zu integrieren. Wenige von ihnen sind namentlich bekannt oder sprechen offen über ihre Erfahrungen. Denn gerade unter männlichen Soldaten herrscht vermehrt die Befürchtung, dann als "Weichei" oder als psychisch krank abgestempelt zu werden. Im Bundesheer kommt seit mehr als zehn Jahren bei traumatischen Ereignissen das sogenannte Critical-Incident-Stress-Management zum Einsatz. Es sind dies psychologische Betreuungs- und Behandlungsmethoden für Einzelpersonen bis hin zu Großgruppen, die von Militärpsychologen und psychologisch geschulten Peers bei besonderen Vorfällen im In- und Auslandseinsatz angewandt werden. Neben der angestrebten akuten Entlastung und Stabilisierung der betroffenen Soldaten, dienen diese Maßnahmen auch zur langfristigen Vorbeugung jener posttraumatischen Belastungsstörung, an welcher General Dallaire und mancher seiner Soldaten - zum Teil erst Jahre nach ihrem Ruanda-Einsatz - erkrankten.

Autor: Oberstleutnant dhmfD Mag. Helmut Slop

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