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November 1918

Das Kriegsende und seine Folgen

US-Präsident Woodrow Wilson sah im Ersten Weltkrieg "a war to end all wars". Doch davon konnte keine Rede sein. Die mit dem Ende dieses Krieges verbundene Auflösung von Großreichen und das Entstehen neuer Nationalitätenprobleme machten ihn für Europa vielmehr zur "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts, welche die Geschichte bis heute beeinflusst.

Anfang November 1918 - mehr als 51 Monate nach Kriegsbeginn - befanden sich fast alle europäischen Großmächte in einer militärischen Auseinandersetzung eines bisher nicht vorstellbaren Ausmaßes, die zu Recht als "totaler Krieg" bezeichnet werden kann. Fast alle kriegführenden Staaten - Sieger und Besiegte - befanden sich aber auch in einem Zustand der Erschöpfung.

"Zu Weihnachten (1914) sind wir wieder zuhause!" Diese im August 1914 geäußerte Hoffnung der Soldaten erfüllte sich für die meisten Überlebenden, die nicht in Gefangenschaft geraten waren, erst zu Weihnachten 1918. Rund zehn Millionen Soldaten waren ums Leben gekommen. Mehr als doppelt so viele Zivilisten waren an Entbehrungen und Krankheiten gestorben (z. B. an der "Spanischen Grippe" ab dem Frühjahr 1918), eine geringere Anzahl starb durch direkte Kriegseinwirkungen und durch Übergriffe gegnerischer Soldaten. Die wahrscheinlich größte Gruppe davon waren die Armenier im Osmanischen Reich, die im Jahr 1915 Opfer von Deportationen und Massakern wurden.

Dramatische Umwälzungen

Der Spätherbst des Jahres 1918 brachte in der Endphase des Ersten Weltkrieges dramatische politische, wirtschaftliche und militärische Umwälzungen in Europa, deren Folgen die politische Landschaft des Kontinents für Jahrzehnte - und sogar bis heute - beeinflussen sollten.

Das Zerbrechen von Großreichen in den Monaten Oktober und November 1918 führte zum Ende des Krieges, der nach US-Präsident Woodrow Wilson ("… a war to end all wars") das Ende aller Kriege bringen sollte. Davon konnte jedoch keine Rede sein. Die Siegermächte konnten nicht verhindern, dass in den Folgejahren weiter Kriege in Europa und in Vorderasien tobten, ausgetragen in und zwischen neu entstandenen und sich neu konstituierenden Staaten (siehe Kasten rechts auf dieser Doppelseite).

Viele dieser Konflikte schwelten weiter und beeinflussten in den folgenden Jahrzehnten wesentlich die Lage vor dem Zweiten Weltkrieg.

Die Situation der Mittelmächte im Spätsommer 1918 Die militärische Lage vor sowie die Entwicklung im Oktober und in den ersten beiden Novemberwochen 1918 seien hier nur kurz gestreift:

Trotz des Wegfalles der Ostfront nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk waren in Finnland und im Baltikum sowie zur Besetzung der Ukraine deutsche und österreichisch-ungarische Truppen gebunden und dort stationiert. Zahlreiche deutsche Divisionen wurden nun vom Osten und auch von der Südwestfront an die Westfront verlegt, um an der letzten Offensive ab 21. März teilzunehmen.

Anfang April 1918 war jedoch klar, dass ein strategischer Durchbruch unerreichbar war und die eigenen Verluste überdurchschnittlich hoch waren. Mitte Juli 1918 scheiterten die letzten deutschen Angriffsoperationen im Westen.

Ab 8. August 1918 befanden sich die alliierten Truppen in einem unaufhaltsamen Vormarsch - und dieser konnte von den erschöpften Truppen der Mittelmächte (ab Juli 1918 befanden sich auch vier österreichisch-ungarische Divisionen an der Westfront) bis zum 11. November, dem Tag des Waffenstillstandes von Compiegne, nicht mehr gestoppt werden.

Parallel zum militärischen Zusammenbruch der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien, Osmanisches Reich) ging auch die Auflösung der staatlichen Einheit Österreich-Ungarns in seine letzte Phase über.

Dem Versuch der Mittelmächte, auf der Grundlage der "14 Punkte" des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, am 4. Oktober 1918 in Friedensverhandlungen mit den Alliierten einzutreten, war kurzfristig jedoch kein Erfolg beschieden.

Das Völkermanifest Kaiser Karls I. vom 16. Oktober 1918 war ein vergeblicher, viel zu später Versuch, die österreichische Reichshälfte in einen Bundesstaat mit national gleichberechtigten Teilen umzuwandeln.

Am 28. Oktober erfolgte die offizielle Gründung des tschechoslowakischen Staates. In den nächsten Tagen folgte das Ausscheiden Kroatiens, Slawoniens und Dalmatiens. Diese schlossen sich später mit Bosnien-Herzegowina, Serbien und Montenegro zum südslawischen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Kraljevina Srba, Hrvata i Slovenaca - besser bekannt als SHS-Staat) zusammen.

Am 31. Oktober ging de facto auch die Herrschaft in Ungarn an nationalrevolutionäre Kreise in Budapest über.

Ähnlich liefen die Ereignisse in den Zentren der polnischen Gebiete der Habsburgermonarchie um Krakau und Przemysl ab.

Im "übriggebliebenen" Teil der Habsburgermonarchie traten am 30. Oktober die deutsch-österreichischen Reichsratsabgeordneten im Saal des Niederösterreichischen Landhauses zusammen. Am 11. November 1918 verzichtete Kaiser Karl I. auf die Regierungsgeschäfte und am 12. November wurde vor dem Reichsratsgebäude in Wien (dem heutigen Parlament) die Republik "Deutsch-Österreich" ausgerufen.

Inzwischen waren an der Südwestfront die italienischen Armeen, unterstützt durch britische und französische Truppen, am 24. Oktober zur Offensive angetreten. Der vorerst heftige Widerstand der k.u.k. Truppen wurde ab 27. Oktober deutlich schwächer und es zeigten sich Auflösungserscheinungen, die den alliierten Vormarsch auf breiter Front ermöglichten.

Nach dem Waffenstillstandsersuchen am 28. Oktober konnte der Leiter der Delegation, General Weber von Webenau, die Front erst am 30. Oktober überschreiten. Die unter chaotischen Bedingungen ablaufenden Waffenstillstandsverhandlungen in der Villa Giusti bei Padua führten letztlich zu einem nahezu ungehinderten alliierten Vormarsch bis zum Nachmittag des 4. November. Im Zuge dessen erfolgte (zwischen 24. Oktober und 4. November) die Gefangennahme von mehr als 436 000 Soldaten des Heeres der Habsburgermonarchie, u. a. weil das Armeeoberkommando die Niederlegung der Waffen bereits für die frühen Morgenstunden des 3. November befohlen hatte.

Auch auf dem Balkan drangen alliierte Armeen vor. Dieser Vormarsch war aufgrund eines Waffenstillstandes zwischen Bulgarien und den Alliierten de facto unaufhaltsam geworden und bereits am 3. November erreichten die Alliierten die Grenzen der ungarischen Reichshälfte.

Im Nahen Osten verlief die am 19. September 1918 begonnene alliierte Offensive unter General Edmund Allenby erfolgreich. Sie brachte den ganzen Nahen Osten unter alliierte Kontrolle und zwang das Osmanische Reich zum Abschluss eines Waffenstillstandes (30. Oktober 1918).

Im Kaukasus hingegen waren Unabhängigkeitsbestrebungen (Georgien, Armenien, Aserbaidschan) bereits seit dem Frühjahr 1918 mit deutscher Unterstützung im Gange.

Kein "war to end all wars":

Allein in den Jahren von 1918 bis 1923 fanden in Europa u. a. folgende Kriege statt:

  • Bürgerkrieg und Annexionskriege in der entstehenden Sowjetunion (1918 bis 1922);
  • Polnisch-sowjetischer Krieg (1919/20);
  • mehrere Kriege um die neuen Staaten im Baltikum (1919/20; Kommunistische Gruppen, Deutsche Freikorps, Polnisch-Litauischer Konflikt um die Region Wilnius);
  • Polnisch-tschechischer Konflikt um die Region Teschen (1919);
  • Polnisch-deutscher Konflikt um die Region Oberschlesien (1919 bis 1921);
  • Krieg zwischen der Tschechoslowakei, Rumänien, dem SHS-Staat (siehe Fließtext unten) und der Ungarischen Räterepublik sowie Bürgerkrieg in dieser (1919);
  • Kärntner Abwehrkampf (1918/19);
  • Kämpfe in der Südsteiermark (1918/19);
  • Kämpfe um das Burgenland (1921);
  • Albanischer Aufstand gegen italienische Besatzungstruppen (1919/20);
  • Griechisch-türkischer Krieg (1920 bis 1922).

Militärische Planungen …

Neben den schon bestehenden Millionenheeren Frankreichs und Großbritanniens war ein Ausbau der US Army auf 80 Divisionen mit 4,3 Millionen Mann vorgesehen. Der größte Teil davon sollte in Europa eingesetzt werden. Im Frühjahr 1919 sollten rund 10 000 (!) amerikanische, britische und französische Kampfpanzer für den weiteren Vorstoß aus Frankreich und Belgien bereitstehen.

In den in der Villa Giusti ausgehandelten Bedingungen des Waffenstillstandes vom 3. November 1918 war festgelegt worden, dass alliierte Truppen völlige und ungehinderte Bewegungsfreiheit auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen Donaumonarchie haben sollten.

Daher sollten 40 alliierte Divisionen aus Nordtirol, Salzburg und Oberösterreich spätestens im Frühjahr 1919 gegen den süddeutschen Raum vorstoßen. Gleichzeitig sollten alliierte Armeen vom Balkan aus (Bulgarien hatte bereits am 25. September um einen Waffenstillstand ersucht) über Ungarn in Richtung der Tschechoslowakei ihren Vormarsch fortsetzen und damit dem Deutschen Reich den militärischen Todesstoß versetzen.

Bereits Ende Oktober 1918 wurden britische Luftoperationen gegen Berlin geplant. Unter anderem sollten die ersten britischen viermotorigen Bomber (Handley Page V/1500) am 11. November von Frankreich aus Berlin angreifen und dabei eventuell in Prag (der Hauptstadt eines bereits verbündeten Landes) zwischenlanden.

Diesem alliierten Ansturm hätten die dezimierten deutschen und die wenigen kampfkräftigen österreichisch-ungarischen Verbände - durchwegs durch Hunger geschwächt (im Oktober 1918 betrug das Durchschnittsgewicht eines Soldaten des k.u.k. Heeres an der Südwestfront 50 Kilogramm) - nicht standhalten können.

Wie lange zusammenhängende Fronten nach dem 3. bzw. 11. November 1918 von den Truppen der Mittelmächte noch hätten gehalten werden können, ist Spekulation.

Die politisch explosive Lage im Hinterland Deutschlands und Österreich-Ungarns war weder von der deutschen noch der österreichisch-ungarischen militärischen Führung im vollem Umfang erkannt worden.

Für Anfang November 1918 plante der deutsche Admiralstab noch eine gigantische Flottenoperation der deutschen Hochseeflotte, die zu einer Seeschlacht in der Nordsee hätte führen sollen. (Wahrscheinlich hätte sie aber zur Vernichtung der deutschen Flotte durch die Royal Navy geführt.) In den zentralen Behörden und Stäben wurde jedoch ungeachtet der sich überschlagenden dramatischen Ereignisse weitergearbeitet. Dabei entstanden heute oft skurril anmutende Aktenstücke, wie zum Beispiel das Schreiben des k.u.k. Kriegsministers Generaloberst Rudolf Stöger-Steiner:

"Anordnung der personellen Demobilisierung im Hinterlande (k.u.k. Kriegsministerium, Präs.Nr. 371319).

Der von der Monarchie unternommene ernste Friedensschritt stellt die Heeresverwaltung für den Fall des Gelingens dieser diplomatischen Aktion vor die dringende Aufgabe, auf allen Gebieten ehetunlichst den Übergang zur Friedenswirtschaft vorzubereiten.

Hand in Hand mit diesen Vorsorgen muss auch die personelle Demobilisierung der, auf Kriegsdauer auf Hinterlandsposten angestellten Gagisten (von Gage - Lohn, Gehalt; Anm.) erfolgen. Diese wird nach und nach einen größeren Umfang annehmen, als in erhöhtem Maß Hinterlandsposten für jene Gagisten freigemacht werden müssen, welche voraussichtlich in größerer Anzahl von der Front in das Hinterland gelangen werden und welche in ihrer Gesamtindividualität nach auch im Frieden bis zur Erreichung der vollen Versorgungsgebühren in der Aktivität belassen werden sollen … Die Militärkommanden haben nach Fortschreiten des Überganges zu den Friedensverhältnissen selbst den Augenblick wahrzunehmen, in welchem Hinterlandsposten überflüssig werden, bzw. das Personal im Hinterlande restringiert (verringert; Anm.) werden kann und diesbezüglich antragstellend zu berichten.

Es sei hierzu bemerkt, dass das Personal im Hinterlande zweifellos restringiert werden kann. Das hat der Umstand zur Genüge erwiesen, dass nach Erscheinen des die achtstündige Arbeitszeit normierenden Kriegsministeriumserlasses Präs.Nr. 33100/10.Abt. von 1918 nicht nur von zahlreichen militärischen Stellen, sondern auch von zivilen Korporationen beim Kriegsministerium Einschreiten um Aufhebung des obigen Erlasses mit der ganz merkwürdigen Motivierung eingetroffen sind, dass es nunmehr vielen Angestellten unmöglich gemacht wurde, in den Nachmittagsstunden ihrem anderweitigen Erwerbe nachzugehen.

Generaloberst Rudolf Stöger-Steiner, Wien, am 17. Oktober 1918"

… und die Realität

Die Planungen für einen geordneten Rückzug der österreichisch-ungarischen Truppen und eine planmäßige Demobilisierung waren aber wenige Tage später schon illusorisch. Der Staatsverband Österreich-Ungarn begann bereits Ende Oktober 1918, sich endgültig und unaufhaltsam aufzulösen.

Ende Oktober 1918 befanden sich große Teile des k.u.k. Heeres bereits in Auflösung. Durch Meutereien von und in vielen Verbänden, die als Assistenzen im Hinterland eingesetzt waren, kam es in manchen Landstrichen - z. B. in Slawonien - zu anarchischen Zuständen. Mittlerweile brachten Banden von Deserteuren ("Grüne Kader") ganze Regionen unter ihre Kontrolle und besetzten, plünderten und brandschatzten sogar kleinere Städte wie Vukovar und Osijek.

Die zum Teil von den Wachen verlassenen Kriegsgefangenenlager in Österreich-Ungarn wurden zu einem weiteren Risiko, weil entwichene Insassen, von denen sich ein Teil auf den Weg in ihre Heimat machte, zahlreiche Gewalttaten verübten. Eine Gruppe entwichener russischer Kriegsgefangener ermordete z. B. in Oberösterreich im November innerhalb weniger Tage zwanzig Menschen.

Auch die seit Jahren unterernährten Truppen des k.u.k. Heeres, die sich auf dem Heimweg in die neu entstehenden Nationalstaaten befanden, stellten in vielen Regionen ein enormes Sicherheitsrisiko dar: die Soldaten schossen sich oft die Durchfahrt in ihre neuen Heimatstaaten frei und beschafften sich Nahrungsmittel mit Gewalt.

Die gepeinigte Zivilbevölkerung stellte - besonders in den Grenzgebieten des entstehenden Staates Deutsch-Österreich so genannte Heimwehren, Ortswehren, Bauernwehren und Arbeiterwehren auf (letztere überwiegend in den Zentren der Rüstungsindustrie). Diese Wehrverbände sollten Unruhen und Plünderungen verhindern, bekamen aber schon in der Aufbauphase der jungen Republik Deutsch-Österreich eine innenpolitische Bedeutung, die sie nahezu über die ganze Existenzdauer der Ersten Republik nicht mehr verlieren sollten.

Die gleichfalls aufgestellte Volkswehr - als reguläre Streitkraft der jungen Republik - zeigte sich zum Schutz der (noch gar nicht klar definierten) Grenzen Deutsch-Österreichs jedoch nur bedingt geeignet. Schon in der Gründungsphase Deutsch-Österreichs war der Anschluss an das Deutsche Reich ein zentraler Gedanke, der auch in den folgenden Jahrzehnten in verschiedenen politischen Lagern präsent blieb.

Weltwirtschaftliche Auswirkungen

Die von den Alliierten vorgegebenen Friedensbedingungen mussten von den Unterlegenen akzeptiert werden.

Nach den im Vertrag von Versailles festgeschriebenen Bedingungen sollte Deutschland sofort 20 Milliarden Mark als Kriegsentschädigung bezahlen. Das war aber nicht umsetzbar. Deshalb musste Deutschland in den nächsten Monaten 1,2 Millionen Tonnen Handelsschiffsraum (somit die Hälfte der noch vorhandenen Handelsschiffe über 1 500 Bruttoregistertonnen), 5 000 Lokomotiven, 136 000 Güterwaggons, 130 000 landwirtschaftliche Maschinen, 135 000 Stück Großvieh, 20 000 Pferde, 24 Millionen Tonnen Kohle sowie 15 Millionen Tonnen Farbstoffe und andere chemische Produkte abliefern.

Zwischen 1919 und 1933 bezahlte Deutschland insgesamt 148 Milliarden Mark an Reparationen an die Alliierten.

Durchschnittlich waren von den kriegführenden Nationen insgesamt 759 Millionen Mark (die Kaufkraft einer Mark zur Kriegszeit entsprach etwa der von vier Euro) pro Kriegstag aufgewendet worden. Die extremen wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges trafen aber nicht nur die Mittelmächte sondern auch die meisten siegreichen Alliierten sowie die neutralen Staaten. In Nordfrankreich und Belgien, aber auch in Norditalien (Friaul/Julisch-Venetien), waren z. B. durch die Kampfhandlungen ganze Regionen nachhaltig zerstört. Das machte diese Gebiete für Jahre nahezu unbewohnbar und erforderte gigantische Finanzmittel für deren Wiederaufbau.

Die Goldreserven einzelner alliierter Mächte in Europa verminderten sich zwischen 1913 bis 1919 um insgesamt 100 Millionen Goldpfund: die Großbritanniens z. B. um 42 Millionen, die Frankreichs um 25 Millionen und die Italiens um 19 Millionen. (Das Goldpfund ist eine Rechenwährung. Nach dem Kurs von 1913 entsprach die theoretische Kaufkraft eines Goldpfundes der von rund 75 Euro.) Finanzielle "Gewinner" dieses Krieges, der in einem bisher nicht gekannten Umfang auch mit den Waffen der Wirtschaft geführt worden war, waren die USA, deren Goldreserven sich bis zum Jahresbeginn 1920 um 278 Millionen Goldpfund vermehrten, sowie Japan (Vermehrung um 183 Millionen) und die neutralen Staaten Spanien (84 Millionen), die Niederlande (41 Millionen), die Schweiz (zwölf Millionen), Schweden (zehn Millionen), Dänemark (zwölf Millionen) und Norwegen (vier Millionen).

Der Kriegskonjunktur folgte eine galoppierende Inflation in Deutschland und Österreich, was zu einer Verarmung der Mittelschicht führte. Die Inflation konnte erst ab 1924 durch Währungsreformen gestoppt werden.

Ein militärisches Vakuum in Zentraleuropa

Die in den Friedensverträgen für Deutschland, Österreich und Ungarn (und auch Bulgarien) festgelegten Einschränkungen der militärischen Stärken gestatteten den betroffenen Staaten nur sehr kleine Streitkräfte ohne die im Ersten Weltkrieg entwickelten modernen Waffensysteme. Dies bewirkte ein militärisches Vakuum in Zentraleuropa.

Nach den Vorgaben von Saint Germain war die Österreichische Wehrmacht ein Berufsheer. Dieses konnte aber aus verschiedenen Gründen den ihm zugebilligten personellen Höchststand von 30 000 Soldaten nur zu rund 75 Prozent erreichen. Die beiden größten Wehrverbände Österreichs (Heimwehr und Schutzbund) verfügten zusammen über fünfmal soviel Personal und leichte Infanteriewaffen wie das Österreichische Bundesheer! Damit war das militärische Potenzial für die Bürgerkriege von 1934 bereits im Jahr 1923 weitgehend vorhanden.

Die mangelnde personelle Aufwuchsfähigkeit des Bundesheeres und dessen schlechte materielle Ausstattung bis 1933 führte zu Schwächen, die auch durch engagierte Maßnahmen in den Jahren 1933 bis 1937 nicht mehr wettgemacht werden konnten. Diese Schwächen trugen (zu einem gewissen Grad) - neben den bestimmenden politischen Rahmenbedingungen - zum Untergang der Ersten Republik bei.

Die ab 1920 in der "Kleinen Entente" politisch, wirtschaftlich und militärisch verbündeten Staaten Tschechoslowakei, Jugoslawien (hervorgegangen aus dem SHS-Staat) und Rumänien, die auch mit Polen enge Beziehungen aufnahmen, waren in den zwanziger Jahren militärisch gut gerüstet. Sie gerieten aber, ebenso wie die Kleinstaaten im Baltikum, in die Machtambitionen der benachbarten Großmächte.

Spätfolgen

Trotz der seit Anfang der zwanziger Jahre laufenden Versuche zur Aussöhnung der ehemaligen Kriegsgegner hatte die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts weitreichende Auswirkungen:

Polen, die Tschechoslowakei, der SHS-Staat und Rumänien waren Vielvölkerstaaten, in denen es rasch zu nationalen Spannungen kam. Dies bereitete in der Zwischenkriegszeit und in der Anfangsphase des Zweiten Weltkriegs letztlich den Untergang Polens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens vor oder beschleunigte diesen.

Der Versuch der Schaffung einer europäischen, ja sogar eine weltweiten Friedensordnung, begann mit den Pariser Vororte-Verträgen der Jahre 1919 bis 1921 und mit der Gründung des Völkerbundes als Institution zur Konfliktregelung. Doch (spätestens) anfangs der dreißiger Jahre traten erste Schwierigkeiten auf und kurz darauf scheiterte dieses Projekt.

Totalitäre und diktatorische Regime (Italien, Japan, das Deutsche Reich und die Sowjetunion) kümmerten sich zwischen 1931 und 1939 nicht mehr um Protestresolutionen und um großteils wirkungslose Embargos - sie setzten ihre außenpolitischen Zielvorstellungen mit Drohungen, Einschüchterungen und schließlich mit dem Einsatz militärischer Mittel durch.

Die politischen Veränderungen im Deutschen Reich von 1933 mit der Einrichtung der nationalsozialistischen Diktatur kosteten Österreich seine Existenz. Die nächsten Schritte waren die Annexion der "Sudetengebiete" sowie die endgültige Zerschlagung der Tschechoslowakei, die im März 1939 in das deutsche "Protektorat Böhmen und Mähren" und in den unabhängigen Staat Slowakei zerfiel. Dem folgte der Angriff auf Polen, der in einen europaweiten und schließlich in einen weltweiten Krieg führte.

Die machtpolitische Revision der Ergebnisse des Ersten Weltkrieges brachte auch der Sowjetunion die meisten nach 1918 (an Polen) verlorenen Gebiete zurück. Ende September 1939 erfolgte die "Fünfte Polnische Teilung" durch die Einigkeit zweier totalitärer Systeme und anscheinend im Sinne der Aussagen des sowjetischen Außenministers Molotov am 31. Oktober 1939: "… ein nicht allzu kräftiger Stoß durch die Deutsche Wehrmacht und anschließend durch die Rote Armee genügten, und nichts blieb von Polen, dieser hässlichen Ausgeburt des Vertrages von Versailles, übrig". All das kostete der polnischen Bevölkerung ungeheure Verluste. Ein polnischer Staat entstand erst wieder 1945.

Im Baltikum verschwanden im Sommer 1940 die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Republiken Estland, Lettland und Litauen. Sie wurden wieder Teile der Sowjetunion. Zur gleichen Zeit musste Rumänien die Region Bessarabien/Moldawien an die Sowjetunion abtreten.

Nur Finnland konnte sich im 108 Tage währenden Winterkrieg 1939/40 gegen die sowjetischen Angreifer behaupten, allerdings um den Preis von rund 23 000 Gefallenen und beträchtlichen Gebietsverlusten in Karelien und im Polargebiet.

Die Sowjetunion wurde durch den deutschen Angriff vom Juni 1941 in einen Krieg um ihre Existenz verwickelt, in dem sie enorme Menschenverluste hatte, den sie aber mit westalliierter Unterstützung gewann und in dessen Folge sie wenige Jahre später zur atomar gerüsteten Supermacht aufstieg.

Das alles begann mit den Ereignissen im Spätherbst 1918, die letztlich nicht nur bis 1945 Auswirkungen hatten, sondern nachweislich auch Krisen und Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg beeinflussten.

So gesehen erscheint die vor Jahren erfolgte Einrichtung einer Arbeitsgruppe des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr in Potsdam, die das "Zeitalter der Weltkriege", die Jahre 1914 bis 1945, als historische Einheit sieht und erforscht, als durchaus berechtigt.


Autor: Hofrat Dr. Wolfgang Etschmann, Oberleutnant, Jahrgang 1953. Nach Matura und Einjährig-Freiwilligen-Ausbildung Studium der Zeitgeschichte und Germanistik an der Universität Wien; 1979 Promotion zum Dr. phil.; danach als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien tätig. Von 1981 bis 1982 Einteilung als Kompaniekommandant beim Landwehrstammregiment 21. Ab 1982 Referent für neuere Militärgeschichte am Heeresgeschichtlichen Museum/Militärwissenschaftliches Institut. Seit 1994 Leiter der Militärgeschichtlichen Forschungsabteilung des Heeresgeschichtlichen Museums.

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