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Der Eurofighter "Typhoon" (IX)

Jagdgeschwader 74: Alarmstarts und Nachtflüge

Das Jagdgeschwader 74 der Deutschen Luftwaffe stellt seit Juni 2008 die Einsatzbereitschaft der Luftraumüberwachung für den süddeutschen Raum mit Eurofightern.

Das Jagdgeschwader 74 ist in Neuburg an der Donau in Oberbayern stationiert. Seit Anfang 2008 sind dort Eurofighter "Typhoon" (bzw. "Taifun", wie deren offizielle Bezeichnung in Deutschland lautet) in die Sicherung des deutschen Luftraumes eingebunden. Die aus dem Flugbetrieb mit den Jagdbombern Mc Donnell F-4F "Phantom" bestehenden und bewährten Alarmierungs- und Einsatzverfahren wurden auf das neue Flugzeugmuster übertragen und mit dem Eurofighter parallel zum Flugbetrieb mit den F-4F "Phantom" erprobt. Die Hauptschwierigkeit dabei war, zwei unterschiedliche Flugzeugmuster aus verschiedenen "Luftfahrzeuggenerationen" gemeinsam zu betreiben. In rund sechs Monaten Übergangsbetrieb wurden die F-4F "Phantom" des Geschwaders nach und nach vom Flugdienst abgezogen und die neuen Maschinen und ihre Piloten übernahmen zur Gänze diese verantwortungsvolle Aufgabe.

Während des Parallelflugbetriebes erfolgten zusätzlich zu NATO QRA (I) (Quick Reaction Alerts Interceptor; das sind Alarmstarts zum Abfangen eines Luftfahrzeuges) mit F-4F "Phantom" auch Eurofighter-QRA. Auf diese wurden zunächst einmal die von der NATO vorgeschriebenen Verfahren angewandt. Anschließend evaluierten Experten die Erfahrungen aus dem Flugbetrieb und passten die Verfahren für die QRA entsprechend an. Die Besatzungen der Eurofighter nutzten die gemeinsamen Übungs-Alarmstarts ("Tango-Scramble") auch, um mit den erfahrenen Besatzungen der F-4F "Phantom" den Luftkampf zu trainieren.

Eurofighter als (NATO-)Abfangjäger

Am 3. Juni 2008 informierte die Deutsche Luftwaffe die NATO, dass die QRA (I)-Verpflichtung gegenüber dem Verteidigungsbündnis ab sofort mit dem Waffensystem Eurofighter durchgeführt wird. Das Jagdgeschwader 74 stellt dafür vier Flugzeuge bereit, zwei als Alarmrotte und zwei als Ersatzflugzeuge. Jedes Flugzeug verfügt dabei über zwei Luft-Luft-Lenkwaffen kurzer Reichweite IRIS-T (bzw. AIM-9L "Sidewinder") und über scharfe Munition für die Bordkanone. Theoretisch können, abhängig von der aktuellen Bedrohungslage, auch AMRAAM Luft-Luft-Lenkwaffen mittlerer Reichweite mitgeführt werden.

Die QRA (I)-Einsatzbereitschaft des Verbandes dauert 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Die jeweilige Alarmrotte befindet sich in einer 15-Minuten-Bereitschaft (Readiness State 15). Je nach Ereignisfall kann die Bereitschaftszeit vom Combined Air Operation Center 2 (CAOC 2) in Kalkar (in Nordrhein-Westfalen), das für Deutschland zuständig ist, via Control and Reporting Center (CRC) auf zehn, fünf oder zwei Minuten herabgesetzt werden.

Das Combined Air Operation Center in Kalkar ordnet bei Bedarf den Alarmstart mit Auftrag zur Identifizierung des Zielobjektes an. Noch auf dem Weg zur Runway oder kurz nach dem Start erhält der Pilot die notwendigen Informationen. Unmittelbar nach dem Start übernimmt das Control and Reporting Center die Führung und kontrolliert den Flug. Der Gefechtsstand des Einsatzführungsdienstes leitet die Jagdflugzeuge, bis das Zielobjekt vom Bordradar erfasst wird. Nach Sichtkontakt stellt der Eurofighterpilot fest, ob es sich um ein Flugzeug gemäß Flugplan handelt. Liegen Verdachtsmomente vor und handelt es sich um ein Militärflugzeug, bleibt die Verantwortung weiter bei der NATO. Handelt es sich hingegen um eine zivile Maschine, geht die Verantwortung in die nationale Zuständigkeit Deutschlands über.

Absolute Priorität trotz knapper Ressourcen

Für das Jagdgeschwader 74 bedeutet die Bereitstellung der vier QRA-Flugzeuge in der Phase der Eurofightereinführung eine enorme technische und personelle Herausforderung und hat absolute Priorität. Ende 2008, knapp zwei Jahre nach Ankunft der ersten Eurofighter in Neuburg, verfügte das Geschwader auf dem Papier über dreizehn Flugzeuge. Tatsächlich standen zehn Maschinen auf dem Platz, da ein Eurofighter gerade einem Retrofit-Programm (Nachrüstung auf einen höheren Standard) unterzogen wurde und zwei weitere Flugzeuge für die Pilotenumschulung in Laage in Mecklenburg-Vorpommern eingesetzt waren. Dementsprechend knapp waren und sind die Flugstunden auf dem Eurofighter. Immerhin müssen 18 Piloten damit einigermaßen gleichmäßig bedient werden, denn über so viele umgeschulte ehemalige F-4F-Piloten verfügt das Jagdgeschwader 74 derzeit - alle bereits mit der QRA-Qualifikation!

Zwar wird in Kürze die Übergabe der ersten beiden Eurofighter der Tranche 2 erwartet, berücksichtigt man aber, dass Flugzeuge immer wieder durch Wartungsvorhaben oder technische Probleme ausfallen, so sind die Materialressourcen weiterhin äußerst knapp. Nur teilweise entschärft wird der Flugzeug-Engpass durch den Full-Mission-Simulator, der seit 2008 verfügbar ist. Jeder Pilot nutzt ihn derzeit zwei Mal pro Woche, wobei nicht nur Verfahrenstraining in Notsituationen sondern auch vermehrt eine operative und missionsspezifische Ausbildung erfolgt, um für eine gewisse Zeit die fehlenden realen Flugstunden zumindest teilweise auszugleichen.

Einmal Eurofighter, immer Eurofighter

Weil die auf den Eurofighter umgeschulten Piloten in Hinkunft ausschließlich diesen Flugzeugtyp fliegen, können die nach wie vor in Neuburg vorhandenen F-4F "Phantom" nicht für zusätzliche Trainingsflugstunden genutzt werden. Die F-4F "Phantom" sind vom Jagdgeschwader 71 in Wittmund (Ostfriesland) geliehen und werden von jenen Piloten des Jagdgeschwaders 74 geflogen, für die eine Umschulung auf den Eurofighter aus Altersgründen nicht mehr in Frage kommt. Der aktive Jet-Flugdienst endet für Piloten im 41. Lebensjahr. Auf den Eurofighter umgeschult wird nur, wer bis zum Erreichen des Alterslimits noch mindestens fünf Jahre aktiv fliegen kann. Das bedeutet, dass z. B. ein 37-jähriger "Phantom"-Pilot de facto auf der F-4F "Phantom" "ausdienen" muss.

Einsatzbetrieb rund um die Uhr

Die Flugstunden auf den Eurofightern dienen vor allem dazu, die Erfahrung mit dem neuen Flugzeug zu vertiefen sowie die bisher erarbeiteten Qualifikationen zu erhalten. Zum taktischen Training gehören unter anderem simulierte Abfangeinsätze und Luftkämpfe.

Ein Übungsschwerpunkt ist derzeit speziell auf den Link-16 (ein System zur Datenübertragung) ausgerichtet. Partner dafür sind vor allem AWACS-Flugzeuge. Der Eurofighter verfügt über einen Link-16 kompatiblen Multifunctional Information Distribution System-Datenlink (MIDS-Datenlink), der die Kommunikation und den Daten-/Informationsaustausch mit anderen Einheiten ermöglicht. Der Eurofighter kann damit z. B. Informationen von AWACS-Flugzeugen oder von Radarleitstationen auf dem Boden empfangen und damit ein genaues Lagebild erhalten.

Nachtflüge sind unverzichtbar

Unabdinglich für einen funktionierenden Rund-um-die-Uhr-Einsatzbetrieb sind Nachtflüge. Jeder Pilot muss seine Nachtlandeberechtigung aufrechterhalten sowie zur Verlängerung seines Flugscheines sechs Nachtflugstunden pro Gültigkeitsjahr nachweisen. Diese werden aufgrund des früheren Einbruchs der Dunkelheit schwerpunktmäßig von September bis April während der so genannten Spätflugwochen absolviert. Dabei beginnt der Flugdienst um ca. 1500 Uhr, die aus Lärmschutzgründen einzige Nachtflugphase beginnt um ca. 2030 Uhr. Geübt werden Navigation und Abfangeinsätze, die Rückkehr erfolgt bis spätestens 2300 Uhr. Die letzten Techniker verlassen meist um 0200 Uhr früh den Fliegerhorst, manchmal auch später. Derzeit fliegen die Piloten noch ohne Nachtsichtunterstützung. Die Integration von Night Vision Goggles ist mit der Einführung des Eurofighter-Avionikhelms HEA vorgesehen.

Derzeit ist für die deutschen Eurofighter die Einrüstung des Infrared Search and Track Systems (IRST) nicht vorgesehen. IRST ist die Bezeichnung der Deutschen Luftwaffe für das System FLIR PIRATE, eines bilderzeugenden Infrarotsensors der zweiten Generation (Details siehe TD Heft 6/2008, "Der Eurofighter ‚Typhoon‘" Teil VII).

Kontakte zu den Nachbarn

Kontakte zwischen österreichischen und deutschen Technikern und Piloten bestehen, seit diese zumindest Teile der Ausbildung in Laage oder Manching gemeinsam absolviert haben. Die Ausbildung erfolgt allerdings nur so lange gemeinsam, wie technische und taktische Vorgaben das zulassen. Österreichische Techniker, die den praktischen Teil der Umschulung im Flugbetrieb in Laage bzw. Neuburg mitmachen, finden bei den dortigen Eurofightern einen Mix unterschiedlicher Blocks der Tranche 1 vor, sie selbst arbeiten jedoch nur auf Eurofightern der Tranche 1 Block 5, wie sie das Österreichische Bundesheer erhalten hat. Die deutschen Einsatzverbände erwarten hingegen schon bald die ersten Flugzeuge der Tranche 2 Block 8.

Ähnlich verhält es sich mit gemeinsamen Ausbildungsflügen. Zwar wird grundsätzlich auch "gemischt" geflogen, sobald aber nationale Gegebenheiten - Österreich hat z. B. keine AMRAAM Luft-Luft-Lenkwaffen - ein weiteres gemeinsames Trainieren unmöglich machen, wird ausgerichtet auf die nationalen und ausrüstungstechnischen Spezifika weitergearbeitet.

Was bleibt, sind die persönlichen Kontakte, die vom regelmäßigen dienstlichen Austausch über technische Fragen und Problemlösungen bis hin zu gemeinsamen Schiausflügen reichen.

Die Piloten des Jagdgeschwaders 74 hätten großes Interesse, hin und wieder übungsweise auch gegen ihre Kameraden aus Zeltweg zu fliegen. Der hohe Ausbildungsstand der Österreicher, die geografische Nähe zu Neuburg sowie das hochalpine Umfeld wären für die deutschen Kameraden eine Bereicherung ihres Trainings. Zudem böte Zeltweg sowohl bei Überstellungen nach Südeuropa als auch bei Übungsflügen einen idealen Ausweich- und Notlandeplatz. Auch die Österreicher könnten von Luftkämpfen und Abfangübungen gegen ein gleichwertiges Flugzeug im eigenen, aber auch im benachbarten Luftraum enorm profitieren. Leider gibt es dazu (noch) keine bilateralen Verträge, die diese Form der Zusammenarbeit ermöglichen bzw. regeln könnten. Ein friedlicher Ausbildungs- und Übungsbetrieb unter Nachbarn wären eine Bereicherung der eigenen Möglichkeiten und kein Widerspruch zur militärischen Neutralität.

Die Schweiz pflegt einen wesentlich offeneren Umgang mit ihrem Status als neutraler Staat. Derartige Ausbildungskooperationen stehen nach Ansicht der Schweiz nicht in Widerspruch zur Neutralität. Die F/A-18 "Hornet" der Schweizer Luftwaffe üben seit 2004 immer wieder mit dem Jagdgeschwader 74. Basis dafür ist eine bilaterale Vereinbarung, die die Zusammenarbeit beider Streitkräfte bei der Ausbildung regelt. Jeweils zu Jahresbeginn werden in einem Memorandum die geplanten Übungsvorhaben festgelegt, die konkreten Aktionen werden durch technische Vereinbarungen zwischen den beiden Partnern definiert. Geflogen wird in unregelmäßigen Abständen etwa zwei bis drei Mal pro Woche. Geübt wird derzeit nur im deutschen Luftraum, da es für den Eurofighter (für Flüge im Ausland) noch zu viele Auflagen gibt. Trainiert wird dabei das gesamte fliegerische Spektrum der Luft-Luft-Einsatzrolle bis hin zu Luftkämpfen "vier gegen vier" sowie Beyond Visual Range-Szenarien (Erkennung und Bekämpfung von Bedrohungen bzw. Zielen außerhalb der optischen Sichtweite des Piloten) mit radargelenkten AMRAAM Luft-Luft-Lenkwaffen.

(wird fortgesetzt)


Autor: Erich Strobl, Jahrgang 1953. Nach der AHS-Matura Ausbildung zur IT-Fachkraft, Spezialisierung auf medizinische Informationssysteme. Seit 1991 freier Luftfahrtjournalist mit Schwerpunkt Militärluftfahrt und Luftverteidigung in Österreich, Slowenien, Kroatien, der Slowakei, Tschechien, Ungarn, Deutschland, der Schweiz und Italien. Rund 250 Veröffentlichungen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, England, Tschechien und Kroatien.

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