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EOD-Training bei der NATO-PfP-Übung "COOPERATIVE LANCER" 08

Die NATO führte auch 2008 Übungen zur Steigerung der Interoperabilität gemeinsam mit NATO-PfP-Staaten durch. Gastland (Host-Nation) für die "COOPERATIVE LANCER" 08 war Armenien. Österreichische Soldaten übten vom 4. bis 21. Oktober gemeinsam mit 13 weiteren Nationen Gefechtsaufgaben von der Gruppen- bis zur Bataillonsebene. Das EOD-Training stellte eine wesentliche Komponente dieses Ausbildungsvorhabens dar.

Die vorangegangene Brigadestabsübung "COOPERATIVE LONGBOW" (COLW) bildete die Ausgangsbasis für die "COOPERATIVE LANCER" (COLR). Das Allied Land Component Command (ALCC) in Heidelberg plante und führte diese Übung durch. 14 Nationen (NATO-Staaten: Griechenland, Großbritannien, Kanada, Ungarn und die USA; NATO-PfP-Staaten: Albanien, Armenien, Bosnien und Herzegowina, Kasachstan, Mazedonien, Moldawien, Österreich, Schweiz und Ukraine) übten im multinationalen Verband Gefechtssituationen von der Gruppen- bis hin zur Bataillonsebene.

Zum österreichischen Kontingent zählten Offiziere und Unteroffiziere in Stabsfunktionen auf Brigade- bzw. Bataillonsebene und medizinisches Personal (Medical Team) mit einem Arzt und einem Sanitätsunteroffizier (SanUO). Auch zwei Kampfmittelexperten der Heeresversorgungsschule waren als Instruktoren zur Bewusstseinsbildung über mögliche Gefahren durch Blindgänger und Minen (UXO & Mine Awareness) eingeteilt. Die Übung selbst bestand aus drei Ausbildungsabschnitten.

Instruktor-Workshop

Im Militärinstitut der armenischen Armee in Jerewan fand für alle Instruktoren die Einweisung in die Örtlichkeiten sowie die Abwicklung der administrativen Dinge in Form eines Workshops statt. Die Instruktoren erhielten Briefings über Verhalten im Übungsraum, Übungslage bis hin zum Stationskonzept der geplanten Ausbildung. Danach bereiteten die einzelnen eingeteilten Instruktoren-Teams die Ausbildungsplätze vor und führten die notwendigen Geländeerkundungen durch. Die zusätzlich benötigte Ausstattung wie PC, Leinwand, Tische etc. wurde organisiert und ein Probestationsbetrieb gestartet. Die Sprache war Englisch, wobei bei manchen armenischen Kameraden erst der Einsatz der Zeichensprache zum Erfolg führte. Die Instruktoren-Teams selbst setzten sich je nach Szenario zusammen.

Der Übungsleiter (Exercise Director), der U.S. Lieutnant General (LTG) Gardner, überprüfte die Instruktoren am Ende des Instruktorentrainings. Besonderen Wert legte der Übungsleiter auf die korrekte Vermittlung der Ausbildungsthemen und auf die Flexibilität der Instruktoren, bei auftretenden Verzögerungen im Rahmen der Ausbildung diesen mit geeigneten Maßnahmen zu begegnen.

Die erste Ausbildungsstufe (Stage 1)

Diese erste Phase war der Beginn einer intensiven Ausbildung aller Soldaten. Sie erfolgte nach den Grundsätzen der Stationsausbildung und war schwergewichtsmäßig auf den einzelnen Schützen bis hin zum Zusammenwirken in der Gruppe ausgelegt. Hier wurde der Wissensstand der Soldaten auf ein einheitliches Niveau gebracht. Als Ausbildungsstätte diente das Übungsgelände des Militärinstitutes am Stadtrand von Jerewan. Jede einzelne Teileinheit (Zug) hatte in drei Tagen 14 Stationen zu absolvieren. Die Übungseinlagen waren an ein PSO - Szenario, wie es in Afghanistan oder im Irak fast alltäglich ist, angepasst. Die Ausbildungsthemen waren unter anderem: Counter-IED (Schutz gegen unkonventionelle Spreng-Brandvorrichtungen), Casevac/Medevac (Evakuieren von Verletzten mit Fahrzeugen oder Hubschraubern), Vehicle/Personal search (Durchsuchen von Fahrzeugen und Personen), Vehicle Checkpoint drill, UXO & Mine Awareness u. a. Beispiele zum Schutz gegen IEDs sind: Vergrößern der Marschabstände oder kurzer Halt eines Fahrzeuges - Absitzen der Besatzung und Absuchen des Geländes auf Sprengmittel in einem fünf-Meter-Radius um das Fahrzeug (bei längerer Verweildauer: 25-Meter-Radius).

Den Einstieg in die Station UXO & Mine Awareness bildete eine Einweisung in die eigens für diese Übung hergestellten Kampfmittelidentifizierungskarten (Recce-Chart) zum leichteren Erkennen und Bestimmen von UXO oder Minen.

Indikatoren eines Nachkriegsszenarios (After War Szenario) und deren richtige Meldung nach Erkennen an die nächsthöhere Führungsebene, rundeten den theoretischen Teil ab. Danach arbeiteten die Soldaten praktisch an der Identifizierung der unterschiedlichen Munitionsmodelle mit Hilfe der Recce-Chart. Bei einem Rundgang in einem "Markiergarten" wurden die verschiedenen militärischen und behelfsmäßig hergestellten UXO- und Minenmarkierungen verschiedener Nationen erklärt und besprochen.

Die Ausbildung im Aufspüren von Minen mit und ohne Minensuchstab bildete den Abschluss. Hier zeigten sich die nationalen Ausrüstungsunterschiede, da einige Nationen weder ein Feldmesser noch ein Bajonett besaßen.

Dem Grundsatz "mit den vorhandenen Mitteln muss das Auslangen gefunden werden" wurde entsprochen. So wurden z. B. auch Reinigungsstäbe des AK-74 als Minensuchstab verwendet. Der durch die österreichischen Instruktoren mitgebrachte Minensuchstab von der Firma "SCHUKRA" wurde durch seine etwas eigenwillige, aber überzeugende Konstruktion von allen Nationen bewundert und bestaunt. Da bereits andere Minensuchstäbe im Österreichischen Bundesheer eingeführt sind, diente dieses Modell als mögliche Alternative.

Eine Übungseinlage mit einer Patrouille bildete den Abschluss dieses Stationstrainings. Dabei musste die Gruppe, unter Einhaltung vorgegebener Verhaltensnormen, selbst aus einem verminten Geländeabschnitt gelangen.

Die zweite Ausbildungsstufe (Stage 2)

Vor Beginn des nächsten Ausbildungsabschnittes besichtigten die Übungsteilnehmer während eines Kulturtags das Genozid-Museum und die Innenstadt von Jerewan mit ihren Sehenswürdigkeiten. Die Instruktoren nutzen die Zeit, um die nächsten Stationen vorzubereiten. Die beiden österreichischen Instruktoren bildeten mit einem Schweizer und einem Briten das Team für die Station "Search of Building and Urban Area Ops" (Überprüfung von Gebäuden und bebautem Gebiet auf Sprengfallen), das sich in der Ortschaft Dzoraxbior, ca.12 km nordostwärts von Jerewan, befand.

Für diesen Übungsabschnitt wurden unbewohnte oder im Rohbau befindliche Häuser genutzt. Die österreichischen EOD-Instruktoren unterstützten die Infanterie-Instruktoren bei der Herstellung von Sprengfallen aller Art, beim Vergraben von Simulationsminen an neuralgischen Punkten sowie bei der Platzierung von UXOs und Munitionsteilen in und um die Ortschaft.

Das Schwergewicht bei der Zugsausbildung lag im richtigen Vorgehen der Übungsteilnehmer beim Durchsuchen von Häusern und Ortschaften und im Wecken des Verständnisses für mögliche Gefahren beim Kampf im urbanen Gelände. Diese Gefahren bestehen vor allem aus UXOs, Minen und Sprengfallen. Aufgrund des internationalen Mix an Instruktoren erhielten die Ausbildungszüge eine dynamische und interessante Ausbildung. Dementsprechend positiv war das Feedback bei den Nachbesprechungen.

Zum Abschluss der zweiten Ausbildungsphase traten die einzelnen Züge im Wettkampf gegeneinander an. Spezielle Aufgaben wie UXO-Erkennungsdienst, Munitionskisten umladen, Lastwagen (Trucks) ziehen und andere Herausforderungen dieser Art waren in einem vorgegebenen Zeitrahmen zu bewältigen. Die Instruktoren koordinierten und organisierten währenddessen die Ausbildung für die nächste Ausbildungsphase. Diese war von Besprechungen über die Übungsabschnitte und der Einweisung der armenischen Feinddarsteller geprägt.

Die dritte Ausbildungsstufe (Stage 3)

Der über das Wochenende laufende Ausbildungsabschnitt auf Kompanieebene mit einer 24-Stunden-Auslastung stellte für die übenden Soldaten und die Instruktoren den Höhepunkt der Übung dar. Die Vorbereitungen für die einzelnen Stationen (Befehlsausgaben, organisatorische Belange u. a.) sowie das Beziehen der Räume fanden in den Nachtstunden statt. Dies zehrte an der physischen sowie an der psychischen Konstitution jedes Übungsteilnehmers. Der Wechsel zwischen Tages- und Nachtaktivitäten erschwerte die Ausbildungsabläufe, die nach einem festgelegten Drehbuch abliefen, zusätzlich.

Die beiden österreichischen Instruktoren waren, wie bei der zweiten Ausbildungsstufe, mit einem internationalen Instruktoren-Team in der Ortschaft Dzoraxbior eingesetzt. Um eine Kompanie fachspezifisch intensiv zu fordern, mussten alle Maßnahmen zur Vermittlung eines zusammenhängenden Übungsablaufs räumlich auf die gesamte Ortschaft ausgeweitet werden. Die Instruktoren steuerten und überwachten das Szenario, um einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen.

Mehrere Einlagen mussten oft gleichzeitig gestartet werden, fallweise lösten spezielle Handlungen der Übungsteilnehmer weitere Einlagen aus (z. B. bei einer Fußpatrouille überprüfen Soldaten drei Zivilisten auf einer Straße - während der Kontrolltätigkeit fallen in unmittelbarer Nähe Schüsse - ein Soldat deckt sich am Straßenrand und zündet dadurch einen Sprengkörper). Die Einlagen wurden mittels Funk oder auch zentral durch einen Instruktor vor Ort ausgelöst. Jeder einzelne Soldat war hier ständig gefordert.

Die Gefahren durch Minen und Sprengkörper im urbanen Gebiet waren allen Übungsteilnehmern nach den ersten Ausbildungsphasen bewusst. Umso mehr löste die Anwesenheit von EOD-Instruktoren erhöhte Aufmerksamkeit auch auf mögliche Gefahren, die im umliegenden Gelände lauerten, aus.

Alle Übungseinspielungen des Kampfmittelbeseitigungssektors waren in die Übung eingebettet. Das Schwergewicht umfasste das Auffinden unterschiedlicher UXOs im Gelände bis hin zu Sprengfallen oder Minen vor und in Gebäuden, wie es auch im Irak oder in Afghanistan anzutreffen ist. Die armenischen Feinddarsteller leisteten einen wesentlichen Anteil an der realistischen Darstellung dieser Szenarien.

Eine Bataillonsübung, die von internationalen Beobachtern bzw. Militärattachés besucht wurde, bildete den Abschluss der letzten Ausbildungsstufe.

Erfahrungen und Erkenntnisse

Für einige Teilnehmerstaaten war das amerikanische "9 - Liner" Meldesystem Neuland. Dieses Meldeschema regelt in neun Punkten Medevac-Einsätze in Kriegszeiten. Durch diese Punktegliederung kann - auch in Stresssituationen - keine wesentliche Information vergessen werden. In Friedenszeiten ist dieses Verfahren ebenfalls problemlos anwendbar und wurde auch bei der Übung "COOPERATIVE LANCER" 08 bei Realeinsätzen, während der 17-tägigen Verlegung, verwendet.

Beeindruckend war das Abrufen aktueller Satellitenbilder, um Übungssequenzen im Detail besprechen und besser koordinieren zu können. Innerhalb kürzester Zeit waren alle möglichen Annäherungslinien, Übersichtspunkte, Spezifikationen von Gebäuden, Geländebeschaffenheiten etc. in Form eines Fotos verfügbar. Der Übungsablauf konnte dadurch genau in die Ortschaft projiziert werden.

Für die Instruktoren zeigte diese Übung, dass auf dem Gebiet der Kampfmittelsimulation im Bundesheer noch einiges zu tun ist. Einen wesentlichen Faktor für einsatzorientierte Ausbildungen ist dabei die Simulation von Kampfmitteln und unkonventionellen Spreng-Brandvorrichtungen, kurz IED.

Die amerikanische Armee beschaffte für ihre Soldaten eigene Simulationssätze, die IED und Kampfmittel akustisch (durch Pfeifton), aber auch optisch (durch Rauch) nachahmen können. Diese Simulationstechnik findet vor allem bei der Einsatzvorbereitung Verwendung. Von der Brauchbarkeit und Effizienz dieser Technik in der Ausbildung konnten sich die beiden österreichischen EOD-Instruktoren eindrucksvoll überzeugen.


Autor: Vizeleutnant Josef Scherz, Jahrgang 1964. 1983 beim Landwehrstammregiment 37 in Wiener Neustadt eingerückt; Ausbildung zum Artilleristen (GsF lFH, sFH ); 1991 Absolvierung des 12. Stabsunteroffizierskurses und Sicherungseinsatz in der Steiermark; 1992 bis 1997 Stellungsunteroffizier der 1.PzHbBt/AR 3; 1997 Ausbildung zum Kampfmit¬tel¬beseitiger und Munitionsunteroffizier, 1999 bis 2004 Jagdkommando; Seit 2004 Lehrunteroffizier für Munitionstechnik an der HVS/Schulungszentrum Munitionstechnik. Auslandseinsätze und Entsendungen: 1986 UNDOF/AUSBATT; 1990 AUCON/UNFI¬CYP; 1999 bis 2000 AUCON/KFOR als GrpKdt/EOD Team; 2003 AUCON/EUFOR FYROM als stvKdt EOD Team; 2007 AUCON/UNDOF als Kdt EOD Team.

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