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Stichwort Familienbetreuung

Internationale Einsätze sind ohne Familienbetreuung in der Heimat undenkbar. Je mehr Soldaten des Bundesheeres in derartige Einsätze gehen und je "robuster" diese Einsätze sind, umso wichtiger wird die Betreuung der Familien - und diese Betreuung muss professionell und systematisch erfolgen.

Die modernen Kommunikationsmittel haben die Bedingungen für Soldaten im Auslandseinsatz verändert. Verändert haben sich damit aber auch die Erwartungen: Was in den Streitkräften anderer europäischer Länder Standard ist, erwartet man nun auch vom Österreichischen Bundesheer. Die Soldaten fordern unter anderem hochwertige Verbindungsmittel zu ihren Familien daheim. Ob Handy oder Internet - Familienmitglieder kommunizieren im Alltag ständig miteinander. Ist das nicht möglich, dann scheint etwas zu fehlen. Handy und Internet können aber auch alle krisenhaften Entwicklungen in den Einsatzräumen "in Echtzeit" ins Wohnzimmer bringen und umgekehrt.

Ebenso wie andere westliche Länder trägt auch das Österreichische Bundesheer dieser gegenseitigen Abhängigkeit Rechnung. Im Kommando Internationale Einsätze existierte bereits ein Referat Familienbetreuung. Seit 2006 plant und leitet das Referat Truppen- und Familienbetreuung des Streitkräfteführungskommandos diesen Bereich. Auch die katholische und die evangelische Militärseelsorge sind in die Familienbetreuung eingebunden, und an der Verbesserung dieser Betreuung wird laufend gearbeitet.

Worum es grundsätzlich geht

Die Familie daheim sorgt sich um das Wohlergehen des Soldaten. Sie will korrekte Informationen über den Einsatz und Kontakt zu "ihrem" Soldaten. Sie erwartet aber auch Respekt durch das Umfeld, Anerkennung durch die Institution und - sollte es einmal "eng" werden - Hilfe.

Der Soldat kann sich nur dann voll auf den Einsatz konzentrieren, wenn er weiß, dass es seiner Familie gut geht. Er will regelmäßig mit seiner Familie kommunizieren (und diese mit ihm). Er erwartet aber auch sinnvolle Tätigkeiten im Einsatz, eine sinnvolle Freizeitgestaltung im Einsatzraum und - das sollte niemals unterschätzt werden - eine Wertschätzung seiner Tätigkeit im Einsatz durch sein militärisches und ziviles Umfeld.

Die militärische Führung braucht generell einsatzbereite, motivierte, gut ausgebildete Soldaten, also Soldaten, die ihren Kopf für die Aufgaben im Einsatzraum frei haben.

Den Kommandanten vor Ort wiederum betrifft die Familienbetreuung vor allem hinsichtlich der Erhaltung der Kampfkraft und der Einsatzbereitschaft seiner Soldaten. Daher ist die Kommandantenverantwortung in diesem Bereich besonders gefragt.

Die Familienbetreuung betrifft demnach alle!

Die Grundbedürfnisse der Familien der im Ausland befindlichen Bediensteten sind im Großen und Ganzen bei allen Streitkräften ähnlich, ebenso bei Unternehmen, die Schlüsselpersonal im Ausland haben. Die Bedürfnisse betreffen vor allem die Bereiche zwischenmenschliche Beziehungen, Sicherheit und Lebensqualität:

  • Die daheim gebliebenen Partner leiden emotional sowie aufgrund der geänderten Bedingungen (der Partner fehlt z. B. bei alltäglichen Erledigungen, in der Freizeit, bei der Kinderbetreuung und -erziehung und bei einer eventuellen Erkrankung).
  • Unterstützung ist vor allem für den nun "allein erziehenden" Partner bei einer Erkrankung o. Ä. (Stichwort Kinderbetreuung) erforderlich.
  • Verständnis von Verwandten und Freunden ohne persönliche Erfahrung mit dieser Form der Trennung ist kaum zu erwarten.
  • Eine gegenseitige Unterstützung von in gleicher Weise betroffenen Angehörigen kann die Situation erleichtern. Allerdings besteht grundsätzlich kein durch das Militär forcierter, engerer Kontakt zwischen den Familien. (Die Bedingungen in Österreich und Deutschland sind ähnlich, unterscheiden sich aber wesentlich von den Gegebenheiten in den USA, wo die Angehörigen der Streitkräfte großteils im Umfeld oder sogar in der militärischen Liegenschaft leben. Das führt zu Stützpunkt-Gemeinschaften, organisierten Frauenaktivitäten, Charities usw.)
  • Die soziale Sicherheit der Familien wird durch staatliche Sozialsysteme gewährleistet - nicht jedoch unmittelbar durch die Streitkräfte (oder das Unternehmen).

Die Herausforderungen

Ein Ziel - mit weit reichenden Konsequenzen - ist das EU-Ziel "Harmonisierung von Beruf und Familie". Das erweitert die Dimension der Familienbetreuung auf alle Angehörigen des Bundesheeres, unabhängig von Auslandseinsätzen. Auch im Zuge der Reform des Bundesheeres (Stichwort BH 2010) wurde die Notwendigkeit erkannt, die Angehörigen der Soldaten in die Betreuung mit einzubeziehen. Die angesprochenen Aufgaben sind jedoch zum Teil noch "Neuland". Es geht nicht nur darum, wer innerhalb oder außerhalb des Bundesheeres eine (Sozial)Leistung erbringen muss. Künftig geht es auch um Kinderbetreuung, Familienbetreuung, Fahrtkostenvergütung und psychologische Betreuung von Angehörigen. Die Betreuungseinrichtungen und die militärmedizinische Versorgung sollen grundsätzlich allen Heeresangehörigen und deren Familien offen stehen - auch am Wochenende.

Nicht alles, was sich in anderen Streitkräften - in deren spezifischem Umfeld - bewährt hat, ist für das Österreichische Bundesheer anwendbar. Die Maßnahmen können sich dennoch nicht auf "Betriebskindergärten" und Ähnliches beschränken. Diese würden zwar Soldatinnen und Soldaten die Kinderbetreuung erleichtern. Auch der Ehepartner könnte beim Einstieg oder Wiedereinstieg in das Berufsleben entlastet werden, wenn der Sprössling morgens im Ganztageskindergarten abgegeben und abends dort abgeholt werden kann. Offen bliebe aber, was bei längeren Verlegungen und Übungen geschieht.

Eine wesentliche Voraussetzung für ein harmonisches Familienleben sind planbare Zeiträume für die Familie. Damit hängt auch die Gestaltung der dienstlichen Maßnahmen durch die militärische Führung zusammen. Solange nicht "überfallartig" Verlegungsbefehle erteilt werden und solange Auslandseinsätze planbar auf der Basis von Freiwilligkeit erfolgen (auch wenn ein dienstliches Erfordernis zur Ableistung der Einsätze besteht), wird die Familie nicht extrem darunter leiden.

Nähe zur Familie und Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen können in bestimmten Fällen auch durch Telearbeit - die Arbeit wird am heereseigenen Laptop zu Hause erledigt - erreicht werden. Dieses Modell kann in bestimmten Fällen zu einer Win-Win-Situation für den Bediensteten und die Institution werden. Zur Erfüllung der Kernaufgaben des Soldaten ist Telearbeit allerdings ungeeignet.

Das Offenhalten von Betreuungseinrichtungen (Cafeterias usw.) für Angehörige zu den bisherigen Öffnungszeiten ist derzeit noch kein großes Problem. Die Frage wird allerdings aufgrund der sinkenden Präsenzdienerzahlen virulent und muss für jeden Standort einzeln gelöst werden.

Pilotprojekt "Temporäre Kinderbetreuung":

Anlass für dieses Projekt beim Jägerbataillon 18 war die Auftragslage des Verbandes, die im Juli 2008 eine Urlaubssperre notwendig machte. Abgestützt auf einen autorisierten Dienstleistungsbetrieb (WIKI-Kinderbetreuungs-GesmbH/Graz) wurde im Standort St. Michael eine professionelle Kinderbetreuung sichergestellt. Die Betreuungsstätten wurden kindergerecht adaptiert und abgesichert. Ein ansprechendes Betreuungsprogramm gewährleistete den friktionsfreien Projektverlauf. Die tägliche Auslastung lag bei 16 bis 25 Kindern, deren Betreuung von 0700 bis 1600 Uhr gegeben war. Das Projekt wurde von den Bediensteten sehr gut aufgenommen und auch aus dem zivilen Umfeld kam viel positive Resonanz. Zusätzlich gab es darüber zahlreiche positive Medienberichte.

Mit geringen Eigenmitteln und innovativem Handeln entstand ein wertvoller Beitrag zur Erleichterung der Situation der Kaderfamilien in den Schulferien. Dadurch wurde aber auch die Auftragserfüllung des Bundesheeres unterstützt (Umwegrentabilität).

Einsatzbedingte Belastungen

Im Zusammenhang mit dem Auslandseinsatz existieren die Phasen

  • vor dem Einsatz,
  • Einsatzbeginn,
  • die Zeit der "Normalisierung" und
  • nach der Rückkehr.

Untersuchungen relativieren viele "Einsatzmythen", wie z. B. die Vorstellung, dass Auslandseinsätze generell alle Partnerschaften stark belasten oder dass eine einsatzbedingte Trennung nur negative Folgen hat. Das bedeutet aber nicht, dass der Einsatz keinerlei Schwierigkeiten verursacht. Die Trennung bringt große emotionale, familiäre und soziale Belastungen mit sich - über die gesamte Zeit vor, während und nach der Mission sowie für alle Beteiligten. Entsprechend vorbereitete Familien in einem "gesunden" Umfeld bewältigten die Trennung meist ohne größere Probleme, sie gehen daraus oft sogar gestärkt hervor.

Wo aber Soldaten mit den Einsatzbedingungen nicht zurechtkommen, zeigen sich die Auswirkungen meist auch bei den Partnern zu Hause - und umgekehrt. Kurz: Beziehungsprobleme und persönliche Probleme - auf beiden Seiten - werden durch den Einsatz nicht gelöst, sondern verstärkt!

Mögliche Maßnahmen

Betreuungsmaßnahmen dürfen nicht erst mit der Einsatzvorbereitung beginnen. Sie müssen schon im "Normalbetrieb" (präventiv) laufen. Grundsätzlich unterscheidet man deshalb

  • die Prävention,
  • die deutlich intensivere Betreuungsphase vor dem Einsatz,
  • die ebenfalls intensive Betreuungsphase während des Einsatzes (besonders in den ersten vier Einsatzwochen) und
  • die gleichfalls intensive Betreuungsphase nach dem Einsatz.

Wesentlich sind ein auf die jeweilige Phase abgestimmtes Betreuungsangebot, bereits vertraute, rasch erreichbare und kompetente Ansprechpartner, eine personell ausreichend ausgebaute Betreuungsorganisation und die Einbindung von Frauen (zur Lösung frauenspezifischer Probleme).

Unverzichtbar ist das Schaffen des Vertrauens darauf, dass aus Betreuungsmaßnahmen kein Nachteil für den Soldaten oder seine Angehörigen entsteht.

Bewährt hat sich auch die Schaffung von Voraussetzungen für die "Vernetzung" der Angehörigen untereinander.

Der Übermittlung grundlegender Informationen und damit der unverzichtbaren Vertrauensbildung dient auch ausreichendes (wahrheitsgetreues) Informationsmaterial (Internet, Printprodukte, DVDs).

Anstelle einer Zentralisierung wird die Einbindung von und die Vernetzung mit zivilen Einrichtungen zur professionellen, qualitativ hochwertigen Bedarfsdeckung vor Ort angestrebt, ebenso die Einbeziehung der Bereiche Psychologie, Seelsorge, Soziale Betreuung, Sozialarbeit, Medizin und Einsatzführung.

All diese Maßnahmen sind laufend auf ihre Wirksamkeit und Treffsicherheit zu überprüfen.

Die Akteure

Die Umsetzung der Betreuung erfolgt dezentralisiert. Sie läuft primär über die einzelnen Bundesländer. Das erleichtert den Angehörigen den Zugang. Die Militärkommanden verfügen über professionelle Betreuer und territoriale Betreuungsteams (Referenten Truppenbetreuung, Referenten Soziale Betreuung, Psychologen, Militärpfarrer), die bei Bedarf verfügbar sind. Anfangs standen die Betreuer nur bei größeren Einsätzen (Kontingenten) zur Verfügung, inzwischen wird auch für kleinere Kontingente und Missionen (Beobachter, Stabsmitglieder, …) Betreuung angeboten.

Gleich hohe Qualität für alle

Die Entscheidung der Bundesregierung, Soldaten in den Tschad zu entsenden, erforderte eine Intensivierung aller Betreuungsmaßnahmen, aber auch eine klar definierte Aufgabenzuordnung. Dem Anliegen der Truppenkörper, bei der Betreuung mitzuwirken, sollte Rechnung getragen werden. Ein solches Anliegen ist aber nur dann vorhanden, wenn eine entsprechende Anzahl von Soldaten eines Truppenkörpers in den Einsatz geht. Bei Einzelpersonen hingegen war bislang ein Interesse der Heimatdienststelle kaum gegeben, auch Angehörige der Miliz und der Reserve wurden deshalb nicht institutionell betreut. Gefordert ist jedoch eine gleichbleibende Qualität an Betreuung für die Familien aller Soldaten, unabhängig, ob die Soldaten einem an der Betreuung interessierten Truppenkörper angehören, "Einzelreisende" sind oder aus der Miliz bzw. der Reserve stammen.

Der Hebung bzw. Beibehaltung der Betreuungsqualität dienen

  • eine klare Aufgabenzuordnung,
  • die Betreuung der Angehörigen durch die Truppe schon vor dem Einsatz,
  • die Sicherstellung der Betreuung der Familien aller Personengruppen (Präsenzstand, Miliz, Reserve) während des Einsatzes,
  • der Einsatz von Experten bei Bedarf und
  • die Sicherstellung eines gleichwertigen Betreuungsangebotes für alle Angehörigen und Personen des engeren Lebensumfeldes des Soldaten (also auch die Lebensgefährtin usw.).

Das Betreuungsmodell

Die Familienbetreuung im Bundesheer erfolgt seit 2008 nach einem Drei-Säulen-Modell.

Säule 1 - Selbstmanagement:

Die Familienangehörigen sind grundsätzlich bestrebt, Probleme, die durch die Abwesenheit des Soldaten entstehen, selbst zu lösen. Informationsmaterialien und Vorträge durch die Stammtruppenkörper dienen diesem Interesse.

Säule 2 - Vernetzung:

Der frühzeitige Ausbau eines sozialen Netzes zwischen den Familien der Soldaten und eine regelmäßige Kontaktpflege erleichtern die Bewältigung außergewöhnlicher Situationen.

Säule 3 - Professionelle Hilfe:

Mit der so genannten Familien-Service-Line ist rund um die Uhr eine Ansprechstelle verfügbar. Auf der Ebene des Streitkräfteführungskommandos und der territorial zuständigen Militärkommanden arbeiten Spezialisten aus den Fachgebieten Truppenbetreuung, Familienbetreuung, Soziale Betreuung, Berufsberatung, Schuldnerberatung, Psychologie, Seelsorge und Rechtsberatung. Diese Fachkräfte können die Menschen bei Notfällen rasch und effizient unterstützen. Sie verfügen auch über die erforderlichen Kontakte zu den verschiedenen zivilen Organisationen, die professionelle Lösungen von Problemen anbieten.

Veranstaltungen

Die Informationsveranstaltungen der Truppe und die Familientage der Militärkommanden unterstützen das Selbstmanagement und die Vernetzung. Zu den Familientagen werden die Angehörigen der Soldaten aller Auslandskontingente und Missionen eingeladen. Diese Treffen dauern drei bis vier Stunden. Dabei finden Informationen, Diskussionen und ein gegenseitiger Erfahrungsaustausch unter den Angehörigen statt. Die Hauptinhalte der Familientage sind

  • Fachvorträge von Mitarbeitern des Betreuungsteams,
  • die Präsentation aktueller Videos und Bilder aus den Einsatzräumen, die den Dienstbetrieb, aber auch die dortige Infrastruktur zeigen, sowie
  • Einzelgespräche mit den Angehörigen, z. B. bei einem gemeinsamen Abendessen.

Wichtiges Ziel dieser Veranstaltungen ist neben der Informationsweitergabe der Abbau von Hemmschwellen im Falle eines Betreuungsbedarfes und die Herstellung des persönlichen Kontaktes mit dem Betreuungsteam bzw. mit den notwendigen Verbindungseinrichtungen, damit bei Vorkommnissen in der Familie des Soldaten entsprechende Maßnahmen getroffen werden können. Zusätzlich wird eine individuelle Beratung der Angehörigen angeboten bzw. vermittelt.

Die Familien-Service-Line

Das Angebot der Familien-Service-Line wird angenommen - schon innerhalb der ersten sechs Monate stellten mehr als 60 Soldaten oder deren Angehörige Anfragen. Junge Soldaten nutzen diese Möglichkeit ebenso wie Soldatenmütter, Ehepartner und Freundinnen. Dabei geht es um Verbindungsprobleme zum Einsatzraum, um sozialrechtliche Fragen, aber auch um Todesfälle in der Familie. Durch das (engmaschige) Netz der professionellen und ebenenübergreifenden Betreuungsteams wurde in jedem Fall rasch und unbürokratisch geholfen. Wesentlich für den Betrieb dieser Ansprechstelle ist das Vertrauen, dass dem Anrufer aus seinem "Hilferuf" kein Nachteil erwächst.

Kontakt und Hilfe:

Die Gesamtkoordination aller erforderlichen Maßnahmen erfolgt durch das Referat Truppen- und Familienbetreuung im Streitkräfteführungskommando. Dort wird auch die zentrale Familien-Service-Line betrieben.

Telefon: +43 0664 622 6074, E-Mail: familienbetreuung@bmlvs.gv.at, Homepage: http.//www.truppen-familienbetreuung.at

Das soziale Netz

Das soziale Netz bilden Personen und Organisationen, auf die eine Familie zur Bewältigung vorhersehbarer, aber auch unvorhergesehener Ereignisse zurückgreifen kann. Falls noch - wie vor allem im ländlichen Bereich - eine enge Beziehung zwischen den Generationen besteht, zählt zu diesem Netz zunächst einmal die ältere Generation. Oma und Opa beaufsichtigen Kleinkinder oder lernen mit dem Enkerl. Sie halten das Haus in Schuss, streichen den Zaun und sorgen dafür, dass der Briefkasten nicht übergeht. Ähnliches gilt für die Nachbarschaftshilfe. Beides greift aber nur dann, wenn die Hilfe bereits vor dem Auslandseinsatz funktioniert hat.

Wo die Partner jedoch auf sich alleine gestellt sind, ist die Schaffung eines sozialen Netzes erheblich schwieriger - vor allem bei unvorhergesehenen Ereignissen. Mama hat den Kleinen täglich zur Schule gebracht - und nun hat sie selbst Fieber! Auch für derartige Szenarien müssen Problemlösungen vorbereitet werden, denn zu den größten Herausforderungen für die Partnerschaft zählen Erkrankungen, die gleichzeitig zu Problemen bei der Versorgung bzw. der Beaufsichtigung der Kinder führen. Das Spannungsfeld liegt hier zwischen der Durchhaltefähigkeit der Familie und der Notwendigkeit der Rückkehr des Soldaten aus dem Einsatz - der Repatriierung. Letztere bringt zwar eine Entlastung der Familiensituation, führt aber gleichzeitig zu Einkommensverlusten und zum Bedarf an Personalersatz im Einsatzraum.

Drei Beispiele von vielen

"Die Oma ist tot!"

Ein Soldat im Einsatz wurde von seinem Vater in der Nacht weinend am Handy angerufen, dass "die Oma", die den Soldaten praktisch großgezogen hat, vor einigen Stunden gestorben sei. In diesem Fall brauchte der Soldat einfach einen Gesprächspartner, mit dem er über seinen Schmerz und seine Trauer sprechen konnte. Dabei ging es nicht um aufwändige "Problemlösungen", sondern ums Zuhören.

"Mama, ich kann nicht mehr!"

Eine Mutter verständigte zornig die Familien-Service-Line, weil sie aus den Anrufen ihres Sohnes den Eindruck erhalten hatte, dass dieser mit der Situation im Einsatz nicht mehr fertig würde. Sie befürchtete sogar eine Selbstmordgefährdung. In diesem Fall intervenierte eine Psychologin vor Ort - rechtzeitig!

"Ihre Frau ist im Spital!"

Die Gattin eines Soldaten im Auslandseinsatz erkrankte schwer. Sie kam ins Spital und das Kleinkind blieb unversorgt zurück. Eine rasche Repatriierung des Vaters war unmöglich. Aufgrund der Intervention durch den Militärarzt und das Sozialamt erhielt das Kind binnen weniger Stunden einen Krisenpflegeplatz.

Grenzen

Die Ehefrau eines im Ausland eingesetzten Soldaten stellt entsetzt fest, dass es in der Wohnung plötzlich kalt und dunkel ist. Der Strom ist ausgefallen, und das liegt nicht nur an einer durchgebrannten Hauptsicherung. Wenn nicht bald etwas geschieht, verdirbt der Inhalt der Tiefkühltruhe, und auch die thermostatgesteuerte Etagenheizung funktioniert nicht ohne Strom. Die Frau ruft aufgeregt die Familien-Service-Line an und bittet um Hilfe ...

Viele österreichische Soldaten wären im ersten Moment geneigt, entweder selbst hinzufahren und sich die Situation anzusehen, oder fachgerechte Hilfe, etwa einen Soldaten der im Zivilberuf Elektriker ist, hinzuschicken. Doch das ist nicht Aufgabe der Familienbetreuung. Sie ist kein Ersatz für den Elektriker, den Arzt, den Sozialarbeiter, den Automechaniker oder die Kindergartentante. (All das sind keine Aufgaben für Soldaten. Eine "zivile" Verwendung von Soldaten in diesen Bereichen wäre auch aus arbeitsrechtlichen Gründen bedenklich.) Die Hilfe, die die Familienbetreuer z. B. in diesem Fall leisten könnten und sollten, ist - bildlich gesprochen - "eine Hilfe mit den Händen in den Hosentaschen". Der Betreuer wird die Anruferin beraten, wo sie professionelle Hilfe bekommen kann. Vielleicht kann er die Hilfe sogar einleiten. Die Grenze liegt aber bei Tätigkeiten anstelle der in Österreich dafür vorgesehenen professionellen Institutionen oder gar in Konkurrenz zu diesen.

Weitere Grenzen, vor allem bei Leistungen, die die Persönlichkeit oder den Selbstwert der Klienten betreffen, sind emotionale Schranken und Barrieren. Psychologische Beratung wird möglicherweise nicht in Anspruch genommen, weil man "doch nicht verrückt" sei. Sozialarbeiter oder das Sozialamt werden abgelehnt, denn "man ist ja kein Sozialfall" ....

Vielleicht sollten derartige Leistungen einen anderen - treffenderen - Namen erhalten bzw. ausgelagert werden, zumindest solange bei der Inanspruchnahme von solchen Leistungen dienstliche Probleme oder nachteiliges Gerede befürchtet werden.

Auf einen Blick

Obwohl die Familienbetreuung in Österreich im internationalen Vergleich sehr spät - und vorerst nur im Zusammenhang mit internationalen Einsätzen - institutionalisiert wurde, ist sie bereits relativ leistungsfähig. Die Betreuungsangebote und -maßnahmen betreffen nicht nur die Heeresangehörigen, sondern auch deren Familien. Angestrebt wird dabei ein flächendeckendes Angebot im Sinne der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dazu zählen Betreuungseinrichtungen, Veranstaltungen, Informationen und Angebote, wie z. B. die Familien-Service-Line oder eine temporäre Kinderbetreuung wie beim Jägerbataillon 18.

Sowohl Soldaten als auch deren Angehörige können und sollen bei Bedarf die "Produktpalette" der Betreuung in Anspruch nehmen. Die Betreuung soll dabei unbürokratisch, professionell und durch Fachpersonal erfolgen.

Ziel der Familienbetreuung ist es - auch im Zusammenhang mit internationalen Einsätzen - den Soldaten im Einsatz den "Rücken freizuhalten".


Autor: Oberstleutnant Otto Just, MSc, Jahrgang 1957. Berufsoffiziersausbildung, danach 1. Offizier einer Panzerhaubitzenbatterie beim Panzerartilleriebataillon 4 (Gratkorn). Informationsoffizier und ab 1989 Fernmeldeoffizier und Chefredakteur der Truppenzeitung "Hackherkurier". Ab 1996 Presseoffizier des Militärkommandos Steiermark, unter anderem betraut mit der medialen Begleitung der ersten Soldatinnen beim Bundesheer. 1999 Medienanalytiker bei SFOR in Sarajevo. Ab 2000 Referatsleiter Truppenbetreuung und Interne Kommunikation beim Korpskommando I und ab 2002 Referatsleiter Truppenbetreuung und Referatsleiter Öffentlichkeitsarbeit. Studium der Sicherheitsökonomie an der Corvinus-Universität (Budapest). Seit 2006 Referatsleiter Truppen- und Familienbetreuung beim Streitkräfteführungskommando in Graz.

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