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Das erste Heer der Ersten Republik

Die Entstehung der Volkswehr

Der Erste Weltkrieg endete für Österreich-Ungarn verheerend. Der Zerfall der Habsburgermonarchie begann noch vor dem Waffenstillstand am 4. November 1918. Auch die kaiserlichen Streitkräfte lösten sich fast zur Gänze auf. Trotz des Kriegsendes benötigte die Republik "Deutsch-Österreich" dringend Streitkräfte, um die Machtübernahme durch Kommunisten oder Monarchisten abzuwenden und um weitere Gebietsverluste der Kronländer, die sich zum neuen Staat bekannten, zu verhindern. Diese "Volkswehr" genannte Streitmacht bildete die erste Armee der Republik - aus ihr ging nach dem Friedensvertrag von St. Germain das Österreichische Bundesheer hervor.

Der Zusammenbruch der beiden zentraleuropäischen Monarchien (Österreich-Ungarn, Deutsches Reich) im Herbst 1918 führte in Mitteleuropa zu einer der größten Umwälzungen in der Geschichte. "Was in Jahrhunderten aufgebaut wurde, zerfiel in Wochen, Tagen, Stunden" (Ernst Hanisch). Während das Deutsche Reich (ab dem 9. November 1918 Republik) trotz territorialer Einbußen als Großstaat erhalten blieb, zerfiel Österreich-Ungarn als Staatsgebilde. Auch die Verbündeten der Mittelmächte - Bulgarien und das Osmanische Reich - hatten schon um Waffenstillstand angesucht. Im Hinterland der Monarchie hatten der Hunger sowie der Mangel an Heizmaterial unvorstellbare Ausmaße erreicht, und die "Spanische Grippe" fuhr wie ein Schnitter durch die Reihen der ausgemergelten Menschen. Aufgrund der katastrophalen Ernährungssituation und der zunehmenden Kriegsmüdigkeit brachen im Jänner 1918 große Streiks aus. Mit großer Mühe gelang es der sozialdemokratischen Führung unter Viktor Adler am 22. Jänner die Streikenden zur Aussetzung des Arbeitskampfes zu bewegen, weil die Sozialdemokraten eine gewaltsame Beendigung des Streiks durch die Armee verhindern wollten.

Das Vertrauen in die Monarchie und den Kaiser war im Laufe des Krieges fast gänzlich geschwunden, u. a. durch die Unfähigkeit der kaiserlichen Behörden, die Lasten des Krieges für die Zivilbevölkerung erträglich zu machen, sowie aufgrund des "Verheizens" großer, zum Teil stark unterernährter Truppenteile in schlecht vorbereiteten, militärisch fragwürdigen und letztlich vergeblichen Angriffen.

Der Tod der Monarchie und die Geburt der Republik

Österreich-Ungarns letzte Offensive an der Piave (Juni 1918) war am eigenen strategischen Unvermögen und an der wieder erstarkten, durch massive Hilfslieferungen und Truppen aus England und Frankreich verstärkten italienischen Armee gescheitert. Für minimale Landgewinne musste ein entsetzlicher Blutzoll entrichtet werden, und der Durchbruch durch die gegnerischen Linien misslang. Damit hatte die Führung die letzten militärischen Reserven Österreich-Ungarns vergeudet. Obgleich die k. u. k. Armee bis in den Spätherbst den alliierten Angriffen in Italien trotzen konnte, war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Front nachgeben würde.

Kaiser Karl I. hatte im letzten Moment noch versucht, sein Reich zu retten. Nach seinem Manifest vom 16. Oktober 1918 sollte im österreichischen Reichsteil ein Bund von Nationalstaaten entstehen. Die Reichsratsabgeordneten der deutschsprachigen Länder der Monarchie versammelten sich deshalb am 21. Oktober 1918 im Sitzungssaal des niederösterreichischen Landtages (Herrengasse, Wien) und konstituierten sich zur "Provisorischen Nationalversammlung". Ein Vollzugsausschuss unter dem Sozialdemokraten Dr. Karl Renner bildete - quasi neben der noch amtierenden kaiserlichen Regierung - die neue Regierung des neuen Staates "Deutsch-Österreich". Statt der Ministerien wurden "deutsch-österreichische Staatsämter" mit Staatssekretären an der Spitze errichtet - darunter auch ein "Staatsamt für Heerwesen" unter der Leitung des deutschnationalen Staatssekretärs Josef Mayer sowie mit dem Sozialdemokraten Dr. Deutsch und dem Christlichsozialen Dr. Waihs als Unterstaatssekretäre.

An die Aufstellung eigener Streitkräfte konnte jedoch nicht gedacht werden, solange an den Fronten die Reste der alten Armee verzweifelt gegen die alliierte Übermacht kämpften. Dazu herrschte innerhalb der Regierung Uneinigkeit, welche Organisationsstruktur die neuen republikanischen Streitkräfte erhalten sollten. Am 30. Oktober beschloss die Provisorische Nationalversammlung eine vorläufige Verfassung.

Ab Mitte Oktober hatte auch der Rückzug der ungarischen Verbände von der italienischen Front begonnen, was die militärische Situation extrem gefährlich machte. Dennoch war der alliierte Großangriff vom 24. Oktober an der erbitterten Gegenwehr der Soldaten gescheitert. Diese hatten ihr Leben so teuer wie möglich verkauft, um nicht noch kurz vor Kriegsende in Gefangenschaft zu geraten. Bis zum 27. Oktober hatten Italien und seine Verbündeten kaum Geländegewinne erzielt - dafür aber rund 35 000 Mann durch Tod und Verwundung verloren.

Der Abwehrerfolg änderte jedoch nichts an der Niederlage Österreich-Ungarns. Immer mehr Truppenteile weigerten sich, an die Front zu gehen, und Kampfverbände der vordersten Linie verließen ihre Stellungen. An eine geordnete Rücknahme der Verbände war nicht mehr zu denken, und die Front war bald nicht mehr zu halten. Die teils ungeordnet zurückströmenden Truppen verursachten chaotische Zustände.

Am 28. Oktober suchte Österreich-Ungarn um einen Waffenstillstand an. Die Verhandlungen wurden von Seiten Österreich-Ungarns dilettantisch geführt, sodass den vorrückenden Alliierten rund 436 000 Mann als Kriegsgefangene in die Hände fielen. Die meisten Soldaten der "Alten Armee" hatten - aufgrund von Verhandlungsfehlern des Kaisers und des Generalstabes - die Waffen ca. 36 Stunden zu früh niedergelegt (am 3. statt am 4. November 1918). Die Habsburger hatten damit - nach über 600 Jahren Herrschaft in Österreich - die letzten Sympathien verspielt, selbst die der christlichsozialen Kernschichten. Karl I. verzichtete am 11. November auf die Beteiligung an den Regierungsgeschäften (und damit praktisch auf den Thron), und die Provisorische Nationalversammlung rief am 12. November 1918 die Republik Deutsch-Österreich aus. An Stelle der Kronländer entstanden Bundesländer, die ihren Beitritt zum neuen Staat erklärten. Die Teile Böhmens und Mährens mit deutschsprachiger Bevölkerung wollten ebenfalls dem neuen Staatswesen angehören. Die Republik Deutsch-Österreich selbst sollte auf massives Betreiben der Sozialdemokraten und der Deutschnationalen Teil der Deutschen Republik werden - viele strebten also schon damals den so genannten "Anschluss" an - jedoch an eine demokratische Deutsche Republik!

Die Aufstellung der Volkswehr

Der neue Staat benötigte dringend den Schutz einer funktionierenden, zuverlässigen Armee, wollte er sich nicht der Gefahr einer gewaltsamen Machtübernahme durch Kommunisten oder Monarchisten aussetzen. Die anderen auf dem Boden der Monarchie entstehenden Staaten sowie Italien begannen sogleich, Gebiete mit deutschsprachiger Bevölkerung ihrem Staatsgebiet einzuverleiben u. a. in Böhmen, Mähren und Schlesien sowie in Südtirol und der Südsteiermark. Nur in Kärnten misslang dies ("Kärntner Abwehrkampf").

Im Auftrage des Staatskanzlers Karl Renner begannen zwei Offiziere im neuen Staatsamt für Heerwesen am 15. November (auf Basis des Waffenstillstandes vom 4. November) mit Planungen zur Aufstellung einer neuen Armee. Der (niemals verwirklichte) Plan sah zehn Brigaden mit Artillerie, Pionier- und Fliegerkomponente vor sowie eine Allgemeine Wehrpflicht von 15 Monaten. Aus diesen zehn Brigaden sollte in etwa fünf Jahren eine Streitmacht von zehn Divisionen entstehen. Die Kosten blieben ebenso unberücksichtigt wie die Vorstellungen der Siegermächte über eine zukünftige österreichische Armee. Die Aufstellung und Ausbildung dieses Heeres (Geburtsjahrgang der Wehrpflichtigen 1899) hätte auch viel Zeit benötigt, und diese fehlte der jungen Republik aufgrund der drohenden Gefahren. Darüber hinaus herrschten zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen erhebliche Auffassungsunterschiede über die neue Heeresorganisation.

In der Nacht vom 2. auf den 3. November hatte der Sozialdemokrat und Oberleutnant der Reserve Julius Deutsch mit der Aufstellung einer neuen "Wehrmacht" begonnen. Er konnte dabei auf die Unterstützung seiner während des letzten Kriegsjahres gegründeten Vertrauensmännerorganisation bauen. Die Aufgaben dieser "Volkswehr" genannten Armee sollten primär innenpolitischer Natur sein. Freiwillige sollten angeworben und in Bataillonen zu je drei Kompanien organisiert werden. Als Anreiz diente der (hohe) Sold von sechs Kronen pro Tag, unabhängig vom Dienstgrad, bei anfangs noch dreimonatiger Verpflichtung. Die Dienstführung überwachten gewählte "Soldatenräte".

Als neuer Oberbefehlshaber der Volkswehr wurde Feldmarschallleutnant Adolf Freiherr von Boog am 8. November 1918 im Parlament angelobt.

Die Rechtsgrundlage

"§ 13: Demnach werden einstweilen eingerichtet … ein Staatsamt für Heerwesen, das in sich die Aufträge und Vollmachten des k. u. k. Kriegsministeriums einschließlich der Marinesektion und des k. k. Ministeriums für Landesverteidigung vereinigt …" (Beschluss der Provisorischen Nationalversammlung für Deutsch-Österreich vom 30. Oktober 1918 über die grundlegenden Einrichtungen der Staatsgewalt, StGBl. 1/1918).

Dr. Julius Deutsch (1884 bis 1968)

Der gelernte Buchdrucker Julius Deutsch studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien und war seit 1909 in der Sozialdemokratie tätig. Er kämpfte als Reserveoffizier an der Italienischen Front und kam als Vertreter der Gewerkschaften ins Kriegsministerium, wo er eine geheime Vertrauensmännerorganisation aufbaute.

1918 war er zunächst Unterstaatssekretär des Staatsamtes für Heerwesen und Initiator der "Volkswehr", der ersten Streitkräfte der Republik Österreich. 1919 bis 1920 wirkte er als Staatssekretär für Heerwesen. Nach dem Ende der Großen Koalition 1920 trat Deutsch als Staatssekretär zurück und widmete sich der Arbeit im Parlament sowie ab 1923 dem Aufbau des "Republikanischen Schutzbundes", der Wehrformation der Sozialdemokratie. Bis 1934 blieb er dessen Kommandant.

Am 12. Februar 1934 versuchte Deutsch mit Otto Bauer vergeblich, den Kampf des Schutzbundes gegen die Staatsmacht vom Ahornhof in Favoriten (zehnter Wiener Gemeindebezirk) aus zu leiten. Um einer Verhaftung zu entgehen, floh Julius Deutsch in die Tschechoslowakei und errichtete dort eine sozialdemokratische Exilorganisation.

Ab 1936 kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten Francos. Nach der Niederlage 1939 floh er nach Frankreich und ein Jahr später in die USA. Dort trat er aktiv für die Wiederherstellung der Republik Österreich ein.

Zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Julius Deutsch nach Österreich zurück und leitete bis 1951 die "Sozialistischen Verlagsanstalten".

Feldmarschallleutnant Adolf von Boog (1866 bis 1929)

Adolf von Boog, Sohn eines Polizeirates, absolvierte die Technische Militärakademie und diente danach als Artillerieoffizier. Nach der Absolvierung der Kriegsschule stieg er in den Generalstab auf. Im Ersten Weltkrieg diente er bis Mitte 1918 an der Russischen Front und danach an der Südfront. Dort kommandierte er die 4. Infanterietruppendivision (Abwehrkämpfe am Monte Grappa und im Raum Sieben Gemeinden).

Nach der Gründung der Volkswehr erfolgte die Ernennung Boogs zu deren Oberbefehlshaber. Zunächst arbeitete er mit Dr. Julius Deutsch gut zusammen, doch litt Boog unter den Angriffen seiner Offizierskollegen, die ihm Verrat unterstellten. Am 27. Mai 1919 trat Boog zurück, angeblich aufgrund der Erkrankung seines Sohnes. Der wahre Grund war jedoch die geplante Aufstellung von Freikorps zur Besetzung Deutsch-Ungarns (Burgenland), die Staatssekretär Deutsch ablehnte. Dazu kamen noch antisemitische Ressentiments gegen seinen Vorgesetzten.

Boog und Deutsch verhinderten gemeinsam mit der Volkswehr, dass in der Übergangssituation radikale Kräfte die Macht in Österreich an sich reißen konnten.

Sein Gelöbnis als oberster Befehlshaber lautete (Auszug): "Sie werden in Gegenwart der Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung und in Anwesenheit des Staatsrates von Deutsch-Österreich bei Ihrem Mannesworte, bei Ihrer staatsbürgerlichen Ehre als deutscher Bürger und Soldat geloben, als einer der obersten Diener des Staates Deutsch-Österreich, Ihrem Volke und Lande in Treue zu dienen, die von der Provisorischen Nationalversammlung beschlossenen Grundgesetze und Gesetze unverbrüchlich zu beobachten, und einzig und allein den von ihr eingesetzten obersten Behörden, die sich für die gesamte bewaffnete Macht jeweils in der Person des zuständigen Präsidenten der Nationalversammlung verkörpern, gehorsam zu sein. …Sie werden weiter geloben, die gesamte wehrfähige Staatsbürgerschaft zur Verteidigung des Landes auszubilden und zu erziehen zur ständigen, freiwilligen Bereitschaft, ihr eigenes Land und Volk mit Leib und Leben zu verteidigen.Sie werden endlich geloben, die organisierte Wehrmacht des Staates als allgemeine und öffentliche Einrichtung von den politischen und wirtschaftlichen Gegensätzen innerhalb unseres Volkes fernzuhalten, dabei jedoch die politischen und religiösen Überzeugungen, die staatsbürgerlichen Rechte wie die Menschen- und Bürgerwürde jedes einzelnen Wehrmannes selbst zu achten und zu schützen und ihnen bei jedermann Achtung und Schutz zu erzwingen. ...." (von Feldmarschallleutnant Boog am 8. November 1918 unterschrieben)

Die Organisation der Volkswehr

Der Wirkungsbereich des Oberbefehlshabers der Volkswehr erstreckte sich auf die Landesbefehlsbereiche hinsichtlich der Führung, der Verwendung und der Disziplinargewalt. Dazu kam die Ernennung von Unterbefehlshabern. In allen anderen Angelegenheiten unterstanden die Unterbefehlshaber dem Staatsamt für Heerwesen. In "wichtigen Angelegenheiten" - außer bei "Gefahr im Verzug" - hatten die einzelnen Landesregierungen ein Mitspracherecht ("Komponente des Föderalismus").

Am 14. November erklärte Unterstaatssekretär Deutsch im Militärkommando Vertretern der Wiener Volkswehr die Grundprinzipien der neuen Armee:

  • Mitglieder der Volkswehr dürfen nur ausgebildete Soldaten Deutsch-Österreichs sein oder solche, die sich zum Staat bekennen.
  • Offiziere sind zuerst nur probeweise auf vier Wochen zu ernennen. Wenn ein Offizier sich dann das Vertrauen der Soldaten erworben hat, wird dies durch die Soldatenräte dem Volkswehrkommando mitgeteilt, und dieses bestätigt die Ernennung.
  • Die Unterbefehlshaber und die Bataillonskommandanten werden im Einvernehmen mit den Soldatenausschüssen bestellt.
  • Kennzeichen eines Angehörigen der Volkswehr ist eine rot-weiß-rote, an der linken Brusthälfte angeheftete Kokarde. Befehlshaber haben weiters eine rot-weiß-rote Armbinde mit der Bezeichnung des Volkswehrverbandes und dem jeweiligen Bundesland zu tragen (z. B. Volkswehrkommando/Oberösterreich).

Die Aufstellung der einzelnen Bataillone sollte durch die Bezirksbehörden erfolgen, wobei nicht jede Bezirkshauptmannschaft dem nachkam. Jedes Bataillon bestand aus drei Kompanien zu je drei Zügen. Regulär sollte der Zug aus 43 Mann bestehen, die Kompanie aus 129 und das Bataillon aus insgesamt 397 Soldaten.

Dies entsprach einer Heeresorganisation, die sich über das ganze Staatsgebiet, das der neue Staat Deutsch-Österreich für sich beanspruchte, ausbreiten und rund 53 000 Mann umfassen sollte.

Fünf Befehlsbereiche

Insgesamt waren fünf Befehlsbereiche vorgesehen:

  • Wien, zuständig für die Bundeshauptstadt, Ober- und Niederösterreich, Südböhmen sowie Südmähren;
  • Graz, zuständig für die Steiermark und Kärnten;
  • Innsbruck, zuständig für Salzburg, Tirol und für das neue Bundesland Vorarlberg;
  • Leitmeritz (heute Litomerice, Tschechien), zuständig für Deutschböhmen;
  • Troppau (heute Opava, Tschechien), zuständig für das Sudetenland.

Die Soldatenräte

Als eine Vertretung für die Mannschaften waren Soldatenräte vorgesehen, die demokratisch gewählt wurden (zwei Soldaten pro Kompanie, zwei Offiziere pro Bataillon). Die oberste Instanz dieser Vertreter, der Vollzugsausschuss, war im Heeresamt angesiedelt. Die Soldatenräte wirkten bei der Bestellung der Offiziere entscheidend mit: Die versammelten Soldatenräte entschieden u. a., ob ein Offizier nach der Probezeit übernommen wurde.

Die Volkswehrleutnante

Eine spezielle Einrichtung der Volkswehr ging direkt auf Julius Deutsch zurück: die Volkswehrleutnante. Mitglieder des Mannschaftsstandes sollten in die Offiziersränge aufsteigen können - ohne Matura, Kadettenschule oder Militärakademie - obwohl mehr als genug Berufsoffiziere vorhanden waren.

Dies sollte offenbar verhindern, dass die Volkswehr - als Truppe zum Schutz der Republik - nur von Offizieren befehligt wurde, die ihre Prägung und Ausbildung in der Monarchie erhalten hatten. In seinen Memoiren schrieb Julius Deutsch (1923), dass er versucht hatte, mit den Volkswehrleutnanten die "reaktionäre Homogenität des Offizierskorps zu stören".

Bis zum 1. Jänner 1920 wurden trotz der Ablehnung der Presse und schwerer Bedenken seitens der Berufsoffiziere 120 Volkswehrleutnante ernannt, von denen 95 in das Bundesheer übernommen wurden und dort auch Karriere machten. Zu den bekanntesten Beispielen zählen der spätere NS-Gauleiter von "Niederdonau", Josef Leopold, sowie der spätere Staatssekretär für Heerwesen und Nationalratsabgeordnete der SPÖ, Franz Winterer.

Das Zivilkommissariat

Ebenfalls neu war das Zivilkommissariat im Staatsamt für Heerwesen. Es sollte darüber wachen, dass innerhalb der Volkswehr die neuen demokratischen Prinzipien beachtet wurden. Zusätzlich hatte es noch Aufgaben im Bereich des Gebührenwesens und war für die Behebung von Missständen zuständig - eine Art amtliche "Controllingstelle".

Uniformierung

Bei der Uniformierung der Soldaten griff man wegen des Stoffmangels auf die Bekleidung der kaiserlichen Armee zurück. Entfernt wurden jedoch steife Offizierskappen, Säbel, Lampassen und Waffenröcke. Insignien wie Kappenrosen und Portepees fielen ebenfalls weg. Zur Unterscheidung zwischen der Volkswehr und den abertausenden heimkehrenden Soldaten, die außer der Uniform keine Bekleidung besaßen, dienten Kokarden und spezielle Armbinden. Das Volkswehrabzeichen, das (statt der anfangs getragenen Kokarden) "auf der rechten Brustseite des zu obersten angezogenen Kleidungsstückes" zu tragen war, kam am 21. Dezember 1918 dazu.

Aufgrund des angestrebten Anschlusses an Deutschland kam es adjustierungsmäßig zu einer Angleichung an die Uniform der Deutschen Reichswehr (blaue Ärmelaufschläge, Kragen- und Mantelspiegel). Die Volkswehr hätte somit leichter in die deutsche Armee übergeführt werden können.

Bewaffnung

Wie bei den Uniformen griff das neue Heer auch bei der Bewaffnung auf Bestände der k. u. k. Armee zurück. Vor allem zum Einsatz kamen Mannlicher-Repetiergewehre, Steyr-Pistolen M.12, Mauser-Pistolen C/96 und Schwarzlose-Maschinengewehre M.07/12.

An sich sollte die Volkswehr ein Infanterieheer sein. Unterstützungswaffen und Artillerie gab es nur auf Landesebene.

Fliegereinheiten

Aus Beständen der ehemaligen k. u. k. Luftstreitkräfte entstand ab dem 6. Dezember 1918 auch eine Fliegertruppe des neuen österreichischen Staates. Rund 800 (!) Luftfahrzeuge standen dem Kommando (im Wiener Arsenal) unter Hauptmann Siebert zur Verfügung - verteilt auf mehrere Fliegerhorste Deutsch-Österreichs, darunter Aspern, Wiener Neustadt, Graz, Eger (heute Cheb, Tschechien) und Troppau. Besondere Bedeutung erlangte der Flugplatz in Klagenfurt-Annabichl, von wo aus die Flieger unter der Führung von Hauptmann Julius Yllam erfolgreich in den "Kärntner Abwehrkampf" eingriffen.

Das Aus für die Fliegereinheiten kam durch den Staatsvertrag von St. Germain-en-Laye. Dessen Verbot militärischer Luftfahrzeuge wurde aber durch die Gründung von Polizeifliegerstaffeln teilweise umgangen.

Marineeinheiten

Am 30. Oktober 1918 hatte Kaiser Karl I. die Marine dem neuen südslawischen Staat übergeben. Damit fehlte Deutsch-Österreich nach dem Zusammenbruch der Monarchie der Zugang zum Meer. Dennoch existierten ab November 1918 "Marinekompanien" der Volkswehr in Wien (Nussdorf), Linz, Graz (Puntigam) und Velden. Diese Einheiten nahmen neben infanteristischen Einsätzen vor allem Sicherungsaufgaben und Instandsetzungsaufgaben wahr. Besonders die "Kärntner Marinekompanie" bewährte sich im "Kärntner Abwehrkampf", die "Wiener Volksmarine-Kompanie" hingegen galt als besonders unzuverlässig. Die "Marinekompanie Linz" verfügte als einzige über größere Wasserfahrzeuge: die Dampfer "Hunyadi" und "Thommen".


Autor: Mag. Martin Prieschl, Jahrgang 1976. 2004 Wehrdienst im Panzergrenadierbataillon 13, Angehöriger des Milizbataillons Oberösterreich. Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte an der Universität Salzburg, Abschluss in Geschichte 2003 mit Auszeichnung; Auszeichnung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für die besten Studierenden 2003/2004; Ausbildung zum Archivar am Institut für Österreichische Geschichtsforschung und der Fachhochschule Potsdam (Archiv, Bibliothekswesen, Dokumentation); Dissertation an der Universität Wien. Nach dem Studium neben zahlreichen Publikationen u. a. Tätigkeiten im Verlagswesen; Hospitant im Kriegsarchiv, im Haus-, Hof- und Staatsarchiv und im Parlamentsarchiv sowie als Koordinator und Mitgestalter der Ausstellung "Liberale Politik in Österreich" (Parlament, 2006). Seit März 2007 Archivbeauftragter der Evangelischen Kirche AB und HB sowie Archivar der Diözesen Niederösterreich und Salzburg-Tirol. Seit März 2009 darüber hinaus Leiter des Archivs der Paris-Lodron-Universität Salzburg.

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