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Der erste Kampfpanzer der Welt

Gunther Burstyn und sein "Motorgeschütz"

1911 legte der k. u. k. Offizier Gunther Burstyn dem Kriegsministerium den Entwurf eines erstaunlich modern anmutenden Panzerkampfwagens vor. Der Entwurf wurde aber abgewiesen und das "Motorgeschütz" nie gebaut. Eine folgenschwere Fehlentscheidung, denn das von Burstyn erstmals zu Papier gebrachte Konzept des gepanzerten, gleiskettengetriebenen Kampfwagens mit einer Kanone im Drehturm bildet bis heute die Grundlage der meisten Panzerkonstruktionen.

Gunther Burstyn, ein Oberleutnant der k. u. k. Eisenbahn-Genietruppe (Pioniertruppe), legte im Jahre 1911 dem k. u. k. Kriegsministerium den Entwurf eines "Motorgeschützes" vor: eines gepanzerten und mittels Gleisketten geländegängigen Kampffahrzeuges mit Drehturm. Der Entwurf, der in seinem Aufbau und seinen Komponenten den modernen Kampfpanzer vorwegnahm, wurde aber abgelehnt. Im Folgejahr lehnte - ebenso kurzsichtig - auch Preußen diese Erfindung, die zweifelsohne noch einiger Entwicklungsanstrengungen bedurft hätte, ab.

Die Entente konstruierte erst Jahre später - als Folge des festgefahrenen Stellungskrieges im Westen - teils bizarr wirkende "Tanks" mit Kasematten (seitlichen Geschütz- oder Maschinengewehrerkern), die gegenüber Burstyns Konzept beträchtliche Nachteile aufwiesen. Nichtsdestoweniger erfolgte der Einsatz dieser Tanks überraschend und mit verheerenden Auswirkungen für die Mittelmächte.

Feuer, Bewegung und Schutz - Stationen auf dem Weg zum Kampfpanzer (bis 1918)

ca. 3500 v. Chr. fahren in Babylonien die ersten Streitwagen.

ca. 1400 v. Chr. werden in China erstmals Metallpanzerungen verwendet.

1482 entwirft Leonardo da Vinci (Italien) ein geschütztes, mit Kanonen bewaffnetes Fahrzeug mit Kurbelantrieb.

1837 baut Martin von Wehrendorf (Deutschland) die erste serienreife Hinterladerkanone.

1851 entsteht bei Krupp (Deutschland) das erste Hinterladergeschütz mit gezogenem Lauf.

1855 dient James Boydells Traktor mit Dampfmaschine (Großbritannien) dem Kanonentransport im Krimkrieg; James Cowan (Großbritannien) schlägt für den Traktor eine Panzerung vor 1870 konstruiert Siegfried Marcus (Österreich-Ungarn) einen Benzinmotor mit elektrischer Zündung.

1875 baut Siegfried Marcus (Österreich-Ungarn) ein vierrädriges benzinbetriebenes Auto.

1876 verwendet Alfred Nobel (Schweden) Pikrinsäure als Granatsprengstoff; Nikolaus Otto (Deutschland) erfindet den Viertaktmotor.

1884 erfinden Alfred Nobel (Schweden) und Paul Marie Vieille (Frankreich) das rauchlose Pulver.

1885 konstruiert Hiram Maxim (USA) ein Maschinengewehr mit Gurtzufuhr.

1905 ist das Austro-Daimler-Panzerautomobil (Österreich-Ungarn) mit Vierradantrieb und Waffen-Drehturm einsatzbereit; Oberst Albert Poppy (Österreich-Ungarn) erfindet den Plattengürtel für Geschützräder.

1906 konstruieren Holt und Caterpillar (USA) den ersten dampfbetriebenen Traktor mit Gleisketten.

1907 baut David Robert für Hornsby (Großbritannien) einen benzinbetriebenen Traktor mit Gleisketten.

1910 benutzt Captain Robert Scott (Großbritannien) für seine (gescheiterte) Südpolexpedition Überschneefahrzeuge mit Gleisketten.

1911 entwirft Gunther Burstyn (Österreich-Ungarn) ein gepanzertes "Motorgeschütz" mit Gleisketten und Kanonen-Drehturm 1912 erfolgt der erste Kriegseinsatz italienischer Bianchi-Panzerautomobile in Libyen (Italienisch-Türkischer Krieg) 1914 verfügt die leichte Artillerie bereits über Rohrrücklaufbremsen.

1914/15 versieht Ernest D. Swinton (Großbritannien) einen Raupenschlepper mit einer gepanzerten Wanne.

1915 entsteht der "Mother"-Tank von William Tritton und Walter Gordon Wilson (Großbritannien), die Basis für die späteren Tanks Mark I bis Mark V.

1916 baut Walter Gordon Wilson (Großbritannien) den ersten einsatztauglichen Gleisketten-Tank (Mark I); der erste französische Tank entsteht (Char St. Chamond); am 15. September kommt bei Delville erstmals ein Tank zum Einsatz.

1917 erfolgt am 20. November bei Cambrai der erste Großangriff mit 476 Tanks.

1918 erscheint in geringer Anzahl (20) der deutsche A7V-Kampfwagen.

Das Konzept des "Motorgeschützes"

Das Konzept des - niemals gebauten - "Motorgeschützes" von 1911 war zukunftsweisend. Es war eine Angriffswaffe für einen zumindest teilweise mechanisierten Bewegungskrieg. Wie die heutigen Panzerkonstruktionen verfügt auch Burstyns Entwurf über

  • einen Verbrennungsmotor als Antrieb,
  • Gleisketten, die - über gefederte Laufrollen geführt - das Fahrzeug geländegängig machen,
  • eine Wanne, die alle Aggregate aufnimmt, und in deren Heck der Motor liegt,
  • einen relativ geräumigen Drehturm (mit Platz für den Kommandanten und den Richtschützen) mit einer Schnellfeuerkanone als Hauptwaffe,
  • eine Sekundärbewaffnung (zwei Maschinengewehre) sowie
  • eine Panzerung zum Schutz der Besatzung, des Antriebes und der Bordwaffen gegen Feindbeschuss und Splitter.

Grundelemente des modernen Kampfpanzers

Die gepanzerte Wanne birgt die Besatzung, die Antriebs- und Lenkaggregate, die Munition und den Kraftstofftank.

Das Laufwerk besteht aus Leit- und Treibrädern, gefederten Laufrollen sowie Gleisketten aus beweglichen Platten mit Führungselementen.

Der Motor ist eine im Heck der Wanne eingebaute Verbrennungskraftmaschine. (Das Getriebe des "Motorgeschützes" ist allerdings noch mechanisch.) Die Lenkung erfolgt über eine jeweils einseitige Kettenbewegung bzw. Kettenbremsung.

Der gepanzerte Drehturm enthält die Hauptbewaffnung und ein Maschinengewehr sowie Sicht- und Zielgeräte. Im Turm sitzen bzw. stehen (anders als in den bis ca. 1935 üblichen Ein-Mann-Türmen) auch der Panzerkommandant und der Richtschütze.

Die Bewaffnung besteht aus einer langen Schnellfeuerkanone (beim "Motorgeschütz" vom Kaliber 30 bis 40 mm) sowie aus zwei Maschinengewehren (von denen eines beim "Motorgeschütz" nach hinten wirkte, das andere befand sich neben der Kanone im Drehturm).

All diese Grundelemente moderner Kampfpanzer fanden sich vor fast hundert Jahren erstmals in Burstyns Konstruktionszeichnungen! Sein "Motorgeschütz" sollte als Träger des Angriffs - unter Panzerschutz der eigenen Besatzung - fähig sein, mit einer präzisen, weitreichenden Kanone den Gegner schnell, überraschend und wirksam zu bekämpfen - eventuell sogar von außerhalb der Reichweite der gegnerischen Waffen. Dazu wären u. a. eine dementsprechende Bewaffnung, Geschwindigkeit, ein ausreichend großer Fahrbereich, Geländegängigkeit und eine gewisse Standfestigkeit im gegnerischen Feuer erforderlich gewesen - also eine Kombination von Feuer, Bewegung und Schutz. Der Burstyn-Panzer sollte demnach Schläge austeilen und in beschränktem Maße auch einstecken können und dabei mobil sein.

Wie eine zukunftsweisende Idee entstand …

Abgesehen von Kolonialkriegen und dem Russisch-Japanischen Krieg (1904 bis 1905), der in erster Linie ein Seekrieg war, fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine direkte Auseinandersetzung zwischen technologisch führenden Mächten statt. Schon im Russisch-Japanischen Krieg zeigte sich aber die Wirkung der schweren Artillerie und des Maschinengewehrs, die selbst schnell vorgetragene Kavallerieangriffe zusammenbrechen ließ. Somit zeichnete sich ein Schlachtfeld ab, übersät von Granattrichtern, zerteilt von Stacheldrahthindernissen und durchzogen von Schützengräben - und damit verbunden ein Stellungskrieg. Nach der Phase des Bewegungskrieges zu Beginn des Ersten Weltkrieges (Stichworte: weite Umfassungen, Ausflankieren, Bahnverlegungen von Reserven und Zuführung frischer Verbände) sollten die Entente und die Mittelmächte an der Westfront (Flandern) diesen Stellungskrieg in seiner schlimmsten Form tatsächlich erleben ...

Dass ein solcher Krieg jedoch von der Infanterie als Stoßelement alleine nicht bewältigt werden konnte, hatte Oberleutnant Burstyn schon Jahre zuvor erkannt. Sein Motto lautete daher "gegen Maschinen nicht Menschenleiber, sondern wieder Maschinen einzusetzen", die aber "so klein und so schnell wie möglich" sein sollten.

Während Gunther Burstyns Dienstzeit in Pola (1902 bis 1904) nahm ihn sein Cousin, ein Marineoffizier, auf eine Torpedobootfahrt mit, die Burstyn tief beeindruckte. Er assoziierte diese Fahrt mit jener eines "Landtorpedobootes" über ein Schlachtfeld und schrieb: "So muss man auch auf dem Lande an den Feind heranfahren." Sein "Landtorpedoboot" sah er anfänglich im Austro-Daimler-Panzerautomobil, das dank seines (ab 1905 brauchbar funktionierenden) Vierradantriebes sogar bedingt geländegängig war und auch auf sehr schlechten Straßen gut vorankam.

In der Zeit von 1906 bis 1908 brachten Burstyn in Trient die Plattengürtel an den Rädern schwerer Geschütze auf den Gedanken an Plattenketten, die über mehrere Räder laufen sollten. Diese Ketten nannte er Gleitbänder. Der von Holt-Caterpillar (USA 1906) entwickelte, dampfbetriebene Raupenschlepper und dessen 1908 in den USA (bzw. 1911 in Österreich) patentiertes Kettenlaufwerk waren Burstyn wahrscheinlich unbekannt. (Viele zivile Güter sind Spin-Off-Produkte der Wehrtechnik. Beim Holt-Caterpillar war es umgekehrt: Er regte die Konstrukteure zum Bau von "Tanks" bzw. Panzern an.) Im Oktober 1911 sandte Burstyn den Entwurf seines "Motorgeschützes" auf dem Dienstweg an das Kriegsministerium, das diesen an das Technische Militärkomitee weitergab. Der Entwurf zeigte ein mittels "Gleitbändern" (Gleisketten) geländegängig gemachtes, gepanzertes, bewaffnetes Sturmfahrzeug. Burstyn hatte von der Marine die Schnellfeuerkanone und den Drehturm übernommen, zu Letzterem mag ihn vielleicht auch das Austro-Daimler-Panzerautomobil inspiriert haben.

… und unbeachtet blieb

Die Beamten des Kriegsministeriums sahen in Burstyns Konzept allerdings kein Konzept für ein Waffensystem, sondern einen Automobilentwurf - den sie am 22. Dezember 1911 wegen "Neuartigkeit und Unerprobtheit" des Kettenlaufwerkes ablehnten (obwohl dessen Funktionsfähigkeit aufgrund des Patentes von Holt-Caterpillar im Ministerium bereits bekannt gewesen sein sollte). Der k. u. k. Generalstab erhielt keine Kenntnis davon, denn sowohl der Kriegsminister, General Moritz von Auffenberg, als auch General Conrad von Hötzendorf hätten dank ihrer Aufgeschlossenheit den Wert der Erfindung vermutlich erkannt.

Burstyns Eingabe an das Preußische Kriegsministerium wurde aufgrund von Zweifeln an der Brauchbarkeit der Gleisketten (sowie der Ausleger zum Überschreiten von Gräben) und wegen der reduzierten Sichtmöglichkeiten der Besatzung (Sehschlitze) ebenfalls abgelehnt.

Diese beiden vernichtenden Bescheide nahmen Oberleutnant Burstyn die Möglichkeit, die zuständigen Fachdienststellen direkt anzusprechen, um diesen das Projekt zu erklären. Damit wurde auch ein mögliches Interesse der Industrie verhindert, und Burstyn selbst fehlten die Mittel, einen Prototyp zu bauen.

Mit dem Beitrag "Das Motorgeschütz" in der "Streffleurschen Militärischen Zeitschrift" (heute "Österreichische Militärische Zeitschrift" - ÖMZ), Heft1/1912, machte Burstyn nochmals auf seine Erfindung aufmerksam. Auch der deutsche Militärjournalist und Fachautor Oberst Blümner veröffentlichte in der "Kriegstechnischen Zeitschrift" Burstyns Idee. Vergeblich!

1915 - vier Jahre nach Burstyn - propagierte der damalige First Sea Lord of the Admiralty, Winston Churchill, ein "Landship" als Durchbruchsfahrzeug, und nachdem 1915/16 in Flandern die Fronten an den mit Stacheldraht, Maschinengewehren und Minen gespickten Schützengräben erstarrten, deren Besatzungen oft tagelanges Trommelfeuer der Artillerie erdulden mussten, entstanden in England und Frankreich die ersten "Tanks".

Patentschriften und Konstruktionsdetails

Burstyn reichte die zur Überwindung von Gräben und Hindernissen dienenden Ausleger seines Motorgeschützes - schwenkbare Gleitschienen, die an beiden Fahrzeugenden beweglich montiert sind und an ihren Enden Metallrollen haben - extra als Patent ein. Das Österreichische Patent Nr. 53 248 vom 25. April 1912, eingereicht am 1. März 1911, sowie das Deutsche Reichspatent 252 815 vom 28. Februar 1912 beschreiben eine "Vorrichtung zur Übersetzung von Terrainhindernissen, insbesondere für gepanzerte, mit Geschützen armierte Motorfahrzeuge". In den 1920er Jahren erhielt Austin (Großbritannien) die Lizenz für deren Einbau in ein Panzerauto. Der britische Mark I und dessen Folgemodelle, die über keine derartige Vorrichtung verfügten, mussten z. B. zum Füllen der vor ihnen liegenden Schützengräben riesige Faschinenbündel mitführen.

Das Deutsche Reichspatent unterscheidet sich von der Österreichischen Patentschrift vor allem durch erhöhte Leit- und Treibräder. Diese hätten dem Fahrzeug - auch ohne Ausleger - eine gewisse Kletterfähigkeit gegeben, die der Holt-Caterpillar aufgrund seiner Laufwerksanordnung nicht besaß.

Es ging zwar um die Patentierung der Ausleger, aber das dabei beschriebene sowie bildlich dargestellte Fahrzeug gab es noch gar nicht - und das war der Zeichnung nach aus heutiger Sicht eindeutig ein Kampfpanzer!

Knapp vorher patentiert wurde der Kettenantrieb von Holt-Caterpillar (1908 in den USA und 1911 in Österreich). Burstyns neues Waffensystem, das sich auch der Gleisketten/Raupen bediente, wurde hingegen ignoriert. Aus heutiger Sicht zeugt das von haarsträubender Ignoranz in den Kriegsministerien und den Patentämtern. Für Gunther Burstyn muss dies entsetzlich gewesen sein - insbesondere nach dem Auftreten der ersten gegnerischen Tanks.

Sein "Motorgeschütz" wies jedenfalls erstmals die Hauptmerkmale moderner Kampfpanzer (wie Gleiskettenlaufwerk, Panzerung und Drehturm) auf und übertraf in seinem Konzept die Tanks des Ersten Weltkrieges in Vielem.

Als Motor war ein Standard-Lastwagenmotor von 40 bis 60 PS im Heck vorgesehen.

Ein einziehbares Räderlaufwerk sollte das "Motorgeschütz" befähigen, mit 20 bis 30 km/h auf Straßen das Einsatzgebiet zu erreichen. Die Umsetzung wäre aber vermutlich an den begrenzten technischen Möglichkeiten von 1911 gescheitert. (Erst 1928 gelang John W. Christie mit dem M-1928 etwas Ähnliches.) Die von gefederten Laufrollen geführten "Gleitbänder" (Gleisketten) hätten dem Fahrzeug im Gelände eine Geschwindigkeit von 5 bis 8 km/h ermöglicht.

Den vorgesehenen Bodendruck von weniger als 0,8 kg/cm2 schaffte erst der legendäre sowjetische mittlere Kampfpanzer T-34 im Zweiten Weltkrieg.

Schon die erhöhten Leit- und Treibräder hätten dem "Motorgeschütz" eine - anderen Kettenlaufwerken überlegene - Kletterfähigkeit verliehen. Dazu kam die "Vorrichtung zur Übersetzung von Terrainhindernissen" gleichsam als Längenausgleich des kleinen Fahrzeuges. Der Heckausleger des Jahre später gebauten, ebenfalls relativ kleinen Char Léger Renault FT-17 hatte eine ähnliche Funktion.

Die Möglichkeit der Kurvenfahrt durch Bremsen jeweils einer Laufkette, hätte die Verwendung außen liegender Steuerräder (wie beim englischen Mark I) erspart.

Die gepanzerte Wanne und der ebenfalls gepanzerte, geschlossene Drehturm (Panzerung 4 bis 8 mm) hätten der Besatzung, dem Motor und der Munition (nur) Schutz vor Gewehrfeuer und Splittern geboten.

Der Drehturm hätte der Kanone und einem Maschinengewehr einen Schwenkbereich von 300° gestattet. Die auf eine volle Drehung fehlenden 60° nahm der hinter dem Drehturm liegende Aufbau für das Heckmaschinengewehr ein. Dennoch kam die Konstruktion dem später üblichen Schwenkbereich von 360° schon sehr nahe. Der bei Kasemattgeschützen systembedingte große tote Winkel von ca. 240° wäre damit jedenfalls vermieden worden. Im Vergleich zu Kasemattpanzern, wie z. B. den britischen Mark I bis Mark V Tanks, bedeutete ein Drehturm auch eine beträchtliche Masse- und Raumersparnis. Eine ähnliche Turmkonstruktion auf einem Kettenfahrzeug - allerdings nur als Ein-Mann-Drehturm - fand sich serienmäßig erst 1917 beim französischen Char Léger Renault FT-17.

Gunther Burstyn - Offizier, Techniker, Erfinder und Autor

* 16. Juli 1879 in Bad Aussee als Sohn des k. u. k. Kommissärs der Generalinspektion der Österreichischen Staatsbahnen Adolf Burstyn und der Journalistin Julia (Hofmann).

† 15. April 1945 in Korneuburg.

ab 1886 Volksschule in Wien.

ab 1890 Gymnasium in Budweis und Wien ab 1895 Zögling (Truppeneleve) der Pionierkadettenschule in Hainburg.

1899 Ausmusterung als Cadet-Offiziersstellvertreter (Fähnrich); Assentierung zum Eisenbahn- und Telegraphenregiment in Korneuburg - einer technischen Eliteeinheit der Monarchie (Die Telgraphentruppe war damals noch Teil der Genietruppe, also der Pioniere; Anm.).

1900 Ernennung zum Leutnant, dient in Korneuburg und Bruck/Leitha.

1902 Versetzung zum Telegraphenkader nach Pola.

1903 wird Kommandant des Festungstelegraphenkaders in Pola.

ab 1904 Geniekurs am Polytechnikum in Wien 1906 Ernennung zum Oberleutnant im Geniestab des Eisenbahn- und Telegraphenregiments in Trient.

1910 heiratet Gabriele Wagner.

1910/11 entwickelt das Konzept des "Motorgeschützes" - des ersten modernen Panzers.

1911 reicht eine "Vorrichtung zur Übersetzung von Terrainhindernissen, insbesondere für gepanzerte, mit Geschützen armierte Motorfahrzeuge" in Österreich zum Patent ein (Nr. 53 248) 1912 reicht diese Vorrichtung auch in Deutschland zum Patent ein (D.R.P. 252 815).

1913 Ernennung zum Hauptmann.

1914 übernimmt die 12. Eisenbahnerkompanie in Galizien, zuständig für die Instandsetzung von Bahnlinien und Brücken; Geburt seines Sohnes Walter.

1915 erhält das Militärverdienstkreuz III. Klasse.

1916 erhält das Eiserne Kreuz II. Klasse, das Karl-Truppenkreuz und das Ritterkreuz des Franz-Josef-Ordens.

1918 Versetzung nach Korneuburg, Ernennung zum Major, danach kurzer Ruhestand und Ernennung zum Baurat.

1919 wird Referent für Eisenbahnwesen in Wien, erhält ein österreichisches Patent auf einen Gefällemesser mit Anschlagkolben.

1920 tritt in das Bundesheer der Ersten Republik ein.

1921 Ernennung zum Oberstleutnant.

1922 wird Leiter der Materialprüfstelle in Korneuburg.

1926 avanciert zum pioniertechnischen Sachbearbeiter im Bundesministerium für Heerwesen.

1928 Geburt seiner Tochter Ilse.

ab 1934 in Pension aufgrund eines Augenleidens (seit 1926), befasst sich danach mit Panzern und deren Abwehr, verfasst zahlreiche Publikationen, deren Erkenntnisse z. T. noch heute gelten.

1935 erhält ein österreichisches Patent auf eine Falle für Kampfwagen.

1941 erhält das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern I. und II. Klasse; sein Sohn Walter fällt an der Ostfront.

1944 promoviert an der Technischen Hochschule Wien zum Dr. hc.

Gunther Burstyn war ein vielseitiger, kreativer und selbstständiger Offizier, Organisator und Truppenführer, der in beiden Weltkriegen hohe Auszeichnungen erhielt. Er verfasste Schriften über Panzer, Panzerabwehr, Schwimmpanzer und Panzerfähren, beschäftigte sich aber auch mit historischen Themen. Als Militär erkannte er frühzeitig das Problem des Stellungskrieges, als Techniker suchte er nach Mitteln dagegen. Von ihm stammen der erste konkrete Entwurf und das Modell eines gepanzerten Gleiskettenfahrzeuges mit einer Kanone im Drehturm. Das macht ihn zweifelsohne zum Erfinder des Kampfpanzers.

Die ersten tatsächlich gebauten Panzer/Tanks sehen allerdings nicht so aus, als wären Burstyns Pläne bekannt gewesen. Erst der französische Char Léger Renault FT-17 zeigte Ähnlichkeiten in der Größe, beim Drehturm und beim Heckausleger. Er entsprach auch Burstyns Leitsatz "so klein und so schnell wie möglich", dürfte aber eine Parallelentwicklung gewesen sein.

Burstyn war mit hoher Wahrscheinlichkeit kein überzeugter Nationalsozialist, wenngleich er - wie viele seiner Zeitgenossen - nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie ein Deutsch-Nationaler war. Sein Vater Adolf Burstyn, geboren 1843 in Lemberg, war mosaischen Glaubensbekenntnisses und hatte an der Technischen Hochschule Wien noch unter dem Namen Abel Chaim Burstyn inskribiert. Später konvertierte er zum christlichen Glauben und wurde Comissär der Österreichischen Staatsbahnen. Gunther Burstyn hat seine Abstammung entweder anlässlich seiner Promotion verdrängt, oder er musste sie verleugnen. (Das war vielleicht auch eine Überlebensfrage.) Dass ihn Hitler zum "Ehrenarier" machte, ändert nichts daran, dass Burstyn ein genialer Erfinder war - und ein großer Altösterreicher!

Im März 1943 meinte Burstyn im Rückblick auf 1911 resignierend: "... die Voraussetzungen und auch die Zeit für den Bau des neuen Kampfmittels waren gegeben. Dann wäre uns höchst wahrscheinlich auch der jetzige Krieg erspart geblieben." Aufgrund seines Augenleidens, des Todes seines Sohnes, seiner lebenslangen Enttäuschungen sowie seiner Depressionen gegen Kriegsende, ging er am 14. April 1945 - als die Rote Armee einmarschierte - in den Freitod.

Das Österreichische Bundesheer nannte ihm zu Ehren die Kaserne in Zwölfaxing, in der sich auch die Panzertruppenschule befand, Burstyn-Kaserne.

Das Nachspiel

Die erstarrten Fronten in Flandern sowie die enormen Menschen- und Materialverluste sowohl für die Entente als auch für die Mittelmächte wurden für die Politiker und Militärs bald untragbar und förderten den Gedanken an ein Sturmfahrzeug - allerdings nur bei der Entente. Die Verluste bei der zweiten Offensive in der Champagne (Frankreich) im Herbst 1915 hatten auf Seiten Frankreichs 145 000 Gefallene, auf Seiten der Deutschen 65 000 Gefallene und 20 000 Gefangene betragen. Aufgrund des sofortigen deutschen Gegenangriffes gab es faktisch auch keinen Geländegewinn.

1915 entstanden in Großbritannien die ersten Tanks (der "Little Willie" am 1. September 1915, gefolgt vom "Big Willie" bzw. "Mother"-Tank, der Basisversion der in Serie gebauten Mark I bis Mark V). Sie sollten als Vorhut der Infanterie Stacheldraht- und Grabenhindernisse überwinden. "Tanks" nannte man sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Wasserbehältern und zur Tarnung des Projektes. Die später in Serie gebauten Durchbruchspanzer, wie z. B. die britischen Mark I bis Mark V, waren meist Kasemattpanzer, die "fahrbaren Bunkern" glichen.

Ihr erster Großeinsatz erfolgte am 20. November 1917, als das British Tank Corps mit 476 Tanks bei Cambrai zur ersten erfolgreichen Offensive antrat. Zwar gingen dabei 179 Tanks verloren, aber es wurden entscheidende Fronteinbrüche gegen die unvorbereiteten Mittelmächte erzielt. Der Schrecken, den die heranwalzenden, feuerspeienden Ungetüme den hilflosen, zum Teil schon kriegsmüden Soldaten einjagten, wurde durch den Motorenlärm und das Kettengerassel noch verstärkt.

Anfangs konnte die Infanterie den Panzern nicht viel entgegensetzen. Panzerminen und Hohlladungsgeschoße gab es noch nicht. Panzergräben führten meist nur zur temporären Immobilität der Tanks. Vorhanden waren - neben Infanteriewaffen wie Handgranaten - nur einige Schnellfeuergeschütze, aus denen sich später die Panzerabwehrkanonen entwickelten, und ab April 1918 die 13-mm-Tankgewehre (Einzellader von Mauser mit panzerbrechender Munition, Vorläufer der so genannten "Panzerbüchsen").

Deutschland beschäftigte sich erst ab 1916 mit der Panzerentwicklung. Bis Kriegsende kamen ganze 20 deutsche Panzer an die Front. (Der erste Kampf Panzer gegen Panzer fand am 24. April 1918 statt.) Großbritannien hingegen hatte 2 636 Tanks produziert und Frankreich 3 870. (Der dem "Motorgeschütz" vom Konzept her relativ ähnliche französische Char Léger Renault FT-17 lief übrigens noch im Zweiten Weltkrieg in beträchtlichen Stückzahlen.) Die Vereinigten Staaten verfügten über 64 lizenzgefertigte FT-17 und selbst in Italien hatte man 1918 sechs Panzer gebaut - in Österreich-Ungarn hingegen keinen einzigen ...

Im Ersten Weltkrieg fielen mehr Kampffahrzeuge durch mechanisches Versagen aus als durch Feindeinwirkung. So hatten bei der ersten Tankoffensive bei Cambrai (20. November 1917) von den 476 eingesetzten Tanks nur 378 ihre Ausgangspositionen für den Angriff erreicht. Von den weiteren 179 Ausfällen (ab Angriffsbeginn) erfolgten nur 65 durch Feindeinwirkung.

Dennoch gehörte dem Panzer die Zukunft. Kaum eine andere Waffe beeinflusste in der Geschichte des Landkrieges Taktik und Strategie so nachhaltig wie der Panzer. Anstelle des Kampfes an starren Fronten trat eine mobile, mechanisierte Kriegführung. Die vom gegnerischen Panzereinsatz völlig überraschten Mittelmächte erlitten enorme Verluste an Gelände, Menschen und Material. Der Mensch war der Maschine, die ihm an Leistung überlegen war, ausgeliefert. Und genau diese Form des Krieges - mit und gegen Maschinen - hatte Gunther Burstyn bereits 1911 vorausgesehen!


Für TRUPPENDIENST bearbeitete Fassung von "Gunther Burstyn - Der Erfinder des Motorgeschützes (Panzerwagen)" in "Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines", Heft 1 bis 3/2007.

Autor: Helmut W. Malnig, Jahrgang 1933. Matura und Ausbildung in Wien und im Ausland. Tätig als Analyst, Systemingenieur und Projekt-Manager auf dem Energiesektor, in der Wehrtechnik und in der Luft- und Raumfahrt im In- und Ausland (Deutschland, Kanada), seit 1997 im Ruhestand. Zahlreiche Veröffentlichungen (Wärmeübertragung) und Patente (Wehrtechnik) sowie Artikel über technisch-kulturhistorische Themen.

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