Bundesheer Bundesheer Hoheitszeichen

Instagram
flickr
YouTube
facebook-button
Bundesheer auf Twitter

Die "Schattenmacher"

Österreichische Pioniere im Tschad

Die EUFOR-Mission TSCHAD/RCA betraf neben den Kräften des Jagdkommandos kaum eine andere Waffengattung so stark wie die Pioniere. Deren Aufgabe war der Aufbau des Camps und die Schaffung der notwendigen Infrastruktur für die Truppe. Vor allem die Beschattung des Camps mit den damit verbundenen Planungen stellten die Pioniere vor neue Herausforderungen.

Der Beginn der Mission im Tschad war aufgrund des neuen Einsatzgebietes, der dort herrschenden Temperaturen und des Umfeldes eine große Herausforderung für die Pionierkräfte. Die Entscheidung über eine österreichische Teilnahme als Initial Entry Force (Einsatzkräfte der ersten Stunde) an der EU-Mission kam überraschend. Im Nachhinein betrachtet, brachte diese einen gewaltigen Gewinn an Erfahrungen und Eindrücken, die in die zukünftige Ausbildung mit einfließen werden.

Trotz einer Vielfalt anderer Aufgaben, wie z. B. die Teilnahme der Pioniere bei der Übung "PACEMAKER" 2007, gelang es, die Einsatzbereitschaft der Kräfte für den Tschad sicherzustellen.

Die, aufgrund ÖBH 2010 neu aufgestellte und nicht ganz ein Jahr alte Pionierbaukompanie in Melk bekam bei Bekanntwerden des bevorstehenden Einsatzes die Möglichkeit, ihre erste "Feuertaufe" zu bestehen.

Zu dieser Zeit prägten nicht nur enthusiastische Gefühlsregungen der Soldaten das Lagebild, sondern es war auch schwer einschätzbar, inwieweit den gesetzten Anforderungen überhaupt entsprochen werden konnte. Der Besetzungsgrad der Kompanie lag vor dem Einsatz deutlich unter 100 Prozent, und ein berufspezifisch ausgebildetes Fachpersonal war nicht auf allen Arbeitsplätzen vorhanden. Das für einen Einsatz benötigte Gerät war erst vor wenigen Wochen zugelaufen bzw. noch in Beschaffung. Das verzögerte in Teilbereichen die Ausbildung der Soldaten.

Unter Aufbietung aller zur Verfügung stehenden Mittel und unter dem Motto der Pioniere "Pionier wie immer" gelang es schließlich, auch diese Situation zu meistern. Es galt unter hohem Zeitdruck die allgemeine und spezielle Einsatzvorbereitung zu planen und durchzuführen und zeitgleich in die Detailplanung des Feldlagerbaues einzusteigen.

"System Beschattung"

Eine kleine Gruppe einsatzerfahrener Pioniere plante das österreichische Camp im Detail. Bei den gemeinsamen Überlegungen in dieser "Planungszelle" entstand die Idee einer Beschattung des Campbereichs. Der Grund dafür waren die zu erwartenden Temperaturen im Einsatzraum von 55°C im Schatten (und darüber). Von Anfang an war klar, dass jede Verminderung der Temperatur in den Arbeits- und Unterkunftszelten ein Vorteil für die Erhaltung der Einsatzfähigkeit der Soldaten sein würde. Darüber hinaus wäre die Effizienz (weniger Stromverbrauch) von Klimageräten im Schatten höher.

Die entwickelten Schattenspender (Konstruktion) sollten v. a. folgende Kriterien erfüllen:

  • einfache Fertigung der Einzelkomponenten;
  • Fertigstellung innerhalb des bestehenden Zeitplanes;
  • vielseitige Einsetzbarkeit;
  • modularer Aufbau;
  • Mehrfachverwendbarkeit;
  • geringe Packmaße der Komponenten;
  • Möglichkeit kleinerer Reparaturen im Einsatzraum;
  • Wetterfestigkeit (bei Sturm, Starkregen, hartem Untergrund usw.).

Die tragende Konstruktion bilden einzelne Steher (Länge 4,5 m) aus Wasserleitungsrohren, welche untereinander mit Stahlseilen verbunden und in Bodenverankerungen mit Spanngurten abgespannt werden. Darüber werden im Bundesheer übliche Tarnnetze gelegt und befestigt.

Den Prototyp errichteten die Pioniere bereits im November 2007 auf dem Sportplatz der Birago-Kaserne in Melk. Die Erkenntnisse aus diesem ersten Aufbau wurden in die "Serienfertigung" eingearbeitet. Es war schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass weitere Änderungen erst aufgrund von Erfahrungen im Einsatzraum durchgeführt werden könnten. Auch in Zukunft werden vermutlich Adaptierungen erforderlich sein.

Die Gefahr heftiger Gewitter wurde in das Konzept miteinbezogen. Das System wirkt wie ein Faradayscher Käfig (der Strom fließt um das Objekt herum und nicht durch dieses) und bietet somit allen darunter befindlichen Soldaten und Geräten Schutz gegen Blitzschlag.

Der Einsatz

Ende Jänner 2008 verlegte das Vorkommando der österreichischen Pioniere in den Einsatzraum. Am 26. Februar folgten 13 Pioniere als erstes Aufbaukommando nach. Am Tag nach der Ankunft in N´Djamena begannen die Aufbauarbeiten. Die Kommandanten aller Ebenen mussten dabei auf die ausreichende Zuführung von Flüssigkeit und die Vermeidung eines zu langen Aufenthaltes im direkten Sonnenlicht achten. Beim Aufbau des Camp Europe in N´Djamena hatten daher die Beschattung sowie der Aufbau der DRASH (Deployable Rapid Assembly Shelter) Priorität. Diese Zelte sollten Teile der NIC (National Intelligence Cell) und des NSE (National Support Element) sowie eine Transit-Area (Unterkünfte für zusätzlich einfließende Soldaten bzw. Teile, die für den Tag der An-/Abreise aus N´Djamena eine Unterkunft benötigen) beherbergen.

Nach wenigen Tagen verlegten Pioniere nach Abeché im Osten des Tschad zur Planung und Vorbereitung eines vorläufigen Feldlagers im Areal des ONDR (Office Nationale du Développement Rural). Dieses "Zwischenlager" war notwendig, weil die Vorbereitungsarbeiten für das eigentliche Camp (Camp STARS) noch nicht beendet waren. Das Areal des ONDR war ein von EUFOR angemieteter Bereich am Stadtrand von Abeché, der für österreichische, französische, belgische, finnische und irische Kräfte vorgesehen war. Als Unterkünfte dienten französische Zelte (ohne Beschattung und Klimatisierung), in denen mittags 50°C und mehr gemessen wurden. Temperaturen und bei denen der Aufenthalt im Inneren der Zelte nicht wirklich erholsam war.

Die Hauptaufgabe der ersten Pioniere in Abeché bestand in der Planung des Lagerbereiches des österreichischen Kontingents. Dabei entsprach der den Österreichern von den französischen Soldaten (welche auch den Camp-Kommandanten stellten) zugewiesene Bereich offensichtlich nicht dem, was zuvor bei Planungsgesprächen in Paris festgelegt worden war. Letztlich wurde aber eine für Österreich zufriedenstellende Lösung gefunden, und der Aufbau des Feldlagers konnte am 7. März 2008 beginnen. Wiederum bestand Zeitdruck, weil sich die Masse des österreichischen Kontingents bereits auf dem Landmarsch nach Abeché befand. Etwa binnen einer Woche waren die Zelte bezugsfertig.

Es zeigte sich, dass österreichische Soldaten den Feldlagerbau anders sehen, als andere Nationen. "Fertig gestellt" ist nach österreichischer Ansicht ein Feldlager nie! Nicht umsonst wird in von Österreichern (mit)genutzten Feldlagern in anderen Einsätzen noch nach Jahrzehnten umgebaut und neu gestaltet. Österreichische Pioniere unterlagen anscheinend auch in diesem Einsatz einer ausgeprägten Liebe zum Detail. Sie sahen stets Möglichkeiten der Verbesserung. Der "österreichische Standard" wurde von den anderen Nationen zunächst "beliebäugelt" schließlich jedoch bewundert. Zählt doch ein Feldlager zu den wichtigsten infrastrukturellen Voraussetzungen für das Gelingen jedes Auslandseinsatzes - von den baulichen Maßnahmen über die "Force Protection" (Maßnahmen zum Eigenschutz z. B. gegen feindliche Waffenwirkung) bis zur Gestaltung der "Recreation Area".

Die nahende Regenzeit machte zusätzliche Vorbereitungsmaßnahmen notwendig. Außerdem verzögerte sich der Baubeginn des eigentlichen Camp STARS aus Gründen, die außerhalb des Einflussbereiches der österreichischen Pioniere lagen.

Die Arbeiten im Camp begannen daher erst Mitte Juni, wobei es darum ging, das österreichische Kontingent auf Dauer unterzubringen. Um vor allem vor hohen Wasserständen, die während der Regenzeit bis zu 40 cm betragen können, geschützt zu sein, wurden Podeste für die DRASH-Zelte errichtet. Die Idee dieser "bühnenähnlichen" Podeste entstand im Einsatzraum. Sie bestehen aus einzelnen, miteinander koppelbaren Elementen (2 x 1 m) mit teleskopartig verstellbaren Beinen. Sie sind ein weiteres modular einsetzbares System, das in Verbindung mit der Beschattung auch Schutz gegen Bodennässe während der Regenzeit, aber auch gegen unliebsame tierische "Besucher" während der Trockenzeit bietet. Bei direkt auf dem Boden befindlichen Zelten musste in der Regenperiode mit der Gefahr der Schimmelbildung gerechnet werden.

Mitte Juli war das Camp NEPTUN, das sich im Bereich des Camp STARS befand und in dem das österreichische und anfangs auch das schwedische Kontingent untergebracht waren, bezugsfertig. Der österreichische Teil des Lagers wurde später "Schönbrunn" genannt.

Der Umzug vom Camp ONDR ins Camp NEPTUN erfolgte nicht direkt. Zwischenzeitlich mussten eine weitere "Working Area" errichtet und die österreichischen Soldaten in belgischen Zelten untergebracht werden.

Darüber hinaus wurde eine österreichische mobile vollbiologische Kläranlage (Containeräquivalent) beschafft. Das daraus gewonnene Brauchwasser wird als Spülwasser für WC-Anlagen in den Sanitärcontainern sowie als Waschwasser für Kraftfahrzeuge verwendet. Es dient auch der Begrünung von unbebauten Flächen - eine Maßnahme gegen die enorme Staubentwicklung während der Trockenzeit.

Schließlich wurde auch das Kondenswasser der Klimageräte aufgefangen und in den Nutzwasserkreislauf eingespeist. Dies brachte bis zu 1 200 Liter zusätzliches Nutzwasser pro Tag!

Insgesamt verbauten die Pioniere etwa 900 Tarnnetze aus Österreich zur Beschattung. Darüber hinaus wurden 3 000 m2 Podeste errichtet, 600 m2 davon waren mit Gitterplatten (Abflussmöglichkeit für Wasser) ausgestattet.

Ein Erfolg der Pioniere

Die österreichischen Pioniere konnten aus ihren bisherigen Aufgaben im Tschad enorme Erfahrungen gewinnen, die auch in künftigen Einsätzen und in der Ausbildung Berücksichtigung finden werden.

Ohne Pioniere aus allen drei Pionierbataillonen sowie der Dienststellen der Heerestruppenschule/Institut Pionier bis zum Ministerium wäre die Erfüllung des Auftrages "Feldlagerbau" in dieser Form kaum möglich gewesen. Das gilt auch für jene, die den Einsatz in Bezug auf Beschaffung, Transport und Logistik in der Heimat sichergestellt haben.


Autoren: Hauptmann Mag. (FH) Bernhard Weingartmann, Jahrgang 1977. Ausgemustert 2002, danach stellvertretender Kompaniekommandant der 2. Pionierkompanie/Pionierbataillon 3; ab 2005 Kommandant dieser Kompanie. Seit 2006 Kommandant der Pionierbaukompanie/KPE in Melk. 2008 Auslandseinsatz bei AUCON 1/TSCHAD als Kommandant der Pionierbaukompanie.

Oberleutnant Mag. (FH) Sandra Rumplmair, Jahrgang 1975. Ausgemustert 2005, danach: Zugskommandant und stellvertretender Kompaniekommandant der 2. Pionierkompanie/Pionierbataillon 3. Seit 2006 Kommandant der Planungs- und Vermessungsgruppe der Pionierbaukompanie/KPE in Melk. 2008 Auslandseinsatz bei AUCON 1/TSCHAD als Kommandant der Planungs- und Vermessungsgruppe.

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
Impressum | Kontakt | Datenschutz