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Die Einsätze der Volkswehr

Die 1918 aus der Not geborene Volkswehr erreichte nie das für sie vorgesehene militärische Potenzial, darüber hinaus war sie parteipolitisch und ideologisch umstritten. Dennoch gelang es ihr, Umsturzversuche radikaler Kräfte in Deutsch-Österreich zu vereiteln sowie einige der jungen Republik drohende Gebietsverluste zu verhindern.

Das Treuegelöbnis der Volkswehrsoldaten

"Ich gelobe als Mann, Soldat und als Bürger des freien Staates Deutsch-Österreich, dass ich den Grundgesetzen meines Landes, die von der Vertretung des Volkes, der Provisorischen Nationalversammlung beschlossen werden, den Behörden, die von ihnen eingesetzt sind, insbesondere dem von ihr bestellten Staatsrat und seinem Präsidenten sowie den von ihnen mit Befehlsgewalt betrauten Vorgesetzten Treue und Gehorsam üben, allen ihren Weisungen folgen und darüber hinaus im Interesse des Wohles und der Sicherheit meiner Mitbürger nach bestem Wissen und Gewissen mit allen Kräften meinem Land und Volke dienen werde!"

Die Volkswehr im inneren Einsatz

Ende Oktober 1918 mehrten sich vor allem in Wien die öffentlichen Kundgebungen für ein Ende des Krieges. Die Demonstranten forderten dabei immer häufiger und immer eindringlicher die Abschaffung der Monarchie und die Ausrufung der Republik. Ein besonders gefährliches Potenzial bildeten hierbei linksradikale Kräfte, die sich von den Sozialdemokraten abgespaltet hatten, darunter die "Rote Garde" unter der Führung von Egon Erwin Kisch und Leo Rothziegel. (Egon Erwin Kisch, der "Rasende Reporter", wurde 1885 als Sohn eines Tuchhändlers in Prag geboren. Er studierte zuerst an der Technischen Universität Prag, bevor er an die Journalistenschule nach Berlin wechselte. Von 1906 bis 1914 arbeitete Kisch bei der Zeitung "Bohemia" in Prag und brachte 1913 den Spionageskandal rund um Oberst Alfred Redl an die Öffentlichkeit. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Kisch als Reserveoffizier anfangs an der Front, 1917 wechselte er ins Kriegspressequartier. 1918 befehligte Kisch zeitweilig die "Rote Garde" und trat in die Kommunistische Partei Österreichs ein. Als Reporter bereiste er China, die USA sowie die Sowjetunion und machte sich durch seinen schonungslosen Berichtsstil einen Namen. 1933 in Berlin verhaftet und in die Tschechoslowakei abgeschoben, warnte Egon Erwin Kisch als einer der ersten vor dem nationalsozialistischen Unrechtsregime. 1937/38 kämpfte der "Rasende Reporter" in Spanien auf Seiten der Republikaner gegen Franco und floh 1939 in die USA und weiter nach Mexiko. 1948 starb Kisch in der Tschechoslowakischen Republik an einem Schlaganfall.) Um Kontrolle über diesen unzuverlässigen, gefährlichen Verband zu erlangen, bezog Unterstaatssekretär Dr. Julius Deutsch die "Rote Garde" als Volkswehrbataillon 41 in die neue Armee ein. Darüber hinaus setzte er seinen Vertrauten, Hauptmann Dr. Joseph Frey, einen Redakteur der "Arbeiterzeitung", als Kommandanten des Verbandes durch. Deutsch gelang es dadurch, viele Aktionen der "Roten Garde" zu behindern. Die Verhaftung des Kaisers unterband der Unterstaatssekretär z. B. dadurch, dass er Kisch und die "Rote Garde" (als Volkswehrbataillon 41) zum Militärkommando Wien lenkte. Schönbrunn und die Hofburg ließ Deutsch hingegen durch verlässliche Verbände bewachen (u. a. kurzzeitig durch zwei Bataillone des Infanterieregimentes Nr. 49).

Am 12. November 1918, dem Tag der Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich, drohte die Lage zu eskalieren. Obwohl die Verbände der seit Anfang November 1918 bestehenden Volkswehr generell in den Kasernen verblieben waren, standen am Nachmittag nach der Festsitzung der Nationalversammlung Teile der "Roten Garde" vor dem Parlament. Nach der Rede des Präsidenten der Volksversammlung sollte die rot-weiß-rote Fahne gehisst werden. Aus der versammelten Menschenmenge stürmten jedoch Männer zum Fahnenmast, rissen den weißen Streifen aus dem Fahnentuch und hissten die beiden roten Teile. Schüsse fielen, Soldaten versuchten ins Parlament einzudringen und kommunistische Redner begannen, zu den versammelten Menschen zu sprechen. Vermutlich hätte jetzt die kommunistische Diktatur ausgerufen werden sollen.

In dieser prekären Situation griff Julius Deutsch ein, wobei er und Staatssekretär Mayer großen Mut bewiesen: Auf den Schultern seines Chefs versuchte der Unterstaatssekretär die Menge zu beruhigen. Die Tore des Parlaments konnten noch rechtzeitig geschlossen werden. Die nachhaltige Schwächung der Kommunisten und ihres Wehrverbandes schien ein Gebot der Stunde.

Bedingt durch die Ausrufungen der ungarischen und der bayerischen Räterepubliken erlebten in Österreich die linksradikalen Kräfte im Frühjahr 1919 erneut einen Aufschwung. Die ungarische Rote Armee erhielt sogar personelle, finanzielle und materielle Hilfe aus Österreich. Staatssekretär Deutsch gestattete aber nur einzelnen Soldaten die freiwillige Meldung zur ungarischen Roten Armee, nicht jedoch ganzen Verbänden. Die rund 1 200 Österreicher unter der Führung von Leo Rothziegel, der in Ungarn fiel, erlitten dort im Kampf gegen rumänische Kräfte schwere Verluste.

Trotzdem blieben die Kommunisten weiterhin gefährlich. Vor allem die allgemeine Unzufriedenheit aufgrund der Lebensmittelknappheit und der hohen Arbeitslosigkeit unterstützte ihre Agitationen - auch in den Reihen der Volkswehr. Wieder griff Deutsch persönlich ein und warnte am 16. April 1919 in einer eindringlichen Rede im Militärkommando Wien die Wiener Soldatenräte vor der linksradikalen Agitation. Die Soldatenräte stellten sich daraufhin geschlossen hinter den Staatssekretär.

Zwei Tage später kam es zu Tumulten vor dem Parlament. Am Abend eröffneten bewaffnete Demonstranten das Feuer auf die Polizei vor dem Parlamentsgebäude. Um 2200 Uhr griffen drei Kompanien der Volkswehr ein und beendeten gewaltsam die Auseinandersetzungen. Sechs Tote und Dutzende Verletzte waren zu beklagen.

Am 15. Juni 1919 versuchten linksradikale Kräfte erneut einen Umsturz. Staatssekretär Deutsch bot fast die gesamte Wiener Volkswehr dagegen auf, der Polizeipräsident und spätere Bundeskanzler Johann Schober ließ noch in der Nacht zahlreiche kommunistische Führer verhaften. Das Volkswehrbataillon 40 zwang die "Rote Garde" unter Androhung von Gewalt, in der Kaserne in der Selzergasse zu bleiben. Dennoch versuchten rund 6 000 Demonstranten die Polizeidirektion zu stürmen und die verhafteten Gesinnungsfreunde zu befreien. Eine Abteilung der Stadtschutzwache schoss in der Hörlgasse in die Menge, wobei zwanzig Menschen starben und rund 80 verletzt wurden. (Die österreichischen Kommunisten verloren erst mit dem Ende der Räterepublik in Ungarn ihre wichtigsten Förderer und Geldgeber und damit auch ihre innenpolitische Bedeutung.) Für den Fall des Zusammenbruchs der Räterepublik in Ungarn existierten bei der Volkswehr Pläne zur Besetzung Deutsch-Westungarns (der größte Teil davon war das heutige Burgenland) durch neu aufzustellende Freikorps. Diese Pläne wurden jedoch niemals ausgeführt - das Burgenland kam erst 1921 zu Österreich. Über den Planungen zur Besetzung Deutsch-Westungarns zerbrach auch das bislang relativ erfolgreiche Zusammenwirken zwischen Staatssekretär Deutsch und dem Volkswehr-Oberbefehlshaber Adolf von Boog, der am 27. Mai 1919 zurücktrat.

In Ungarn gingen nach dem Ende der Räterepublik (1. August 1919) die siegreichen Monarchisten mit erbarmungsloser Härte gegen die Verlierer vor. Um einer monarchistischen Restauration in Österreich vorzubeugen, fanden am 13. August große Paraden der neuen Armee statt. Die Volkswehr zeigte damit, dass sie auch gewillt war, einen monarchistischen Umsturzversuch entschlossen zu verhindern.

Am 27. August 1919 befahl Julius Deutsch die Auflösung der "Roten Garde".

Im Kampf um Kärnten

Während die Volkswehr in Wien gegen innere Gefahren vorging, musste sie sich in Kärnten und der Steiermark um den Schutz der bedrohten Landesgrenzen kümmern und trug neben den Kärntner Freiwilligenverbänden die Hauptlast der Kämpfe ("Kärntner Abwehrkampf").

Das Kronland Krain südlich von Kärnten schloss sich noch vor dem offiziellen Kriegsende dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Kraljevina Srba, Hrvata i Slovenaca - SHS-Staat) an. Der slowenische Nationalrat in Laibach beanspruchte Teile Kärntens sowie der Steiermark und versuchte, durch eine rasche Besetzung der Gebiete vollendete Tatsachen zu schaffen. Der Widerstand Deutsch-Österreichs war deshalb so problematisch, weil Kämpfe mit den Serben, die zu den Alliierten zählten, einen Bruch des Waffenstillstandes bedeutet hätten. Es musste damit beim Konflikt zwischen den zwei Kronländern bleiben.

Mit dem Einrücken von slowenischen Verbänden und SHS-Polizeiverbänden ins Rosental sowie in das Untere Gailtal hatte de facto bereits am 5. November 1918 der Kampf um Kärnten und somit auch der "Kärntner Abwehrkampf" begonnen. Völkermarkt und Ferlach wurden von den Angreifern besetzt, und die Kärntner Landesregierung wich nach Spittal an der Drau aus.

Die provisorische Landesversammlung beauftragte den am 12. November 1918 zum Landesbefehlshaber ernannten Oberstleutnant Ludwig Hülgerth mit dem Aufbau einer Volkswehr für das Land, der rasch voranschritt (2 500 Mann im Dezember). (Ludwig Hülgerth wurde 1875 als Sohn eines k. u. k. Majors geboren und schlug ebenfalls die Offizierslaufbahn ein. Im Ersten Weltkrieg diente er an der russischen, der französischen und der italienischen Front und wurde zum Oberstleutnant befördert. Im "Kärntner Abwehrkampf" fungierte er als Landesbefehlshaber. Danach diente er im Bundesheer der Ersten Republik als Bataillonskommandant im Burgenland und zwischen 1923 und 1925 als Regimentskommandant in Niederösterreich. Von 1925 bis zu seiner Pensionierung 1927 arbeitete er als Referent für das Ausbildungswesen im Verteidigungsministerium. Hülgerth war von 1934 bis 1936 Kärntner Landeshauptmann und 1936 sowie 1938 österreichischer Vizekanzler. Hülgerth verstarb 1939.) Auch eine Trennung vom bisherigen Militärbereich Graz erfolgte. Daneben wurden zahlreiche Freiwilligenverbände aus Bürgern, Bauern, Arbeitern und Studenten aufgestellt.

Der nunmehrige Kärntner Landesbefehlshaber Hülgerth musste aufgrund seiner militärisch schwachen Kräfte ein Abkommen schließen, das die Linie Drau, Gail und Gailitz als Demarkationslinie vorsah ("Übereinkommen von Ferlach" vom 19. November 1918). Dennoch überschritten slowenische Einheiten schon am 26. November diese Linie und rückten weiter vor. Daraufhin beschloss die Kärntner Landesversammlung den bewaffneten Widerstand.

An zahlreichen Orten vertrieben Einheimische die SHS-Polizei (u. a. aus St. Stefan an der Gail und aus Maria Saal). Die Volkswehr rückte ins Rosental vor und eroberte Ferlach zurück. In Grafenstein (gegenüber von Klagenfurt) nahm das Volkswehrbataillon 2 ein aus serbischen Kriegsgefangenen in Krain (!) aufgestelltes Halbbataillon gefangen. Zusammen mit Lavanttaler Freiwilligen eroberte das Volkswehrbataillon 10 St. Paul im Lavanttal und Lavamünd zurück. Die Kärntner Landesregierung beschloss auch, eine Alarmkompanie pro Gerichtsbezirk (insgesamt 28, vier Gerichtsbezirke waren von Slowenen besetzt) unter Führung von Volkswehroffizieren aufzustellen.

Am 3. Jänner 1919 erfolgte der slowenische Gegenangriff, den die Volkswehr und Kärntner Freiwilligenverbände (bei Hollenburg, Lavamünd und Wernberg) abwehrten. Zwei Tage später eroberten das Volkswehrbataillon 10 und einige Alarmkompanien Arnoldstein zurück, das Volkswehrbataillon 5 sicherte den Wurzenpass. In den nächsten Tagen kontrollierten die Kärntner Verbände bereits Rosenbach und Velden, am 8. Jänner standen sie in Görtschach, Kirschentheuer und Ferlach. Es gelang ihnen jedoch nicht (mehr), den Völkermarkter Brückenkopf einzunehmen, da am 14. Jänner ein Waffenstillstand geschlossen wurde, der bis 29. April 1919 dauerte. Eine amerikanische Kommission unter Oberstleutnant Sherman Miles bereiste Kärnten und gab an die Pariser Friedenskonferenz einen für Österreich positiven Bericht weiter.

Am 29. April erfolgte ein slowenischer Großangriff. In einer Zangenbewegung aus dem Völkermarkter Brückenkopf sowie aus dem Raum Ferlach sollten Klagenfurt und Villach erobert werden. Die Kärntner Verbände wurden zwar zuerst zurückgedrängt, gingen aber dann zum Gegenangriff über, unterstützt durch Wiener, niederösterreichische und Tiroler Volkswehreinheiten. Dadurch wurden die Aggressoren bis in ihre Aufmarschräume zurückgedrängt. Die Kärntner Verbände standen am 4. Mai schon bei St. Kanzian und am 5. Mai bei Kühnsdorf, Bleiburg sowie (im Süden) bei Eisenkappel und Sittersdorf. Am 9. Mai zogen sich die Kärntner Verbände auf die alte Grenze im Mießtal zurück.

Die Regierung in Wien hatte einen Vorstoß weiter nach Südosten untersagt, die österreichische Delegation war bereits zu den Friedensverhandlungen nach St. Germain abgereist und eine Volksabstimmung über Kärnten schien fix. Dennoch versuchte der SHS-Staat durch einen weiteren Großangriff am 28. Mai 1919 vollendete Tatsachen zu schaffen. Mit rund fünffacher Überlegenheit griffen die Truppen an und drängten die Kärntner Verbände nach Westen. Am 3. Juni erreichten die Angreifer Völkermarkt und am 5. Juni bereits das Klagenfurter Becken. An diesem Tag trat ein Waffenstillstand in Kraft, der vom XXII. italienischen Armeekorps überwacht wurde.

Bei den Kämpfen war auf Kärntner Seite auch mehrmals der "Panzerzug XIII" (ein mit Schotterkästen provisorisch geschützter, mit mehreren Maschinengewehren sowie zuletzt auch mit einem Infanteriegeschütz bestückter, behelfsmäßig gepanzerter Eisenbahnzug) zum Einsatz gekommen, u. a. zum Transport, zur Sicherung und zur Unterstützung von Volkswehrkompanien.

In der folgenden Volksabstimmung entschieden sich die Kärntner mit 59 Prozent für den Verbleib bei Österreich.

Der Kampf in der Steiermark

Anders als in Kärnten konnte die Volkswehr in der Steiermark nicht erfolgreich agieren. Die Südsteiermark mit Marburg ging für Österreich verloren, und im Dezember 1918 besetzten die Slowenen Spielfeld, Radkersburg, Leutschach, Mureck und das steirische Murtal. Zwischen 4. und 15. Februar 1919 kämpften steirische Freiwilligenverbände und die Volkswehr um Radkersburg, konnten es jedoch nicht gänzlich erobern. Auch hier entschied letztlich die Friedenskonferenz in Paris über die Landesgrenze.

Ähnlich wie in Wien musste auch in der Steiermark die Volkswehr im Februar und März 1919 gegen kommunistische Unruhen vorgehen. In den anderen Bundesländern nahmen die Volkswehreinheiten im Grunde nur Sicherheitsaufgaben wahr.

Im Sudetenland und in Deutschböhmen leistete die Volkswehr aufgrund fehlender Bewaffnung der tschechischen Besetzung kaum Widerstand.

Der Umbau zum Bundesheer

Von Beginn an schwebte das Damoklesschwert der zu geringen Finanzierung über der Volkswehr. Bereits sechs Wochen nach der Gründung (Anfang November 1918) mussten vom Staatsamt für Heerwesen die Werbungen eingestellt werden, und verminderte Höchststände wurden ausgegeben. Auch die Siegermacht Italien drängte Österreich, die Stärke der Volkswehr zu verringern - und dies trotz des Kärntner Abwehrkampfes und der Gefahr eines kommunistischen Umsturzes. Das Staatsamt versuchte deshalb, Volkswehrmänner mit Prämien zum Austritt zu bewegen, und so sank ab Mai 1919 die Zahl der Soldaten deutlich ab.

Im September 1919 unterzeichnete Staatskanzler Dr. Karl Renner den für die Republik Österreich sehr nachteiligen Friedensvertrag von St. Germain-en-Laye. Dieser sah für Österreich ein Berufsheer mit 30 000 Mann vor. Eine weitere drastische Reduzierung von Mannschaft, Unteroffizieren und Offizieren der Volkswehr setzte somit ein, Entlassungen und Ruhestandsversetzungen lichteten erneut die Reihen der Armee.

Mit dem Wehrgesetz von 1920 wurden die Bestimmungen von St. Germain bundesgesetzlich umgesetzt. Über die Zwischenstufe der "Infanterieabteilungen" entstanden aus den ausgedünnten Reihen der Volkswehr die ersten Regimenter des Bundesheeres der Ersten Republik.

Im Sommer 1920 zerbrach die große Koalition aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen. Nach der sozialdemokratischen Niederlage bei den darauf folgenden Parlamentswahlen legte der Gründer der Volkswehr, Dr. Julius Deutsch, am 23. Oktober 1920 sein Amt nieder.

Beurteilung der Volkswehr

Die Volkswehr galt lange Zeit als Armee unter starkem sozialdemokratischem Einfluss, war sie doch im Grunde eine "Erfindung" des Sozialdemokraten Julius Deutsch. Zweifellos hatten die - meist sozialdemokratischen - Soldatenräte ein gewichtiges Mitspracherecht, aber auch zahlreiche Offiziere tendierten in diese politische Richtung, wie z. B. der spätere Bundespräsident General Theodor Körner. (Theodor Körner Edler von Siegringen, geboren 1873, Sohn eines k. u. k. Hauptmannes und Absolvent der Technischen Militärakademie in Wien, trat als Pionieroffizier in die Fußstapfen seines Vaters. 1897 wurde er in die Kriegsschule aufgenommen und machte eine steile Karriere bei der k. u. k. Armee: 1910 war er bereits Major und ab 1912 Lehrer für den operativen Gefechtsdienst in der Kriegsschule - grob vergleichbar mit dem Generalstabslehrgang. Im Ersten Weltkrieg diente er als Generalstabsoffizier in Serbien und an der Südfront. 1917 wurde er Generalstabschef der Ersten Isonzo-Armee. Nach dem Krieg arbeitete Körner als Leiter des Präsidialbüros im Staatsamt für Heerwesen. Die Gegensätze mit den christlichsozialen Heeresministern führten 1924 zu seiner Pensionierung - und damit verbunden zur Beförderung zum General. 1924 trat General Körner der Sozialdemokratie bei, wurde Bundesrat der Stadt Wien und wirkte bis 1930 beim Aufbau des Schutzbundes mit. Nach seiner Verhaftung 1934 arbeitete Theodor Körner an seinen Clausewitz-Studien und beschäftigte sich mit einem - damals noch fiktiven - Krieg gegen die Sowjetunion. 1944 wurde er erneut verhaftet. 1945 bis 1950 amtierte Theodor Körner als sozialdemokratischer Bürgermeister von Wien und von 1950 bis zu seinem Tode 1957 als erster vom Volk gewählter Bundespräsident der Republik Österreich.) Die meisten Offiziere standen jedoch der Sozialdemokratie kritisch gegenüber, was sie aber nicht daran hinderte, in der Volkswehr ihren Dienst zu tun. Die Mehrzahl jener Volkswehroffiziere, die ins Bundesheer der Ersten Republik übernommen wurden, hatte schon in der Volkswehr Dienst getan, ohne deswegen der Sozialdemokratie politisch besonders zugeneigt gewesen zu sein. Das beste Beispiel dafür ist vermutlich der spätere Staatssekretär für Heerwesen, General Wilhelm Zehner, der im Herbst 1918 in die Volkswehr eintrat und dann ins Bundesheer übernommen wurde.

Ein gewisses Desinteresse gegenüber der Volkswehr kann man jedoch den Christlichsozialen und Deutschnationalen nicht absprechen. Mit ihrem wehrpolitischen Verständnis waren anscheinend viele volkswehrtypische Neuerungen im Bereich der Streitkräfte unvereinbar. Selbst in der Festschrift über das Bundesheer 1928 (unter dem christlichsozialen Minister Karl Vaugoin) findet sich z. B. das Wort "Volkswehr" kein einziges Mal!

Dennoch hat die Volkswehr bei all ihren Schwächen - seien sie in der Ausbildung, der Organisation oder in der Kampfleistung einiger Bataillone - zur Festigung des jungen Staatswesens Außerordentliches beigetragen. Ohne die Volkswehr hätte sich Deutsch-Österreich nicht vor einem kommunistischen Umsturz schützen können. Auch die erfolgreiche Verteidigung Kärntens wäre unmöglich gewesen.

Aus und in der Not geboren, erwies sich die Volkswehr in einer Zeit des Elends, des Hungers und der Kriegsmüdigkeit als eine der wichtigsten Stützen der jungen österreichischen Demokratie - und als ein würdiger Vorfahre des heutigen Österreichischen Bundesheeres.


Autor: Mag. Martin Prieschl, Jahrgang 1976. 2004 Wehrdienst im Panzergrenadierbataillon 13, Angehöriger des Milizbataillons Oberösterreich. Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte an der Universität Salzburg, Abschluss in Geschichte 2003 mit Auszeichnung; Auszeichnung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für die besten Studierenden 2003/2004; Ausbildung zum Archivar am Institut für Österreichische Geschichtsforschung und der Fachhochschule Potsdam (Archiv, Bibliothekswesen, Dokumentation); Dissertation an der Universität Wien. Nach dem Studium neben zahlreichen Publikationen u. a. Tätigkeiten im Verlagswesen; Hospitant im Kriegsarchiv, im Haus-, Hof- und Staatsarchiv und im Parlamentsarchiv sowie als Koordinator und Mitgestalter der Ausstellung "Liberale Politik in Österreich" (Parlament, 2006). Seit 2007 Archivbeauftragter der Evangelischen Kirche des Augsburger und des Helvetischen Bekenntnisses sowie Archivar der Diözesen Niederösterreich und Salzburg-Tirol. Seit 2009 darüber hinaus Leiter des Archivs der Paris-Lodron-Universität Salzburg.

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