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Semmering, April 1945 - Die Kämpfe um die Südbahn-Meierei

Erdbunker, Schützengräben, Einschusslöcher an Gebäuden ... Wer am Semmering aufmerksam unterwegs ist, findet noch heute Spuren von Gefechten der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges, z. B. von den Gegenangriffen der Gebirgsjäger auf die Südbahn-Meierei. Die Kämpfe um den Semmering blieben bis heute allerdings weitgehend unbekannt und wurden selbst in der militärhistorischen Fachliteratur nur selten erwähnt.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man - wie einst die Angreifer am 5. April 1945 - von der Anhöhe südlich Breitenstein auf die ehemalige Südbahn-Meierei zugeht, womöglich zur selben Zeit und bei ähnlichen Witterungsbedingungen wie damals. Noch heute sind an den Gebäuden die Spuren der Maschinengewehrgarben deutlich sichtbar, und auch die unmittelbare Umgebung der Meierei dürfte 1945 nicht wesentlich anders ausgesehen haben.

Kriegsentscheidende Schlachten zwischen der Deutschen Wehrmacht und der Roten Armee fanden dort nicht statt, und die Meierei war nicht einmal in allen Lagekarten der Region eingezeichnet. Dennoch sind die Kämpfe um die Meierei, die mit kompaniestarken Kräften geführt wurden, aus militärischer Sicht interessant. Sie zeigen neben der Belastung der einzelnen Soldaten im Gefecht u. a. die (zeitlose) Problematik - rasch aufgestellter, also nicht "gewachsener" Einheiten, - fehlender Vorübung möglicher Gefechtssituationen (Gegenangriff), - schwere Waffen in unübersichtlichem Gelände zur richtigen Zeit zum Einsatz zu bringen, - des Verwundetentransportes im Gebirge und - im Kampfgebiet verbleibender Zivilpersonen.

Ebenso klar zeigen sie aber die Folgen - ungefechtsmäßigen Verhaltens, - unzureichender Sicherung, - fehlender zuverlässiger Verbindungen und - fehlenden (genauen) Kartenmaterials.

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... ein Vordringen der Russen in die Steiermark verhindern

Am Nachmittag des 30. März 1945 traf die Panzerjäger-Ersatz- und Ausbildungseinheit 48 aus Cilli, bestehend aus Stab, Nachrichtenzug und einer Kompanie Panzerjäger mit sieben 7,5-cm-Pak 40 unter Leutnant Adolf Polivka am Semmering ein. Sie sollte die Pässe Semmering und Preiner Gscheid halten und "ein Vordringen der Russen in die Steiermark verhindern".

Am 1. April 1945 - die Südbahnstrecke zwischen Neunkirchen und Gloggnitz war von den Sowjets bereits gewonnen und unterbrochen - trafen die 1. und 2. Kompanie des SS Gebirgsjäger-Ausbildungs- und Ersatzbataillons 13 aus Leoben kommend am Semmering ein und bezogen im Hotel Panhans Quartier. Sie sollten ab Mitternacht entlang der Bundesstraße beim Bärenwirt und an der Straße aus dem Heidbachgraben die Sicherung übernehmen. Der vorgeschobene Gefechtsstand dieser Kampfgruppe befand sich im Südbahn-Hotel.

Am 2. April 1945 erhielt Oberstleutnant Ludwig Lang (Waffengattung Panzerjäger) von General Ringel in Graz den Befehl, aus Schulen, Ersatz- und Ausbildungseinheiten eine Kampfgruppe zum Schutze des Semmering zu bilden. Das Bataillon der Gebirgsjäger-Unterführerschule Admont unter Hauptmann Hans Schlierf traf am Semmering ein und zog mit dem Tross im Hotel Erzherzog Johann unter. Seine Kompanien sollten die SS Gebirgsjäger beim Bärenwirt ablösen und bis Maria Schutz in Stellung gehen. Ein Zug Gebirgsjäger aus Admont ging überdies am Wolfsbergkogel in Stellung und sicherte die Straße aus dem Adlitzgraben von Breitenstein zum Semmering.

Am 3. April 1945 gegen 0500 Uhr hörten die beim Sonnhof in ihren Stellungen liegenden Gebirgsjäger aus Richtung Breitenstein Musik. Zu ihrem Erstaunen stellten sie eine sowjetische Vorhut in der Stärke von zwei Kompanien mit einem Harmonikaspieler an der Spitze fest, welche auf der Straße von Breitenstein in Richtung Semmering marschierte. Die Sowjetsoldaten wirkten total übermüdet.

Am Pertl-Hof an der Adlitzgrabenstraße wurde an diesem Morgen nach den Osterfeiertagen bereits seit 0400 Uhr Brot gebacken. Die übermüdeten Russen zogen sofort in diesem Gehöft unter und stellten im Obstgarten drei Panzerabwehrkanonen ab, gesichert durch Streifenposten. Zur selben Zeit traf bei dem Gebirgsjägerzug SS Untersturmführer Michael von Oswald ein, ließ sich kurz berichten und begab sich dann zum Kampfgruppengefechtsstand in das Südbahn-Hotel. Dort befahl ihm Oberstleutnant Lang "Übernehmen Sie den Zug und greifen Sie an!"

Der Angriff auf den Pertl-Hof

Untersturmführer Oswald erinnerte sich später: "Ich besprach mich mit den Admonter Jägern, die mich wunderbarerweise akzeptierten. Nach dem Konsum nur der besten Jahrgänge aus dem Keller des Sonnhofs traten die Gebirgsjäger zum Angriff an. Die Kästen mit Munition wurden geräuschlos in einem Graben unter dem Hotel bis zum Tal befördert. Meine drei Gruppen sollten wie folgt angreifen:

- 1. Gruppe - im offenen Gelände von der gegenüber liegenden Talseite.

- 2. Gruppe - von der geschützten Seite des Sonnhof-Hotels.

- 3. Gruppe - unter meiner Führung direkt von der Gläserstraße.

Der Pendelposten [Streifenposten; Anm.] der Sowjets wurde mit einer nicht abgezogenen Handgranate [Stielhandgranate, Länge ca. 40 cm, Masse ca. 600 g; Anm.] lautlos ausgeschaltet, dann wurde das Telefonkabel zerschnitten, welches Richtung Breitenstein lief. Es wurde schon scheußlich hell, als die 1. Gruppe endlich die gegenüber liegende Talseite erreichte und auch schon ein Giebelfenster des Pertl-Hofes aufging und sich die Mündung eines sowjetischen MG auf die 1. Gruppe richtete. Ein Gebirgsjäger dieser Gruppe landete einen Volltreffer mit einer Gewehrgranate in diesem Fenster, und dann begann der Zauber. Wir waren von allen Seiten da, und durch die geschlossenen Fenster hagelte es Handgranaten, es war ein teuflisches Sterben. Ich stopfte noch in Ruhe in jede Mündung der Panzerabwehrkanonen jeweils drei Eierhandgranaten [Bezeichnung für die den heute üblichen Handgranaten ähnelnden Granattypen zur Unterscheidung von den damals noch typischen Stielgranaten; Anm.], die letzte abgezogen, und dann hieß es schnellstens verschwinden, da die Russen bereits an der Bahntrasse der Semmering-Bahn entlang im Wald oberhalb des Bauerngehöftes auftauchten. Ich wies die drei Gruppen an, auf verschiedenen Wegen die Ausgangsstellung oberhalb des Sonnhofes zu erreichen, meine Gruppe leider auf dem Weg über das Hotel. Als ich als letzter das Hotel erreichte, war meine Meldertasche in der Rezeption schon von den Russen konfisziert. Es lag nur mehr eine Panzerfaust da, die nahm ich mit. Eine andere sowjetische Einheit war in der Zwischenzeit durch den Fuchsgraben in den Rücken des Gebirgsjägerzuges, nur mehr einen Kilometer von der Passhöhe entfernt, gelangt. Zwischen Sonnhof und Südbahn-Hotel waren Erdtreppen, die sich im Zick Zack 300 bis 400 Meter ziehen, darunter war ein MG der Russen in einem Gebüsch in Stellung. Ich sah nur, wie meine Leute von der 3. Gruppe versuchten, die Treppen hoch zu stürmen und einer nach dem anderen im Feuer der Russen zusammenbrach. Die meisten hatten Schüsse durch Oberschenkel und Hoden. Ich schoss die Panzerfaust Richtung Gebüsch und es war Ruhe. Die wenigen Gesunden schleppten die Verwundeten nach oben zum Südbahn-Hotel."

Die ersten Angriffe auf die Meierei

Inzwischen war auch ein Bataillon des Gebirgsjägerregiments 136 unter dem Kommando von Hauptmann Rudolf Dickermann aus Wolfsberg kommend am Semmering eingetroffen. In diesem Bataillon war sowohl die Regimentsmusik sowie alles, was sich noch in der Kaserne befunden hatte, eingegliedert. Es verfügte daher nur über eine geringe Kampfkraft. Dennoch versuchte es in schweren, verlustreichen Kämpfen die Sowjetkräfte vom Semmering zurückzuschlagen.

Hauptmann Dickermann erhielt am Kampfgruppengefechtsstand den Befehl, die 1. Kompanie für einen Gegenangriff auf die Südbahn-Meierei abzustellen. Noch in den Abendstunden wurde die 1. Kompanie des Bataillons Dickermann unter Führung von Feldwebel Staufenberger vom Bahnhof aus gegen die Südbahn-Meierei eingesetzt. Der 1. Kompanie war dazu ein zusätzlicher Gebirgsjägerzug (Kommandant Leutnant Wallner) unterstellt. Unterstützt wurde der Angriff durch die Granatwerfer der 5. Kompanie des SS Gebirgsjäger Ausbildungs- und Ersatzbataillons 13.

Nach einem halbstündigen Feuergefecht musste der Kampf abgebrochen werden, und die deutschen Einheiten zogen sich in die Ausgangsstellung zurück. Bei diesem Angriff fielen der Kompanieführer und fünf Mann, 18 Mann wurden verwundet und zwei Melder vermisst.

Um die Gefallenen würdig bestatten zu können, wurde nach Erkundung durch den Ortskommandanten vom Semmering und dem Führer der Panzerjägerkompanie Leutnant Polivka hiezu ein Wiesenhang auf der steirischen Seite der Passhöhe bestimmt und die ersten Gräber durch Angehörige der Panzerjägerkompanie ausgehoben.

Über die Kämpfe am 4. April 1945 berichtete Fahnenjunker Medenwald. Nachdem seine Einheit - eine Inspektion der Kriegsschule Wr. Neustadt - bei den Kämpfen im Bereich der Straßenkreuzung "Weißes Kreuz" und in Aspang aufgerieben worden war, hatte er sich mit einem Kameraden über den Hochwechsel nach Steinhaus am Semmering durchgeschlagen und gehörte nun dem Gebirgsjägerzug unter Leutnant Wallner an. "Um 0100 Uhr Früh erneuter Angriff auf die Südbahn-Meierei, zusammen mit einer zusammengeworfenen Kompanie und Volkssturm. Bei diesem Angriff geht der Verband weitgehend verloren. Zu einer Vierergruppe MG werden wir vorübergehend einer SS-Einheit unterstellt, wobei uns in Höhe des Heereskurlazarettes am Wolfsbergkogel eine Stellung zugewiesen wird. Mit diesen verhältnismäßig schwachen Kräften und ohne schwere Waffen gelang es nicht, diese Gehöftgruppe im ersten Angriff in Besitz zu nehmen." Die 1. Kompanie des SS Gebirgsjäger Ausbildungs- und Ersatzbataillons 13 unter Obersturmführer Berger war aus ihren bisherigen Stellungen an der Passstraße abgezogen worden, um am Morgen nochmals einen Angriff gegen die Südbahn-Meierei durchzuführen und diese freizukämpfen. Der damals siebzehnjährige Roland Schmelz, MG-Schütze 2 einer Gebirgsjägergruppe, schrieb darüber: "Der I. Zug, ich gehörte aufgrund meiner Körpergröße zu diesem Zug, setzte sich durch den Wald in Richtung Meierei in Bewegung. Die anderen Züge folgten nur ein kurzes Stück dahinter. Dann hasteten wir in der Dunkelheit und tiefem Schnee weiter durch den Wald. Unsere Aufgabe war uns erläutert worden: Wir sollten um 0800 Uhr die Meierei angreifen und freikämpfen - unterstützt würden wir durch Granatwerfer. So war es dann auch. Gegen Morgen fingen die Granatwerfer einzeln zu feuern an. Die hörten jedoch pünktlich um 0800 Uhr auf - aber wir waren noch nicht einmal in unserer Ausgangsstellung. Wir kamen durch Verzögerung erst gegen 0930 Uhr am Waldrand gestaffelt in unsere Ausgangsstellung. Es herrschte absolute Ruhe, kein Gegner auszumachen, an keinem Fenster rührte sich auch nur das Geringste.

Aus der Ferne vernahmen wir Gefechtslärm. Die anderen Züge der Kompanie hatten Feindberührung, vermutlich bei der Südbahn-Wäscherei und der von dort zur Meierei führenden Straße. Wir hatten eine Schneise überquert, die von der Meierei einzusehen war, ohne dass ein Schuss gefallen wäre. Das machte alle misstrauisch. Niemand wusste woran man war.

Dann kam der Befehl ‚1. und 3. Gruppe vor, marsch, marsch‘. Wie auf dem Übungsgelände gelernt, rannten wir gestaffelt los. Es galt, freies Gelände, einen Golfplatz [dieser existiert noch heute; Anm.], etwa 200 m, zu überwinden. Es geschah nichts. Als dann die 2. Gruppe auch angerannt kam, öffneten sich die Schleusen und ein Stahlregen ging auf uns nieder. Als erster ist mein Kamerad und MG-Schütze 1 mit seinem MG gefallen. Die Kugel traf ihn zwischen Mund und Nase, Herbert Veit war sofort tot. Ich hatte mich hinter meine MG-Kästen gerotzt [geworfen; Anm.] und nicht mehr gerührt. Der Angriff blieb stecken. Man hörte die Schwerverwundeten rufen und stöhnen. Es wurde weiter hin und her geschossen. Von der zweiten Gruppe hatte das MG den Wald noch nicht verlassen. Dem Mut dieser Besatzung, meine ich, haben wir es zu verdanken, dass der Gegner nicht aus den Häusern kam. Dieses MG hämmerte immer wieder los. [Die heute noch deutlich sichtbaren Einschüsse in der Meierei stammen wahrscheinlich vor allem von diesem MG; Anm.] Auch Gewehrschüsse fielen. Gegen Mittag hörte ich Unterscharführer Wassertheurer, der noch oder wieder hinter den Bäumen war, ‚absetzen‘ rufen.

Dies galt den Männern im Wald. Er musste bemerkt haben, dass ich mich bewegte, denn er rief mich an und riet mir, sobald das MG und die Schützen feuern, um mein Leben zurückzurennen. Es hat geklappt. Dann wurde unter Feuerschutz noch ein schwerverletzter Kamerad hereingeholt. Er hatte Arme und Beine durchschossen und jammerte sehr, er muss grässliche Schmerzen durchgestanden haben, Unterscharführer Wassertheurer befahl auch noch, das beim toten Schützen 1 liegende MG zu holen. Ich habe den Mann beschworen, dies zu unterlassen, um kein Leben wegen einer defekten Waffe zu riskieren. Nun - das MG wurde zurückgeholt ...

Obersturmführer Berger stand über der Schneise hinter einem Baum mit einer Maschinenpistole unter dem Arm. Wir hatten den schwerverletzten Kameraden in einer Zeltplane mitgetragen. Es gab keinen anderen Weg als durch die Schneise, und jetzt wurde geschossen, sowie sich etwas bewegte. Unterscharführer Wassertheurer kam, durch Zurufe von Obersturmführer Berger ermuntert, auf die verrückte Idee, durch Abschnallen und ohne Waffen zu zeigen, dass wir Verwundetenträger seien, dann werde wohl nicht geschossen. Wassertheurer rannte demonstrativ zuerst - und es wurde geschossen, wie es nicht anders zu erwarten war. Wassertheurer wurde durch Bauchschüsse getötet. Er fiel, sich überschlagend, vor Berger an den Rand der Schneise. Berger konnte ihn mit den Händen fassen und zu sich ziehen. Auf meine Veranlassung sind wir nicht gesprungen, obwohl uns Berger aufforderte. Wir blieben mit den verletzten Kameraden hinter einem betonierten Wasserbehälter in Deckung. Ein Kamerad entfernte sich über eine steile Rinne, die mit Schnee bedeckt war, angeblich um Hilfe zu holen. Berger war mittlerweile auch verschwunden. Es fand sich noch ein Kamerad ein, der einen Schuss im Gesäß hatte und getragen werden wollte. Ich bedeutete ihm, nachdem ich mir den Schaden angesehen hatte, sein Weg führe auf dem Bauch aus der Schneise ... er entkam.

Es hatte sich noch ein Unterscharführer eingefunden. Nachdem die übrigen Kameraden sich über die steile Schneerinne in Sicherheit gebracht hatten, wollten der Unterscharführer und ich mit dem verletzten Kameraden die Nacht abwarten. Wir rauchten hinter dem Betonaufwurf eine Zigarette. Da bellte noch einmal eine Waffe auf. Der Unterscharführer war in den Fuß getroffen worden und zwar so scheußlich, dass durch eine Drehbewegung die Ferse vorne und die Zehen hinten waren. Er schleppte sich, immer wieder pausierend und eine breite Blutspur hinterlassend, ebenfalls die steile Schneerinne empor. Oben waren mittlerweile Kameraden der Wehrmacht und nahmen ihn in Empfang. Die Leute hatten einen Schlitten und Seile mitgebracht. So konnte auch der verletzte Kamerad mit Hilfe der Seile über die Rinne gerettet werden. Ich selbst war unversehrt und konnte, die Waffen schleppend, alleine zurückgehen. Als ich spätabends beim Südbahn-Hotel ankam, hatte man mich schon totgesagt".

An den Einsatz des IV. Zuges der 1. Kompanie des SS Gebirgsjäger Ausbildungs- und Ersatzbataillons 13 erinnerte sich Willy Christensen. Am Abend davor gab es einige Stunden Ruhe im Südbahn-Hotel. Dann am Morgen: "Alarm, der Russe ist durchgebrochen!" "Der furchtbare Schrei eines Kameraden, ‚helft mir doch, sie quälen mich so sehr, Hilfe!‘ dann nur mehr ein Schrei - und Stille. Wir marschieren durch den Schnee in Reihe, die Hand am Koppel des Vordermannes, es ist noch dunkel. Im Morgengrauen erreichen wir ein Haus links oberhalb der Meierei. Die Rucksäcke werden hier gelassen.

Einweisung durch den Kompanieführer - Der Russe sitzt in der Meierei, ihr seht sie etwa 400 Meter vor uns. Wir greifen um 0800 Uhr an. Vorher gibt es einen Feuerschlag durch Artillerie und FlAK, Feuerschutz durch sMG. Dann gab es noch etwas Alkoholisches zum Trinken. Keine Verpflegung.

Wir hörten einige Abschüsse, dann der Befehl: ‚Sturmangriff!‘ Unsere Gruppe mit Unterscharführer Tierjung kam bis in eine kleine Senke, da waren wir noch fünf Mann. Heinz Gaiser, Georg Hüter mit dem Scharfschützengewehr, unser MG-Schütze mit einem ungarischen MG. Er hatte einen Schuss durch den Stahlhelm bekommen, die Kugel war innen um den Kopf herumgegangen und hatte nur die Haut geritzt. Er war rothaarig, sein Name ist mir nicht mehr erinnerlich.

Neue Einweisung durch Unterscharführer Tierjung, wir sollten nicht die Meierei, sondern die Südbahn-Wäscherei angreifen. Dann der Unterscharführer: ‚Auf meinen Befehl machen wir einen geschlossenen Sprung zurück!‘ Dabei ist dann Heinz Gaiser gefallen, auf unser Rufen gab er keine Antwort mehr.

Wir sind dann durch den Wald wieder an unseren Ausgangspunkt zurückgekommen, dabei haben wir in einer Zeltplane noch einen Kameraden zurückgetragen, der durch Schüsse in den Rücken und Oberschenkel schwer verwundet war. Er flehte uns immer an, ihn nicht liegen zu lassen. Wir brachten ihn in eine Halle des Südbahn-Hotels. Dort lagen schon 20 Verwundete, unter ihnen auch unser Kompanieführer mit einem Beinschuss."

Die Meierei wird genommen

Nachdem alle bisherigen Angriffe fehlgeschlagen waren, wurden die Adjutanten zum Kampfgruppengefechtsstand befohlen. Der Bataillonsadjutant der SS Gebirgsjäger, Obersturmführer Roesler, schrieb darüber: "Alle Adjutanten standen im Vorraum des Stabes betreten herum. Nach einer Weile war ich an der Reihe. Auf die Frage des Generals [Generalmajor Punzert, ein FlAK-Offizier, dürfte den Oberbefehl über die Kampfgruppe übernommen haben, obwohl Oberstleutnant Lang auch am Gefechtsstand war; Anm.] ‚Warum wurde die Meierei nicht genommen?‘ antwortete ich: ‚Weil wir keine schweren Waffen hatten, haben wir hohe Verluste erlitten, es war nicht zu schaffen!‘ General: ‚Zeigen sie mir die Meierei auf der Karte!‘ Ich konnte die Meierei auf der Karte nicht finden und sagte es dem General. Worauf dieser ganz entrüstet war. Ich ersuchte, ob ich mir den Maßstab der Karte ansehen dürfte, und antwortete dann: ‚Diese Karte hat einen Maßstab von 1:250 000! Wir Infanteristen sind an Karten mit den Maßstäben 1:25 000 und 1:50 000 ausgebildet worden. Auf dieser Karte ist die Meierei gar nicht drauf! Sie befindet sich aber ungefähr hier!‘ Der General zog ein Zigarettenetui hervor und bot mir eine ‚Friedenszigarette‘ an.

Auf die weitere Frage des Generals: ‚Was brauchen Sie, um die Meierei zu nehmen?‘ antwortete ich, eine Langrohr Pak [7,5-cm-PAK 40; Anm.], wir haben eine schöne Schussschneise zur Meierei, und zwei 2-cm-Flak.‘ Diese Waffen wurden sofort genehmigt und gingen noch am selben Tag auf der Lichtensteinstraße in Stellung. Nachdem die Voraussetzungen für das Gelingen des Angriffs, nämlich die Zuführung weiterer schwerer Waffen, zufriedenstellend geregelt war, ging der Bataillonskommandant daran, den Angriff auf die Meierei und Wäscherei planmäßig und mit großer Sorgfalt vorzubereiten. Es gelang ihm noch, von der Gebirgsjäger-Unterführerschule Admont die Zusage zur Unterstellung eines starken Jägerzuges zu erhalten. In einer Besprechung im Gelände wurden Kompanieführer, Zugsführer und die Führer der unterstellten schweren Waffen - PAK, FlAK, Granatwerfer und sMG Züge - genauestens in den Kampfplan eingewiesen. Der Angriff gelang. Der Russe wurde trotz hartnäckigem und verbissenem Widerstand aus den Gehöften und der Wäscherei herausgeworfen. Die Meierei hatte er kampflos geräumt.

Bei der Verfolgung des Feindes in Richtung Breitenstein gingen während der weiteren Kampfhandlungen das Sonnhof-Hotel und der Pertl-Hof in Flammen auf und brannten völlig nieder. Während dieser heftigen Kämpfe Mann gegen Mann entstanden auf beiden Seiten hohe Verluste." Dazu der damals 16-jährige SS Gebirgsjäger Horst Kaudelka: "Unser Zugsführer Oberscharführer Plateta fiel gleich beim ersten Angriff. Mir ging das sehr nahe. Er war ein guter Mensch. Wir jungen Dachse, alle waren bis auf die Unterführer nicht älter als 16, 17 Jahre, taten ihm offensichtlich leid. Bei diesem Angriff fiel auch mein Kamerad Mucha. Er lag vor einem kleinen Gehöft unterhalb des Sonnhof-Hotels. Ich kam etwa 50 m hinter der ersten Welle hergetrabt, weil ich noch meinen Schießbecher [siehe Foto auf Seite 413] vom Karabiner schrauben musste. Das klappte nicht so schnell. Diesem Umstand verdanke ich wahrscheinlich mein Leben, denn neben Mucha lagen noch mindestens drei weitere Kameraden. In der Scheune gegenüber dem Wohnhaus waren noch einige Kameraden, die anderen waren schon weiter talabwärts gelaufen. Im Wohnhaus waren noch die Russen. Ein Unterführer erteilte mir und zwei weiteren Kameraden den Befehl, das Wohnhaus von den Russen zu säubern und lief dann talwärts. Einer der Kameraden fiel aus, weil er einen Handdurchschuss bekam. Ich sprang unter Feuerschutz meines verbliebenen Kameraden in den Hauseingang und warf eine Handgranate in das obere Stiegenhaus. Nach der Explosion hörte ich russische Rufe und dann nichts mehr. Die Russen waren aus dem hinteren Fenster gesprungen und auf und davon.

Ein oder zwei Tage nach dem Angriff, den von unserer 120 Mann starken Kompanie nur 35 Mann ohne Schaden überstanden hatten, mussten wir Überlebenden unsere gefallenen Kameraden auflesen. Das war für uns Jungen ein fürchterlicher Schock, psychologisch von unserer Führung auch sehr ungeschickt. Wir waren die nächsten Tage auch zu nichts zu gebrauchen.

Bei der Einsammelaktion fanden wir auch Oberscharführer Krämer, er lag völlig verkohlt im Straßengraben neben dem abgebrannten Pertl-Hof."

Ständig in Gefahr: die Zivilbevölkerung

Die Pertl-Bäuerin, die mit ihrer Familie während dieser Kämpfe am Hof geblieben war, erinnerte sich noch: "Es war am Dienstag nach Ostern, der 3. April 1945. Ich bin schon früh aufgestanden, um Brot zu backen. Es war gegen 0500 Uhr, als die Russen, spielend wie bei einem Umzug, durch unser Tal hereinkamen. Über mein frisches Brot fielen sie gleich her. Meinen Mann fragten sie nach dem Weg, wie man in die Steiermark nach Spital am Semmering kommt. Dabei zeigten sie ihm eine Landkarte, die noch aus der Monarchie stammte. Plötzlich setzte starkes MG-Feuer ein. Wir liefen sofort in den Mostkeller. Gott sei Dank war dieser in den Berg hineingebaut und mit einem Luftschacht ausgestattet, denn sonst hätten wir die nächsten Tage nicht überlebt. Die nächsten Tage verbrachten wir nur im Keller, bis eines Tages das Schießen immer lauter wurde und unser Hof zu brennen anfing. Als wir nach vier Tagen, es herrschte überall Stille, den Keller verließen, sahen wir, dass unser Hof bis auf die Grundmauern, samt den Tieren, bis auf eine Kuh, die sich losgerissen hatte, abgebrannt war. Russen waren keine mehr da. In der Umgebung unseres Hofes lagen etwa 50 gefallene Russen und eine Menge toter Pferde. Im Obstgarten standen drei gesprengte Geschütze." Frau Fuchs, die Besitzerin des kleinen Gehöftes unterhalb des Sonnhofes, erzählte: "Wir waren nicht evakuiert worden. Die Kämpfe in unserem Tal waren furchtbar, um jedes Haus wurde erbittert gekämpft, während wir und die meisten unserer Nachbarn hilflos in den Kellern saßen. Beim Kampf um unseren kleinen Hof sind zehn russische und sechs deutsche Soldaten gefallen, sie lagen im Hof und im Obstgarten." Nach Beendigung dieser Kämpfe wurde auch ein Gebirgsjäger der Admonter Unterführerschule befreit, welcher unter Untersturmführer Oswald am Angriff auf den Pertl-Hof teilgenommen hatte. Beim Rückzug vor den Russen war er am Wolfsbergkogel in die Petschek-Villa geflohen und hatte sich dort versteckt. Oberjäger Josef Schneider über seine furchtbaren Tage: "Unser Überraschungsangriff war gelungen, aber beim Rückzug hatten wir Verluste. Der Russe war bereits am Wolfsbergkogel in unseren Rücken gelangt. Mein Freund Fritz Schreiner erlitt vor der Petschek-Villa einen Brustdurchschuss. Er rief mich aus dem Hausinnern an. Als ich in den Flur lief, schlug eine russische MG-Garbe ober mir ins Haus ein. Im Haus befanden sich noch drei Frauen, welche große Angst vor den Russen hatten. Kurz darauf hörten wir bereits russische Stimmen um das Haus. Ich konnte gerade noch in einem Kellerabteil verschwinden, als die Russen schon im Haus waren. Mein verwundeter Freund war mit den drei Frauen allein im Raum. Ich hörte, wie er den Russen erklärte, dass er Österreicher sei, worauf sie sich zufrieden gaben und weiterzogen. In meinem Versteck hatte ich nur eine Handgranate bei mir, die ich abzugsbereit in der Hand hielt. Als es einige Zeit ruhig war, kroch ich aus meinem Versteck."

Das Ziel: sich Gedanken machen

Soweit die Augenzeugenberichte von damals. Sie zeugen von enormen militärischen Leistungen, aber auch von Fehlentscheidungen und Fehlverhalten. Wer sich heute - etwa im Zuge einer Kaderfortbildung - über die letzten Kämpfe am Semmering vor Ort informieren möchte, benötigt dazu wenigstens einen Tag. Danach hat er eine grobe Vorstellung davon, was in den letzten Kriegstagen am Semmering geschehen ist - vor allem aber wie und unter welchen Bedingungen. Je mehr Menschen auf dieses ernste Kapitel der Zeitgeschichte zurückblicken und sich darüber Gedanken machen, umso besser - wer weiß, wie lange davon noch die Spuren zu sehen sind.

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Die Kämpfe am Semmering waren kaum bekannt

Prof. Dr. Alexander Orlov (Militärgeschichtliches Institut Moskau), Mitglied des Komitees der russischen Kriegsveteranen und Träger der Medaille zur Erinnerung an die Einnahme Wiens, erinnerte sich im Mai 2003 für TRUPPENDIENST:

"Damals war ich 20 Jahre alt, Oberleutnant und Stabschef (S 3; Anm.) des I. Bataillons der 9. Panzerbrigade des I. Garde mechKorps unter Generalleutnant Iwan Rusjanow. Wir waren somit ein Teil der 3. Ukrainischen Front.

Ganz im Sinne der sowjetischen Strategie, so schnell wie möglich die Städte einzunehmen, und damit den Krieg zu einem möglichst raschen Ende zu bringen, hatten wir am 13. April Wien eingenommen. Während unseres Vorgehens aus dem ungarischen Raum war mein Bataillon von der ungarischen Bevölkerung feindlich, von der österreichischen hingegen durchwegs freundlich empfangen worden. Nun sollte der Vormarsch in die Steiermark - Richtung Graz - weitergehen.

Wir verfügten über brauchbares Kartenmaterial und wussten während unseres Vorgehens auch ziemlich genau, welche Verbände uns gegenüber standen. Unser Regiment, ausgestattet mit insgesamt 56 amerikanischen Kampfpanzern vom Typ "Sherman" in sowjetischer Gliederung, befand sich bei Kriegsende im Raum Ternitz (also am Fuße des Semmering; Anm.).

Schwere Kämpfe am Semmering? Vom Semmering haben wir überhaupt nichts gewusst!" _________________________________ _________________________________ Für TRUPPENDIENST bearbeiteter Auszug aus dem Buch Die letzten Kämpfe des Zweiten Weltkrieges um das Semmeringgebiet (278 Seiten, Eigenverlag Prof. Friedrich Brettner, Gloggnitz).

Autor: Prof. Friedrich Brettner, Jahrgang 1935. Gelernter Elektroinstallateur, 1955 Eintritt in die Österreichische Bundesgendarmerie, Exekutivdienst, später u. a. Ausbilder für Diensthundeführer und Sachverständiger für das Diensthundewesen. Er erlebte die Endkämpfe des Zweiten Weltkrieges in seiner unmittelbaren Heimat. Verfasser zahlreicher Werke, vor allem über die Kämpfe gegen Kriegsende in Österreich (Semmeringgebiet, südliches Niederösterreich, Pinka - Lafnitz - Hochwechsel, Steinfeld - Wienerwald - Tullnerfeld - Traisen, ...). Dank seiner detaillieren Forschungen konnten u. a. etwa hundert Gefallene identifiziert werden. Seit 1990 Leiter des Museums für Zeitgeschichte. 1995 Eintritt in den Ruhestand, als Historiker allerdings weiter in vollem Umfange tätig. 2001 Verleihung des Berufstitels Professor durch den Bundespräsidenten.

Das Museum für Zeitgeschichte in der Renner Villa (A-2640 Gloggnitz, Rennergasse 2, Tel. 02662/42498, Infotelefon: 02662/42498) bietet in einer Dauerausstellung genaue Informationen über die letzten Kämpfe im Semmeringgebiet. Führungen bzw. Besichtigungen z. B. im Zuge der Kaderfortbildung sind nach Voranmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten (1. April bis 31. Oktober: Freitag, Samstag, Sonn- und Feiertag 9 - 17 Uhr) möglich.

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