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Volltreffer überleben!

Die Reaktivpanzerung und ihre Entwicklung

Viele moderne Kampfpanzer verfügen - zusätzlich zu ihrer Grundpanzerung - über Reaktivpanzerungen. Diese schützen die Besatzungen und steigern die Überlebensfähigkeit der Kampffahrzeuge bei Beschuss mit Hohlladungen und Hartmetall-Penetratoren. Die Reaktivpanzerungen bewirken somit eine Kampfwertsteigerung des "Systems Kampfpanzer" und dessen Fortbestand auf dem Gefechtsfeld. Auch ältere Panzermodelle sind mit Reaktivpanzerungen kostengünstig nachrüstbar.

Das "System Kampfpanzer" vereinigt Beweglichkeit, Feuerkraft und Selbstschutz - und dies seit 90 Jahren. Das macht die Panzer zu einer idealen Hauptangriffswaffe, aber auch zum Träger einer beweglichen Verteidigung. Die Panzer müssen fähig sein, "kräftig auszuteilen", aber auch "einiges einzustecken".

Das Trommelfeuer der Artillerie und die Geschossgarben der Maschinengewehre hatten 1916 in Flandern Kavallerie- und Infanterieangriffe vor den durch Stacheldraht geschützten Gräben zum Erliegen gebracht. Erst die Panzer (Tanks) bewirkten den Übergang vom Stellungskrieg zum mechanisierten, mobilen Krieg des 20. Jahrhunderts. Sie prägten mit ihren weitreichenden Schnellfeuerkanonen, ihrer Geländegängigkeit, Geschwindigkeit und ihrer immer stärker werdenden Panzerung auch die Taktik und Strategie im Zweiten Weltkrieg.

Hand in Hand mit der Entwicklung der Panzer ging auch die Entwicklung der Panzerabwehr: Gegen Ende des Ersten Weltkrieges entstanden Tankgewehre mit panzerbrechender Munition und im Zweiten Weltkrieg weitreichende Schnellfeuerkanonen mit hoher Mündungsgeschwindigkeit sowie Hohlladungen, die aus vorhandenen Artilleriewaffen oder mittels eigens dafür entwickelter rückstoßfreier Systeme verschossen wurden. Danach dienten deutlich leistungsfähigere Hohlladungs-Lenkwaffen und Hohlladungs-Artilleriegeschosse der systematischen Panzerabwehr.

Die Hohlladungen gaben dem einfachen Infanteristen eine Überlebenschance bei Panzerangriffen. Mit dem (zu) späten flächendeckenden Aufkommen von Hohlladungswaffen für die Infanterie schien sich zwischen Panzer und Panzerabwehr ein Gleichgewicht einzustellen. Dabei ging es keineswegs nur um Abschusszahlen, sondern um generelle Änderungen der Taktik: Die Panzer vermieden nun das Durchfahren und "Niederwalzen" von Infanteriestellungen, weil sie nun durch die Waffen der Infanteristen "verwundbar" waren.

Die Panzerungen wurden deshalb stärker und ausgereifter (Dicke, Härtung, Plattenneigung, …), und bald konnten die Panzer - vernachlässigt man den Verlust der Beweglichkeit durch Panzerminen ("Mobility Kill") - nur noch von oben durchschlagen werden. Als Panzerstahl (Rolled Homogenous Armour - RHA) dienten nun hochlegierte, nichtrostende gehärtete Chrom-Nickel-Stähle. Deren Härte - außen über 700, innen 400 bis 500 Brinell (Maß für die spezifische Härte, Hartholz hat z. B. ca. 40 Brinell) - bewirkt manchmal die Selbstzerlegung auftreffender Geschosse.

Danach gewannen Hochleistungskanonen wieder die Oberhand, die Wuchtgeschosse mit Hartmetallkernen als Penetratoren und leistungsgesteigerte Hohlladungsgeschosse verschossen. Penetratoren ("Pfeilmunition", "KE-Geschosse"; KE steht für Kinetische Energie bzw. Kinetic Energy) sind unterkalibrige Wuchtgeschosse aus wolfram- oder uranangereichertem Metall, die mit einer Mündungsgeschwindigkeit von mehr als 1 500 m/s verschossen werden. Ihr Durchmesser liegt zwischen ca.18 und 40 Millimetern, ihre Länge beim Fünfzehn- bis Zwanzigfachen des Durchmessers.

Doch auch die typischen Infanterie-Hohlladungswaffen der Nachkriegszeit - z. B. die Einmann-Einwegwaffen PAR 67 (Panzerabwehrrohr 67), PAR 70 bzw. LAW (Light Antitank Weapon), die nachladbaren RPG (Rutschnoi Protiwotankowy Granatomjot) 1 bis 7 sowie die Zwei-Mann-Panzerabwehrwaffe PAR 66 "Carl Gustaf" - wiesen wesentlich höhere Durchschlagsleistungen auf als die Kriegsmodelle. Darüber hinaus verminderten lenkwaffenbestückte Kampfhubschrauber die Überlegenheit und Überlebensfähigkeit der Panzer auf dem Schlachtfeld. Neuartige, leichte (Zusatz)Panzerungen waren daher gefragt.

1967 wurde durch Zufall ein Phänomen entdeckt, das die Grundlage jeder Reaktivpanzerung bildet (detaillierte Beschreibung dieses Phänomens und der Reaktivpanzerung siehe Folgekapitel). Diese revolutionierte letztlich den Panzerbau und führte zu einer Renaissance der Kampfpanzer.

Doch auch gegen die Reaktivpanzerung fand sich bald ein Gegenmittel: die Tandem-Hohlladung (auch Doppelhohlladung - DHL). Mit dieser ist allerdings erst ein Bruchteil der weltweit verfügbaren Hohlladungswaffen ausgestattet.

In zukünftigen Konflikten ergeben sich nun - bezogen auf Panzer und Panzerabwehr - vor allem folgende Szenarien, die der eigene Kampfpanzer nach Möglichkeit "überleben" soll:

  • Infanteriewaffen gegen Panzer,
  • Panzer gegen Panzer und
  • (bemannte oder unbemannte) Luftfahrzeuge gegen Panzer,
all das ergänzt durch Flieger- und Lenkwaffenabwehr.

Panzer und Panzerabwehr - eine Kurzchronik

1905: Das Austro-Daimler Panzerautomobil (Österreich-Ungarn) mit leichter Panzerung, Vierradantrieb und Maschinengewehrdrehturm ist einsatzbereit.

1911: Oberleutnant Gunther Burstyn (Österreich-Ungarn) erhält ein Patent für ein "Motorgeschütz", das im Aufbau grob den späteren Kampfpanzern entspricht (aber nie gebaut wurde).

1916: Die von H. G. Wilson entwickelten britischen turmlosen Gleisketten-Panzer ("Tanks") kommen erstmals zum Einsatz (15. September bei Delville, Frankreich). Ihre Panzerung bestand aus 12 bis 22 mm dicken, flachen, genieteten Platten aus gewöhnlichem Stahl (Kesselstahl) zum Schutz vor Infanteriegeschossen und Splittern.

1918: Mauser entwickelt ein 13-mm-Tankgewehr mit panzerbrechender Munition.

1929: Die Panzermine TMi 29 (Deutschland) kann die Gleisketten jedes zeitgenössischen Panzers zerstören und diesen bewegungsunfähig machen.

1931: Mit dem Kampfpanzer Char D 1 (Frankreich) erhält erstmals ein Panzer einen Turm aus Gussstahl.

ca. 1935: Panzer werden erstmals serienmäßig mit verschweißten Platten gepanzert (Deutschland und Sowjetunion).

1935/36: Rheinmetall Borsig baut eine 37-mm-Panzerabwehrkanone (PAK), diese bleibt bis ca. 1940 die Standard-Panzerabwehrwaffe der Wehrmacht.

1939: Bei Kriegsbeginn liegt die Stärke der Panzerung allgemein bei 30 bis 40 mm, das entspricht etwa dem Kaliber der Hauptwaffe der Panzer.

1940/41: Der Kampfpanzer T-34/76 (Sowjetunion) mit geschweißten, gerundeten und stark geneigten Panzerplatten sowie mit einer 76-mm-Hochleistungskanone kommt zum Einsatz, ebenso die 75-mm-PAK 40 (Deutschland).

1943: Hohlladungswaffen für Infanteristen kommen in größeren Stückzahlen zum Einsatz, vor allem die "Bazooka" (USA) sowie der "Panzerschreck" und die Einwegwaffe "Panzerfaust" (beide Deutschland).

1944: Der Kampfpanzer "Tiger" II (Deutschland) verfügt über eine Panzerung von 150 bis 185 mm.

1970: Dr. Manfred Held erhält ein Patent für die Reaktivpanzerung (Explosive Reaction Armor - ERA) als Zusatzpanzerung.

1971: Die Kampfpanzer T-64 und T-72 aus Stahlguss (Sowjetunion und andere Länder) erhalten Kompositpanzerungen.

1972: Der Kampfpanzer "Leopard" (Deutschland) wird mit einer Schottenpanzerung gefertigt.

1974: Die Schutzwirkung der Reaktivpanzerung wird in Israel praktisch vorgeführt.

1982: Die Kampfpanzer "Chieftain" und "Challenger" (Großbritannien) erhalten Chobham Kompositpanzerungen, im Libanonkrieg eingesetzte "Centurion", M-60 und M-48 Panzer erhalten explosive Reaktivpanzerungen.

ca. 1985: Die Großserienfertigung sowjetischer Panzer mit selbst entwickelten Reaktivpanzerungen läuft an.

1991: Bei "Desert Storm" kommen M-60 mit Reaktivpanzerung (USA) zum Einsatz.

Schutzmöglichkeiten

Panzer sind als Angriffswaffen aber auch als Waffen zur Verteidigung gegen gegnerische Angriffe durch Feuer, Bewegung und Schutz charakterisiert. Sie verfügen über weitreichende, auch während der Bewegung einsetzbare Schnellfeuerkanonen und sind schnell, geländegängig, steig- und watfähig. Der Selbstschutz bzw. die Überlebensfähigkeit der Panzer hängt aber von den Möglichkeiten ab, gegnerische Treffer gering zu halten, zu verhindern oder deren Wirkung zu vermindern. Dazu bieten sich grundsätzlich mehrere Maßnahmen an.

Eine davon ist die Reduktion der optischen, thermischen, akustischen und elektronischen Signaturen. Der Panzer wird also vor dem Gegner verborgen bzw. baulich kleiner/niedriger. Auch die Trennung von Mannschaft, Munition und Treibstoff (Diesel) durch Schotten schützt. Moderne Schotten, spezielle Innenauskleidungen (Spall Liner), Kompositpanzerungen (Schichtpanzerungen aus verschiedenen Materialien) und Reaktivpanzerungen vermindern die Wirkung von Explosiv- und Wuchtgeschossen, helfen aber auch (zumindest bedingt) gegen die Schockwelle der Explosion, Brand- und Abplatzeffekte (Absplitterungen im Inneren, obwohl die Panzerung nicht durchschlagen wird) sowie gegen das Reißen von Schweißnähten.

Die Reaktivpanzerungen bestehen aus kleinen, auswechselbaren Modulen. Diese ähneln Ziegeln oder Briketts und reagieren bei Geschosstreffern durch Explosion oder mit extremer Formveränderung. Das bringt den Hartmetallkern oder den Hohlladungsstrahl des Panzerabwehrgeschosses aus der Richtung bzw. stört, teilt oder verbreitert den eindringenden Hohlladungsstrahl. Diesem steht dadurch "punktförmig" weniger Energie zum Durchdringen der Grundpanzerung zur Verfügung. Der Schaden am Panzerfahrzeug ist deshalb zumindest geringer und die Überlebenswahrscheinlichkeit der Besatzung höher.

Die Erfindung der Reaktivpanzerung

Nach dem Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten testete 1967/68 der deutsche Physiker Dr. Manfred Held (siehe Kasten) auf dem "Panzerfriedhof" auf der Sinai-Halbinsel Panzerabwehrhohlladungen an abgeschossenen ägyptischen (russischen) T-54 und T-55 Kampfpanzern. Dabei erwartete Held glatte Durchschläge der Panzertürme (Eindringen durch eine Panzerplatte, Durchqueren des Turminnenraumes und Austritt durch die gegenüberliegende Platte; Anm.). Diese Durchschläge erfolgten jedoch nicht in allen Fällen - vor allem nicht dann, wenn Hohlladungsstrahlen im Panzer vorhandene Munition zur Explosion brachten. Obwohl so mehr Sprengstoff explodierte, gab es dann keine Durchschläge! Aber weshalb?

Die Stachel bzw. Strahlen der Hohlladungen waren durch die Panzerung in den Turm eingedrungen und hatten dort die Munition zur Explosion gebracht. Diese Sekundärexplosion hatte die Hohlladungsstrahlen bzw. die Stachel dermaßen beeinflusst, dass sie die Gegenseite des Turmes nicht mehr erreichten, zumindest aber nicht mehr durchschlugen. Held erkannte dabei folgendes: Eine auf die Explosion bzw. den Aufschlag erfolgende "Gegenexplosion" kann, wenn man sie beherrscht, einen positiven Effekt erzeugen und somit dem Durchschlag der Panzerung entgegenwirken.

1970 erhielt Dr. Held das Patent für die explosive Reaktivpanzerung. Diese verhindert durch eine vorausberechnete und somit kontrollierte Explosion, die gegen den sich entwickelnden Hohlladungsstrahl bzw. gegen das auftreffende Wuchtgeschoss wirkt, das Durchschlagen der Hauptpanzerung.

Prof. Dr. Manfred Held:

Manfred Held wurde am 28. September 1933 in Ingolstadt geboren und studierte nach dem Abitur an der Technischen Universität in München. Nach dem Doktorat in Physik 1959 trat Held in die (heutige) European Aeronautic and Defense Systems (EADS) ein und arbeitete im Standort Schrobenhausen, damals geleitet von Ludwig Bölkow und dem Österreicher Franz Thomanek. Held leitete dort über Jahre die Forschungsabteilung und ist maßgeblich für die bis heute führende Rolle der Firma Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) im Bereich Verteidigungswaffen verantwortlich. 1991 übernahm Held die Professur für Endballistik an der Bundeswehr-Universität in München. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als Konsulent und Forscher für die EADS.

Prof. Dr. Held wird von seinen Mitarbeitern hoch geschätzt. Er ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Militärtechnik und der Endballistik. Sein Wissen, sein Ideenreichtum und sein Arbeitsgeist führten zu mehr als 350 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, zu einer Unzahl von Erfindungen und zu mehr als 130 Patenten auf dem Wehrsektor.

Die Arten der Reaktivpanzerung

Die Reaktivpanzerung ist stets eine Zusatzpanzerung, die bei Auftreffen eines Geschosses dessen Wirkung auf das Fahrzeug reduziert. Panzerabwehrgeschosse - egal welcher Art - sollen grundsätzlich hinter der Panzerung wirken, indem sie die Besatzung verletzen oder töten (v. a. durch Treffer an der Wannenfront, der Wannenseite oder Turmtreffer), den Panzer in seiner Mobilität einschränken (v. a. durch Treffer am Wannenheck, der Wannenseite und am Laufwerk) oder ihn durch die Beschädigung der Kanone und deren Richtmittel kampfunfähig machen (v. a. durch Turmtreffer). Das soll die Reaktivpanzerung verhindern.

Eine Reaktivpanzerung kann faktisch nur durch einen Folgetreffer an der gleichen Stelle bezwungen werden, das heißt in der Praxis nur durch Tandemhohlladungen wie etwa durch jene der Panzerabwehrlenkwaffensysteme "Milan" 2T, HOT 2T und deren Folgemodelle.

Es gibt explosive und nichtexplosive Reaktivpanzerungen.

Explosive Reaktivpanzerung:

Jedes Modul (Ziegel bzw. Brikett) der explosiven Reaktivpanzerung (Explosive Reaction Armor - ERA) besteht aus zwei Panzerstahlplatten, zwischen denen sich eine üblicherweise gleichmäßige Schicht eines hochexplosiven Sprengstoffes befindet. Der Aufbau "Metallplatte-Sprengstoff-Metallplatte" ähnelt dem eines Sandwiches. Deshalb wird diese Art der Zusatzpanzerung oft auch "ERA-Sandwich" genannt. Die Module haben keine Zünder, ihre Auslösung erfolgt durch Detonationsübertragung.

Explodiert das Panzerabwehrgeschoss an der äußeren Platte des "Sandwiches", explodiert auch der Sprengstoff zwischen den Platten und treibt diese gegen den Penetrator oder gegen den Stachel der Hohlladung. Dieser wird dadurch abgelenkt/abgebrochen, beziehungsweise Partikel davon in Drehung versetzt. All das verlängert den Eindringweg, verbraucht Energie und bewirkt einen Masse- sowie einen Geschwindigkeitsverlust. Die verbleibende effektive Eindringtiefe des Geschosses bzw. von dessen Resten reicht zur Durchdringung der Panzerung nicht mehr aus.

Bei einigen Modellen explosiver Reaktivpanzerungen sind die Metallplatten sehr dünn und die Sprengstoffschicht asymmetrisch. Von diesen Modellen können mehr Module auf das Schutzobjekt montiert werden. Die asymmetrische Sprengstoffanordnung gibt der oberen Metallplatte bei der Explosion ein zusätzliches Drehmoment, das sich auf das auftreffende Geschoss überträgt und dieses stärker ablenkt.

Die Abwehrleistung der explosiven Reaktivpanzerung hängt von der Dicke des Moduls, der Energiedichte des Sprengstoffes sowie von der Qualität und der Stärke der beiden Panzerplatten ab.

Die Module werden als Zusatzpanzerung an den durch Treffer statistisch meistgefährdeten Stellen eines Panzers angebracht, und zwar

  • an der Wannenfront,
  • an der Kanonenblende sowie
  • an den Turmseiten.

Grundvoraussetzung der Verwendung einer explosiven Zusatzpanzerung ist aber eine genügend starke Eigenpanzerung dieser Stellen, weil bei Treffern die vereinte Energie des Geschosses und der Zusatzpanzerung auf die Grundpanzerung wirkt. Die Außenplatte der Zusatzpanzerung muss eine Mindeststärke aufweisen und der Sprengstoff relativ träge und unempfindlich gegen Maschinengewehr- und Maschinenkanonenbeschuss sein. (Würde der Sprengstoff dabei explodieren, wäre die Zusatzpanzerung mittels Maschinenkanonenbeschuss "abräumbar".) Auch ältere Panzer können demnach mit explosiven Reaktivpanzerungsmodulen nachgerüstet werden, nicht aber schwach gepanzerte Fahrzeuge. Nachteilig dabei ist die Vergrößerung des Volumens und damit der Signatur des Panzers, weil die Module einen bestimmten Abstand zur Grundpanzerung brauchen. Darüber hinaus gefährden bei Treffern herumfliegende Deckplattenfragmente die begleitende Infanterie zusätzlich.

Doch nicht alle Reaktivpanzerungssysteme sind nachrüstbar. Der russische T-80U verfügt serienmäßig als Schutz vor Hartmetall-Penetratoren über ein Reaktivpanzerungssystem, dessen Plattenstärke zwischen dem halben und dem vollen Kaliber moderner Penetratoren liegt, also zwischen neun und vierzig (!) Millimetern. Die Module dieses Systems können auch leistungsfähige Hohlladungen unschädlich machen, das System muss aber aus Gewichtsgründen bereits bei der Konstruktion des Panzers berücksichtigt werden und ist somit für eine Nachrüstung älterer Panzer ungeeignet.

Nichtexplosive Reaktivpanzerung:

Die nichtexplosive bzw. nichtenergetische Reaktivpanzerung (Non Explosive Reactive Armor - NERA) besteht aus Modulen, die optisch und konstruktiv jenen der explosiven Reaktivpanzerung ähneln. Die Module haben aber anstelle des Sprengstoffes eine inerte (nichtexplosive) Füllung, die einen Teil der auftretenden Geschossenergie aufnimmt und durch den dabei entstehenden hohen Innendruck im Modul die Ausbeulung der oberen Metallplatte des "Sandwiches" bewirkt. Diese behindert nun das Geschoss im Auftreffbereich bzw. lenkt es ab.

Zu den Hauptvorteilen der nichtexplosiven Reaktivpanzerung zählen, dass damit auch leichter gepanzerte Fahrzeuge wie Schützen- und Aufklärungspanzer nachgerüstet werden können und begleitende Infanteristen nicht durch systembedingte Sekundärexplosionen gefährdet werden.

Vor- und Nachteile

Vorteile:

  • Explosive und nichtexplosive Reaktivpanzerungen erhöhen deutlich den Schutzfaktor: Penetratoren benötigen zum Durchschlag (mindestens) eine effektive Eindringtiefe von 145 Prozent der Dicke der Grundpanzerung, Hohlladungen sogar von 200 Prozent.
  • Explosive und nichtexplosive Reaktivpanzerungen bieten sicheren Schutz vor gängigen Ein-Mann-Panzerabwehrwaffen der Infanterie (Israel verlor im Krieg von 1982 keinen einzigen Panzer mit Reaktivpanzerung durch RPG 7-Treffer).
  • Der Schaden an der Grundpanzerung bei Aktivierung der explosiven Reaktivpanzerung ist minimal.
  • Die einzelnen Module (Ziegel) sind chemisch und mechanisch voneinander isoliert, das verhindert die Detonationsübertragung von Modul zu Modul. Es kommt bei Treffern zu keiner Gesamtauslösung. Verbrauchte Module sind stückweise ersetzbar.
  • Gewehr-, Maschinengewehr-, Maschinenkanonenbeschuss und Handgranatensplitter lösen die Module nicht aus. Der Aufbau des Systems (kein Zünder) verhindert auch die unbeabsichtigte Auslösung durch Schweißarbeiten oder starke Stöße (z. B. bei Geländefahrten oder Verkehrsunfällen).
  • Reaktivpanzerungen behindern weder die Mobilität noch die Operationsfähigkeit der Panzer.
  • Explosive und nichtexplosive Reaktivpanzerungen eignen sich aufgrund ihrer Einfachheit auch zur kostengünstigen, ökonomischen Nachrüstung älterer Panzertypen.

Nachteile:

  • Die Signatur (Volumen) des Panzers wird größer.
  • Das System macht den Panzer um ca. eineinhalb bis drei Tonnen schwerer.
  • Die Sekundärexplosion explosiver Reaktivpanzerungen gefährdet begleitende Infanterie, deren Transport muss daher unter Panzerschutz (Schützenpanzer, Mannschaftstransportpanzer) erfolgen.
  • Manche Panzersoldaten hegen gegen das "schuppentierartige" Aussehen der Panzer mit Reaktivpanzerung Aversionen, die die Einsatzmotivation beeinflussen könnten.

Versuchs- und Parallelentwicklungen

Elektrische Reaktivpanzerung:

Die elektrische Reaktivpanzerung ist eine Zusatzpanzerung aus Modulen mit jeweils zwei oder mehr elektrisch leitenden Platten, die durch Hohlräume oder Isolatoren getrennt sind und dadurch als Hochleistungskondensatoren (Hochleistungskapazitoren) wirken. Kondensatoren können elektrische Ladungen (Energie) speichern, in Sekundenbruchteilen abgeben und so Stromstöße erzeugen. Unmittelbar vor dem Einsatz werden die Kondensatoren durch eine Energiequelle aufgeladen. Trifft ein Penetrator oder Hohlladungsstrahl die Platten, schließt dieser gleichsam den Kondensator kurz. Dabei entsteht ein kurzer, heftiger Stromstoß, der den Penetrator oder Hohlladungsstrahl zerstören bzw. ablenken oder verbreitern soll. Die Funktion des Systems ist allerdings noch unsicher und von einer Großserienfertigung weit entfernt.

Nachteilig sind dabei vor allem die Probleme der elektrischen Isolation innerhalb des Systems unter Einsatzbedingungen, der Isolation des Systems zum Fahrzeug sowie der Energiequelle (Fahrzeugbatterien reichen dafür mit Sicherheit nicht aus).

Aktives Abwehrsystem "Arena":

Das aktive Abwehrsystem "Arena" wurde in Russland entwickelt und an einigen T-80U installiert. Es ist ein 360-Grad-System, bestehend aus einem Gürtel von Abschussvorrichtungen für kleine Raketen mit hoher Splitterwirkung. Die sektorweise mittels Radar ausgelösten kleinen Raketen sollen gegnerische Panzerabwehrgeschosse bereits im Anflug zerstören. Letztere fliegen dabei vor dem Auftreffen auf den Panzer in einen vernichtenden "Splitterregen".

Das System ist zwar deutlich leichter als die vorher beschriebenen, allerdings vergrößert der (ungeschützte) Radarschirm die Signatur des Fahrzeuges und der "Splitterregen" ist eine große Gefahr für begleitende Infanterie. Darüber hinaus eignet sich das System höchstwahrscheinlich nicht gegen moderne, mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit ankommende Penetratoren.

Gegenmittel Tandemhohlladung

Das Funktionsprinzip der Tandemhohlladung (Doppelhohlladung) ist es, mittels einer kleinen, der Hauptladung vorgeschalteten Hohlladung die reaktive Zusatzpanzerung vorzeitig auszulösen, und so die dahinter liegende Grundpanzerung freizulegen. Dadurch kann die nachfolgende Hauptladung ihren Hohlladungsstachel unbehindert entwickeln und die Grundpanzerung durchdringen. Die so genannte Vorladung kommt entweder mechanisch auf einem (ausfahrbaren) Abstandshalter zum Einsatz (z. B. bei der 115-mm-"Milan" 2T) oder wird optronisch durch einen Abstandssensor ausgelöst (z. B. bei der HOT 2T; siehe Grafik). Die Zündung der Vorladung erfolgt beim Berühren der Deckplatte der Zusatzpanzerung. Um die Einwirkung auf die Hauptladung des Gefechtskopfes zu vermindern, sind die Hauptachsen der beiden Hohlladungen gegeneinander versetzt und die Hauptladung zeitlich verzögert.

Auf einen Blick

Reaktivpanzerungen werden zusätzlich zur Grundpanzerung angebracht. Sie kommen im Panzerbau seit ca. 20 Jahren serienmäßig zum Einsatz und bringen Penetratoren oder Hohlladungsstrahlen aus der Richtung bzw. stören deren Eindringen in die Grundpanzerung bzw. verhindern deren Durchdringen. Der Panzer und dessen Besatzung können somit auch Treffer moderner Hohlladungen und Penetratorentreffer überleben. Auch ältere Panzermodelle sind mit Reaktivpanzerungen relativ einfach nachrüstbar.

Die Wirkung der Reaktivpanzerung - eine beträchtliche Kampfwertsteigerung des "Systems Kampfpanzer" - kann faktisch nur durch einen Folgetreffer an der gleichen Stelle neutralisiert werden, in der Praxis durch Tandemhohlladungen, mit denen aber nur ein kleiner Teil der weltweit verfügbaren Hohlladungswaffen ausgestattet ist.


Autor: DI Helmut W. Malnig, Jahrgang 1933. Matura und Ausbildung in Wien und im Ausland. Tätig als Analyst, Systemingenieur und Projektmanager auf dem Energiesektor, in der Wehrtechnik und in der Luft- und Raumfahrt im In- und Ausland (BRD, Kanada); mehrere Veröffentlichungen (Wärmeübertragung) und Patente (Wehrtechnik) sowie Artikel über technisch-kulturhistorische Themen. Seit 1997 im Ruhestand.

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