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Der IVECO LMV "Lince" und sein Einsatz bei den italienischen Streitkräften

Italien suchte für die Modernisierung seiner Streitkräfte ein neues leichtes Mehrzweckfahrzeug. Die Entscheidung fiel zugunsten des Light Multirole Vehicle (LMV) von IVECO, das ausschließlich für militärische Zwecke entwickelt wurde. Dem Schutz der Besatzung wurde bereits bei der Konstruktion des Fahrzeuges besondere Bedeutung zugemessen. Mittlerweile ist das auf Italienisch Veicolo Tattico Leggero Multiruolo (VTLM) genannte Fahrzeug ein Exportschlager.

1998 erarbeitete der italienische Generalstab die vorläufigen Anforderungen (Preliminary Operational Requirements) an ein leichtes, geschütztes und allradgetriebenes Mehrzweckfahrzeug. Dieses sollte über eine große Zuladungskapazität verfügen, taktisch hoch mobil sein und auch einen sehr guten Schutz vor Minen und Beschuss durch Handfeuerwaffen bieten. Zwei Jahre später präsentierte man den endgültigen Forderungskatalog (Final Operational Requirements) für dieses Fahrzeug. Die in Bozen (Südtirol) beheimatete IVECO Defence Vehicles entwickelte parallel dazu auf Basis dieser Anforderungen ein leichtes Mehrzweckfahrzeug (Light Multirole Vehicle - LMV). Während 2001 die ersten zehn Prototypen des LMV fertiggestellt wurden, führte die italienische Rüstungsagentur Feasibility Studies (Durchführbarkeitsstudien) bezüglich mehrerer Projektkandidaten durch. Im Folgejahr wurde schließlich das IVECO LMV als das weiterzuverfolgende Projekt ausgewählt.

Entwicklungsgeschichte

Daraufhin erfolgten erste Tests mit den Prototypen in enger Abstimmung zwischen IVECO und dem italienischen Heer. Diese umfassten unter anderem Fahrtests über eine Distanz von ca. 5 000 km und Minenversuche. Die Testergebnisse wurden in die endgültigen Military Requirements (militärische Anforderungen) eingearbeitet. Von März bis November 2003 wurden drei Prototypen einem umfangreichen Technical Test Cycle (technischen Test-Zyklus) unterzogen. Dieser schloss auch weitere Fahrtests auf den verschiedensten Untergründen (einschließlich Schnee und Sand) und weitere Minenschutztests ein. Ende 2003 wurde ein Vorserienlos von 66 LMV mit der Bezeichnung "Veicolo Tattico Leggero Multiruolo" (VTLM) "Lince" (taktisches leichtes Mehrzweckfahrzeug "Luchs") für das italienische Heer bestellt. Die Auslieferung erfolgte zwischen Ende 2004 und September 2006.

Die ersten Fahrzeuge wurden nicht nur in der Testeinrichtung des italienischen Heeres in Montelibretti intensiv evaluiert, sondern auch einer Truppenerprobung unterzogen. Die Festlegung der endgültigen Ausführung des VTLM erfolgte im August 2005. Bereits im September 2006 wurden die ersten Serienfahrzeuge ausgeliefert. Diese kamen noch im selben Jahr im Libanon und in Afghanistan zum Einsatz.

Allgemeine Fahrzeugbeschreibung

Das LMV wurde konzipiert als

  • Kommandofahrzeug,
  • Aufklärungs- und Verbindungsfahrzeug,
  • Patrouillenfahrzeug mit vier (absitzenden) Soldaten,
  • leichte Waffenplattform,
  • Sanitätsfahrzeug,
  • logistisches Transportfahrzeug sowie als
  • Artillerie-Zugfahrzeug.

Der Lince ist ein hochmobiles Fahrzeug zur Verwendung in den verschiedensten Geländearten bei Temperaturen von minus 32°C bis plus 49°C und auch bei hoher Luftfeuchtigkeit. Die wichtigsten Mobility Features sind eine Einzelradaufhängung, ein permanenter Allradantrieb, ein speziell für Off-Road-Bedingungen konzipiertes Anti-Blockier-System (ABS) sowie als Option eine Differenzialsperre, die selbsttätig wirksam wird (Automatic Drivetrain Management - ADM). Für den Antrieb sorgt ein Sechs-Gang-Automatikgetriebe (oder ein manuelles Fünf-Gang-Getriebe als Option) in Verbindung mit einem 140 KW (190 PS) Dieselmotor. Ein Central Tyre Inflation System (CTIS) regelt auch während der Fahrt die Anpassung des Reifendruckes an den jeweiligen Untergrund. Die Bremsen liegen innen (Inboard Brakes) auf den Achsen in der Nähe der Differentiale.

Das Fahrzeug wurde für einen hohen Fahrtkomfort ausgelegt. Eine gute Vibrationskontrolle und Stoßdämpfung tragen dazu bei. Ein sinnvolles Ausmaß an Automation und leichtgängige Bedienungselemente lassen das LMV gut reagieren und machen es angenehm zu fahren. Der Lince ist mit seinen NVG (Night Vision Goggles) kompatiblen Armaturen auch für Nachtfahrten ohne Licht ausgelegt. Selbstverständlich verfügt das Fahrzeug über eine Standheizung und eine Klimaanlage.

Im hinteren Bereich des Fahrzeuges befindet sich ein Aufbau aus Leichtmetall, der als Stauraum für Ausrüstung und Werkzeug dient. Am Heck können ein Reserverad und/oder ein Treibstoffkanister angebracht werden. Das Fahrzeug zieht problemlos Anhängelasten bis zu 4,2 Tonnen. Dies entspricht der Masse von modernen gezogenen 155-mm-Geschützen.

Pro Tag werden in Bozen drei LMV gefertigt (Stand: Mitte 2008). Bei Bedarf kann diese Produktionsrate, die auf einer Arbeitsschicht basiert, noch weiter gesteigert werden. Abgesehen vom Motor werden alle anderen Teile durch Unterauftragnehmer außerhalb der Firma gefertigt. So wird z. B. der Antriebsstrang aller LMV bei MAGNA-STEYR in Österreich erzeugt.

Schutzkonzept:

Bei der Konstruktion des LMV wurde dem Schutz der Besatzung besondere Bedeutung zugemessen. Das Schutzkonzept des Fahrzeuges wurde in enger Zusammenarbeit von IVECO und dem Marktführer IBD Deisenroth Engineering aus Deutschland entwickelt und besteht aus bestimmten Konstruktionsmerkmalen, einem modularen Schutz und den Stealth Eigenschaften des Fahrzeuges. Es basiert auf einer "Crew Citadel" (Schutzkäfig für die Besatzung), um die herum der Rest des Fahrzeuges konzipiert wurde. Die Grundidee ist, dass eine Minen- oder IED-Explosion zwar den jeweils getroffenen Teil des Fahrzeuges zerstört, die Zitadelle aber erhalten bleibt. Bei erfolgreich bestandenen Tests wurde der Lince intensivem Beschuss mit Handfeuerwaffen sowie Minenexplosionen und IED (Improvised Explosive Device, improvisierte Sprengvorrichtung) bis zu 50 kg ausgesetzt.

Konstruktionsmerkmale:

Der Schlüssel zum Überleben von Minenexplosionen ist die effektive Absorption oder Ableitung der freiwerdenden Energie (Energy Management). Zu diesem Zweck hat das LMV verschiedene Konstruktionsmerkmale. Große Reifen mit run-flat Inserts (Notlaufeigenschaften) bringen eine gewisse Absorption, während Deflektoren entlang der Kotflügel für eine Ableitung von Energie sorgen. Alle Besatzungsmitglieder sitzen auf speziellen schockabsorbierenden Sitzen, die elastisch und ohne direkte Verbindung zum Fahrzeugboden angebracht sind. Dies verhindert eine direkte Übertragung des Explosionsschocks auf den Körper. Die Sitze verfügen über eine ergonomisch geformte Polsterung und über Fünf-Punkt-Sicherheitsgurte mit Schnellverschluss, um plötzliche Körperbewegungen durch die primäre (Anheben) und sekundäre Auswirkung (Fall) einer Explosion zu vermindern. U-förmige Kopfstützen verringern die Gefahr, ein Schleudertrauma zu erleiden. Die gesamte im Fahrzeuginneren mitgeführte Ausrüstung kann entsprechend verzurrt werden, um das Herumfliegen im Fall einer Explosion zu vermeiden. Unter den Sitzen selbst gibt es keinen Stauraum.

Der Boden der Zitadelle besteht aus einer Mehrschicht-Sandwichstruktur mit leichter V-Stellung, die Schutz vor Splitterminen bietet. Der Abstand des Kabinenbodens vom Fahruntergrund wurde maximiert (473 mm). Große und schwere Bauteile (z. B. das Verteilergetriebe), die bei Explosionen in den Fahrgastraum geschleudert werden könnten, wurden in den hinteren Teil des Fahrzeuges verlagert. Die Türen sind mit einer besonders geringen Toleranz konstruiert, um die Schockwellen einer Explosion besser absorbieren zu können. Die Motorhaube ist nicht an der Zitadelle befestigt, sondern vorne am Fahrzeugrahmen. Das verhindert eine direkte Übertragung der Explosionswucht auf die Zitadelle und damit auf die Besatzung. Der Treibstofftank und die Einfüllöffnung befinden sich soweit wie nur möglich von der Fahrgastzelle entfernt am Heck.

Der Tank und der rückwärtige Frachtraum sind so entworfen, dass sie im Fall einer Explosion im hinteren Bereich des Fahrzeuges weggeschleudert werden. Dies vermindert die Auswirkung der Explosion auf die Mannschaftszelle. Das Kabinendach bietet Schutz vor Granatsplittern. Die Dachluke kann von innen und außen geöffnet werden. Die Überrollbügel widerstehen Beschleunigungen von bis zu 7,5 g. Die Verwendung der Inboard Brakes führt zu einer signifikanten Verminderung der Splitterwirkung von Minentreffern im Bereich der Räder.

Modularer Schutz:

In der Basiskonfiguration ist die Mannschaftszelle ungeschützt. Light, Medium oder Heavy Protection Kits (Schutz-Sätze) bieten einen unterschiedlichen Schutzgrad und können je nach Bedrohung und geforderter Transportleistung verwendet werden. Zwischen der inneren Struktur und der äußeren Verkleidung des Fahrzeuges können Keramik Composite Platten eingeschoben werden. Die Fenster können durch zusätzliches Panzerglas verstärkt werden. Je nach verwendetem Protection Kit ist der Lince vor 5,56-mm-, 7,62-mm- oder 12.7/14,5-mm-Beschuss sicher. Der Schutz gegen Panzerminen kann durch eine zusätzliche V-förmige 600 kg schwere Minenschutzplatte erhöht werden.

Ein innovatives, von IVECO Defence Vehicles patentiertes Verfahren ermöglicht es, die Protection Kits (einschließlich der Minenschutzplatte) innerhalb von wenigen Stunden auch unter feldmäßigen Bedienungen zu wechseln.

Der modulare Aufbau des Schutzsystems gestattet die Nachrüstung mit künftigen Technologien, z. B. neu entwickelten Panzerplatten. Das LMV kann auch mit dem AMAP-ADS (Advanced Modular Armour Protection - Active Defence System) von IBD Deisenroth Engineering ausgerüstet werden. Dieses System dient zur Abwehr von Panzerabwehrlenkwaffen, Panzerabwehrrohren (einschließlich dem weit verbreiteten RPG) und großkalibrigen Geschossen. Das italienische Heer hat vorerst zehn derartig bestückte Fahrzeuge bestellt.

Stealth-Eigenschaften:

Bei der Entwicklung des Fahrzeuges wurde den Stealth-Eigenschaften besonderes Augenmerk geschenkt. Die Wärmeabstrahlung wird durch verschiedene konstruktionstechnische Maßnahmen und die Verwendung von Infrarot-absorbierenden Materialien an der Außenhaut für ein Fahrzeug dieser Art gering gehalten.

Zur Dämpfung des Motor- und Auspufflärms dienen geräuschdämmende Paneele. Der Radarquerschnitt wurde durch die Vermeidung von di- und trihedralen Reflektoren (V-förmig zueinanderstehende Flächen oder auf einer Seite offene dreiseitige "Hohlpyramiden"), durch das Abschrägen der Fensterflächen und durch eine nicht-radarreflektierende Beschichtung verringert. Die visuelle Erkennung wird durch ein relativ niedriges Profil, die schlichte Silhouette und durch eine emissionsarme polychrome Farbe erschwert. Die äußere Erscheinung des Lince bleibt auch durch das Anbringen der verschiedenen Schutzkits unverändert.

Bewaffnungsoptionen und Versionen

Die Ringlafette der Dachluke kann verschiedene Waffen aufnehmen wie z. B. ein 7,62-mm-MG, ein 12,7-mm- MG oder einen 40-mm-Granatwerfer. Es gibt auch Versionen mit einer elektrisch fernbedienbaren Waffenstation, wie sie für einen Teil der Fahrzeuge des Österreichischen Bundesheeres vorgesehen sind (siehe TD 4/2009, "IVECO LMV - Light Multirole Vehicle").

Um die oftmals kritisierte, ursprünglich relativ niedrige Zuladung des LMV zu verbessern, hat IVECO drei Kits entwickelt, die bei gleichbleibendem höchstzulässigen Gesamtgewicht das Eigengewicht des Fahrzeuges durch die Anwendung verschiedener leichterer Materialien um 225 kg, 600 kg bzw. 800 kg verringern. Gleichzeitig wurde durch Verstärkungen am Fahrzeug eine Steigerung des höchstzulässigen Gesamtgewichtes erreicht. So werden die "geschützten Mehrzweckfahrzeuge" des Österreichischen Bundesheeres für maximal 7 500 kg ausgelegt sein.

Neben dem Standardfahrzeug gibt es eine Vielzahl von Versionen. Dazu zählen

  • ein Panzerabwehrlenkwaffenträger,
  • ein Aufklärungsfahrzeug,
  • ein SOF (Special Operation Forces) Fahrzeug (soft top),
  • ein Trägerfahrzeug für leichte Fliegerabwehrlenkwaffen (z. B. MISTRAL),
  • ein ABC-Spürfahrzeug und
  • ein verlängertes Fahrzeug (Radstand um 30 cm auf 353 cm verlängert, Gesamtlänge um 51,6 cm auf 531 cm gestreckt) mit Mannschaftskabine, einem Shelteraufsatz oder als Sanitätsfahrzeug.

Logistik

Hohe Zuverlässigkeit, leichte Wartung und Instandsetzung sowie niedrige Kosten für die gesamte Nutzungsdauer (through-life costs) waren wesentliche Überlegungen beim Design des Fahrzeuges. Dabei konnte IVECO auf seinen reichen Erfahrungsschatz beim Bau ziviler LKW und von Spezialfahrzeugen zurückgreifen. Integrierte und externe Diagnose-Tools erlauben die rechtzeitige Feststellung von bevorstehenden Fehlfunktionen und ermöglichen so eine zielgerichtete, präventive Materialerhaltung. Die Auswertung der Diagnose-Daten erlaubt auch ein effizienteres Flottenmanagement. Wesentliche Teile des Fahrzeuges, wie z. B. der Motor oder das Getriebe, sind handelsübliche Komponenten (commercial off-the-shelf). Diese Bauteile haben Leistung und Zuverlässigkeit bereits auf vielen Millionen Kilometern weltweit in unterschiedlichen Klimazonen unter Beweis gestellt.

Eine Minimierung der Betriebskosten wird auch durch eine Verminderung und Vereinfachung der Benutzermaterialerhaltung (Level 1 Wartungsereignisse) sowie durch eine Streckung der Wartungsintervalle erreicht. Alle im Rahmen von Checks und Routinearbeiten zu bearbeitenden Elemente können leicht erreicht werden. Die Level 1 Checks können ohne das Auseinandernehmen von Baugruppen durch die Besatzung mit den bordeigenen Werkzeugen durchgeführt werden. Soweit wie nur möglich werden Reparaturen durch Komponententausch durchgeführt.

Das LMV verfügt über ein Controller Area Network Bussystem (CANBUS) der zweiten Generation, das die elektronischen Steuerungseinrichtungen des Motors, des Getriebes und des ABS miteinander verbindet. Durch die Abfrage der Daten mit Hilfe eines Diagnose-Tools kann das Wartungspersonal diagnostische und prognostische Informationen in Echtzeit erhalten, die eine bessere Planung der präventiven Wartung erlauben.

Eine Einrichtung zum "irgendwie Heimkommen" (Limp Home Facility) ermöglicht es dem Fahrer, das Fahrzeug auch bei verschiedenen Motorstörungen aus einem Gefahrenbereich zu bringen. Dies wird durch ein eigenes System ermöglicht, das in die Engine Management Software integriert ist und einen gewissen Grad an Mobilität auch bei eingeschränkter Motorleistung erlaubt.

Bestellungen

Die Konzeption, die Leistungsfähigkeit und vor allem der hohe Schutzfaktor machen das LMV zum Exportschlager.

Bereits im Jahr 2003 wurden von Großbritannien 401 LMV unter dem Namen "Panther" zur Erfüllung des "Future Command and Liaison Vehicle Requirement" bestellt. Ab März 2006 bestellte Norwegen insgesamt 60 LMV. Belgien orderte vorerst 440 LMV (mit 180 Protection Kits) und hat eine Option auf weitere 180 Fahrzeuge. Ende 2006 bestellte Kroatien zehn LMV. Aufträge für weitere 50 werden erwartet.

Ab Ende 2007 folgte Spanien mit Bestellungen für 120 Fahrzeuge. Weitere Kunden sind neben Österreich (150 "geschützte Mehrzweckfahrzeuge") Tschechien (21) und die Slowakei (10).

Mit Stand Mitte 2009 wurden durch die italienischen Streitkräfte insgesamt 1 286 VTLM bestellt. Weitere Aufträge, insbesondere für Spezialversionen, dürften folgen.

Der VTLM "Lince" bei den italienischen Streitkräften

Bei den italienischen Streitkräften gehört der VTLM "Lince" zu einer Fahrzeugfamilie, die zum Transport von Soldaten verschiedener Waffengattungen einschließlich ihrer leichten Waffensysteme vorgesehen ist. Die Basiskonfiguration und die verschiedenen Versionen des VTLM bilden das Glanzstück der neuen Fahrzeug- und Gerätegeneration der Landstreitkräfte, die parallel zum Projekt "Fanteria Futura" (Infanterie der Zukunft) entwickelt und bei den Verbänden der "Fanteria leggera" (leichten Infanterie) eingeführt werden. Im Zuge dieses Projektes wird die italienische Infanterie in einem Zeitraum von rund vier Jahren in

  • "unità leggere" (leichte Verbände auf der Basis des VTLM "Lince"),
  • "unità pesanti" (schwere Verbände mit dem italienischen Kampfschützenpanzer "VCC Dardo") und
  • "unità medie" (mittlere Verbände mit dem (Rad-)Schützenpanzer "Freccia") umstrukturiert.

Die "Fanteria Futura" führt auch zu einer Rationalisierung der Organisationsstrukturen und einer Erhöhung der eigentlichen Kampfkraft in quantitativer und qualitativer Hinsicht. Insgesamt werden zwölf Regimenter der leichten Infanterie mit dem VTLM ausgerüstet:

  • drei Fallschirmjägerregimenter,
  • sechs Alpiniregimenter,
  • ein "Granatieri" Regiment (mechanisiert, nimmt auch Gardeaufgaben wahr),
  • ein "Lagunari" Regiment (amphibische Infanterie des Heeres) und
  • ein luftbewegliches Regiment.

Eine Grundidee bei der Konzeption des VTLM war die Ausstattung der Infanteriegruppe mit zwei Truppfahrzeugen, um der Gruppe die eigenständige Durchführung von Patrouillentätigkeiten zu ermöglichen. Der Lince ist aber auch für die C4I-Aufgaben (Command, Control, Communication, Computer and Intelligence) und für die CSS (Combat Service Support) Teile der Regimenter der mittleren und schweren Infanterie bestimmt.

Aktuell befinden sich bei den italienischen Streitkräften zwei Versionen des VTLM in Verwendung:

  • die Basisausführung für den Transport von Infanteristen (fünf Personen in der Kabine) sowie
  • die Sanitätsversion für den geschützten Transport von Verwundeten (zwei Personen in der Fahrerkabine, ein Sanitäter und zwei Verwundete im Shelter; vorerst sind 14 Fahrzeuge vorgesehen; Gesamtbedarf: 50 bis 60 Stück).

Darüber hinaus ist die Beschaffung weiterer Varianten vorgesehen:

  • Panzerabwehrfahrzeug mit Panzerabwehrlenkwaffe SPIKE: Diese Version ist mit einer Lafette für die Panzerabwehrlenkwaffe SPIKE (Panzerabwehrlenkwaffe der 3. Generation mit fire-and-forget, lock-on before launch, lock-on after launch und automatic self-guidance Eigenschaften) ausgestattet und hat drei Mann Besatzung. Es soll noch im Jahr 2010 in Dienst gestellt werden. Vorerst besteht Bedarf an rund 30 bis 50 Fahrzeugen.
  • VTLM RSTA (Reconnaissance, Surveillance and Target Acquisition, Italienisch: Ricognizione, Sorveglianza e Acquisizione Obiettivi): Dieses ist mit Wärmebild- und Lasersensoren für die Erkennung (bis 10 km) und Identifizierung (bis 2,5 km) von Objekten ausgerüstet.

Ausbildung

Die VTLM Besatzungen werden einer gründlichen Schulungs- und Eingewöhnungsphase unterzogen, um die Voraussetzungen für einen effektiven Einsatz der Fahrzeuge sicherzustellen.

Diese Ausbildung umfasst v. a.:

  • das Fahrtraining bei Tag und Nacht, bei unterschiedlichen Wetterbedingungen, bei schlechter Sicht auf Straßen und im Gelände sowie mit und ohne Nachtsichtgerät,
  • die Gewöhnung des Infanterietrupps an den Innenraum,
  • die korrekte Positionierung der individuellen Ausrüstung und der Truppausrüstung sowie das Beladen des Laderaumes,
  • das rasche Verstauen und Sichern der Bordausrüstung während der Bewegung,
  • die korrekte Verwendung der Sicherheitsgurte und der Bordausrüstung,
  • das Ver- und Entriegeln der gepanzerten Wagentüren,
  • das gefechtsmäßige Auf- und Absitzen von Teilen oder der gesamten Besatzung,
  • das Führen des Feuerkampfes mit den Bordwaffen,
  • die Durchführung von Gefechtsdrill sowie
  • die Fortbildung des Wartungspersonals bei der "gewöhnlichen und außergewöhnlichen (in der Werkstatt) Wartung".

In den Einsatzräumen Afghanistan und Libanon wurde die jeweils erforderliche Anzahl an VTLM ausgelagert, um Transportkosten bei den Rotationen zu sparen. Die nicht ohnehin mit dem VTLM voll ausgerüsteten Verbände führen die oben angeführten Aktivitäten vor einem Auslandseinsatz normalerweise im Heimatland mit verfügbarem Ausbildungsgerät durch. Im Einsatzraum wird das Erlernte im Rahmen des dort stattfindenden Force Integration Trainings perfektioniert.

Das gesamte Ausbildungsprogramm für das Fahren und den Einsatz wird ständig durch die Erfassung und Aufarbeitung von Einsatzerfahrungen (Lessons identified, Lessons learned) optimiert.

Gliederung

In der Umsetzung der Neuordnung der Verbände der leichten Infanterie im Rahmen des Projektes "Fanteria Futura" wird der VTLM in die Kampf- und Kampfunterstützungsteile wie folgt eingegliedert:

  • 2 VTLM pro Gruppe
  • 8 VTLM pro Zug
  • 34 VTLM pro Infanteriekompanie
  • 22 VTLM für die Kampfunterstützungskompanie.

Insgesamt verfügt das leichte Infanteriebataillon mit drei Infanteriekompanien, einer Kampfunterstützungskompanie und dem VTLM des Bataillonskommandanten damit über 125 Fahrzeuge. Das italienische Infanterieregiment verfügt lediglich über ein Infanteriebataillon.

Mobilität

Das VTLM kann in die bei den italienischen Streitkräften im Einsatz befindlichen schweren Transporthubschrauber CH-47 (nur SOF Variante) und AW-101 (sowie in den u. a. bei den U.S. Streitkräften verfügbaren CH-53) verladen oder als Außenlast transportiert werden. Nach dementsprechender Vorbereitung kann auch der mittlere Transporthubschrauber NH-90 das leere Fahrzeug als Außenlast transportieren. Der Lince passt in alle größeren militärischen Transportflugzeuge von der Alenia C-27J Spartan aufwärts. In eine C-130 Hercules können z. B. zwei VTLM verladen werden.

Künftige Projekte

Aus Sicht des italienischen Heeres fordert die Komplexität der Aufgaben der Erdaufklärung (Esplorazione Tattica Terrestre - ETT) in modernen operativen Szenarien und die Möglichkeiten, die durch heute verfügbaren Technologien geboten werden, die Entwicklung und Erneuerung der aktuellen RSTA Kapazitäten. Dies gilt insbesondere für die Verbände der Aufklärungskavallerie. Die ETT dient der Informationsbeschaffung für die Planung und Durchführung der Kampfführung in allen möglichen operativen Szenarien und Umgebungen, von der "klassischen" Kriegsführung bis hin zu Operationen zur Stabilisierung und zum Wiederaufbau, bei Tag und Nacht und unabhängig von den Wetterbedingungen. Das Aufklärungsfahrzeug VTLM RSTA muss deshalb

  • Bilder, Videoaufnahmen, Daten über die Position und Entfernung von Objekten und andere Informationen von Interesse sowohl bei Tag als auch bei Nacht beschaffen können,
  • der Besatzung die Möglichkeit zur Visualisierung und Analyse der relevanten Daten noch im Verlauf der Mission bieten, und
  • die Möglichkeit zur Übermittlung der relevanten Informationen an einen Gefechtsstand oder ein anderes Fahrzeug haben.

Mittlerweile wird bereits am VTLM 2 gearbeitet, einer direkten Weiterentwicklung des VTLM. Dieses Fahrzeug wird eine höhere Nutzlast (1 300 kg bei der geschützten Version), mehr Platz im Innenraum und einen höheren ballistischen Schutz und Minenschutz bieten. Die Produktion dieser Fahrzeuge soll 2011/12 beginnen.

Bei der Digitalisierung und Modernisierung des italienischen Heeres wurde den Vorzügen des IVECO - Krauss Maffei Wegmann Gemeinschaftsprojektes VTMM (Veicolo Tattico Medio Multirolo) besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Das Fahrzeug ist zum Schließen der Fähigkeitslücke im Bereich des Combat Support und Combat Service Support vorgesehen. Es wird bei der digitalisierten mittleren Infanterie unter anderem zur Feuerleitung der Granatwerfer und für die logistischen Teile der Stabskompanie verwendet werden. Im Bereich des Combat Support sind diese als Plattformen für die vorgeschobene Aufklärung (Advanced Combat Recce Team - ACRT) und für Elemente der Kampfmittelbeseitigung (Explosive Ordnance Device/Improvised Explosive Device - EOD/IED) vorgesehen. Auch eine geschützte Sanitätsversion ist geplant. Darüber hinaus ist die Beschaffung von Kommandofahrzeugen für die ABC-Abwehrzüge, Fernmeldefahrzeugen, spezialisierten EW (Electronic Warfare) Plattformen für die Abwehr von RCIED (Remote Controlled IED), EW-Fahrzeugen und PSYOPS (Psychological Operations)-Fahrzeugen geplant. Das allradgetriebene VTMM wiegt in marschbereitem Zustand 18 Tonnen, ist für eine Zuladung von 2 500 kg ausgelegt und erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 90 km/h. Im Gelände hat das Fahrzeug eine dem VTLM vergleichbare Beweglichkeit. Die Wattfähigkeit beträgt 75 cm, nach Vorbereitung 120 cm. Das Fahrzeug, das für ein Temperaturspektrum von minus 32°C bis plus 60°C ausgelegt ist, hat einen ballistischen Schutz und einen Minenschutz, der dem des ohnehin schon sehr gut geschützten VTLM noch überlegen ist. Die Reichweite des VTMM beträgt rund 700 Kilometer.

Einsatzerfahrungen

Das VTLM wurde unverzüglich nach seiner Indienststellung in den anspruchsvollen Operationsräumen Afghanistan und Libanon zum Einsatz gebracht, wo er seinen außergewöhnlichen ballistischen Schutz und den Minen-/IED Schutz oftmals unter Beweis gestellt hat. Ausgerüstet mit dem entsprechenden Schutzkit hat das VTLM in mehreren Fällen den Besatzungen bei Angriffen mit Minen, IEDs oder unter Beschuss das Leben gerettet. Bis November 2009 gab es bei mehreren Dutzend Anschlägen und Gefechten, in die Linces in Afghanistan verwickelt waren, lediglich bei zwei IED-Anschlägen tote oder schwerverletzte Soldaten. Bei diesen beiden Vorfällen wurden Sprengladungen von jeweils weit mehr als 50 kg verwendet. Bis dato wurde noch kein VTLM in Brand geschossen.

Die Einsatzerfahrungen haben auch zu Verbesserungen am Fahrzeug selbst geführt. Die Leistung der elektrischen Anlage durch den Einbau eines Wechselstromgenerators (Dualtyp 24 W/12 W) verbessert. Dadurch kann der VTLM durchgehende 24 Stunden Einsatzaufträge mit laufendem Motor durchführen, ohne dass die Funktion der verschiedenen elektronischen Geräte und die der Klimaanlage leidet. Zur Verbesserung des Schutzes des Bordschützen wurde ein Schutzkit in kürzester Zeit entwickelt und zum Einsatz gebracht.

Bis dato haben sich die Fahrzeuggeneration VTLM ohne größere Probleme in Einsatzräumen wie Afghanistan bestens bewährt. Sicher und bequem bei Verlegungen auf der Straße, hat der VTLM auch seine exzellenten off-road Fähigkeiten in schwierigem Terrain in jeder Lage bewiesen. Die italienischen Streitkräfte heben immer wieder die hohe Qualität des Fahrzeuges, sowohl im Bezug auf den taktischen Einsatz, als auch auf die Force Protection und die insgesamt positiven Einsatzerfahrungen hervor.

Das VTLM ist somit ein modernes, gut geschütztes, einsatzerprobtes leichtes Mehrzweckfahrzeug, das auch dem Österreichischen Bundesheer über Jahrzehnte gute Dienste leisten wird.


Autor: Oberst dG Mag. Wolfgang Pusztai, Jahrgang 1964. Einrückungstermin 1983; Einjährig-Freiwilligen Ausbildung 1983/84 als Jäger/Jagdkämpfer; nach der Theresianischen Militärakademie ab 1987 Zugskommandant und stellvertretender Kommandant einer Ausbildungskompanie/Pionier beim Landwehrstammregiment 11; ab 1990 Kommandant einer Ausbildungskompanie/Jäger beim Landwehrstammregiment 11 bzw. Jägerregiment 11. Absolvierung des 14. Generalstabskurses (Magister) und ab 1997 u. a. Verwendung in der Vorschriftenabteilung des BMLV sowie G3 und Leiter/Einsatzstab beim Militärkommando Burgenland, Verwendungen beim I. Korps und in der Generalstabsgruppe B/BMLV; ab 2003 Referatsleiter und später stellvertretender Leiter der Abteilung Militärpolitik sowie stellvertretender Leiter der Abteilung Strukturplanung/BMLV. Seit 2007 Verteidigungsattaché in Italien, Griechenland, Tunesien und Libyen sowie Verbindungsoffizier zum COI (italienisches Einsatzführungskommando). Auslandseinsätze als Staff Officer J5/9 (CJTF) RHQ AFSOUTH, J2 EU Command Element/Operation Concordia (FYROM), Chief of Staff/MNTF(N)EUFOR/BiH, 2006/07 National War College/National Defense University, Washington D.C., USA (Master of Science in National Security Strategy, Distinguished Graduate).

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