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Der albanische Staat in der Krise (21)

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Vorwort

Vorwort
Mitte März 1997 brach die staatliche Ordnung in fast ganz Albanien völlig zusammen. Unruhen und Plünderungen vor allem staatlicher Einrichtungen stellten sich weder Polizei noch Armee entgegen — ganz im Gegenteil. Vor allem Armee-Einrichtungen waren bevorzugtes Ziel von Ausschreitungen, da die Bevölkerung daranging, sich zu bewaffnen. Gleichzeitig setzte auch eine massive Flüchtlingswelle vor allem nach Italien ein. Da der Situation in Albanien offensichtlich niemand mehr Herr wurde, sprachen sich sowohl Regierung als auch Aufständische für einen internationalen Militär- und Polizeieinsatz aus, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.

Um zu verstehen, wie es möglich war, daß Ende des 20. Jahrhunderts in Europa ein Staat implodiert bzw. daß die Krise nicht, wie vielfach behauptet, überraschend ausbrach, sowie für die Beurteilung der derzeitigen Lage sind einige Hintergründe dieser Krise genauer zu beleuchten. Unter anderem wird die Machtverteilung in verschiedenen Phasen der neueren Entwicklung des albanischen Staates an Hand prästaatlicher, staatlicher und poststaatlicher Strukturen dargelegt. Im Gegensatz zu staatlichen betonen prästaatliche Strukturen familiäre und stammesähnliche Lebensformen und leiten aus diesen ihre soziale und politische Identität ab. Sie sind in der Regel dezentralisiert und sehr differenziert. Angelehnt an diese verwandtschaftlich definierten Beziehungen entwickeln sich teilweise auch Patronagesysteme, die schwächere Familien oder Einzelpersonen in diese prästaatlichen Strukturen einbeziehen. Poststaatliche Strukturen hingegen sind sich der staatlichen Steuerung entziehende Organisationsformen, die staatliche Macht sowie deren Gewalt- und Steuermonopol unter Einsatz unterschiedlicher Mittel zurückdrängen. Während prästaatliche Elemente vor allem regional organisiert sind, haben poststaatliche Organisationsstrukturen sehr unterschiedliche Ausdehnungen; von kleinen örtlichen über regionale — eventuell an prästaatliche Strukturen angelehnte — bis hin zu supranationalen Strukturen, die eng mit der internationalen organisierten Kriminalität kooperieren. Die Relevanz dieser Machtstrukturen wird in dieser Studie beurteilt und in Graphiken veranschaulicht. Dabei wird überdies räumlich zwischen Nord-, Zentral- und Südalbanien unterschieden. In weiterer Folge wird auch der Machtbereich verschiedener Herrschaftssysteme bzw. führender politischer Akteure mit diesen Machtstrukturen verglichen und ebenfalls graphisch dargestellt. Je mehr sich dabei dieser Machtbereich mit den relevanten Machtstrukturen deckt desto stabiler, je geringer die Deckung ist um so instabiler ist das politische Gesamtsystem.

Albanien war erst 1912/13 unabhängig geworden und dabei zeitweilig von den damaligen Großmächten verwaltet worden. Nach kurzer, eingeschränkter Selbstbestimmung, die von der Clanherrschaft Ahmed Zogus gekennzeichnet war, wurde es 1939 von Italien, das schon in den Jahren zuvor seinen Einfluß massiv zur Geltung gebracht hatte, besetzt. Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges errichtete Enver Hoxha ein kommunistisches Regime, das Albanien nicht nur ökonomisch, sondern auch geistig um Jahrzehnte zurückgeworfen und überdies großer Teile seiner Kultur beraubt hatte. Nach wechselnder Abhängigkeit und Bindung an Jugoslawien, die Sowjetunion und schließlich China begann Ende der 70er Jahre die Phase selbstgewählter Isolation und vollkommener "Unabhängigkeit". Nachdem Hoxha 1985 verstorben und es in Osteuropa zum Umbruch gekommen war, versuchte die neue Führung Ende der 80er Jahre durch Reformen die Gefahr einer Revolution zu verringern — erfolglos. 1990 kam es zu ersten Unruhen, und nach erstmaligen Mehrparteienwahlen 1991 wurden ein Jahr später bei vorgezogenen Neuwahlen die Kommunisten von der Macht verdrängt. Vor dieser "demokratischen Revolution" war Albanien ein zentralistischer Staat, der jedoch nicht nur von der Familie Enver Hoxhas und seinem Patronagesystem, sondern generell von Führern aus dem Süden des Landes dominiert worden war.

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