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Interkulturelles Verständnis

ist eine Voraussetzung für den Erfolg militärischer Einsatzkräfte.

Sicherheitspolitische Entwicklung

Veränderungen des strategischen Umfeldes im sicherheitspolitischen Bereich, die sich vordergründig in struktureller und technologischer Art darstellen, erfordern zunehmend für Soldaten aller Ränge auch Fähigkeiten, die sich aus geistiger und intellektueller Art zusammensetzen.
* Globale Auswirkungen von Krisen aller Art,
* die Möglichkeit des weltweiten Informationsaustausches,
* die Verflechtung der nationalen und übernationalen Wirtschaftssysteme untereinander,
* der zunehmende Bedarf an Ressourcen sowie das immer größer werdende Gefälle von armen und reichen Nationen
führen zu neuen Gesichtspunkten in der Sicherheitspolitik und bei den bereitzuhaltenden Sicherheitskräften.
Heute kann durch die Verflechtung der einzelnen Staaten untereinander, aber auch durch die technologische Abhängigkeit der Staaten voneinander kaum noch ausschließlich von nationaler Sicherheit gesprochen werden. Sicherheit ist daher kein ausschließlich einzelstaatliches Anliegen, dass von einem Staate alleine bewältigt werden kann.
Diese Entwicklungen führen zu neuen Sicherheitskonzepten, die auch nicht mehr ausschließlich militärischer Natur sind, wenngleich bei großräumigen Auseinandersetzungen noch immer die militärischen Kräfte bindend und bestimmend eingreifen.

Transformation der Streitkräfte

Die gegenwärtigen Entwicklungen führen zur sogenannten "Transformation" der Streitkräfte. Die Vernetzung der Kommandostrukturen, die vernetzte Kampfführung und die durchgehende Information bis zum einzelnen Team werden dabei angestrebt.
Die vernetzte Kommando- und Kampfführung soll bis auf die Ebene des einzelnen Soldaten und des Waffensystems eine
* bessere Informationsverarbeitung,
* verständnisvollere Zusammenarbeit,
* größere Nachhaltigkeit im Kampf,
* entscheidend verbesserte Reaktionsgeschwindigkeit sowie
* qualitativ bessere Entscheidungsfindung
bewirken.

Die Sicherheitskonzepte gehen von neuen Einatzspektren aus. Multinationalität in der Zusammensetzung der Kräfte und Zivilmilitärische Zusammenarbeit als Normalfall prägen die Operationen bei
* regionaler Intervention,
* zivilmilitärischer Stabilisierung und
* Transformation.
Sie gehen sowohl räumlich wie auch zeitlich ineinander über.

Diese Operationen erfordern zum Erzielen des politischen Zwecks eine vollständige Integration aller nationalen wie supranationalen Elemente in der betreffenden Einsatzregion.
Dabei kann es sich um
* ein fremdbestimmtes Territorium (ohne Regierung) oder
* ein destabilisiertes Territorium oder
* ein Territorium eines chronischen Aggressors
handeln, in welchem die Ordnung hergestellt werden muss, damit die Ursache der Destabilisierung beseitigt, die zivile Gemeinschaft wieder aufgebaut und völkerrechtlich verbindliche Verhältnisse wieder hergestellt werden können.

Die Operationen verlangen von der Mannschaft wie von den Kommandanten phasenweise völlig unterschiedliche Fertigkeiten:
Während der Intervention ist die militärische Komponente mit ganzer Entschiedenheit zum Einsatz zu bringen.
In der Phase der Stabilisierung stehen psychologisch wirksame Aktionen im Vordergrund. Dabei geht es mehr um das Gewinnen der Bevölkerung. Im Hintergrund ist jedoch immer noch die Machtdemonstration für den Erfolg wichtig (winning the hearts).
Während der Transformation - dem Aufbau der zivilen Gemeinschaft - tritt überhaupt die militärische Komponente in den Hintergrund oder übernimmt polizeiliche Aufgaben, damit der Aufbau der Region vonstatten gehen kann. Allerdings muss die Kapazität zu entschiedenen militärischen Reaktionen bei drohenden Rückschlägen in der Entwicklung erhalten bleiben. Für diese Operationen sind traditionell ausgebildete Kampftruppen noch nicht adäquat ausgebildet.
Bei der Transformation der Streitkräfte gibt es derzeit schon Ansätze dafür. Ein Beispiel dafür sind die CIMIC-Ausbildung oder auch entsprechende Ausbildungselemente die in die Einsatzvorbereitung für Auslandseinsätze integriert wurden. Insgesamt wird aber die Vorbereitung für derart anspruchsvolle Einsatzformen noch mehr Anpassung erfordern.

Entwicklung von Fähigkeiten

Im Bereiche der Informationsverarbeitung und der Durchführung psychologischer Beeinflussung - sozusagen im Prozess "Winning Wars of Ideas" - sind völlig neue Wege zu beschreiten. Auf diesem Gebiet sind sowohl die militärischen aber auch die zivilen Einsatzkräfte besonders gefordert.
Speziell in der Phase der Transformation liegt bei militärischen Einsatzkräften das Schwergewicht der Aufgaben in der Ausbildung regionaler Polizeiformationen. Dazu gehören die Rekrutierung und der Ausbau der dafür notwendigen Infrastruktur sowie die Implementierung dieser Kräfte in die zivile Verwaltung. Nur der interkulturell gebildete Soldat wird diese Aufgaben erfolgreich erfüllen können.
Es ist davon auszugehen, dass jeder Mensch im Verlaufe des Heranwachsens in ein ganz bestimmtes kulturelles Umfeld eingebettet wurde. Es sieht daher jeder Soldat sein neues Einsatzfeld und die kulturellen Bedingungen vom Standpunkt seiner bisherigen kulturellen Bildung aus. Dort muss die kulturelle Weiterbildung ansetzen.

(Inter)kulturelle Kompetenz

Die Sicherheitskräfte und damit jeder Einzelne stehen jeweils in einem Spannungsfeld, sie müssen die Spannungen, die einer zivilmilitärischen Kultur inne wohnen, aushalten und in ihre Wertvorstellungen einordnen. Sie haben auch zu lernen, wie sie die im Einsatzraum divergenten Kulturen für die Auftragserfüllung positiv nutzen können.
Besonders in der Phase der Stabilisierung der politischen Kräfte im Einsatzraum, vor allem dann, wenn die militärischen Einsatzformen in den Hintergrund treten müssen und die Ausbildung regional eigener Sicherheitskräfte ansteht, ist das sozialpsychologische Moment der Vertrauensbildung auch gegenüber dem "besiegten Feind" nicht mehr wegzudenken und entscheidet über Erfolg und Misserfolg in der betreffenden Region.
Es leuchtet ein, dass die Kompetenz zur Vertrauensbildung keinesfalls eine rein kognitive Leistung ist. Selbst die Sprachkompetenz allein ist nicht Ausschlag gebend.

Militärpädagogen haben dazu folgende Überlegungen angestellt:
Der (inter)kulturell auf den jeweiligen Einsatzraum vorbereitete Soldat (aller Dienstgrade) kann
* den kulturellen Einfluss auf das Verhalten und die Überzeugungen der in diesem Einsatzraum tätigen Entscheidungs- und Leistungsträger beurteilen;
* die spezifischen kulturellen Überzeugungen, die Einfluss auf das Verhalten und die Denkart seiner Partner nehmen, identifizieren, in die eigenen Wertvorstellungen integrieren und akzeptieren;
* unterschiedliche Lebensstile einordnen und aus dem historischen Hintergrund des betreffenden Einsatzraumes ableiten;
* den eigenen (westlichen) Lebensstil von dem in der Region vorgefundenen historisch entwickelten Lebensstil der Gesellschaft unterscheiden;
* Unterschiede im Teamverhalten auf Grund der national und kulturell unterschiedlichen Herkunft akzeptieren und zur Zielerreichung nutzen;
* stereotype Haltungen im eigenen und im Partnerverhalten auf Vorurteile und Ethnozentrismus hin identifizieren und im Hinblick auf die Auftragserfüllung beurteilen;
* alle Möglichkeiten der Verständigung zwischen unterschiedlichen Sprach- und Kulturgruppen einsetzen (verbale und nonverbale Verständigung, technische Mittel und Geräte);
* sich als Soldat und als Teil eines bestimmten Kulturkreises einordnen sowie ihm entgegengebrachte Vorurteile bearbeiten und überwinden;
* seine eigene Identität trotz aller Spannungen bewahren.

Dieses Spektrum von Werthaltungen und Verhaltensweisen lässt sich wie folgt übersichtlicher ordnen. Es geht jeweils immer um
* unterschiedliches Kommunikationsverhalten,
* unterscheidbares Konfliktverhalten und
* unterschiedliches Arbeits- und Entscheidungsverhalten.
Es verlangt aber auch die Fähigkeit auf andere Menschen zuzugehen und neue Erfahrungen zu sammeln.

Abschließende Bemerkung

Die anspruchsvollen Fähigkeiten für Sicherheitskräfte, egal ob diese sich aus militärischen oder zivilen Mitarbeitern zusammensetzen, können in der ganzen Breite nicht auf einmal erworben werden, da dafür sehr viel Erfahrung aus der Praxis erforderlich ist.
Die Fähigkeit, kulturelle Unterschiede überbrücken zu können, ist nicht nur für Kommandanten und Spezialeinheiten erforderlich, sondern sie muss in abgestufter Form bei allen Soldaten und quer durch die Funktionen vorhanden sein, damit der Verband im jeweiligen Einsatzraum seinen Auftrag erfüllen kann.

Dr. Hermann Jung

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
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