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Der Luftkrieg um Ă–sterreich und die FlaktĂĽrme Wiens: Teil I

Luftkrieg und Luftabwehr während des Zweiten Weltkriegs im österreichischen Raum

von Wolfgang Etschmann

Kurzfassung

◄ Erste Einflüge und Abwürfe von Flugblättern über österreichischem Gebiet durch britische Bomber lassen sich zwar schon um die Jahreswende 1939/40 nachweisen, doch erst als nach der Konferenz von Casablanca im Jänner 1943 sich westalliierte Luft- und Landoperationen nach den strategisch-operativen Vorgaben gegen den "weichen Unterleib" der "Festung Europa" richteten, griffen die in Nordafrika stationierten britischen und amerikanischen strategischen Luftstreitkräfte fallweise Ziele auf dem Gebiet der "Ostmark" an.

So flogen beispielsweise die schweren Bomberverbände der amerikanischen 9. Air Force bereits am 13. August 1943 einen Angriff gegen die Messerschmitt-Werke in Wiener Neustadt, und in der "Big Week" vom 20. bis zum 25. Februar 1944 griffen sowohl britische als auch amerikanische Bomberverbände die Flugzeugindustrie im gesamten Reichsgebiet an.

Durchnittlich standen zwischen Mitte August 1943 und Juni 1944 vier deutsche Jagdgruppen, allerdings mit kaum mehr als 160 einsatzbereiten einmotorigen Jägern, auf Flugplätzen in der "Ostmark" für die Abwehr zur Verfügung. Dazu verlegten nach dem Luftangriff auf Wiener Neustadt aus den anderen Luftgauen 32 schwere und elf leichte Flak-Batterien in den Luftgau XVII und verstärkten hier die 16. Flakbrigade. Dadurch konnte Anfang Dezember 1943 die 24. Flakdivision gebildet werden, die im Juni 1944 allein im Großraum Wien in einem Radius von 25 Kilometern über insgesamt 432 Fliegerabwehrkanonen verfügte. Allerdings reichte ihre Stärke zu keinem Zeitpunkt aus, die westalliierten Luftangriffe gegen den so genannten "Luftschutzbunker des Reiches" zu unterbinden. ►


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Luftkrieg und Luftabwehr während des Zweiten Weltkriegs im österreichischen Raum

Schon sehr bald nach der Kriegserklärung Italiens an Großbritannien am 10. Juni 1940 begannen nicht nur die Kämpfe zwischen britischen bzw. Commonwealth-Truppen und den italienischen Streitkräften in Nord- und Ostafrika sowie im gesamten Mittelmeerraum, es verlagerten sich auch die Operationen des Bomber Command der Royal Air Force (RAF) auch gegen Ziele in Norditalien, wodurch es im Sommer 1940 zu vereinzelten Überflügen von österreichischem Gebiet kam.

Erste Einflüge und Abwürfe von Flugblättern über österreichischem Gebiet durch britische Bomber der 4. Bomber Group, die von England bzw. Frankreich gestartet waren, lassen sich schon um die Jahreswende 1939/40 nachweisen - bereits ein deutliches Zeichen, dass die "Ostmark" als der "Luftschutzkeller des Deutschen Reiches" auch schon in den Jahren 1940 bis 1942 gegen Einflüge einzelner alliierter Flugzeuge keinesfalls so absolut "sicher" war, wie von der deutschen Luftwaffenführung bei Kriegsbeginn angenommen worden war.

Bei den ersten Luftangriffen der RAF auf süddeutsche und norditalienische Ziele wurde Tiroler und Vorarlberger Gebiet zwischen Mitte Juni und Ende August 1940 von britischen Bombern mehrmals überflogen. Diese Flüge wurden auch von Bombern der 4. Group des Bomber Command der RAF durchgeführt.(Fußnote 1/FN1) Die Royal Air Force hingegen, die schon seit November 1940 die griechischen Streitkräfte bei ihren Abwehrkämpfen gegen italienische Verbände aller drei Waffengattungen unterstützt hatte, operierte nun bereits von Griechenland aus gegen Bulgarien und flog am 7. April 1941 erstmals schwere Angriffe gegen die praktisch unverteidigte Hauptstadt Sofia.

Im gesamten Kriegsschauplatz des Mittelmeerraumes von 1940 bis 1943, aber auch in Ostafrika 1940/41 und im Nahen Osten 1941 konnten die britischen Luftstreitkräfte (hauptsächlich die Desert Air Force) - unterstützt durch amerikanische Luftwaffenverbände der 9. (aus Ägypten) und 12. Air Force (Marokko, Algerien und Tunesien) - bis zum Mai 1943 wesentlich an der Niederringung der Streitkräfte der Achsenmächte und ihrer Semi-Verbündeten (hierzu müssen auch Teile der Vichy-französischen im November 1942 und die irakischen Streitkräfte im Mai 1941 gezählt werden) bis zur Kapitulation der Achsenstreitkräfte in Tunesien im Mai 1943 mitwirken.(FN2) Die westalliierten Luft- und Landoperationen richteten sich nach den strategisch-operativen Vorgaben der Konferenz von Casablanca im Jänner 1943 vorerst gegen den "weichen Unterleib" der "Festung Europa".

Die auf dieser Konferenz in ihren Grundzügen festgelegte alliierte "Combined Bomber Offensive" (CBO) sah neben den Angriffen des Bomber Command der Royal Air Force und der amerikanischen 8. Air Force von England aus die schrittweise Errichtung einer "zweiten" strategischen Luftfront gegen das Deutsche Reich im Mittelmeerraum vor.

Der Luftkrieg gegen den österreichischen Raum vom Sommer 1943 bis zum Frühjahr 1945

Die in Nordafrika stationierten britischen und amerikanischen strategischen Luftstreitkräfte flogen ab dem Hochsommer 1943 nicht nur Angriffe zur Unterstützung der eigenen Heeresverbände bei der Besetzung Siziliens und Süditaliens, sondern griffen auch, wie die schweren Bomberverbände der amerikanischen 9. Air Force, bereits am 1. August 1943 die Ölraffinerien in Ploesti/Rumänien und am 13. August 1943 die Messerschmitt-Werke in Wiener Neustadt an.(FN3) Eine erhebliche Verbesserung für die strategischen Bomberverbände der Alliierten hatte die Besetzung des Raumes Foggia in Apulien bis Ende September 1943 gebracht.

Hier gelang es der effektiven Bodenorganisation der alliierten Luftstreitkräfte binnen weniger Wochen, neben der bereits vorhandenen italienischen Luftwaffenbasis bei Foggia noch dreizehn weitere Großflugplätze neu anzulegen. Von diesen Basen aus begannen nun die am 1. November 1943 in der neu aufgestellten 15. Air Force (ursprünglich unter dem Kommando von Major General James H. Doolittle, ab 3. Jänner 1944 unter Major General Nathan F. Twining) zusammengefassten amerikanischen strategischen Bomberverbände (ausgerüstet mit den viermotorigen Bombern Boeing B-17 Flying Fortress und Consolidated B-24 Liberator) sowie ihre Begleitjägerverbände und schließlich auch die 205 Group der RAF schon ab November 1943 Luftoperationen in verstärktem Ausmaß gegen Ziele im zentraleuropäischen Raum durchzuführen. Nicht nur die Angriffe auf die Flugzeugindustrie im Raum Wiener Neustadt wurden fortgesetzt, sondern auch die Flugzeugindustrie während der "Big Week" vom 20. bis zum 25. Februar 1944 im gesamten Reichsgebiet von sowohl britischen (bei Nacht) und amerikanischen Bomberverbänden (bei Tag) äußerst wirkungsvoll angegriffen.(FN4) Der planmäßige Aufbau der strategischen Bomber-Streitmacht der USAAF im Mittelmeerraum ging wie bei der 8. Air Force in England bis zum Mai 1944 in sehr raschem Tempo vor sich. Anfang Juni 1944 umfassten die nun 21 Heavy Bombardment Groups der 15. Air Force bereits 741 einsatzbereite viermotorige Bomber (davon 605 B-24 in 15 Bomber Groups und 136 B-17 in sechs Bomber Groups) sowie 341 einsatzbereite Begleitjäger (in sieben Fighter Groups).(FN5) Bis Anfang April 1945 sollten sich diese Stärken auf 811 B-24 und 301 B-17 sowie auf 289 P-51 Mustang und 220 P-38 Lightning erhöhen.

Bei den taktischen Fliegerverbänden war zwischen Juli 1943 und April 1944 der Schwerpunkt der Operationen der RAF und der USAAF im westlichen Mittelmeerraum noch in der taktischen Luftunterstützung der eigenen Kräfte (britische 8. Armee und 5. US-Armee) in Sizilien und Mittelitalien gelegen. Mit den taktischen Fliegerkräften der amerikanischen 12. Air Force und der Desert Air Force wurden nach diesen phasenweise verlustreichen Operationen (die meisten alliierten Flugzeugverluste in Südeuropa traten ab Spätfrühjahr 1944 überwiegend durch die gegnerische Fliegerabwehr auf) ab Sommer 1944 durch die Verlegung einzelner Luftbasen nach Mittelitalien Einflüge taktischer Kampfflugzeuge nach Österreich möglich und speziell gegen Eisenbahnziele (z.B. Bahnanlagen entlang der gesamten Strecke über den Brenner) weiter intensiviert. Die alliierten strategischen Luftoperationen gegen den österreichischen, süddeutschen, ungarischen und tschechoslowakischen Raum wurden daher bis Ende April 1945, als die westalliierten Heeresverbände im Zuge ihrer letzten Offensive die norditalienische Tiefebene erreicht hatten und die Rote Armee zwischen Ende März und Anfang Mai 1945 Teile Ostösterreichs besetzte, mit steigender Wirksamkeit fortgesetzt.

Der Anteil der Royal Air Force am Luftkrieg gegen den österreichischen Raum

Der strategische Luftkrieg der 15. Air Force gegen den österreichischen Raum wurde ab Spätfrühjahr 1944 auch von der bereits im Herbst 1941 aufgestellten und vorerst vorwiegend über Nordafrika eingesetzten 205 Group der RAF unterstützt, die über durchschnittlich acht Squadrons mit einem Sollstand von 120 Bombern verfügte (vorerst ausschließlich zweimotorige Vickers Wellington und einige viermotorige Handley Page Halifax-Bomber, später - ab dem Frühsommer 1944 - wurden die Staffeln schrittweise auf Consolidated B-24 Liberator umgerüstet).

Bereits ab Februar, jedoch im vollen Umfang ab April 1944, begannen die Bomber der 15. Air Force und der 205 Group mit Angriffen auf verschiedene strategische Ziele auf österreichischem Gebiet, die sich vorerst auf die Flugzeug- und Kugellagerindustrie, dann ab 12. Mai 1944 auch auf die Treibstoffindustrie, auf weitere Ziele der deutschen Rüstung und schließlich ab Februar 1945 primär auf Verkehrsziele richteten.

Eine spezielle, mehrere Wochen dauernde Operation der 205 Group bildete die Verminung von mehreren Abschnitten der Donau, um die Öltransporte per Schiff aus Rumänien zu unterbinden.

Allerdings verliefen diese Operationen durch die Einsätze von Nachtjagdverbänden der deutschen Luftwaffe wie auch durch Fliegerabwehr und Unfälle phasenweise (besonders zwischen Juni und Ende August 1944) sehr verlustreich.(FN6) Mit der Besetzung von italienischen Flugplätzen in Norditalien (v.a. im Raum Rimini und Ravenna) ab Ende 1944 rückten die Absprungbasen der alliierten Luftwaffenverbände noch näher an die Zielgebiete in der "Ostmark" heran. Nun fanden zwischen März und Anfang Mai 1945 auch verstärkte Einflüge von Jägern der RAF (hauptsächlich Staffeln der Desert Air Force, die mit der P-51 D Mustang/britische Bezeichnung: Mustang IV, die an sich schon über einen außergewöhnlichen Aktionsradius verfügte, ausgerüstet waren) bis in den Raum der nördlichen Steiermark und sogar des südlichen Niederösterreichs statt. Dabei erlitten diese auch als Jagdbomber eingesetzten Verbände durch die deutsche Fliegerabwehr v.a. im Raum Graz und Bruck an der Mur einige Verluste.(FN7) Mit der Kapitulation der deutschen Heeresgruppe C in Norditalien am 2. Mai 1945 fanden jedoch diese Operationen der RAF ein jähes Ende.(FN8)

Die deutsche Luftabwehr über Süd- und Südosteuropa

Die Effizienz der deutschen fliegenden Luftwaffenverbände in Italien (bis 27. September 1944 Luftflotte 2, danach unter dem "Kommandierenden General der Luftwaffe in Italien"), die zwischen Juli 1943 und Juni 1944 den alliierten Luftstreitkräften entgegentraten, war ab dem Hochsommer 1944 kaum noch nennenswert und schließlich so gut wie nicht mehr existent. Die Jagdgruppen der deutschen Luftwaffe waren in den vergangenen zwölf Monaten durch hohe Verluste geschwächt und aus Italien bis zum Frühsommer 1944 weit gehend zur "Reichsverteidigung" oder an die neu entstandene "Invasionsfront" in Frankreich abgezogen worden, während die zahlenmäßig sehr schwachen Jagdfliegerverbände der verbündeten "Republicca Sociale Italiana" schon seit ihrer Aufstellung im Frühherbst 1943 ebenfalls keine nennenswerte Bedrohung für die alliierten Luftstreitkräfte darstellen konnten. Auch einzelne ungarische, kroatische, slowakische, rumänische und bulgarische Jagdfliegerverbände verstärkten zwar die deutschen Jagdfliegerverbände in Zentral- und Südosteuropa, waren aber ebenso wie diese nicht in der Lage, die alliierten Luftoperationen nachhaltig zu behindern, und erlitten zwischen April und August 1944 ebenfalls schwere Verluste durch die amerikanischen Begleitjäger, die allein von April 1944 bis zum Kriegsende 1.496 Abschüsse - fast ausschließlich gegnerische Jagdflugzeuge - meldeten.(FN9)

Die deutsche Luftabwehr über der "Ostmark" ab Sommer 1943

Zwischen September 1939 und Hochsommer 1943 lagen nur vorübergehend Jagdverbände der deutschen Luftwaffe auf Flugplätzen auf österreichischem Gebiet, v.a. während des Polen- und Balkanfeldzuges.

Im österreichischen Raum waren erst seit den ersten amerikanischen Luftangriffen Mitte August 1943 nennenswert stärkere Jagdfliegerverbände unter dem Kommando des Jagdfliegerführers Ostmark (Jafü Ostmark), der der 7. Jagddivision unterstand (am 15. September 1943) und der die Jagdfliegerverbände auf österreichischem Gebiet führen sollte, stationiert worden.

Im Durchschnitt lagen zwischen Mitte August 1943 und Juni 1944 vier deutsche Jagdgruppen,(FN10) deren Stärke allerdings kaum mehr als 160 einsatzbereite einmotorige Jäger des Musters Me-109G überschritt, auf Flugplätzen im heutigen österreichischen Staatsgebiet bzw. in Westungarn oder Kroatien (durch zeitweise Verlegungen), von denen sie Einflüge und Angriffe alliierter Bomber auf Ziele in Mitteleuropa zu unterbinden versuchten. Fallweise griffen auch einzelne deutsche Jagdgruppen (z.B. von den Jagdgeschwadern JG 3 und JG 300) aus dem süddeutschen Raum in die Kämpfe ein, wodurch bei einzelnen Abwehreinsätzen im Frühjahr und Sommer 1944 fallweise mehr als 250 deutsche Jagdflugzeuge zum Einsatz kamen.(FN11) Die zweimotorigen schweren Jäger ("Zerstörer") der Type Me-110 und Me-410, deren Stärke im Frühjahr 1944 zwei Gruppen und eine Staffel im österreichischen Raum umfasste (Sollstärke 92 Maschinen), mussten nach einigen Anfangserfolgen schon ab Februar 1944 durch die amerikanischen Jäger derart schwere Verluste hinnehmen, dass sie ab Ende Juli 1944 endgültig vom Einsatz zurückgenommen werden mussten.

Aus dem Jafü Ostmark war am 15. Juni 1944 die 8. Jagddivision (Gefechtsstand am Cobenzl) entstanden, der allerdings zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Jagdgruppen mit einmotorigen Jägern und zwei Zerstörergruppen unterstanden. Deren Verluste im Juli und im August 1944 reduzierten die Zahl der einsatzfähigen Jagdflugzeuge drastisch.

Die in diesem Zeitraum klare zahlenmäßige Überlegenheit der amerikanischen Begleitjäger, von denen vier Fighter Groups (31., 52., 325. und 332., Sollstand je 125 Maschinen) schon seit Mai 1944 mit dem ausgezeichneten Jäger P-51 Mustang ausgerüstet waren,(FN12) der hohe Ausbildungsstand der Piloten und die immer öfter erkennbaren Ausbildungsmängel der immer jüngeren deutschen Piloten führten zu extrem hohen Verlusten unter den deutschen Jägern. Die wenigen verbliebenen deutschen Verbände waren bis Ende August 1944 regelrecht aufgerieben, ihre letzten Reste daraufhin meist nach Nord- und Ostdeutschland zurückgezogen worden. Ab Mitte September 1944 befanden sich keine einsatzbereiten deutschen Jagdfliegerverbände mit einmotorigen Jägern auf dem Gebiet der "Ostmark".(FN13) Die amerikanischen Verluste an viermotorigen Bombern über dem österreichischen Raum waren zwar zwischen Oktober 1943 und April 1945 bei wenigen einzelnen Angriffen relativ hoch, blieben aber im Durchschnitt erheblich unter 3% der jeweils eingesetzten Bomber. Die Verlustquote der amerikanischen Begleitjäger blieb noch geringer. Insgesamt dürften durch deutsche Jäger und die Fliegerabwehrartillerie mit Sicherheit mehr als 600 westalliierte Bomber und mindestens 200 Jäger über dem österreichischen Raum abgeschossen worden sein.(FN14) Die Luftabwehr gegen den strategischen Luftkrieg gegen Ziele in der "Ostmark" blieb daher ab Anfang September 1944 nun völlig den deutschen Fliegerabwehrverbänden überlassen.

Diese bis zum Sommer 1942 vorerst relativ schwachen Verbände waren bereits nach dem Luftangriff auf Wiener Neustadt am 13. August 1943 nachhaltig verstärkt worden. Innerhalb weniger Wochen trafen nun aus den anderen Luftgauen 32 schwere und elf leichte Flak-Batterien im Luftgau XVII ein, wo sie die Verbände der im September 1942 aufgestellten 16. Flakbrigade verstärkten. Dadurch konnte Anfang Dezember 1943 die 24. Flakdivision gebildet werden, die im Juni 1944 allein im Großraum Wien in einem Radius von 25 Kilometern über insgesamt 432 Fliegerabwehrkanonen (mit einem Kaliber zwischen 2cm und 12,8cm) verfügte.(FN15)

Zusammenfassung

Zweifellos waren die Stärke, Einsätze und Abschusserfolge der deutschen Jagdfliegerverbände und der Flak-Verbände zwischen August 1943 und Mai 1945 zu keinem Zeitpunkt in der Lage, die westalliierten Luftangriffe gegen den zumindest bis Sommer 1943 einigermaßen sicheren "Luftschutzkeller des Reiches" in der "Ostmark" zu unterbinden. Dies unterschied sich allerdings kaum vom "Erfolg" der deutschen Luftverteidigung zwischen 1940 und 1945 über dem gesamten Gebiet des Deutschen Reiches, da die alliierten Luftwaffenverbände die deutschen Jagdverbände der Reichsverteidigung spätestens ab Frühjahr 1944 trotz phasenweise empfindlicher eigener Verluste in einem "Abnützungskrieg" aufrieben. Allerdings standen im österreichischen Raum immer wesentlich schwächere Kräfte - sowohl bei der Jagdabwehr als auch bei der terrestrischen Fliegerabwehr - als im übrigen Reichsgebiet zur Verfügung. Letztlich hätte jedoch auch eine Verstärkung beider Elemente nichts Wesentliches am Kraft- und Zeitkalkül und damit am Ergebnis des Luftkrieges geändert.

Interessant bleibt jedoch noch der Versuch, die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und die unübersehbaren "steinernen Zeugen" des Luftkrieges dieser Jahre in Wien zu untersuchen.

ANMERKUNGEN:

(Fußnote 1/FN1) In der Nacht zum 17. August 1940 stürzte das vermutlich erste alliierte Flugzeug - ein britischer zweimotoriger Bomber des Typs Armstrong Whitworth "Whitley" der 102 Squadron über dem heutigen österreichischen Gebiet (nahe des Gipfels des Hohen Lichts im Lechtal)ab. Die sterblichen Überreste der Besatzung sind auf dem britischen Soldatenfriedhof in Klagenfurt beigesetzt. Dazu W.R. Chorley, Royal Air Force Bomber Command Losses of the Second World War. Volume One. Aircraft and Crews lost 1939 - 1940. Earl Shilton 1992, S.100; bzw. G.L. Larry Donnelly, The Whitley Boys. 4 Group Bomber Operations 1939 - 1940. New Malden 1991, S.180 und Flugzeug 3/87 und 5/87, S.6. Bereits in der ersten Phase des Balkanfeldzuges der deutschen Wehrmacht im April 1941 griffen in den ersten Tagen der Kampfhandlungen einzelne Bomber der jugoslawischen Luftwaffe (vom britischen Typ Bristol "Blenheim" - daher wurden diese Flugzeuge von der deutschen Luftabwehr fallweise als RAF-Bomber angesprochen) Ziele in Südostösterreich an. Dabei wurde das Stadtgebiet von Graz um den Hauptbahnhof getroffen. Ein weiterer jugoslawischer Bomber drang am 7. April sogar in den Raum Wiener Neustadt vor, stürzte aber im Gebiet nördlich des Hochwechsels bei Pinggau ab. Dazu Christopher Shores and Brian Cull with Nicola Malizia, Air War for Yugoslavia, Greece and Crete 1940 - 41. London 1987. S.202.

(FN2) Zum Überblick dient v.a. John D.R. Rawlings, The History of the Royal Air Force, London 1984. Zur genauen chronologischen Darstellung des Luftkrieges in Nordafrika und im Mittleren Osten sind v.a. Hans Ring/Christopher Shores, Luftkampf zwischen Sand und Sonne, Stuttgart 1974; Christopher Shores /Hans Ring/William N.Hess, Tunesien 1942/43. Luftkämpfe über Fels und Wüste, Stuttgart 1981 sowie Christopher Shores, Dust Clouds in the Middle East. The Air War in East Africa, Iraq, Syria, Iran and Madagascar 1940 - 42. London 1996, zu nennen.

(FN3) Dazu Richard G. Davis, Carl A. Spaatz and the Air War in Europe. Washington - London 1992, S.260-265; sowie Sebastian Cox (ed.), The Official Report of the British Bombing Survey Unit. London - Portland 1998; Kenn C. Rust, Ninth Air Force Story. Terre Haute IN, 1995; Kenn C. Rust, Fifteenth Air Force, Terre Haute IN, 1995; Zum Angriff auf Wiener Neustadt speziell Manfried Rauchensteiner, Der Luftangriff auf Wiener Neustadt am 13. August 1943 (= Militärhistorische Schriftenreihe Heft 49). Wien 1983 und Wernfried Haberfellner und Walter Schroeder, Wiener Neustädter Flugzeugwerke Gesellschaft m.b.H. Entstehung, Aufbau und Niedergang eines Flugzeugwerkes. Graz 1993.

(FN4) Dazu auch Glenn Infield, Big Week. The Classical Story of the crucial Air Battle of WW II. Washington - New York - London 1993. Allein die US-Bomberverbände flogen in dieser Woche über 3.500 Einsätze. Insgesamt betrugen die Verluste durch diese Angriffe in den bombardierten Werken an teilfertigen Jägern und der Produktionsausfall rund 1.000 Flugzeuge, dazu verloren die deutschen Jagdfliegerverbände in Luftkämpfen über 200 Jagdflugzeuge.

(FN5) Zit. nach Olaf Groehler, Bombenkrieg gegen Deutschland, Berlin 1990, S.381.

(FN6) In einer rezenten Darstellung werden die Gesamtverluste der 205 Group zwischen 1. Februar 1944 und 7. Mai 1945 mit 215 vermissten Bombern ("failed to return") und 35 Bruchlandungen bei 228 Missions und 18.139 Sorties angegeben, nach: Maurice C. Lihou, It’s dicey flying Wimpys. Around Italian Skies, New Malden 1992; sowie David Gunby, Sweeping the Skies. A History of No.40 Squadron, RFC and RAF, 1916 - 1956. Edinburgh-Cambridge- Durham - 1995; Kevin Mears, Wise without eyes. 37 Squadron Royal Air Force 1939 - 1945. Walsall 2005. Zum Einsatz der 205 Group gegen Erdölziele in Rumänien im Frühjahr und Hochsommer 1944 vgl. Patrick Macdonald, Through Darkness to Light. Upton upon Severn 1994. Zum Luftkrieg über den österreichischen Bundesländern Kärnten und der Steiermark ausführlich Siegfried Beer und Stefan Karner, Der Krieg aus der Luft. Kärnten und Steiermark 1941 - 1945. Graz 1992.

(FN7) Vgl. dazu Robin Brown, Shark Squadron. The History of 112 Squadron 1917 - 1975. Falmouth 1996. S. 186 - 187 und S.266 sowie Brian Cull, 249 at War. The authorised History of the RAF’s top -scoring Squadron of WW II. London 1997, S.200.

(FN8) Bei Kriegsende waren 88 Squadrons des britischen Commonwealth (davon 67 Squadrons der RAF, 17 der SAAF und vier der RAAF mit fast 1.700 Flugzeugen) im westlichen Mittelmeerraum stationiert. Die Stärke der Desert Air Force, zu diesem Zeitpunkt mit der Masse ihrer Verbände in Norditalien in der Emilia Romagna bzw. schon auf einzelnen Basen im Raum Udine stationiert, betrug Ende April 1945 21.752 Mann mit 16 Fighter Squadrons der RAF, sieben Fighter Squadrons der SAAF, einer SAAF Fighter Reconnaissance Squadron und sechs Light Bomber Squadrons.

(FN9) Zu dieser Phase des Luftkrieges in Norditalien v.a. Nick Beale - Ferdinando D’Amico - Gabriele Valentini, Air War Italy 1944 - 45. The Axis Air Forces from the Liberation of Rome to the Surrender, Shrewsbury 1996; Andrew Brookes, Air War over Italy. Shepperton (Surrey) 2000; sowie Christopher Shores, Pictorial History of the Mediterranean Air War. Volume II: RAF 1943 - 45. London 1973; Christopher Shores, USAAF Fighter Units MTO 1942-45, London 1978. Zum Einsatz der Jagdfliegerkontingente der Luftwaffen der mit dem Deutschen Reich verbündeten Staaten vgl. György Punka, Hungarian Aces of World War 2, Oxford 2002; Dragan Saviv & Boris Ciglic, Croatian Aces of World War 2, Oxford 2002; Jiri Rajlich, Stephan Boshiankov and Petko Mandjukov, Slovakian and Bulgarian Aces of World War 2, Oxford 2004; Dénes Bernád, Rumanian Aces of World War 2, Oxford 2003.

(FN10) Es handelte sich um die I. Gruppe des Jagdgeschwaders (JG) 27 (Sollstand 40 Jagdflugzeuge), der dann die III. und auch die IV. Gruppe des JG 27 folgten. Ebenso wurde die II. Gruppe des JG 301 am 20. März 1944 in den Raum Wien verlegt und ab 29. April 1944 durch die I. Gruppe des Jagdgeschwaders 302 (bis 26. August 1944) abgelöst. Nach der Verlegung der genannten drei Jagdgruppen des JG 27 nach Frankreich zur Abwehr der alliierten Invasion ab 7. Juni 1944 verlegte die II. Gruppe des JG 27 von Süddeutschland nach Fels am Wagram und blieb dort bis 27. August. Dazu Jochen Prien, Peter Rodeike, Gerhard Stemmer, Messerschmitt Bf 109 im Einsatz bei der II./Jagdgeschwader 27. 1940 - 1945. Hamburg 1997; Willi Reschke, Jagdgeschwader 301/302 "Wilde Sau". Stuttgart 1998; Anton Haberfellner, Der Einsatzflughafen Fels/Wgr. Im Tullnerfeld und die Abwehreinsätze der I u. II/JG 27 in den Luftschlachten über Österreich vom August 1943 bis August 1944. Dürnrohr 1996.

(FN11) So z.B. beim Angriff der 15. US Air Force auf Wiener Neustadt am 29. Mai 1944 und auf Linz am 25.Juli 1944.

(FN12) Drei Fighter Groups (1.,14. und 82.) blieben bis Kriegsende mit dem zweimotorigen Jäger P-38 "Lightning" ausgerüstet.

(FN13) Erst ab Ende März 1945 verlegten wieder deutsche Jagdgruppen der Jagdgeschwader JG 51, JG 52 und JG 53, die an der Ostfront, die mittlerweile in Zentraleuropa verlief, eingesetzt waren, in den ostösterreichischen Raum. Sie wurden nun sowohl von sowjetischen wie auch von westalliierten Jagdfliegerverbänden bekämpft und erlitten abermals hohe Verluste.

(FN14) Die Gesamteinsatzverluste der 15. Air Force über Zentraleuropa aus allen Ursachen zwischen 1. November 1943 und 8. Mai 1945 betrugen 3.410 Kampfflugzeuge (davon 1.751 B-24, 624 B-17, 514 P-38, 410 P-51 und 106 Flugzeuge anderer Typen). Nach: Statistical Digest of the Fifteenth Air Force. 1947.

(FN15) Dazu Gustav Holzmann, Der Einsatz der Flak-Batterien im Wiener Raum 1940-1945 (= Militärhistorische Schriftenreihe Heft 14, Hrsg. vom Heeresgeschichtlichen Museum/Militärwissenschaftliches Institut), Wien 1970.

Dr. Wolfgang Etschmann

Geb. 1953; Hofrat; Studium der Zeitgeschichte und Germanistik an der Universität Wien, 1979 Promotion zum Dr. phil.; 1980 Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien; 1981-1982 Offizier auf Zeit (Kompaniekommandant 1. Jägerkompanie[UN]/Landwehrstammregiment 21); 1982-1993 Referent im militärwissenschaftlichen Institut/Heeresgeschichtliches Museum (HGM); seit 1994 Leiter der militärgeschichtlichen Forschungsabteilung/HGM.



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Schwere Flak-Batterien um Wien Stand: November 1944.
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Schwere Flak-Batterien um Wien Stand: November 1944.

Gliederung der 15. USAAF Stand April 1945.
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Gliederung der 15. USAAF Stand April 1945.

Gliederung der deutschen Tagjagdabwehr Stand: Ende Mai 1944.
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Gliederung der deutschen Tagjagdabwehr Stand: Ende Mai 1944.

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