Bundesheer Bundesheer Hoheitszeichen

Instagram
flickr
YouTube
facebook-button
Bundesheer auf Twitter

Sowjetische Hinterlassenschaft und russische Sicherheitspolitik in Zentralasien

von Markus Brach-von Gumppenberg

Kurzfassung

◄ Nach der plötzlichen Erlangung der Unabhängigkeit Anfang der 90er-Jahre sahen sich die zentralasiatischen Republiken plötzlich mit einer sicherheitspolitisch prekären Lage konfrontiert. Die Gründung der GUS verhieß Stabilität und den Fortbestand des sowjetischen bzw. russischen Einflusses, der für die Entnuklearisierung der Region von zentraler Bedeutung war.

Wegen seiner strategischen Lage und einem hohen russischen Bevölkerungsanteil waren die Beziehungen zwischen Moskau und Kasachstan immer sehr eng; Kasachstan nimmt an einem gemeinsamen Luftverteidigungssystem teil, verpachtet das Kosmodrom in Baikonur an Russland und kooperiert in Sicherheitsbelangen voll. Kirgisistan birgt Uranvorkommen, für die Russland der Abnehmer ist, und vergütet Moskau die Stationierung russischer Truppen auf dem Stützpunkt Kant, während die USA für die Benützung von Manas teures Geld zahlen. Beide Stützpunkte dienen der Terrorbekämpfung in Zentralasien.

Eine russische militärische Präsenz ist auch in Tadschikistan ein stabilisierendes Element, hat Tradition und geht auf den Afghanistankrieg zurück. Heute steht russisches Militär zum Schutz der Grenze zu Afghanistan bzw. als Friedenstruppe nach dem Bürgerkrieg im Land; die jüngst vereinbarte reguläre Truppenstationierung lässt auf längerfristige russische Planungen schließen. Wesentlich weniger ausgeprägt ist die sicherheitspolitische Kooperation zwischen Moskau und Turkmenistan, dessen Integration in die UdSSR am schwächsten war. Turkmenistan trat nie der Kollektiven Sicherheitsvertragsorganisation CSTO bei und scheut auch heute nicht Distanz zu Moskau.

In den bilateralen Beziehungen zwischen Usbekistan und Russland lassen sich deutliche Phasen unterscheiden, deren erste bis zur Unabhängigkeit der Sowjetrepublik von einer engen Verflechtung durch Rüstungsindustrie und Uranabbau gekennzeichnet war. Anschließend war die Kooperation militärischer Natur vorerst eng, Mitte der 90er-Jahre suchte Usbekistan aber nach Alternativen und näherte sich westlichen Positionen an. 2001 trat Usbekistan der Schanghaier Kooperationsorganisation SCO bei und lancierte eine Balancepolitik zwischen West und Ost. Seit Frühjahr 2005 ist allerdings eine deutliche Abwendung vom Westen erkennbar.

Allgemein lässt sich konstatieren, dass der Westen an Einfluss in Zentralasien verliert und China an seine Stelle tritt, weil Fragen der Menschenrechte oder Demokratie keinen solchen Stellenwert einnehmen wie im Westen. Zentralasien sollte ganzheitlich und nicht nur unter den Bedingungen des Kriegs gegen den Terror gesehen werden. ►


Volltextverion

Sowjetische Hinterlassenschaft und russische Sicherheitspolitik in Zentralasien

Anfang der 90er-Jahre war die sicherheitspolitische Lage in Zentralasien sehr unübersichtlich. Die fünf Republiken des "sowjetischen Orients" - Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan - waren "über Nacht" souverän geworden - nicht etwa infolge eines Befreiungskampfes, sondern auf Grund des "implodierenden" Machtzentrums in Moskau. In keiner der zentralasiatischen Republiken lagen Pläne in der Schublade, wie mit einer solchen Situation umzugehen, wie die neue Selbstständigkeit zu gestalten sei.

Gleichsam von einem Tag auf den anderen waren einige der ehemaligen Teilrepubliken der UdSSR im Besitz von Waffensystemen mit globalstrategischer Bedeutung. Insbesondere Kasachstan sah sich plötzlich mit einem eigenen interkontinentalen Nuklearsystem konfrontiert. Kirgisistan und Usbekistan hatten umfangreiche Uranförderungskombinate und zugehörige Verarbeitungskapazitäten. Usbekistan und Kasachstan besaßen auf der gemeinsamen Aralsee-Insel Wosroschdenije ein komplettes Biochemiewaffen-Versuchslaboratorium. In fast allen zentralasiatischen Staaten bestanden umfangreiche militärisch-industrielle Komplexe. Hochtechnologie wurde auf den Territorien von Kasachstan (Kosmodrom Baikonur) und Usbekistan (Flugzeug- und Raumschiffkomponentenbau) entwickelt. Gleichzeitig waren weiterhin ex-sowjetische Truppen präsent, die einem russisch dominierten Oberkommando unterstellt waren, was vorübergehend einer faktischen Besetzung der neuen Staaten gleichkam.

Die Gründung der "Gemeinschaft unabhängiger Staaten" (GUS) war ein wesentlicher Schritt, diese schwierige Situation zu stabilisieren und in geregelten Bahnen einer Lösung zuzuführen. Der GUS-Vertrag stellte die formale Souveränität der ehemaligen sowjetischen Republiken sicher und regelte den problematischen Übergang aus dem föderalen System der UdSSR in die Selbstständigkeit. Faktisch verstand Russland die GUS als eine Möglichkeit, in einem Staatenbund die führende Position einzunehmen und diese im Rahmen seiner Strategie des "Nahen Auslands" auszubauen.

Trotz des fortgesetzten russischen Einflusses begannen sich die zentralasiatischen Staaten zu emanzipieren. Zu einer ersten gemeinsamen Initiative der fünf Nachfolgestaaten der Sowjet­union auf Ebene der UNO kam es 1997. Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan riefen eine Initiative "Nuklearwaffenfreie Zone Zentralasien" aus. Unterstützung fand diese Initiative in insgesamt drei Resolutionen der UNO-Generalversammlung (52/38S, 53/77A, 55/33W) sowie bei insgesamt 19 Staaten, darunter auch Aserbaidschan, Georgien und die Ukraine. Nach Folgetreffen mit UNO-Experten und Vertretern der fünf Staaten in den Jahren 1997 bis 2002 in Genf, Taschkent, Bischkek, Saporo und Samarkand wurde am 8. Oktober 2002 in New York ein erster Text für eine solche Vereinbarung erstellt.

Zusammengefasst: In dieser ersten Dekade nach der Unabhängigkeit war der sowjetische, dann russische Einfluss in militärpolitischer Hinsicht weiterhin dominant. In jedem Staat Zentralasiens fanden sich nennenswerte Ausrüstungen, Waffensysteme oder Logistikeinrichtungen aus russischer (sowjetischer) Produktion oder Beständen. Militärische Hilfeleistungen westlicher Staaten, Chinas oder Indiens spielten eine untergeordnete Rolle. So lieferte China Uniformen oder die USA Nachtsichtgeräte und Computer. Auch die grundsätzlichen militärischen Strukturen in den neuen Ländern wurden über die erste Dekade der Unabhängigkeit kaum angetastet. Allerdings gab es weit reichende personelle Veränderungen. Spätestens Ende der 90er-Jahre war die Nationalisierung der einzelnen Armeen personell abgeschlossen.

Der 11. September 2001 bildete den Startschuss, die schon begonnene strukturelle Veränderung in den Armeen verstärkt umzusetzen. Heute sind die Verteidigungskonzepte der Teilstreitkräfte aus dem ehemaligen strategischen Verbund auch strukturell herausgelöst. Innere Sicherheit, Terrorismusabwehr und Separatismusbekämpfung bilden - neben den Bündnisaufgaben innerhalb der russisch-chinesisch dominierten "Schanghaier Kooperationsorganisation" (SCO)(Fußnote 1/FN1) und der russisch geführten "Organisation des Kollektiven Sicherheitsvertrags" (CSTO)(FN2) - die Hauptaufgabe der Teilstreitkräfte der Armeen Zentralasiens. Die Rolle, die die NATO (z.B. Partnership for Peace etc.) oder die OSZE (z.B. Wiener Dokument etc.) in dieser Region spielen, ist zwar noch wesentlich für die Westanbindung der Staaten Zentralasiens, aber ihre Bedeutung nimmt mehr und mehr ab.

Sowjetische Hinterlassenschaften in Kasachstan

Die bilateralen sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen Russland und Kasachstan haben eine lange Tradition. Schon in sowjetischer Zeit hob der politische Sprachgebrauch Kasachstan hervor. Es war nie nur von "Zentralasien" oder "Mittelasien" die Rede, sondern es hieß offiziell "Mittelasien und Kasachstan", was nicht lediglich auf Grund der Größe dieser Sowjetrepublik geschah. Zum einen hatte das bevölkerungspolitische Gründe - der Norden Kasachstans ist noch heute ethnisch russisch dominiert -, zum anderen hatte das außenpolitische Ursachen - neben Russland hatte Kasachstan die längste Grenze zu China. Von besonderem strategischem Interesse waren zudem die Öl- und Gasvorkommen am Kaspischen Meer.

Wesentlich waren jedoch auch militärische und sicherheitspolitische Gesichtspunkte: In Kasachstan befand sich das "Kosmodrom" in Baikonur und das Nukleartestgelände ("Polygon") bei Semipalatinsk (heute Semeij). Die Rote Armee testete und entwickelte biologische und chemische Kampfstoffe auf der Wosroschdenije-Insel im Aralsee. Weitere Standorte zur Entwicklung, Lagerung oder zum Test von ABC-Waffen befanden sich in Aktau am Kaspischen Meer, in Ust-Kamenorgorsk und Alma-Ata (heute Almaty). Interkontinentalraketen waren in Derzhavinsk (Nord-Kasachstan) und Zhangiz-Tobe (Südost-Kasachstan) stationiert.(FN3) Bis Frühjahr 1995 befanden sich 104 einsatzbereite RS-20-ICBM-Systeme (SS 18) in Kasachstan. Der Abzug der Raketen erfolgte gut ein Jahr vor dem vereinbarten Termin. Kasachstan war daran gelegen, möglichst schnell den internationalen Abkommen START-1 und -2 sowie dem nuklearen Nichtverbreitungs- und dem nuklearen Test-Stopp-Vertrag beizutreten, um seine Reputation als verlässlicher Kooperationspartner im Westen zu erhöhen. Die Raketen wurden 1995 nach Russland verlegt, die Infrastruktur (Raketensilos und Befehlsstände) wurden in Zusammenarbeit mit dem U.S. Department of Defense Cooperative Threat Reduction-Programm (CTR) im September 1999 zerstört.

Kasachstan strebte auch eine rasche Einstellung der ABC-Waffen-Produktion an. Zu Zeiten der Sowjetunion war die zentral­asiatische Republik Stationierungs- und Testgelände für atomare Waffen. Vom "Polygon" bei Semipalatinsk wurden bald nach der Unabhängigkeit nicht nur die dort befindlichen 1.410 Sprengköpfe nach Russland zurückgebracht, sondern auch die gesamte Infrastruktur des Testgeländes zerstört (Juli 2000). Die in der unmittelbaren Nachbarschaft bestehende Wissenschaftlerkolonie "Kurtschatow" wurde zu diesem Zeitpunkt ebenfalls aufgelöst. Im Lande verbliebene "Reste" atomaren Materials wurden, soweit es waffenfähiges Material war, nach Russland oder in die USA verbracht. Aufsehen hat insbesondere das unter dem Namen "Project Sapphire" bekannt gewordene Unternehmen erregt, bei dem 1994 ca. 600 kg waffenfähiges Uran aus dem Metallurgie-Kombinat "Ulba" in Ust-Kamenogorsk unter amerikanisch-kasachischer Kontrolle in die USA transportiert wurden.(FN4) Bis 2005 befanden sich in einem ehemaligen Kernreaktor in der Nähe der westkasachischen Stadt Aktau noch größere Mengen (ca. 3.000 kg) hoch angereicherten Urans (HEU), die dort unter der Kontrolle der IAEA gelagert waren. Wie der Generaldirektor der IAEA, Mohamed El Baradei, in einer Stellungnahme am 8. Oktober 2005 erklärte, seien bis Ende 2005 rund 2.900 kg durch verschiedene Verfahren zu "low enriched Uranium" (LEU) konvertiert worden und nun in Ust-Kamenogorsk im ehemaligen Metallurgie-Kombinat "Ulba" unter Kontrolle der IAEA und der NTI (Nuclear Threat Initiative) gelagert.(FN5) Die Produktions- und Forschungsstätten für B- und C-Waffen in Stepnogorsk (Anthrax-Produktion) und Pavlodar (Produktion von "Novichok"-Nervengas) wurden entweder geschlossen, dekontaminiert und demontiert oder für zivile Produktion konvertiert. Das frühere "Gidromash"-Werk zur Herstellung von U-Boot-Raketen bei Almaty wurde ebenso unter Beobachtung russischer und amerikanischer Experten einer zivilen Nutzung zugeführt.

Russland ist Kasachstans wichtigster strategischer Partner, mit dem es zahlreiche sicherheitspolitische Abkommen abgeschlossen hat. Eines der bedeutendsten ist der am 3. November 1995 geschlossene Vertrag über die Teilnahme an einem "CIS Common Air Defense System", dem neben Kasachstan auch Kirgisistan und Tadschikistan, nicht aber Usbekistan und Turkmenistan beitraten. Im Rahmen dieses Abkommens stationierte Russland kleinere Kontingente Militärspezialisten auf dem Territorium Kasachstans. Das gilt insbesondere für das von Russland gepachtete Gelände des "Kosmodroms" Baikonur in der zentralkasachischen Steppe. Ein größeres Kontingent russischer Grenztruppen, die entlang der kasachisch-chinesischen Grenze stationiert waren, sind im Rahmen mehrerer Abkommen innerhalb der SCO und der CSTO durch kasachische ersetzt worden.

Bereits im Oktober 2000 stellte Präsident Nursultan Nasarbajew die sicherheitspolitische Orientierung seines Landes dar. Angesichts der Bedrohung durch Extremismus, Terrorismus, Separatismus, Drogenhandel und illegale Migration sprach er sich dafür aus, dass Kasachstan "mit Blick auf die nationale Sicherheit und die uns mittelfristig bedrohenden Umstände sich nicht auf ein System von Worten, sondern auf ein wirkliches Sicherheitssystem in der Region verlassen können muss. Dafür brauchen wir den Vertrag für Kollektive Sicherheit und die Schanghai Fünf."(FN6) Mit keinem Wort ging hier der Präsident auf eine Sicherheitspartnerschaft mit westlichen Institutionen ein.

In derselben Rede nannte Nasarbajew drei Ziele, die in den nächsten Jahren erreicht werden sollten: 1. Bereitstellung von mindestens 1% des BSP für die Verteidigung; 2. Aufbau einer modernen Landesverteidigung; 3. Aufbau eines zuverlässigen Systems der Mobilisierung der Armee. All diese Ziele wurden - ganz im Sinne Russlands(FN7) - in den vergangen Jahren umgesetzt. Heute gibt Kasachstan knapp 250 Mio. EUR für die Verteidigung aus. Die Armee wurde restrukturiert, vier Verteidigungsbezirke eingerichtet, im Westen eine Luft- und Seeverteidigung eingerichtet, der Militärdienst verkürzt, kleine mobile Einheiten zur Terrorbekämpfung etabliert und eine Peacekeeping-Truppe eingerichtet. Diese nahm sowohl an Übungen der CSTO und der SCO als auch an der US-geführten Koalition im Irak(FN8) teil. Hiermit zeigte Kasachstan, dass es zwar wichtigster Bündnispartner Russlands in Zentralasien war, gleichzeitig aber auch im Rahmen seiner multivektoralen Außenpolitik bereit war, die Interessen anderer Bündnispartner zu berücksichtigen.

Kirgisistan - erste Stationierung russischer Truppen in der GUS nach 1991

Die bilateralen Beziehungen zwischen Kirgisistan und Russland gestalten sich ungleich konkreter als in Kasachstan, die Kontakte sind enger und intensiver. In Kirgisistan befanden sich zu sowjetischer Zeit weder nennenswerte Waffensysteme noch gab es Produktionsstätten von A-, B- oder C-Waffen. Was es aber in Kirgisistan in großer Zahl gab, waren Uran-Bergwerke und Anreicherungsbetriebe. Das wichtigste Kombinat war das Urankombinat in Mayli-Suu, Region Dschalalabad, im Fergana-Tal. In diesem Kombinat waren weitere Betriebe im kirgisischen Süden organisiert.(FN9) Noch heute werden in Kirgisistan bedeutende Uranvorkommen ausgebeutet. In einem groß angelegten Joint Venture zwischen Kirgisistan, Kasachstan und Tadschikistan kommt es in der Uranproduktion zu einer intensiven Kooperation. 1997 vereinbarten Kasachstan und Kirgisistan in Bischkek die Einrichtung einer neuen Uranproduktionsstätte im kirgisischen Kara-Balta-Bergbaukomplex im Norden des Landes. Beteiligt an diesem Unternehmen sind die kasachische Firma Kazatomprom sowie das Bergbau- und Metallurgiekombinat Nr. 6 aus Khudjand (früher: Leninabad) in Tadschikistan. Mit seiner Kapazität (es werden bis zu 2.000 t jährliche Produktion Uran 308 genannt) soll das stillgelegte Bergbaukombinat Tselinnij im Norden Kasachstans ersetzt werden. Neben Russland als Hauptabnehmer des Urans werden die USA, Deutschland, Japan und Frankreich beliefert.(FN10) Informationen über großflächige Verstrahlungen, die immer wieder über das Gebiet Issyk-Kul verbreitet wurden und werden, gelten als unzuverlässig. In dieser Region gibt es noch heute ein Militärcamp der vormaligen Roten Armee namens "Edelweiß" in den Bergen bei Balakchy südlich des Issyk-Kul, das in einem der letzten großen Manöver der SCO 2004 eine wichtige Rolle spielte.

Von weit größerer und aktueller Bedeutung ist die Stationierung von russischen Soldaten auf dem ehemals sowjetischen Luftwaffenstützpunkt Kant bei Bischkek. Die kirgisische Regierung hatte auf Ansuchen der russischen Regierung diesen Stützpunkt im Rahmen der CSTO Ende 2002 angeboten. Eröffnet wurde der Stützpunkt im Oktober 2003. Seine offizielle Aufgabe ist die Terrorismusbekämpfung in Zentralasien.

Ursprünglich war vorgesehen, etwa 50 Suchoi-Kampfflugzeuge dort zu stationieren. Über die Zusammensetzung der in Kant nun tatsächlich stationierten Kampfflugzeuge wird jedoch spekuliert. Es sollen dort Su-25, ein klassisches Erdkampfflugzeug, das durchaus in einem Anti-Terror-Einsatz funktional einzusetzen ist, stationiert sein. Es wird aber auch über Su-27, ein Jagdflugzeug, das für Anti-Terror-Maßnahmen wenig geeignet ist, berichtet. Darüber hinaus befindet sich in Kant ein Kontingent Kampfhubschrauber und Versorgungsflugzeuge. Das gesamte Personal wird mit 500 (andere Quellen 1.000) Mann angegeben.(FN11) Neben der Tatsache, dass die Neuinbetriebnahme der Basis in Kant die erste Stationierung von Truppen Russlands im "nahen Ausland" nach dem Ende des Kalten Krieges darstellt, ist v.a. die Finanzierung interessant und aufschlussreich. Während die USA hohe Mieten und Gebühren für die Nutzung des Luftwaffenstützpunktes in Manas bei Bischkek bezahlen, bekommt Russland die Anwesenheit der eigenen Truppen in Kant von der kirgisischen Regierung vergütet. Da Kirgisistan in Russland hoch verschuldet ist, hat sich Russland auf Zahlungsversprechen der Kirgisen nicht eingelassen und lässt sich den "erbetenen Schutz" durch Mehrheitsbeteiligungen an ehemaligen Staatsunternehmen honorieren.

In diesem Zusammenhang muss wohl auch der Erwerb der Mehrheit der Aktien an der kirgisischen Firma Dastan durch Russland gesehen werden. Dastan ist die einzige Produktionsstätte der VA-111- (Shkval-) Torpedos in der GUS. Zuvor erhielt die kirgisische Armee Waffen und Material der russischen Firma Rosoboroneksport in Höhe von 3 Mio. USD ohne weitere Gegenleistungen. Dastan produziert einen Nachfolger des sowjetischen Shkval-Torpedos unter der Bezeichnung Shkval-E, für den sich nach Angaben von russischen Kreisen die indische Marine interessiert.

Kirgisistan und Russland hatten im Oktober 2003 ein bilaterales Rüstungsabkommen geschlossen, das die Zusammenarbeit beider Staaten für Produktion und Export von Waffen regelt. Einige Quellen sprechen von mehr als 500 Mio. USD, die Russland in Form von Beteiligungen insgesamt erhalten hat. Die Zahlungsweise über Aktien verstaatlichter Betriebe in Kirgisistan hat natürlich auch wirtschaftliche Folgen, die Russland nicht ungelegen kommen, da mit dem Aktienbesitz Stimmrechte der russischen Regierung verbunden sind.

Die Resultate der so genannten "Tulpen-Revolution" vom März 2005 haben an der sicherheitspolitischen Situation in Kirgisistan wenig geändert. Die neue Führung unter Präsident Kurmanbek Bakijew hatte ihre grundsätzliche Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den russischen wie auch den amerikanischen Streitkräften im Lande erklärt. Im Oktober 2005 stellte Ministerpräsident Felix Kulov gegenüber "Nowosti" in Moskau klar: "Russland ist unser strategischer Hauptpartner." (FN12) Hiermit kommentierte er Präsident Bakijews zuvor getätigte Aussage gegenüber dem stellvertretenden Außenminister der USA für Europa und Eurasien, Daniel Freed, in der er sich optimistisch über die Beziehungen zwischen den USA und seinem Land geäußert hatte.(FN13) Russland ist und bleibt Kirgisistans wichtigster Bündnispartner - neben den USA.

Tadschikistan - Militärische Präsenz Russlands als stabilisierendes Moment

Tadschikistan spielte in der Sowjetunion v.a. in der Nuklearrüstung eine besondere Rolle. Uran, das aus Usbekistan, Kirgisistan, Kasachstan und aus Tadschikistan selbst kam, wurde von der Firma Vostokredmet, auch bekannt als "Leninabad Bergbau- und Chemiekombinat Nr. 6", in Chkalovsk zu Nuklearsprengstoff verarbeitet. In diesem Kombinat wurde schon das Uran für die erste sowjetische Atombombe, die im August 1949 bei Semipalatinsk zur Detonation gebracht wurde, hergestellt. Vostokredmet arbeitet zusammen mit der russischen Atomredmetzoloto und der kasachischen Kazatomprom.(FN14) In Duschanbe existiert ein 1991 fertig gestellter Forschungsreaktor "Argus", der in der Lage ist, mit angereichertem Uran zu arbeiten. Dieser Reaktor ist jedoch bis heute nicht in Betrieb; es gibt jedoch offizielle Bestrebungen, ihn in Betrieb zu nehmen. Tadschikistan ist dem Nichtverbreitungsvertrag für Atomwaffen sowie dem Atomteststopp-Abkommen beigetreten und arbeitet mit der IAEA zusammen.

Die bilaterale militärische und sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen Tadschikistan und Russland hat eine weit längere Tradition als in Kasachstan und Kirgisistan. Auf Grund des Afghanistan-Krieges der Sowjetunion in den 80er-Jahren war die militärische Präsenz in diesem Lande erheblich höher als in den anderen zentralasiatischen Staaten. Tadschikistan war neben dem äußersten Süd-Osten Usbekistans (Termez) das Aufmarschgebiet der Roten Armee für den Kampf im südlichen Nachbarland. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion blieb die 201. Division zunächst mit rund 12.000 russischen Soldaten in Tadschikistan. Rund 2.000 russische Offiziere überwachten außerdem die 13.000 einheimischen Rekruten an der Grenze zu Afghanistan. Die tadschikischen Rekruten waren Teil der russischen Armee, und ihr Sold wurde von Russland bezahlt.

Derzeit setzt sich diese 201. Division aus drei Panzergrenadierregimenter, einem Spähbataillon und anderen Einheiten mit insgesamt rund 6.000 Militärangehörigen zusammen. Der Division gehört außerdem eine Fliegergruppe an, die aus fünf Kampfflugzeugen des Typs Su-25 und vier Hubschraubern - je zwei Mi-8 und Mi-24 - besteht. Die Fliegergruppe ist auf dem Flugplatz Ajni 20 Kilometer westlich von Duschanbe stationiert.

Im Oktober 2004 schloss Tadschikistan einen Vertrag mit Moskau, der die enge Anbindung an Russland untermauert: Zwei staatliche russische Unternehmen werden 1,3 Mrd. USD in den zweitgrößten Staudamm der Welt und ein Wasserkraftwerk sowie ein Aluminiumwerk investieren. Russland erhält dafür eine ständige Basis für seine 201. Division und darf die Nurek Air-Surveillance-Base nutzen.(FN15) Zwischen 1990 und 1993 war Tadschikistan der Verbündete Russlands in Zentralasien. Unter den Anzeichen des heraufziehenden Bürgerkrieges entsandte die russische Regierung eine größere Anzahl von Soldaten als Peacekeeping-Truppe in das Land am Pamir-Gebirge. Nach dem Friedensschluss der Bürgerkriegsparteien 1997 wurde das Mandat der russischen Friedenstruppen bis 2000 verlängert. Im Rahmen dieser Verhandlungen kam es zu einem Abkommen im Jahre 1999, das die Umwandlung der Peacekeeping-Truppe in eine reguläre Truppenstationierung der russischen Armee vorsah.(FN16) Dieser Vertrag vom 16. April 1999 wurde zunächst mit einer Laufzeit von zehn Jahren geschlossen, mit einer automatischen Verlängerung um jeweils weitere fünf Jahre.

Das russische Außenministerium nennt neben dem Kampf gegen den Terrorismus und dem illegalen Drogen- und Waffenhandel noch einen weiteren Grund für die militärische Präsenz in Tadschikistan: "Dieser Vertrag ist auch deswegen von besonderer Bedeutung, weil sich, außer in Tadschikistan, keine russischen Truppen im gesamten Zentralasien mehr befinden." (FN17) Bei dieser Bemerkung muss berücksichtigt werden, dass dieser Vertrag vor den Ereignissen des 11. Septembers 2001 und den sich daran anschließenden Aktivitäten der internationalen Gemeinschaft geschlossen wurde. Die Truppenpräsenz in Tadschikistan wurde also als deutliches Zeichen einer militärischen Präsenz und damit auch als ein Zeichen für die Wahrnehmung sicherheitspolitischer "Verantwortung" durch Russland an seiner ehemaligen Südgrenze gesehen. Im selben Zusammenhang muss man auch die Übernahme der Nurek Air-Surveillance-Base im Süden Tadschikistans durch die russische Armee auf unbestimmte Zeit sehen.

Neben russischen Truppen befinden sich in Tadschikistan auch amerikanische und französische Soldaten. Entsprechend einem Abkommen vom 8. Dezember 2001 zwischen Frankreich und Tadschikistan ist eine Lufttransportdivision auf dem Flughafen von Duschanbe stationiert. Die U.S. Army unterhält keinen eigenen Stützpunkt in Tadschikistan, nutzt aber zur Versorgung ihrer Truppen in Afghanistan die französische Luftwaffenbasis. Noch im Oktober 2005 wurde die weitere Zusammenarbeit von Frankreich und Tadschikistan bei einem Treffen der Präsidenten Jacques Chirac und Emomali Rachmonow bekräftigt.(FN18) Unter den aktuellen Voraussetzungen der internationalen Präsenz in Tadschikistan (NATO-Truppen Frankreichs und der USA) und dem anhaltenden Konflikt in Afghanistan stellt die militärische Kräftekonzentration des Westens und des Ostens kein wesentliches Konfliktpotenzial dar. Im Gegenteil: Die von Russland befehligten Truppen sowie die weitere russische Präsenz sind ein wesentlicher Baustein in der "Allianz gegen den Terror". Allerdings spricht die langfristig ausgehandelte Truppenpräsenz der russischen Armee eher dafür, dass Moskau darin auch eine strategische Option für die Zukunft sieht.

Turkmenistan - Sicherheitspolitische Kooperation mit Russland auf niedrigem Niveau

Zu sowjetischen Zeiten waren die Beziehungen zwischen der Turkmenischen Sozialistischen Republik und der obersten Staatsführung in Moskau von Pragmatismus und einer gewissen Distanz geprägt. Turkmenistan war diejenige zentralasiatische Teilrepublik, die politisch am wenigsten in die UdSSR integriert war. Die auch in der Zeit vor dem Ende des Kalten Krieges zur Schau getragene Selbstständigkeit der turkmenischen Bevölkerung trug zuweilen fast separatistische Züge. Es muss dabei berücksichtigt werden, dass Turkmenistan eine der wenigen Republiken der Sowjetunion war, die ethnisch nahezu homogen ist.

Seit 1979 rückte es auf Grund der islamischen Revolution im Iran - Turkmenistan war neben Aserbaidschan das einzige Land der UdSSR mit einer Grenze zum persischen Nachbarn - mehr und mehr in den Blickpunkt des Politbüros in Moskau. Im Gegensatz zum Nachbarland Usbekistan wurde jedoch in Turkmenistan viel weniger ein "Spin-off"-Effekt der islamischen Revolution befürchtet. Dagegen sprach nicht nur die Tatsache, dass die Turkmenen Sunniten und nicht Schiiten sind, sondern auch das Faktum, dass sich die Turkmenen traditionell gegen äußere Einflüsse stark abschotten.

Auf dem Territorium Turkmenistans waren weder Nuklearwaffen noch andere strategische Sicherheitseinrichtungen untergebracht. Im Jahre 1972 soll es zu einer unterirdischen Nuklearexplosion gekommen sein, die v.a. dem Zweck diente, aus einem Bohrloch ausströmendes Gas zu stoppen. Im Norden des Landes in der Nähe der Stadt Kyzyl-Kaja gab es bis in die 70er-Jahre eine Uranmine, die jedoch heute stillgelegt ist. Zum Ende der UdSSR kam es zu einer Truppenverstärkung in Turkmenistan. Da dieses Land in der globalen strategischen Planung der UdSSR keine wesentliche Rolle spielte, handelte es sich bei dieser Truppenverlegung wohl eher um den (vergeblichen) Versuch, vermeintlichen separatistischen Unruhen militärisch begegnen zu können. Ein Einsatz dieser Truppen wurde jedoch nie nötig.

Nach der Unabhängigkeit gestalteten sich die bilateralen Beziehungen zu Russland sehr ähnlich jenen zu den anderen zentralasiatischen Staaten. Neben einem Rückzug der russischen Truppen aus dem Land bemühte sich Russland um die Loyalität der turkmenischen Führung durch militärische und wirtschaftliche Kooperation. Diese Zusammenarbeit wurde jedoch immer auf einem geringen Niveau gehalten. So wurde Turkmenistan nie Mitglied der Kollektiven Sicherheitsvertrags-Organisation (CSTO) und reduzierte seine Kooperation mit Russland ab Mitte der 90er-Jahre auf ein absolutes Minimum. Einen Vertrag, den die turkmenische Führung 1993 mit Russland abgeschlossen hatte und der eine Stationierung russischer Verbände für Grenzpatrouillen an der turkmenisch-afghanischen Grenze regelte, kündigte es 1999 auf.

Anfang 2003 gerieten beide Staaten in eine Krise um die Staatsbürgerschaft ethnisch-russischer Turkmenen, denen Präsident Saparmurad Nijasow die Ausreise verweigerte und mit Repressalien überzog. Auslöser dieser Krise war eine Ansprache des turkmenischen Präsidenten am 13. Januar 2003, in der er die Aufhebung des Gesetzes über die doppelte Staatsbürgerschaft von in Turkmenistan lebenden Russen verkündete. Während eines Staatsbesuches von Präsident Nijasow in Moskau am 9. und 10. April 2003 wurde diese Krise, die kurzfristig eine intensive bilaterale Diplomatie auslöste, weit gehend beigelegt. Beide Seiten schlossen einen Vertrag über Sicherheitspartnerschaft und wirtschaftliche Zusammenarbeit im Gassektor.(FN19) Das turkmenische Unternehmen Turkmenneftegas und die russischen Gazeksport einigten sich über die Lieferung von Erdgas über einen Zeitraum von 25 Jahren.

Turkmenistan bildet für Russland keine gewichtige Größe in der stabilitätspolitischen Gesamtbetrachtung Zentralasiens. Russland betrachtet das ständige Bemühen um die "ewige Neutralität" Turkmenistans als grundsätzlich positives Zeichen.(FN20) Moskau ist in Hinsicht auf die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Turkmenistan um "low profile" bemüht. Beide Seiten versuchen die bilateralen Beziehungen möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu koordinieren. In seltener Eintracht sehen jedoch alle in der Region engagierten Großmächte - Russland, China und auch die USA - mit Sorge die Kontakte der turkmenischen Führung nach Afghanistan, zu den dort operierenden Warlords sowie zu Waffen- und Drogenhändlern. Ebenso wird auch die prekäre wirtschaftliche Lage im Land selbst beobachtet, die möglicherweise in Zukunft zu Instabilitäten führen könnte.

Usbekistan - Russland, ein Bündnispartner ohne politische Konditionen

In den außerordentlich intensiven bilateralen Beziehungen zwischen Usbekistan und Russland müssen vier Phasen unterschieden werden. Die erste reicht bis zur Unabhängigkeit der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik 1990, die zweite bis zum 11. September 2001. Eine dritte war geprägt durch eine deutliche Zuwendung Usbekistans zum Westen. Die vierte Phase beginnt erkennbar nach dem Massaker von Andischan im Mai 2005, hält bis heute an und ist durch eine intensivere Zusammenarbeit des Landes mit den Großmächten China und Russland gekennzeichnet.

Bis zum Zusammenbruch der UdSSR stellte Usbekistan in der ersten Phase auf Grund seiner industriellen Kapazitäten einen wesentlichen Produktionsstandort in der sowjetischen Rüstungsindustrie dar. Usbekistan war ein wichtiger integraler Bestandteil der nuklearen Rüstung und der Produktion biologischer sowie chemischer Waffen. In der Uranproduktion für die Kernwaffen der Roten Armee lieferte Usbekistan den Hauptanteil aus dem Navoi Bergbau- und Metallurgie-Kombinat.(FN21) Dort wurden seit 1964 bis zu drei Tonnen hoch angereichertes Uran pro Jahr produziert und an den russischen militärischen Komplex geliefert. Diese Produktion entsprach knapp 7% der Weltproduktion. Heute sind die Produktionsanlagen immer noch in Betrieb und unter der Kontrolle der IAEA.

Die Entwicklung chemischer Kampfstoffe bzw. Grundlagenforschung auf diesem Gebiet wurden in Taschkent betrieben. Ein großes Testgelände befand sich auf der Insel Wosroschdenije im Aralsee, die zu zwei Dritteln auf usbekischem Territorium liegt. Dort gab es Versuche mit Milzbrand, Pest- und Pockenviren. In der Nähe der Stadt Nukus im Westen Usbekistans existierte eine Fabrik für chemische Kampfstoffe mit einer Produktionskapazität von bis zu einer Tonne pro Tag. Diese Fabrik war ausgestattet mit Testeinrichtungen für die Dispersion von C-Kampfstoffen.(FN22) Zu Sowjetzeiten gab es in Taschkent Produktionsstätten für Bauteile von Raketen und Flugzeugen. Diese Fabriken waren die einzigen in der gesamten Sowjetunion außerhalb des russischen Kernlandes.

Russland versuchte zu Beginn der 90er-Jahre, dem Beginn der zweiten Phase, die militärische Kooperation fortzusetzen. Usbekistan stand, wie alle ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien, vor der Situation, über einen militärischen Apparat zu verfügen, der an den sowjetisch-globalstrategischen Planungen, nicht aber an den neuen Gegebenheiten ausgerichtet war. Russland bot hier seine Hilfe an; eine zunächst intensive Zusammenarbeit begann. 1992 trat Usbekistan der CSTO bei. Moskau war daran interessiert, in Usbekistan einen verlässlichen Partner im Süden - v.a. an der Grenze zu Afghanistan - zu haben, dessen militärische Stärke es auf dem Wege der Kooperation kontrollieren konnte. Und Usbekistan suchte nach einem Partner im Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus.

Bis Mitte der 90er-Jahre verschlechterten sich die usbekisch-russischen Beziehungen jedoch zusehends. Usbekistan setzte mehr und mehr auf einen autonomen sicherheitspolitischen Kurs und zeigte sich sehr offen gegenüber westlichen Kooperationsangeboten. Dies dokumentierte sich v.a. darin, dass Usbekistan 1999 die CSTO verließ. Trotz dieser schwierigen Lage gelang es Russland im Dezember 1999, Usbekistan zur Unterzeichnung eines "Vertrages über die weitere Vertiefung der allseitigen Zusammenarbeit auf den Gebieten Militär und Rüstungsindustrie" zu bewegen. Dieser Vertrag regelt die Lieferung neuester Waffensysteme mit dem Ziel, "der Gefahr des islamischen Extremismus im Süden (Afghanistan) auf breiterer Front begegnen zu können". Der Vertrag wurde auf fünf Jahre geschlossen mit der Option auf eine automatische Verlängerung um jeweils weitere fünf Jahre.(FN23) Im selben Jahr 1999 wandte sich Usbekistan der von den westlichen Staaten geförderten GUUAM zu. GUUAM ist die Bezeichnung für eine Staatengemeinschaft bestehend aus Georgien, der Ukraine, Usbekistan, Aserbeidschan und Moldawien, gegründet am 10. Oktober 1997 in Straßburg als vom "Westen" gefördertes, aber offiziell nicht gegen Russland gerichtetes sicherheitspolitisches Konsultativforum. Die Abkürzung setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Mitgliedstaaten zusammen. Die GUUAM erlebte jedoch nur eine kurze Blütezeit. Schon bald orientierten sich Aserbaidschan und Moldawien zunehmend an der Türkei bzw. an Russland. Die Ukraine und Georgien begannen verstärkt bilateral zusammenzuarbeiten. Schließlich wurde die GUUAM faktisch bedeutungslos. Im Frühjahr 2005 erklärte Usbekistan seinen Austritt aus diesem Bündnis.(FN24) Nach Invasionen von paramilitärischen Einheiten im Fergana-Tal 1999/2000 suchte Usbekistan die Mitgliedschaft in der SCO, der es 2001 beitrat. Diese Kehrtwendung wurde noch vor dem 11. September 2001 vollzogen, mit dem die dritte Phase der usbekisch-russischen Beziehungen beginnt. Präsident Islam Karimow erklärte: "Wir betrachten die Schanghai-Organisation zum einen als ein Werkzeug für multilaterale Kooperation zur Stärkung von Frieden und Stabilität wie auch als eine offene, konstruktive Partnerschaft zur multilateralen Bekämpfung von globalen und regionalen Bedrohungen durch internationalen Terrorismus, regionalen Extremismus, aggressiven Separatismus und den Drogenhandel." (FN25) Eingebettet in diese von China und Russland dominierte Organisation begann Usbekistan eine Balancepolitik zwischen dem Westen und dem Osten. In einer Rede vom 1. September 2003 bezog sich Präsident Karimow auf den "Samarkander Gipfel" vom August 2003, auf dem die bilateralen Beziehungen zwischen Usbekistan und Russland im Mittelpunkt gestanden waren. Während dieses Treffens bemühten sich sowohl der usbekische Präsident als auch sein damaliger Außenminister Sadyk Safayev, die schwierige Lage Usbekistans zwischen den Großmächten Russland und USA mit allgemeinen Formeln zu bemänteln. Im Grundsatz, so Safayev, sei die gute Kooperation mit Russland in wirtschaftlichen Dingen nicht in Konkurrenz zu der Zusammenarbeit in Bezug auf die Terrorbekämpfung mit den USA zu sehen. Karimow fasste diese Politik mit den Worten zusammen, dass Usbekistan, auch wenn es jetzt festere Beziehungen zu Russland knüpfe, nicht als ein Land gesehen werden kann, das auf Russland zutreibt. Sein Land suche die Kooperation mit den USA und mit Russland.

Seit Frühjahr 2005 lässt sich jedoch eine gewisse Trendwende in der usbekischen Außenpolitik erkennen, womit die vierte Phase usbekisch-russischen Beziehungen beginnt. Der eher pro-westliche Außenminister Safayev wurde durch den für seine Moskauorientierung bekannten Elijor Ganijew ersetzt. In einer Grundsatzrede vor dem Parlament in Taschkent im Januar 2005 machte Präsident Karimow unmissverständlich deutlich, dass er eine stärkere Hinwendung zu Russland als eine Leitlinie seiner zukünftigen Politik betrachte, beeilte sich aber auch hinzuzusetzen, dass dies nicht eine völlige Abkehr vom Westen bedeuten werde, sondern nur eine grundsätzliche Akzentverschiebung in den außen- und sicherheitspolitischen Prioritäten seines Landes darstelle.

Eine solche Akzentverschiebung trat in der Tat nach dem Massaker in Andischan am 13. Mai 2005 ein, bei dem nach westlichen Angaben über 500 Menschen den Tod fanden.(FN26) Internationale Proteste und eine scharfe Verurteilung des Vorgehens der usbekischen Sicherheitskräfte durch den amerikanischen Kongress, die UNO, die OSZE, die EU und andere Organisationen belasteten das Verhältnis zum Westen im Allgemeinen und zu den USA im Besonderen stark.(FN27) Die Reaktionen der usbekischen Regierung blieben nicht aus: Die Truppen der USA hätten - so eine Verbalnote des Außenministeriums in Taschkent - das Land bis Ende 2005 zu verlassen. Rückendeckung bekam die usbekische Führung aus Moskau und Peking, die sich der usbekischen Version der Andischaner Ereignisse anschlossen. Mit dem Jahreswechsel 2005/2006 ist der Abzug der US-Truppen aus der Basis Karschi bei Khanabad abgeschlossen. Damit war eine Abkehr vom Westen, wie sie sich schon auf dem Samarkander Gipfel im August 2003 angekündigt hatte, vollzogen.

Fazit

Im letzten Jahr ist es überdeutlich geworden, dass die Staaten Zentralasiens sicherheitspolitisch zum Westen mehr und mehr auf Distanz gehen. Zwar wird von keinem der Staatspräsidenten die Partnerschaft mit dem Westen im Allgemeinen und die Mitgliedschaft in Organisationen wie der Partnership for Peace der NATO und OSZE und ihren Vertragswerken offen ernsthaft zur Disposition gestellt. Es ist aber unübersehbar, dass der Einfluss Chinas im Rahmen der SCO und der Russlands durch die Einbindung der Staaten in die CSTO stetig zunimmt. Das hat zum einen natürlich geostrategische Gründe, die unabweisbar sind, aber ebenso politische und wirtschaftliche Ursachen auf beiden Seiten.

Denn auch die westliche Staatengemeinschaft steht vor großen Schwierigkeiten, weiterhin in der Region aktiv gestaltend tätig zu bleiben. Die Kritik der westlichen Staaten und ihrer Vertreter wird immer häufiger als "Einmischung in innere Angelegenheiten" bewertet. Die Forderungen nach der Umsetzung demokratischer Rechte - in den frühen 90er-Jahren in Zentralasien zunächst noch sehr begrüßt - werden von den Regierungen immer mehr als Bedrohung empfunden. Denn schnell hatten sie erkannt, dass unter den Bedingungen demokratischer Strukturen ein Machtverlust der politischen Eliten - ähnlich wie in Georgien oder der Ukraine - droht. Die Hinwendung zu Russland und China ist mit solchem Junktim - politische und wirtschaftliche Förderung gegen Demokratisierung und Aufbau von Zivilgesellschaften - nicht belastet. Die Zusammenarbeit konzentriert sich hier primär auf die Absicherung der gegenwärtigen Situation gegenüber den drei als wesentlich wahrgenommenen Bedrohungen: Terrorismus, Extremismus, Separatismus.

Unter diesem Minimalkonsens in der sicherheitspolitischen Marschrichtung kann Russland seine strategischen Ambitionen in der Region Schritt für Schritt durchsetzen, und auch China sieht in Bezug auf seine latent konfliktreichen Westprovinzen (Xinjiang) mit Zuversicht auf eine kommende Kooperation mit den zentralasiatischen Staaten. Russland hat hierbei v.a. einen Trumpf in der Hand: Noch verfügen die Staaten Zentralasiens über politische, militärische und wirtschaftliche Strukturen, an denen sich seit der Zeit der UdSSR substanziell oft nur wenig geändert hat oder an deren Wandel Russland seinerseits wesentlich beteiligt war. Auch gibt es, zumindest an der Spitze der meisten Staaten, eine personelle Kontinuität seit den Jahren der UdSSR. Das alles sind beste Voraussetzungen für Zentralasien, sich im legitimen Bedürfnis nach Stabilität und Bestandsgarantie an die "Supermächte des Ostens" anzulehnen.

Die Mitglieder der westlichen Staatengemeinschaft täten gut daran, Zentralasien nicht nur unter den Bedingungen des "Kampfes gegen den Terror" in Afghanistan, mit Blick auf die fossilen Gas- und Ölreserven oder einer Eindämmung des islamistischen Extremismus zu sehen, sondern sich auch um eine allgemeine Stabilisierung der Gesellschaften in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht zu bemühen. Weder an einem russisch-chinesisch dominierten noch an einem instabilen Zentralasien darf der westlichen Staatengemeinschaft gelegen sein.

ANMERKUNGEN:

(Fußnote 1/FN1) Mitglieder der SCO sind VR China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan.

(FN2) Mitglieder der CSTO sind Armenien, Weißrussland, Kirgisistan, Kasachstan, Russland und Tadschikistan.

(FN3) Quelle: CNS - Center of Non-Proliferation Studies, http://cns.miis.edu.

(FN4) Wiliam Potter: The ‚Sapphire’ File: Lessons in International Nonproliferation Cooperation. In: Transition, November 17, 1995, 14-19. - s. auch: http://cns.miis.edu/pubs/print/pdfs/nsr/ch4.pdf (FN5) http://www.iaea.org/NewsCenter/Statements/2005/ebsp2005n013.html.

(FN6) Siehe: http://www.president.kz/articles/state/state_container.asp?lng=en&art=Posl_k_narodu_2000.

(FN7) Präsident Wladimir Putin beim Treffen der Staatschefs der SCO in Moskau am 29. Mai 2003; http://www.ln.mid.ru.

(FN8) Siehe http://www.globalsecurity.org/military/ops/iraq_orbat_coalition.htm.

(FN9) Eine exakte Auflistung der Uran-Kombinate in Kirgisistan und die heute damit verbundene radioaktive Verseuchung mancher Regionen findet sich unter http://www.nti.org/db/nisprofs/kyrgyz/waste.htm.

(FN10) Interfax, 28 August 1997; in "Kazakh-Kyrgyz Plant to Produce 450 Tonnes Uranium in 1997, "FBIS-SOV-97-240.

(FN11) Am 7. März 2005 ließ General Jewgenij Jurew von der russischen Luftwaffe verlautbaren, dass sowohl Material als auch Mannstärke aufgestockt werden sollen. Der russische General nannte eine Größenordnung von 1.200 Mann sowie den Ausbau der Start- und Landebahn für Großtransporter und eine Modernisierung der gesamten Ausrüstung vor Ort.

(FN12) http://russlandonline.ru/kirgisien/morenews.php?iditem=355.

(FN13) http://de.rian.ru/world/20050928/41539052.html.

(FN14) http://www.nti.org/e_research/profiles/Tajikistan/Nuclear/5076_5170.html.

(FN15) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/399233/.

(FN16) Ministry of Foreign Affairs of the Russian Federation, Daily News Bulletin, 10.4.2001, unter http://www.ln.mid.ru/.

(FN17) Ebenda; Übers. d. Verf.

(FN18) http://www.diplomatie.gouv.fr/ACTU/articletxt.de.asp?ART=50707.

(FN19) http://www.russlandanalysen.de - Politische Chronik: Januar-Juli 2003, 10.4.2003.

(FN20) Als die USA nach dem 11. September 2001 auch in Turkmenistan nach der Möglichkeit zur Stationierung von Truppen nachsuchten, erhielten sie von der turkmenischen Führung ein klares Nein zur Antwort. Aus dem Blickwinkel der russischen Führung wurde dies mit Genugtuung zur Kenntnis genommen.

(FN21) Weitere Informationen auf der Internetseite der NTI unter http://www.nti.org/db/nisprofs/uzbekis/mining.htm.

(FN22) Ebenda http://www.nti.org/e_research/profiles/Uzbekistan/1633.html.

(FN23) Dazu: Gennadij Gornostajev: Die Rüstungsindustrie Russlands. Probleme und Entwicklungsperspektiven. In: http://www.unserheer.at/pdf_pool/publikationen/09_sgb_02_rrp.pdf.

(FN24) Dazu: GUUAM. In: Marie-Carin von Gumppenberg, Udo Steinbach (Hrsg.): Zentralasien. Ein Lexikon, 107-109, München 2005.

(FN25) Foreign Policy Principles, in: http://www.nato.int/pfp/uz/foreign.htm; Übers. des Verfassers.

(FN26) Eine kompakte Zusammenfassung der Fakten findet sich bei Radio Free Europe/Radio Liberty unter http://www.rferl.org/featuresarticle/2005/09/43B12BFB-5F71-48CF-80C9-D712DCE4855E.html. Hierzu auch Marie-Carin von Gumppenberg, Markus Brach-von Gumppenberg: Die Ereignisse in Andijan und ihre geopolitischen Implikationen. Erscheint in Kürze in der Zeitschrift ORIENT des Deutschen Orient Instituts Hamburg.

(FN27) Dazu: "Uzbek government ends US use of military base”, AFP, 20. Mai 2005.

Dr. Markus Brach-von Gumppenberg

Geb. 1962; Politikwissenschaftler u. Soziologe, 1981-1988 Studium der Philosophie, Politikwissenschaften und Soziologie an den Universitäten Bonn und München; 1988 Mag. Phil.; 1992 Promotion über Martin Heidegger; Stipendiat der Univ. München, 1990 bis 1992 wiss. Mitarbeiter an der Univ. München, 1992 bis 1994 wiss. Mitarbeiter am "European Center for International Security e.V.", Starnberg, sicherheitspolitische Beratungstätigkeit; seit 1996 div. längere Studienaufenthalte in Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan; publizistische u. editorische Tätigkeiten; lebt und arbeitet derzeit in Tbilisi, Georgien.



Ihre Meinung/your opinion/votre opinion: Ihre Meinung/your opinion/votre opinion
Das atomare Erbe der UdSSR in Kasachstan.
(Zum Vergrößern anklicken !)

Das atomare Erbe der UdSSR in Kasachstan.

Das atomare Erbe der UdSSR in Kirgisistan.
(Zum Vergrößern anklicken !)

Das atomare Erbe der UdSSR in Kirgisistan.

Das atomare Erbe der UdSSR in Tadschikistan.
(Zum Vergrößern anklicken !)

Das atomare Erbe der UdSSR in Tadschikistan.

Das atomare Erbe der UdSSR in Usbekistan.
(Zum Vergrößern anklicken !)

Das atomare Erbe der UdSSR in Usbekistan.

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
Impressum | Kontakt | Datenschutz | Barrierefreiheit