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Psychologie: Macht und ihr Missbrauch

Das Phänomen "Macht" spielt in Politik, Wirtschaft und schließlich auch in staatlichen Institutionen wie dem Österreichischen Bundesheer eine bedeutende Rolle. Macht ist notwendig, um Veränderungen zu bewirken, die in einem übergeordneten Interesse liegen. Problematisch wird Macht, wenn sie eingesetzt wird, um eigene Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren oder sich selbst zu erhöhen, indem man andere erniedrigt.

Im Bundesheer ist gemäß den Allgemeinen Dienstvorschriften jeder militärische Vorgesetzte vom Gefreiten bis zum General mit Macht ausgestattet. Formell geht dies - in Form der Befehlsgewalt über die unterstellten Soldaten - im Extremfall sogar bis zum Einsatz ihres Lebens. Umso wichtiger ist daher der bewusste und verantwortungsvolle Umgang mit dieser Machtbefugnis, um ihren Missbrauch zu verhindern.

Verfolgt man die Medienberichte der letzten Monate, so stehen dort die Themen Macht, Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt vermehrt im Mittelpunkt. Auch das Militär-Realgymnasium in Wiener Neustadt geriet jüngst in die Schlagzeilen. So war in mehreren Zeitungen zu lesen, es bestehe der Verdacht, dass ein 15-jähriger Schüler des Internats von einem Mitschüler regelmäßig mit teilweise sexuellen Übergriffen traktiert worden sei. Eine massive Anschuldigung, die nach ihrem internen Bekanntwerden sofort eine Welle an Untersuchungen und Betreuungsmaßnahmen der betroffenen Schüler (durch Schul- und Militärpsychologen) auslöste. Die Staatsanwaltschaft, das Landeskriminalamt und der Landesschulrat wurden eingeschaltet.

Wenig später erschütterte ein zweiter, noch gravierender Verdacht von sexueller Gewalt die Öffentlichkeit, wonach ein ehemaliger Schüler von einem Mitschüler im Internat vergewaltigt worden sei und sich Monate nach seinem Ausscheiden aus dem Militär-Realgymnasium wegen dieser für ihn unerträglichen traumatischen Erfahrung das Leben genommen hätte. Über Ähnliches schrieb schon Robert Musil 1906 in seinem ersten Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß". Darin beschreibt der Autor sadistische Verhaltensweisen unter Internatsschülern. Es herrscht eine strenge Hierarchie unter den Schülern, von denen ein schwächerer von den stärkeren zum erotischen Lust- und Versuchsobjekt degradiert und sexuell misshandelt wird. Die Demütigungen üben auf die Beteiligten einen gewissen Reiz aus, werden aber nicht als Faszination der Macht entlarvt.

Mit den vielfältigen Auswirkungen der Macht und ihrem Missbrauch ist bereits das Kleinkind in seinen ersten Lebensjahren konfrontiert. Schon dort kann sich Macht, beginnend im Rahmen der existenziellen Abhängigkeit des Säuglings, über die mannigfaltigen Formen und Methoden der Kindererziehung bis hin zum sexuellen (Macht)Missbrauch manifestieren. Dabei erlebte sexuelle Gewalt wirkt immer traumatisierend auf das Kind oder den Jugendlichen und schädigt die Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig bis in das Erwachsenenalter. Schließlich wird es auch davon abhängen, wie der Jugendliche/reife Erwachsene mit Macht und Machtmissbrauch umgeht bzw. umzugehen gelernt hat. Manche bleiben auch später in der schon früh erlebten und erlernten Opferrolle, andere werden selbst zum Täter.

Autoritär geführte oder streng hierarchisch gegliederte Institutionen, wie Internate, Erziehungsheime, Kasernen oder Gefängnisse begünstigen das Auftreten von Machtmissbrauch oder sexueller Gewalt. Gerade bei gleichgeschlechtlichen Jugendlichen eines Internates ist aber deutlich zu unterscheiden zwischen normaler sexueller Identitätsfindung durch intime pubertäre Erfahrungen und dem Lustgewinn durch sexuellen (Macht)Missbrauch in Form von Demütigungen und Erniedrigungen eines Mitschülers im Extremfall vor seinen Zimmerkameraden. Mögliche Reaktionsweisen der anwesenden Mitschüler können von Faszination und Erregung, dem Mitmachen durch Gruppendruck bis hin zu Irritationen und Verstörtheit, zum Sich-Abwenden oder aber zu einem aktiven Einschreiten reichen.

Im Militär-Realgymnasium wurde sofort begonnen, sich mit allen Betroffenen entsprechend auseinanderzusetzen. Aus psychologischer Sicht ist dabei ein sensibler, einfühlsamer und professioneller Zugang zu den oftmals schweigenden oder verleugnenden Opfern von großer Bedeutung, um sie aus ihrer Scham und ihren Schuldgefühlen herauszuführen. Aber auch die Persönlichkeit der Täter ist für das Verständnis der Umstände, wie es zu einem solchen Missbrauch kommen kann, von wesentlicher Bedeutung - gerade auch hinsichtlich der zukünftigen Vermeidung solcher Fehlentwicklungen.

Auf die zu Beginn erwähnte besondere Verantwortung von Machtinhabern gegenüber ihren Anbefohlenen lässt sich schlussfolgern, dass unreife oder neurotische Führungspersönlichkeiten mit einem übersteigerten Machtbedürfnis in einem deutlichen Widerspruch zum Persönlichkeitsprofil eines verantwortungsbewussten und fürsorglichen Kommandanten stehen, dem das Leben untergebener Soldaten anvertraut wurde.

Hofrat Mag. Helmut Slop

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