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Einsatz bei der Combined Joint Psychological Operations Task Force (CJPOTF) in Afghanistan

Psychological Operations (PSYOPS) werden in den asymmetrischen Konflikten des beginnenden 21. Jahrhunderts immer wichtiger. Österreich beteiligte sich von 2002 bis 2008 mit zwei Offizieren an der Combined Joint Psychological Operations Task Force (CJPOTF) der International Security Assistance Force (ISAF) in Kabul.

Die Combined Joint Psychological Operations Task Force, kurz CJPOTF genannt, ist eine multinationale unter deutschem Kommando stehende Einheit, die als Hauptaufgabe PSYOPS in Afghanistan betreibt. Der englischsprachige Begriff Psychological Operations, wird oft mit Psychologischer Kriegsführung übersetzt. Bei der Deutschen Bundeswehr verwendet man hingegen den Begriff Operative Information (OpInfo) beziehungsweise beim Österreichischen Bundesheer die Bezeichnung Operative Kommunikation (OpKomm). Einfach erklärt besteht das Ziel von PSYOPS darin, die Einstellung und das Verhalten einer definierten Zielgruppe mittels eigener, auf unterschiedliche Medien abgestützter Kommunikationsmaßnahmen im gewünschten Sinne zu beeinflussen. Der Wille des "Gegners" soll geschwächt, der eigene Stellenwert verstärkt und die Unentschlossenen gewonnen werden.

Die Tätigkeit und die Aufgabe der Combined Joint Psychological Operations Task Force in Afghanistan besteht darin, festgelegte und definierte Informationen über verschiedene Medien (TV, Radio, Print und Internet) nur an die ausgewählte Zielgruppe (Target Audience, TA) weiterzuleiten, um diese in der vom Headquarters (HQ) ISAF gewünschten, positiven Form zu beeinflussen. Die Zielgruppe bzw. Zielgruppen der Combined Joint Psychological Operations Task Force sind klar definiert und befohlen. Sie reichen von der einheimischen Bevölkerung Afghanistans bis zu den feindlich gesinnten Aufständischen (Insurgents, INS). Die laufende Beurteilung der Zielgruppen wird durch den Bereich Target Audiences der CJPOTF durchgeführt.

Österreich hatte von Sommer 2006 bis Frühjahr 2007 zwei Offiziere in diese Task Force entsandt. Ein Offizier arbeitete im Bereich Operations & Plans (Ops&Plans) und ein weiterer war als Chief Product Development Center (Chief PDC; siehe dazu auch TD 2/2010 "Das Product Development Center bei KFOR") eingesetzt. Innerhalb der CJPOTF hat der Chief PDC die Aufgabe die unterschiedlichen Medien zu koordinieren. Jedem dieser Medien ist eine eigene Abteilung (Section) zugeordnet, deren Personal sich aus Militärpersonen, international angestellten Zivilisten (International Civilian Contractors, ICC) und lokal angestellten Zivilisten (Local Civilian Hired, LCH) zusammensetzt. Insgesamt sind über 150 Militär- und Zivilpersonen verschiedenster Nationen in der CJPOTF eingesetzt. Neben Deutschland und Österreich waren dies zum damaligen Zeitpunkt Soldaten und Zivilisten aus Afghanistan, Rumänien, Norwegen, Dänemark, Finnland, Portugal, Italien, Belgien, England, Kanada, Frankreich und nicht zuletzt den Vereinigten Staaten von Amerika.

Um eine Zielgruppe zu beeinflussen, ist es notwendig über ein entsprechendes Wissen über die Zielgruppe sowie vor allem über Empathie (sich in die Lage eines anderen Menschen versetzen und mit diesen mitfühlen können; Anm.) zu verfügen. Um die Zielgruppe(n) jedoch tatsächlich nachhaltig zu beeinflussen, muss man den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung suchen. Nur durch diesen kann man ein Lagebild darüber erstellen was "auf der Straße" tatsächlich gedacht und gesprochen wird. Entsprechende Grundlagen und Planungen gemäß den Vorgaben der laufenden Operationen des HQ ISAF liefern die Basis für gezielte PSYOPS-Kampagnen (z. B. positive Werbung für die Teilnahme an landesweiten Wahlen als operative PSYOPS). Zusätzliche, in ganz Afghanistan eingesetzte vorgeschobene Medien-Teams (Forward Media Teams, FMT), aber auch taktisch eingesetzte PSYOPS-Teams (Tactical PSYOPS-Teams, TPT) der CJPOTF selbst, versuchen im persönlichen Kontakt und mittels Übersetzer (Face to Face, F2F) zu kommunizieren, um mögliche Ansatzpunkte für eine Kampagne zu erkennen. Aus dem Ergebnis der Kommunikation, der Beurteilung von Möglichkeiten die Bevölkerung zu erreichen und der Planung des tatsächlichen Einsatzes vor Ort werden schließlich PSYOPS-Produkte (Radiospots, Flugblätter usw.) der Combined Joint Psychological Operations Task Force entwickelt.

Lage in Afghanistan 2006/2007

Im Sommer 2006 waren die in Afghanistan seit 2001 eingesetzten internationalen Kräfte der von den USA geführten Koalitionstruppen (Coalition Forces, CF) der Operation "ENDURING FREEDOM" (OEF) sowie die Kräfte der ISAF mit einem unerwarteten Aufbäumen einer neuen wieder erstarkten Widerstandsbewegung der Taliban konfrontiert.

Erster aufkeimender Widerstand und ein Zunehmen von Anschlägen und Überfällen der Aufständischen wie Al-Qaida, Taliban und regionale Kriegsherren (Warlords) und deren kriminelle Banden auf die Koalitionstruppen in den letzten Monaten des Jahres 2005 entwickelte sich im Sommer 2006 zu einer breiten Widerstandsoffensive in Südafghanistan. Innerhalb kurzer Zeit stieg die Anzahl der Angriffe Aufständischer auf ca. 600 im Mai 2006 (davon 180 Anschläge mit selbstgebauten Spreng- und Brandvorrichtungen/Improvised Explosive Devices, IED) gegenüber ca. 200 im Juni 2005.

Der Übergang zwischen den einzelnen Widerstands-Gruppierungen ist dabei oft fließend. Die Aufständischen haben aber auch das Drogengeschäft erkannt und nutzen dieses fast ungehemmt für sich. Einheimische Stämme, die an die Aufständischen den geforderten Ertrag aus dem Drogenanbau nicht abliefern können, werden stattdessen gezwungen, "Fußsoldaten" für die neu erstarkte Aufstandsbewegung zu stellen. Diese jungen, perspektivenlosen Zwangsrekrutierten werden rasch von erfahrenen, meist aus Pakistan eingesickerten Kämpfern vereinnahmt. So entsteht eine gefährliche Mischung aus überzeugten Führern, erfahrenen Kämpfern und jungen Idealisten. Vor allem die männliche Jugend lässt sich hier leicht gewinnen, da sie sich aufgrund ihres Alters in einem Zeitraum der Orientierung befindet und sucht, was jeder junge Mann einer hierarchisch orientierten Gesellschaft in diesem Alter sucht: den Zweck des eigenen Daseins, Begeisterung und Abenteuer sowie Anerkennung und Ehre. Das Leben eines "Gotteskriegers" scheint all dies zu versprechen.

Nur mit Mühe gelang es den internationalen Kräften der Coalition Forces und der ISAF in mehreren Offensiven wie z. B. in den Operationen (OP) "MOUNTAIN THRUST", OP "MEDUSA" und OP "MOUNTAIN FURY" die Aufständischen in Südafghanistan zurückzudrängen. Doch im Spätsommer und Herbst 2006 war es den Aufständischen gelungen, wieder vermehrt in der einheimischen Bevölkerung von Afghanistan Fuß zu fassen. Und trotz der durchwegs vernichtenden Niederlagen, die die Aufständischen gegen die Coalition Forces und die ISAF erlitten haben, hatten diese einen weltweiten Medienerfolg erzielt. Die internationale Presse war voll von Berichten über die wieder aufgeflammten Kämpfe in Afghanistan. Die Aufständischen hatten der Welt gezeigt, dass der Kampf um Afghanistan noch nicht zu Ende war, ja sogar scheinbar erst begonnen hatte.

Bedrohung von Kabul

Der Schwerpunkt der Gefechte in Afghanistan lag im Sommer und Herbst 2006 im Süden und Südosten des Landes. Doch auch rund um die afghanische Hauptstadt Kabul gab es mehrere Anzeichen, dass die Aufständischen im Vormarsch waren. Militärische Offensiven der U.S.-Streitkräfte in Ostafghanistan führten zu einem Ausweichen der Widerstandskämpfer in die Provinzen um Kabul. Viele Kämpfer hatten sich auch in den unmittelbaren Raum der Hauptstadt zurückgezogen.

Im Großraum von Kabul (zuständiges Kommando ist das ISAF Regional Command Capital, ISAF RC C) sind die Verwaltungsbezirke Chahar Asiab und Musahi (südlich von Kabul) sowie Surobi (ostwärts von Kabul) bis heute bedeutende Rückzugs- und Operationsräume der Aufständischen. Die Widerstandskämpfer in Surobi sickern vor allem aus der Provinz Kapisa (nordostwärts von Kabul) und die Widerstandskämpfer in Musahi aus der Provinz Lowgar (südlich von Kabul) ein. In Surobi befinden sich zwei wichtige Staudämme mit Kraftwerken, die für insgesamt 40 Prozent der Elektrizität in Kabul sorgen. Auf einen der beiden Dämme gab es Juni 2005 erstmals einen Anschlagsversuch der Aufständischen. Sollte es gelingen, die Stromversorgung von Kabul nachhaltig zu unterbrechen oder auch nur zu stören, wäre dies ein großer Erfolg für die Widerstandsbewegung. Die Rückgewinnung dieser Gebiete hatte daher im Winter 2006/2007 für ISAF, aufgrund der offensichtlichen möglichen Bedrohung für Kabul, hohe Priorität.

Um seitens der ISAF zu vermeiden, dass es im Frühjahr 2007 zu einer möglichen groß angelegten Anschlagsoffensive der Aufständischen in und um Kabul kam, musste den Aufständischen der Nährboden, den sie rund um Kabul gefunden hatten, wieder entzogen werden. Also musste die afghanische Bevölkerung im Großraum Kabul überzeugt werden, dass nur die Internationale Gemeinschaft und die Truppen von ISAF für eine Verbesserung der Lebenssituation sorgen und nicht die feindlich gesinnten Aufständischen aus den entlegenen gebirgigen Regionen.

Einsatz von PSYOPS

Aufgrund einiger IED-Anschläge bei denen mehrere italienische ISAF-Soldaten ums Leben gekommen und weitere schwer verletzt worden waren, hatte sich ISAF im Herbst 2006 aus dem Raum Chahar Asiab sowie vor allem aus dem Musahi-Tal südlich von Kabul fast zur Gänze zurückgezogen.

Die Bedrohung für ISAF durch die Aufständischen in den Räumen Musahi und Chahar Asiab wurde vom HQ RC C bzw. vom HQ ISAF als "signifikant" bezeichnet. Dies war die zweithöchste Stufe auf einer fünfteiligen Skala, die nur mehr von "hoch" (Bedrohungsstufe für Süd- und Ostafghanistan) übertroffen werden konnte. Weil sich das Musahi-Tal im Verantwortungsbereich der italienischen Battle Group (BG) innerhalb des RC C befand, wurde diese beauftragt den Raum Musahi zu gewinnen (Einnehmen des Geländes mit oder ohne Kampf) und dort neuerlich Fuß zu fassen. Das Musahi-Tal wird auch als das "Tor zu Kabul" bezeichnet und war während der sowjetischen Invasion Afghanistans heiß umkämpft. Dabei war es den Sowjets nie gelungen, das Tal ganz zu erobern. Die Aufständischen hatten im Herbst 2006 erkennen lassen, dass sie mögliche Operationen von ISAF in Musahi stören würden. Deshalb wurde von ISAF die Operation "OQAB ALPINI" geplant.

Operation "OQAB ALPINI"

Mitte November 2006 begann die Vorbereitungsphase (Initial Phase) der Teams der CJPOTF gemeinsam mit den einheimischen Stammesvertretern. Im November und Anfang Dezember 2006 führten die Italiener drei Versammlungen (Pashto: Shura) mit Vertretern des Rats der Älteren (engl.: Elders) aus dem Raum Musahi durch. Ziel dieser Shuras war es die Einwohner von Musahi durch das Anbieten von CIMIC-Projekten (z. B. Bau von Brücken und Straßen) davon zu überzeugen, nicht gegen ISAF Partei zu ergreifen oder als Unterstützer für eingesickerte Aufständische zu dienen. Bereits vor und während der Vorbereitungsphase bekam die Combined Joint Psychological Operations Task Force (neben der operativen PSYOPS in Afghanistan auch für taktische PSYOPS, wie z. B. die Unterstützung von ISAF-Kräften vor Ort im Raum des RC C verantwortlich) den Auftrag, eine PSYOPS-Kampagne zur Unterstützung der folgenden entscheidenden Phase (Decisive Phase) der OP "OQAB ALPINI" vorzubereiten. Beginnend mit Dezember wurden deshalb mehrmals taktische PSYOPS-Teams der Combined Joint Psychological Operations Task Force in das Musahi-Tal entsandt. Der Auftrag dieser TPTs war es, eine detaillierte Aufbereitung der Zielgruppe (die Einwohner von Musahi) für die Entwicklung einer maßgeschneiderten PSYOPS-Kampagne durchzuführen. Daraus resultierend wurden in weiterer Folge PSYOPS-Produkte (Plakate, Flugblätter, Radiospots) erstellt, die abgestimmt auf die OP "OQAB ALPINI" zum Einsatz kamen.

Mitte Dezember 2006 folgte die entscheidende Phase der OP "OQAB ALPINI". Es begann die Inbesitznahme und Sicherung des Raumes Musahi durch ISAF, sowie die Verteilung von Lebensmitteln und die Durchführung medizinischer Erstversorgung bei afghanischen Zivilisten. Soldaten der CJPOTF waren auch hier in die Aktionen von ISAF durch die begleitende PSYOPS-Unterstützung involviert. Vor allem die Einsätze von Teilen der italienischen ISAF in der Decisive Phase erwiesen sich dabei aufgrund der Bedrohungslage als überaus anspruchsvoll und fordernd. So wurde eine Aufklärungspatrouille der Italiener in der Nacht von 14. auf den 15. Dezember, unmittelbar vor dem Vormarsch der Einsatzkräfte, von einer IED angesprengt (getroffen). Die IED war so angelegt, dass diese nicht tödlich wirken konnte, sondern als Warnung anzusehen war. Am Morgen des 15. Dezember weigerten sich, vor dem eigentlichen Abmarsch der Hauptelemente, die lokalen (afghanischen) Fahrer dem ISAF-Militärkonvoi mit ihren beladenen zivilen Lastwagen mit Hilfsgütern zu folgen. Die Italiener konnten die Fahrer schließlich davon überzeugen dies doch zu tun. In Musahi angekommen, kamen zum aufgebauten Essensverteilungspunkt (Food Distribution Point, FDP) anfangs aufgrund des bis dato mangelnden Vertrauens zu ISAF nur wenige afghanische Zivilisten. Erst zu Mittag entspannte sich die Situation und die einheimische Bevölkerung nahm die angebotenen Hilfsgüter und die medizinische Versorgung an.

Um mehr Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, gab man der OP "OQAB ALPINI" auch ein "afghanisches Gesicht" (Afghan Face). Dazu sollte der Einsatz der Afghan National Security Forces (ANSF), also des afghanischen Militärs (Afghan National Army, ANA) und der Polizei (Afghan National Police, ANP), dienen. Die Angehörigen der ANSF galten jedoch bei der einheimischen Bevölkerung oft als korrupt und unzuverlässig. So wollte ISAF durch die enge Kooperation zwischen ISAF und ANSF bei der Operation (z. B. gemeinsame Patrouillen) auch der Bevölkerung zeigen, dass ihre eigenen Sicherheitskräfte erfolgreich eingesetzt wurden. Das gemeinsame Auftreten von ISAF und ANSF-Kräften führte dabei durchwegs zu positiven Rückmeldungen (z. B. mittels Gesprächsaufklärung durch TPT) aus der Bevölkerung.

Eine abschließende Shura in Musahi am 18. Dezember beendete die entscheidende Phase dieser Operation. Dort wurden den Elders die bisher gemachten Zusagen vor Augen geführt und gezeigt, dass ISAF gewillt ist, gegebene Versprechen zu halten. Auch bei diesem letzten Vorstoß gab es wieder zwei gefährliche Situationen: Die gemischte Vorhut, bestehend aus einer italienischen Aufklärungspatrouille und einem PSYOPS-Element der CJPOTF, wurde von Einheimischen (Locals) auf eine IED in einer Abwasserrinne unter der Straße aufmerksam gemacht. Ein EOD-Team (Entschärfungsteam) konnte diese schließlich entschärfen.

Während der Shura in Musahi wurde von zwei bewaffneten italienischen Aufklärungshubschraubern vom Typ AB 212 mehrere vermutliche Aufständische, mit Panzerabwehrwaffen auf einem Hügel ca. 300 Meter vom Shura-Zelt entfernt, entdeckt. Eine sofort losgeschickte kampfkräftige Patrouille der Italiener kehrte jedoch ohne Ergebnis zurück. Ein Anschlag von Aufständischen hätte in dieser Phase der Operation verheerende Folgen gehabt. So wäre von Seiten der Aufständischen gezeigt worden, dass die ISAF nicht einmal den Ältestenrat schützen kann.

Nach Beendigung dieser Phase begann im Jänner 2007 die letzte Phase der OP "OQAB ALPINI", die so genannte "Projektumsetzungs- bzw. Endphase" (Enduring Phase). Nun galt es das gewonnene Vertrauen in der Bevölkerung gegenüber ISAF weiter zu festigen und die versprochenen CIMIC-Projekte (neue Straßen und Brücken sowie eine Krankenstation) zu realisieren. Auch die Gestaltung der PSYOPS-Produkte und deren Botschaften änderten sich. Die einheimische Bevölkerung war jetzt darauf hinzuweisen, dass ISAF bewiesen hatte, dass sie den Bewohnern des Musahi-Tals helfen konnte. Die Aufständischen waren trotz Ankündigung - abgesehen von vereinzelten Zwischenfällen (z. B. wiederholter Beschuss der eingesetzten afghanischen Sicherheitskräfte) - nicht in Erscheinung getreten. Offensichtlich war es ISAF gelungen, die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Es gab aber auch die Vermutung, dass in Anbetracht der widrigen Wetterbedingungen des harten Winters die Bevölkerung mit den Aufständischen vereinbart hatte, vorerst die Hilfslieferungen von ISAF anzunehmen.

Operation "OQAB MAGNET"

Nach der augenscheinlich erfolgreich verlaufenen Operation von ISAF in Musahi (OP "OQAB ALPINI") begannen die Planungen für einen weiteren Einsatz im Raum Surobi. Ziel war es dabei, im Raum ostwärts von Kabul in gleicher Weise vorzugehen, wie bereits im Süden in Musahi. Der Raum Surobi liegt im Osten von Kabul und besteht im Wesentlichen aus drei großen miteinander verbundenen Tälern (Uzbeen, Tezin und Jagdalay).

Der Plan der OP "OQAB MAGNET" war es nun, die "Herzen und Gefühle" (Hearts and Minds) der dort ansässigen Bevölkerung zu gewinnen. So wollte man von Seiten ISAF vermeiden, dass vor allem aus dem entlegenen Uzbeen-Tal Anschläge auf die wichtige Jalalabad-Route durchgeführt werden. Diese Handelsroute ist die wichtigste Straßenverbindung von der afghanischen Hauptstadt Kabul bis zur Stadt Peschawar in Pakistan und wurde daher auch häufig von eigenen ISAF- und CF-Konvois genutzt. Nach dem Erfolg der PSYOPS-Kampagne in Musahi wurde vom Commander RC C, dem französischen Brigadegeneral DeVillers, auch ein Einsatz der CJPOTF im Rahmen der OP "OQAB MAGNET" beantragt. Der Auftrag an die CJPOTF in Surobi unterschied sich dabei nicht wesentlich von jenem in Musahi. In ersten Einsätzen wurde gemeinsam mit der französichen Battle Group, die den Raum Surobi als Operationsraum zugewiesen bekommen hatte, von PSYOPS-Teams der Raum Surobi erkundet und für einen PSYOPS-Einsatz auf- bzw. vorbereitet. Erneut versuchten die TPT in einer Vorbereitungsphase, vor allem über "Face to Face" ein Stimmungsbild der einheimischen Bevölkerung zu bekommen. Diese wichtigen Erkundungsergebnisse flossen dann in die Gestaltung der einzelnen PSYOPS-Produkte der Operation ein. Die Verfügbarkeit von und der Zugang der einheimischen Bevölkerung zu Radio und Fernsehen sowie die Möglichkeit, Plakate aufzustellen rundeten dieses Assessment ab.

In Surobi wurde für die OP "OQAB MAGNET" eine französisch geführte Operationsbasis (Forward Operating Base, FOB) ausgebaut. Dieser verstärkte Stützpunkt namens FOB "Hawkeye" sicherte (wie bereits Jahrzehnte zuvor ein sowjetischer Stützpunkt) vor allem die wichtige Stromleitung von den Surobi Kraftwerken nach Kabul. Bei den Einsätzen in die drei wichtigsten Täler Surobis (Uzbeen, Tezin und Jagdalay) diente die FOB "Hawkeye" den französischen ISAF-Soldaten und den TPT der CJPOTF als Ausgangsbasis. Aufgrund der großen Entfernungen und der Bedrohung durch IED-Anschläge wurden die einzelnen Vorstöße der französischen Battle Group nicht nur motorisiert, sondern auch mittels Hubschrauber durchgeführt. Hiezu standen zwei bewaffnete französische Helikopter vom Typ "Caracal" zur Verfügung.

Die Erkundungen der PSYOPS-Teams der CJPOTF ergaben schließlich ein Einsatzkonzept (Concept of Operation, CONOPS) für den Raum Surobi. Abgesehen von Plakaten und Flugblättern wurden über verschiedene lokale Radiostationen speziell auf die Zielgruppe (einheimische Bevölkerung) zugeschnittene Radiobotschaften versandt. Weiters wurden auch in Surobi von PSYOPS-Teams Shuras abgehalten sowie Essensverteilungsaktionen und die Bereitstellung medizinischer Versorgung durch die französischen Battle Group unterstützt. Dabei wurden von verstärkten ISAF-Patrouillen vorher festgelegte Räume bezogen und dort Grundnahrungsmittel unter Sicherung verteilt oder medizinische Hilfe angeboten. PSYOPS-Teams der CJPOTF unterstützten dabei. Hier galt es, das Vertrauen der einheimischen Bevölkerung durch direkte Gespräche (F2F) zu gewinnen, und diese davon zu überzeugen, dass die militärischen Kräfte von ISAF nicht in feindlicher Absicht gekommen waren Diese PSYOPS-Maßnahmen begleiteten die gesamte Operation (alle Phasen).

Den weitesten Vorstoß im Rahmen der OP "OQAB MAGNET" machte ein PSYOPS-Team der CJPOTF in das Uzbeen-Tal in den Norden von Surobi. Dort erreichte dieses Team bei den Einheimischen, dass mit von den Franzosen zur Verfügung gestelltem Geld eine Erste-Hilfe-Ambulanz für die Menschen von Uzbeen errichtet wurde. Zur Eröffnungszeremonie Anfang März erfolgte gleichzeitig das erste große Auftreten von ISAF im Raum Uzbeen. Dazu wurden auch eine gemischte Einheit von ANP und ANA eingesetzt. Die Kräfte der ANSF sicherten auf den Höhen des Tales die zentrale Zugangsroute zum Talgrund von Uzbeen. Im Talgrund selbst wurde eine französische Kompanie, unterstützt von ANP zur Sicherung der Ambulanz und des umliegenden Raums eingesetzt.

Auch während der Operation in Surobi war die Bedrohung durch die Aufständischen permanent spürbar. So gab es vor dem geplanten Vorstoß der französischen Battle Group nach Uzbeen von amerikanischer Seite Warnungen, dass ca. 30 bis 40 Aufständische über Nacht von Kapisa nach Uzbeen eingesickert waren, um die geplante Eröffnungszeremonie der Erste-Hilfe-Ambulanz zu stören oder gar zu verhindern. Die Anwesenheit von ISAF und ANSF verhinderte jedoch ein Wirksamwerden der Aufständischen. So kam es während des Vorstoßes zu keinen Anschlägen oder Hinterhalten. Es wurden zwar mehrere verdächtige Gruppierungen von Personen im weiteren Umkreis der Ambulanz aufgeklärt, diese verhielten sich aber zurückhaltend. Zur Sicherung kreisten während der Eröffnungszeremonie zwei amerikanische F-15 Kampfflugzeuge als rasch verfügbare Luftunterstützung (Close Air Support, CAS) über Uzbeen. Diese waren aufgrund der Kondensstreifen weithin sichtbar und dürften zusätzlich dazu beigetragen haben die Situation ruhig zu halten.

Im Vorfeld zu der Operation der französischen Teile der ISAF in Raum Surobi wurde verstärkt Aufklärung durch US-Spezialeinsatzkräfte (Special Operations Forces, SOF) im Raum Kapisa an der Grenze zu Surobi durchgeführt, vermutlich, um ein Einsickern von Aufständischen nach Uzbeen zu verhindern. Am Vorabend des Vorstoßes der Franzosen nach Uzbeen sichteten die amerikanischen SOF in einem kleinen Dorf in Kapisa mehrere Verdächtige. Es wurde daraufhin CAS angefordert. Ein amerikanischer B1-Bomber warf insgesamt vier präzisionsgelenkte 500-kg-JDAM Bomben (Joint Direct Attack Munition) auf das Ziel ab. Ein von den amerikanischen SOF nach dem Einschlag der Bomben vor Ort durchgeführte Schadensfeststellung (Battle Damage Assessment, BDA) ergab, dass mehrere Aufständische getötet wurden. Über diesen Vorfall wurde auch der Weltpresse berichtet, da der Gouverneur von Kapisa beklagte, dass bei dem Bombenabwurf dutzende unschuldige Zivilisten, darunter mehrere Kinder, ums Leben gekommen wären. Derartige Einsätze führten schließlich auch dazu, dass der erst vor kurzem (aufgrund kritischer Aussagen zur US-Regierung) abgesetzte ISAF-Kommandant, General McChrystal, Bombenabwürfe unter eine strenge Restriktion stellte.

Bei einem weiteren Einsatz der französischen Battle Group in das im Süden von Surobi gelegen Jagdalay-Tal versuchte diese mit der Bevölkerung der entlegenen Dörfer in dem Raum Verbindung aufzunehmen. In einer Ortschaft wurde ein Treffen mit Elders abgehalten. Ein PSYOPS-Team der Combined Joint Psychological Operations Task Force aber auch CIMIC-Kräfte waren vor Ort. In einiger Entfernung zur Ortschaft entdeckte ein eigenes Sicherungselement der Franzosen zwei zur Zündung vorbereitete 122-mm-Raketen sowjetischer Produktion - gerichtet auf jene Ortschaft, in denen ISAF gerade versuchte die Sympathie der einheimischen Bevölkerung zu gewinnen. Nur durch Zufall war es nicht zur Zündung der Raketen gekommen. Die von den Aufständischen angebrachte primitive Zündvorrichtung hatte versagt.

Erfolg oder Misserfolg?

Auch die OP "OQAB MAGNET" in Surobi verlief schließlich, wie zuvor die OP "OQAB ALPINI" in Musahi, ohne größere Zwischenfälle. Kleinere Feuerüberfälle aufständischer Kräfte auf ANSF-Kräfte blieben unbedeutend und endeten ohne große Verluste. Mehrere IED wurden entschärft und ein umfangreiches Waffenlager der Aufständischen entdeckt. Der französischen Battle Group und den sie unterstützten weiteren Elementen der ISAF war es gelungen, der einheimischen Bevölkerung zu zeigen, dass man ernsthaft daran interessiert war, das Leben der Bewohner Surobis positiv zu verändern.

Anfang April 2007 befanden sich beide Operationen in Musahi (OP "OQAB ALPINI") und Surobi (OP "OQAB MAGNET") in ihren Enduring Phases. Es ging nun darum alle Versprechungen und Einigungen, die von Seiten ISAF der einheimischen Bevölkerung zugesagt worden waren, umzusetzen. Die Bevölkerung erwartete von ISAF nun Konsequenzen an den Tag zu legen. Immer stand dabei aber der Verdacht im Raum, dass sich die Bevölkerung nur aufgrund der Notsituation des Winters den ISAF-Kräften gegenüber "wohlgesonnen" oder zumindest "abwartend" gezeigt hatte.

Erste Vorfälle im Frühjahr 2007 schienen diese Vermutung zu bestätigen. So wurden in Musahi Anfang März zwei italienische Hubschrauber vom Typ AB212 mit leichten Infanteriewaffen beschossen. Dies wiederholte sich auch 2008, wobei ein Hubschrauber so schwer getroffen wurde, dass er notlanden musste. Die Besatzung konnte jedoch unverletzt und ohne Feindberührung von italienischen ISAF-Kräften geborgen werden. Schlimmer entwickelte sich die Situation in Surobi.

Der Erfolg der ISAF-Operation war hier tatsächlich nur temporär gewesen. Nach den Franzosen sicherten vorerst türkische und in weiterer Folge italienische Soldaten diesen Raum. Erneut gab es Anzeichen, dass sich Aufständische in Surobi formierten.

Im August 2008 kam es schließlich zur Katastrophe. Eine motorisierte kompaniestarke französische Aufklärungspatrouille stieß erneut in das Uzbeen-Tal vor. Aufgrund der schlechten Wegeverhältnisse verließen die Soldaten des Spitzenzuges ihre Fahrzeuge und gingen zu Fuß weiter. Dabei gerieten sie in einen komplexen Hinterhalt der Aufständischen. Innerhalb weniger Minuten waren mehrere Soldaten tot oder verwundet. Erst nach Stunden konnte von ISAF Entsatz in die entlegene Region herangeführt werden. Nur durch den Einsatz von CAS, geflogen von amerikanischen A-10 "Thunderbolt" und OH58 "Kiowa" war es möglich sich vom Feind zu lösen. Der Hinterhalt kostete bei den Franzosen zehn Soldaten das Leben und hinterließ 21 zum Teil Schwerverletzte. Monate später gelangte ein Gerücht an die Öffentlichkeit, dass eine ISAF-Nation die Aufständischen in diesem Raum mittels Geld zum Stillhalten gebracht hätte. Als die Franzosen 2008 diesen Raum zur Sicherung übernommen hatten, waren sie jedoch nicht in ein derartiges Vorgehen eingeweiht worden.

Der Raum Uzbeen ostwärts von Kabul wurde somit von ISAF vorerst aufgegeben. Im Dezember 2009 startete man schließlich eine erneute ISAF-Operation. Über 800 französische Fremdenlegionäre stießen, gemeinsam mit amerikanischen Spezialeinsatzkräften (SOF) und der afghanischen Armee, in das Uzbeen-Tal vor. Schon nach kurzer Zeit gab es heftige Gefechte bei denen fünf amerikanische Soldaten zum Teil schwer verwundet wurden. Gemäß der neuen verfügten ISAF-Einsatzdoktrin ("Clear - Hold - Build") wurden jedoch mehrere Stützpunkte (Combat Outposts, COP) bezogen, um das in Besitz genommene Gelände vorerst zu halten.

Die beiden österreichischen Offiziere wurden Ende April 2007 aus der CJPOTF abgezogen. Der letzte Einsatz eines österreichischen Offiziers als Chief PDC in der CJPOTF erfolgte 2008. Damit ging auch die Beteiligung Österreichs an der CJPOTF in Afghanistan zu Ende.


Autor: Hauptmann Mag. (FH) Markus Reisner; Jahrgang 1978. 1997 Einjährig-Freiwilligen-Ausbildung in Amstetten; 1998 Absolvierung des Vorbereitungssemesters für die Militärakademie in Allentsteig; ab 1998 Praxissemester beim Jägerbataillon 18; ab 1999 Theresianische Militärakademie Jahrgang "Sachsen-Coburg"; 2002 ausgemustert als mechanisierter Aufklärer zum Aufklärungsbataillon 2, dort Verwendung als Zugskommandant, stellvertretender Kompaniekommandant und Ausbildungsoffizier einer gepanzerten Aufklärungskompanie; 2003 Teilnahme am 34. Jagdkommandogrundkurs; derzeit Verwendung beim Jagdkommando. Auslandseinsätze und Entsendungen: Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Tschad und Zentralafrika.

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