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Herausforderung für die Ausbildung - die Jugend von Heute

Den zukünftigen Bedrohungen Europas kann kein einzelner Staat alleine begegnen. Die Bewältigung dieser Bedrohung wird nur in gemeinsamen, gesamtheitlichen und vernetzten Ansätzen durch politische, diplomatische, wirtschaftliche und militärische Aspekte möglich sein. Daraus resultierend erleben alle Streitkräfte - auch das Österreichische Bundesheer - einen Paradigmenwechsel in Richtung erhöhter Flexibilität und verstärkter Internationalität.

Die sicherheitspolitische Lage Österreichs bzw. Europas hat sich nach dem Fall des Eisernen Vorhanges Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts komplett verändert - und - ist noch immer im Umbruch. Das Bedrohungsbild für Österreich ist ein gänzlich anderes als damals. Österreich ist von einer Randlage im Kalten Krieg ins Zentrum Europas zurückgekehrt. Mit Ausnahme der Schweiz und Liechtensteins ist Österreich nur von Staaten umgeben, die Mitglieder der EU und der NATO sind.

Alle Staaten Europas sowie Russland haben ihre, zu Zeiten des Kalten Krieges großen, teilweise stehenden Heere massiv verkleinert. Neben dieser Reduzierung haben sie auch die Wehrpflicht ausgesetzt bzw. sind zu einem Berufsheer übergegangen. Heute erfolgen Einsätze von Streitkräften in einem weiterentwickelten "Joint"-Rahmen (nationenübergreifende Zusammenarbeit), was wiederum weitere Anstrengungen zur Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit - der Interoperabilität - erfordert.

Ein umfassendes Lagebild zu haben, abgestützt auf High Tech und Human Intelligence, präzise Waffenwirkung zur Vermeidung von Kollateralschäden, ein Maximum an Force Protection, Counter IED-Fähigkeiten, und die Bedienung von intelligenten Waffensystemen, wird vom Soldaten des 21. Jahrhunderts verlangt.

Doch trotz dieser immensen Technik bleibt der Soldat, vor allem aber der Kommandant, im heutigen, sich ständig ändernden Kriegsbild der wesentliche und entscheidende Faktor. Er soll:

  • komplexe Waffensysteme beherrschen,
  • mehrere Sprachen sprechen, über interkulturelle Kompetenz verfügen,
  • die Auftragstaktik beherrschen sowie
  • physisch und psychisch hoch belastbar sein.

An ihn werden die Anforderungen eines Kämpfers und Führers gestellt. Der Mensch bleibt damit der entscheidende Faktor in militärischen Einsätzen und daher ist ihm besonderes Augenmerk beizumessen.

Innovativer Ausbildungs- und Dienstbetrieb

Aus diesem Grund hat das Streitkräfteführungskommando im Jahr 2009 das Projekt "Innovativer Ausbildungs- und Dienstbetrieb" gestartet. Dabei ging und geht es um eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Ausbildung sowohl für die Auszubildenden wie auch für die Ausbilder. Im Rahmen der Auftragserfüllung sind die Kommandanten aller Ebenen gefordert, die zu erreichenden Ziele mit eingeschränkten Ressourcen, jedoch höherer Handlungsfreiheit, zu erreichen.

Innerhalb des Projektes sind die Inhalte und die Dauer der Ausbildung sowie die Abläufe im täglichen Dienstbetrieb zu überprüfen und den modernen Erfordernissen anzupassen. Erfahrungen, die im Zuge von Truppenversuchen gewonnen wurden, haben hohe Chancen als "best practice" zur weiteren Umsetzung in den Streitkräften angeordnet zu werden.

Im Oktober 2010 berief der Kommandant der Streitkräfte, Generalleutnant Mag. Günter Höfler, alle Kommandanten der Streitkräfte - vom Kompanie- bis zum Militär- und Brigadekommandanten - zur 1. Kommandantenkonferenz innerhalb der Streitkräfte nach Graz ein. Die Konferenz stand unter dem Motto: "Wertschätzung - Information - Motivation - WIM". Im Bereich der Information ging es um die wichtigste Ressource in militärischen Einsätzen, den Soldaten. Dabei sollte der Jugend besonderes Augenmerk geschenkt werden. Welches Wehrsystem Österreich in Zukunft auch immer haben wird, es werden stets junge Menschen unter Anwendung moderner und zeitgerechter Methoden ausgebildet und von der Sinnhaftigkeit ihres Tun überzeugt werden müssen.

Orientierung der Jugend

Der Leiter des Institutes für soziale Dienste in Vorarlberg (IFS), Dr. Allgäu¬er, stellte in seinem Vortrag das Verhalten und Denken der Jugend dar. In seinen Ausführungen nahm er Bezug auf die neueste Shell-Studie 2010 - eine empirische Untersuchung, welche die Einstellungen, Werte, Gewohnheiten und das Sozialverhalten der Jugend Deutschlands ergründet. Die Ergebnisse dieser Studie brachte er in eine Analogie zu den Verhältnissen in Österreich und zu seinen eigenen Erfahrungen. Den Vortrag unterteilte er in drei Teile/Perspektiven:

  • "Die Jugend von Heute",
  • "Symptome bei auffälligen Jugendlichen" und
  • "Der Blick von der ,Konkurrenz’".

Die Jugend von Heute

Jugendliche unserer Zeit sind in hohem Maße leistungs- und aufstiegsorientiert, nur sehr vereinzelt suchen sie den Ausstieg. Sie wollen die "Dinge in den Griff bekommen", wobei der durch Ehrgeiz und Zähigkeit zu erreichende persönliche Erfolg im Vordergrund steht. Je besser die (Aus-)Bildung desto leichter erfolgt die Umsetzung dieser Ziele. Daher stellen sich Jugendliche bei all ihrem Tun die Frage: Was bringt mir der Präsenzdienst, was habe ich davon, wenn ich den Präsenzdienst ableiste? Sie haben de facto die Wahl zwischen Wehr- oder Zivildienst und nützen diese. Individualität ist für Jugendliche ein hohes Gut. Sie pflegen ihre eigenen individuellen Lebensstile, Rituale und Symbole. Damit stehen sie im Widerspruch zur Konformität des Bundesheeres. Trotzdem wäre das Heer in der Lage die Jugendlichen für die eigene Zielsetzung zu gewinnen, wenn die gestellten Aufgaben als einzigartig, interessant und vor allem für die eigene Erfahrung gewinnbringend erkannt werden.

Im Sinne des heute vorherrschenden allgemeinen Wertepluralismus - "I want it all and I want it now" - versucht die Jugend Orientierung in der Wertewelt zu bekommen. In der Gruppe wären daher Werte wie Schutz, Hilfe für Schwache, Sicherheit und Frieden etc. zu erleben und zu kommunizieren. "Pflicht" als Wert ist dabei im teilweise widersprüchlichen Wertecocktail integrierbar.

Die Jugend ist im Grunde "wieder" konservativ. Es gilt Altes, Vertrautes, Bewährtes zu bewahren. Familie, Fleiß, Treue und Leistung stehen wieder hoch im Kurs. Alte Werte sind daher durch das Bundesheer neu zu codieren:

  • (be)schützen versus verteidigen,
  • integrieren versus abwehren,
  • Konflikte regeln versus gewinnen/verlieren.

Durch die veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft gibt es einen Identitätsverlust bei Männern. Die Streitkräfte sollten daher das Verständnis von Militär, Hierarchie, Macht- und Rollenverteilung anpassen. Die "neue Männlichkeit" hält die neue Rolle der Frau aus. Der zeitgemäße Mann ist flexibel, kooperativ, lern- und vor allem reflexionsfähig (selbstkritisch).

Moderne Informationstechnologien ermöglichen den Jugendlichen ein vollkommen verändertes Kommunikationsverhalten. Facebook, YouTube und Twitter sind für heutige Generationen ein unbedingtes "muss". Das Bundesheer sollte diese Systeme flexibel nutzen, um die Jugendlichen bestmöglich anzusprechen und mit ihnen in ihrer Sprache kommunizieren zu können.

Symptome bei auffälligen Jugendlichen

In Zeiten einer allgemeinen Entstrukturierung muss und will die Jugend aufgrund von Mangelerfahrung wieder Regeln erlernen und Strukturen erfahren. Dabei steht ein enger Bezug zur Institution Bundesheer mit dem gleichzeitigen Wunsch nach einem eigenständigen Leben nicht im Widerspruch. Das Bundesheer als lernende und nicht starre Institution kann dabei jungen Menschen eine klare Orientierung bieten. An Jugendliche könnte durch das Bundesheer das Angebot gemacht werden, sich eine Auszeit zu nehmen - sich momentan nur für eine Sache zu interessieren und daran zu wachsen (time out versus rush hour).

Der Gewalt steht die Jugend sehr ambivalent gegenüber. Gewaltlosigkeit als neue Tugend steht der anonymen Gewalt gegenüber. Das Militär mit seinem Gewaltmonopol ist deshalb fremd, aber trotzdem interessant. Dabei könnte sich das Militär, als Konfliktlöser und Streitschlichter neu präsentieren. Soldaten als "Gewaltmanager", Experten, die in den Szenarien zur Friedenssicherung ausbildet sind.

Sowohl der Mangel wie auch das Zuviel an Vorbildern führen zur Orientierungslosigkeit von Jugendlichen. Durch Wertschätzung, Information und Motivation sowie durch vorbildhaftes Handeln könnten militärische Vorgesetzte zu akzeptierten Vorbildern für Jugendliche werden, ihnen dadurch Orientierung und Halt geben. Teile der Jugend fühlen sich nicht gebraucht, ziehen sich zurück und leben in ihrer eigenen virtuellen Welt, sind Mitglieder der "Null Bock Generation". Das Militär wäre in der Lage dieser Generation eine Aufgabe zu geben, ihnen Kameradschaft zu vermitteln wobei Herausforderungen in einem Team bewältigt werden.

Der Blick von der "Konkurrenz"

Die Zeit beim Bundesheer wird als "verlorene" Zeit, jene beim Zivildienst als "gewonnene" angesehen. Warum? Die Zeit beim Bundesheer wird als Zeit des "nicht Lernens" bzw. des "falschen Lernens" erachtet. Jungen Menschen sollte beim Bundesheer die Möglichkeit gegeben werden sich zu qualifizieren und dies auch in Form eines öffentlich anerkannten Zertifikates honoriert zu bekommen. Bildung und der Erwerb von Qualifikationen (Grundlagen im Management, Krisenintervention, technische Fertigkeiten, körperliche Fitness, Konfliktregelung etc.) werden von Jugendlichen als Schlüssel zum Erfolg und zur Umsetzung ihrer Wünsche angesehen. Jugendlichen sollte die Möglichkeit gegeben werden zu lernen, zu experimentieren, zu reflektieren und schlussendlich eigene Erfahrungen zu machen und sich damit in die Organisation durch eigenes Tun zu integrieren.

Jugend ist die Zeit mit viel Zeit - und trotzdem möchte sie alles heute und schnell. Die Jugend muss das Bundesheer als "Intensiv-Workshop" erleben, in dem die Zeit intensiv genutzt wird, damit möglichst viel über die Institution, die Welt, aber vor allem auch sich selbst gelernt werden kann. Die Zeit beim Heer ist eine Praxiszeit, die es gut zu nutzen gilt: Zum Erlernen von Fähigkeiten und Fertigkeiten und damit zu Verbesserung der eigenen Biografie.

Das Bundesheer muss klar kommunizieren, wozu die Jugend für das Heer bzw. die Gesellschaft gebraucht wird und welche Werte dabei vertreten werden. Wer sind wir und was vertreten wir gemeinsam. Und - Du (junger österreichischer Staatsbürger) wirst bei uns gebraucht, um die anstehenden Aufgaben für Österreich erfüllen zu können.

Dr. Allgäuer stellte abschließend fest: "Die Jugend ist nicht schlecht, das Bundesheer ist nicht schlecht". Die Entwicklungs- und Erscheinungsformen der Jugend machen Ansatzpunkte zur Positionierung bzw. Umorientierung der Schwerpunkte deutlich.

Es gilt die Asche wegzuräumen und die Glut zu bewahren. Grundsätzlich hat das Bundesheer sich selbst einige Fragen zu beantworten:

  • Welche jungen Menschen (mit welcher Charakteristik) wollen wir im Bundesheer erreichen und besonders ansprechen?
  • Welche Phänomene der "jungen Menschen von Heute" kommen den Möglichkeiten, die es im Bundesheer gibt, am ehesten entgegen?
  • Wo finden sich die größten Gegensätze, die sich zwischen jungen Menschen und dem Bundesheer zeigen?
  • Gibt es kreative Ideen, wie man diese Gegensätze attraktiv lösen kann?

Resümee

Wie schon eingangs erwähnt, befinden sich alle Streitkräfte Europas und damit auch das Österreichische Bundesheer in einem permanenten Umbruch - einer Transformation. Dessen ungeachtet bleibt jedoch der Mensch, der Soldat und Kommandant der entscheidende Faktor in der Umsetzung von militärischen Zielen. Gleichgültig welches Wehrsystem Österreich in Zukunft auch bekommen wird, die Streitkräfte müssen junge Menschen für ihre Aufgaben gewinnen und sie nach den neuesten Gesichtspunkten der Jugend- und Erwachsenenbildung ausbilden und führen. Daher müssen sich die Streitkräfte und damit auch alle Führungskräfte mit der Thematik "Jugend und ihre Orientierung" auseinandersetzen. Bei der Kommandantenkonferenz haben Kommandanten unterschiedlichster Ebenen aufgezeigt, dass es kreative Lösungsansätze gibt, um die Jugend positiv anzusprechen und sie für die Anliegen der Streitkräfte zu begeistern.

Am Ende der Kommandantenkonferenz verlangte Generalleutnant Mag. Günther Höfler in seinem Vortrag zur Lage der Streitkräfte von allen anwesenden Kommandanten ein besonderes Engagement in drei Teilbereichen:

  • Auftragserfüllung,
  • Mitarbeiterführung und
  • Leadership.

Dabei führte er im Punkt Mitarbeiterführung an:

"Das Kaderpersonal und die ihnen anvertrauten Soldaten, als ihre Mitarbeiter, sind die wichtigste Ressource.

Fordern und fördern Sie Ihre Mitarbeiter, diese haben enormes Potenzial! Lassen Sie Fehler zu und stehen Sie zu Ihren Mitarbeitern.

Achten Sie darauf, dass in Ihrem Verantwortungsbereich allen Ihren Mitarbeitern mit Achtung und Respekt begegnet wird, ganz im Sinne von WIM (Wertschätzung - Information - Motivation)."


Autoren: Oberst Gerd Schrimpf, MSc, Jahrgang 1959. 1978 bis 1981 Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie zum Technischen Offizier. 1981 bis 1999 Dienst im Versorgungsregiment 1 (2) als Zugskommandant, Kompaniekommandant sowie als S3. Auslandseinsätze: UNDOF (1983, 1985 und 2004 als Kommandant AUSBATT), UNTSO (1989 bis 1991); 2006/07 Chief Observer Group Golan-Damascus), IFOR (1996). 1999 bis 2002 Dienst im Korpskommando I in der G3-Abteilung als Referent Ausbildung; 2002 bis 2006 im Kommando Internationale Einsätze als Referatsleiter Psychological Operations und Leiter der Stabsabteilung 5. Seit 2010 Leiter Informationsoperationen im Streitkräfteführungskommando.

Mag. Bernhard Penz, Jahrgang 1955, Leitender Psychologe im Streitkräfteführungskommando. Ausmusterung an der TherMilAk 1980, 15. Führungslehrgang 2, Studium der Psychologie, Klinischer und Gesundheitspsychologe, Notfallpsychologe, Psychologe für Arbeits- und Organisationspsychologie, Psychotherapeut.

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