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Clash of Cultures im Biedermeier (II)

In der Nacht zum 4. Februar 1829 im spanischen Hafen von Cadiz: Die vier Schiffe der Po­nen­te­division lagen vor Anker, die Besatzungen hatten Landurlaub. Schiffsfähnrich Ludwig von Kudriaffsky besuchte mit einigen Kameraden einen Ball im spanischen Offizierscasino und schlug sich vorerst noch mit gesellschaftlichen Imponderabilien herum:

Beim Ball wäre es wegen der Äußerung eines Kameraden bald zu einer blutigen Carambole gekommen: Dieser rief, auf ein bildhübsches Mädchen deutend, "Guarde che bella putella". In italienisch bedeutet "putella" nämlich "kleines Mädchen", im spanischen aber "Prostituierte". Diese von Kudriaffsky dem erzürnten Vater des Mädchens in französischer Sprache erteilte Aufklärung behob das Missverständnis.

Etwas weniger turbulent tagte andern­orts der Kriegsrat mit Korvettenkapitän (KKpt) Bandiera, Legationsrat von Pflügl als diplomatischem Berater und dem ehemaligen spanischen Generalkonsul in Tanger, Salmón. Das Ergebnis: Erstens kam man überein, dass, solange die Besatzung der "Il Veloce" in marokkanischem Gewahrsam war, militärische Gewaltmaßnahmen ausgeschlossen waren. Dies hätte leicht zu Repressalien bzw. zum Tod der Schiffsbesatzung führen können. Zum Zweiten reichte das vorhandene Lagebild nicht zu konkreten Operationsplanungen aus. Drittens war man sich über die Wirkung der bisherigen demonstrativen Kreuzungen der Division vor Tanger und Tetuan nicht im Klaren. Die drei verhandelten im Bewusstsein der politisch-strategischen Vorgabe des Kaisers Franz, dass alles möglichst rasch und kostengünstig zu erledigen sei.

Zunächst war eine direkte Ver­bin­dungs­aufnahme mit dem dänischen Generalkonsul Schoosboe, der die öster­reichischen Interessen in Tanger vertrat, geboten. Die langjährige "diplomatische Sprachlosigkeit" Österreichs gegenüber Marokko, das Fehlen eines eigenen Konsuls, entsprechender Nachrichtenverbindungen und Informanten, machte sich nun unangenehm bemerkbar. Man entschloss sich daher zu einer Aufklärungs- und Ver­bin­dungs­mission.

Schiffsfähnrich (SchFhr) Kudriaf­fsky meldete sich am Morgen des 4. Februars, direkt vom Ball kommend, zur Befehlsausgabe. Bandiera hatte folgenden Auftrag für ihn: "Ich finde es für angemessen, den Herrn Schiffsfähnrich mit dem delikaten Auftrage zu betheilen, er möge rasch erheben, welche Wirkung das freundschaftliche Einschreiten unserer Schiffsdivision auf die marokkanische Regierung mache." Mündlich setzte Bandiera (angeblich) hinzu: "der Hauptzweck bleibe, Capitän und Mannschaft der ‚Veloce‘ zu befreien und zusätzlich die Festung Tanger genau zu untersuchen und Skizzen über die der Seeseite zugekehrten Batterien zu bringen (...) zu Lande längs der Küste zu reisen, um die befestigten Punkte Arsila, Sale, Larache und Mogador bezüglich Verteidigungsfähigkeit zu untersuchen." Ob der zweite - mündliche - Teil des Auftrages wirklich so gegeben wurde, kann bezweifelt werden. Kudriaffskys Memoiren erweisen sich hier über weite Strecken als unzuverlässig, dazu aber später mehr.

Um geheim zu bleiben, musste Ku­dri­affsky seine Mission in Cadiz beginnen. Er sollte, getarnt als dänischer Kaufmann Georg Herrings, mit einem landeskundigen Diener auf dem Landweg Tarifa erreichen und von dort mit einem gemieteten Boot nach Tanger übersetzen. Seine Anlaufstelle in Tan­ger war das dänische Konsulat, sein Ansprechpartner dort Generalkonsul Schoosboe.

Und so brach denn Kudriaffsky mit zwei Pferden und dem spanischen Diener Pedro auf. Er trug "Räuberzivil": zum hellblauen Kaschmirrock die - dem Bord-Chic entsprechend überweite - Uniformhose in gespornte Reitstiefel gezwängt. (Anm. Diese Uniformhose war damals in Küstenregionen als "Ma­­tro­senhose" ein durchaus übliches Kleidungsstück, das nicht ausschließlich von der Marine getragen wurde.) Ein Bargeldvorschuss von 20 Golddublonen und 24 spanischen Silbertalern wurde ihm aus der Divisionskasse ausgefolgt. Die Schilderung der weiteren Ereignisse folgt seinen Memoiren.

Zuallererst sollte er sein Geld loswerden: Bereits am Abend des Abreisetages wurden Kudriaffsky und sein Diener überfallen. Sie wurden von Schmugglern in dem abgelegenen Gebirgsdorf Taibiza ihrer Geldmittel beraubt. Frus­triert und nach dem Ball und dem Ritt völlig übermüdet, bezog er Nachtquartier. Nach einer knappen Stunde erhielt er Besuch. Der Chef der Schmugglerbande, Don Manuel, brachte ihm von "Caballero zu Caballero" und mit größter Höflichkeit wenigstens zwei seiner Golddublonen und 20 Silbertaler wieder und wünschte noch "Buen viajo" (Gute Reise). Der Diener hatte auf "Insiderpfaden" interveniert ...

Die Weiterreise verlief fast operet­ten­haft: Kudriaffsky und sein Pedro brachen unverzüglich auf, verirrten sich prompt in der stürmischen Nacht, und verloren auch noch ihre Pferde: Hirtenhunde hatten die Tiere verschreckt. Sie erreichten schließlich zu Fuß und mit Hilfe einheimischer Führer ihr erstes Etappenziel, Tarifa. Dafür erleichterten die Führer Kudriaffky erpresserisch um weitere Silbertaler. In Tarifa angekommen, konnte Kudri­affsky aus Geldmangel den Zollbeamten kein - "landesübliches" - Trinkgeld bezahlen und wurde einer peinlichen Leibesvisitation unterzogen. Die letzten beiden Golddublonen und Kudriaffskys sorgfältig gehütete Zigarren wechselten unter dem Vorwand, ohne Erlaubnisschein dürfe auf Reisen kein Gold mitgenommen werden, den Besitzer.

Wie der gelernte Soldat vermuten kann, hatte dieser Raub Jahre später noch ein ärarisches Nachspiel: Die Buchhaltung in Wien verhielt Kudria­ff­­sky zum Ersatz der ihm geraubten Summe, da er keine Bestätigung über den Raub beibringen konnte - weder von den spanischen Behörden noch von den Räubern. Nachdem er drei Jahre lang ins­gesamt 400 Gulden durch Gageabzug in Raten abgezahlt hatte, wurden ihm im Gnadenweg 100 Gulden rückerstattet.

Entgegen der Planung erhielt Kudri­af­­fsky von den spanischen Behörden keine Genehmigung, von Tarifa nach Marokko überzusetzen und zog daher weiter über Algeciras nach Gibraltar. Dort versuchte er tagelang, Geld von einem Konsulat und eine Überfahrtgenehmigung zu erlangen. Beides gelang ihm nach einigen Mühen. Mit einer kleinen Fischerfeluke erreichte er schließlich Tanger, wo er mit Generalkonsul Schoosboe Verbindung aufnehmen konnte.

Soweit können Kudriaffskys Erzählungen als wahr gelten, sie sind in den Grundzügen aus den Akten zu verifizieren. Lediglich chronologisch irrt er sich, er gibt als Datum seiner Ankunft den 18. Februar an, während in den Akten der 13. Februar vermerkt ist.

In seinen Memoiren schildert Kudri­af­fsky nun dramatisch seine Er­kun­dungsmission in den marokkanischen Süden. Er will mit einer Karawane über Arzilla nach Larache gelangt sein und dort, direkt unter den Augen des dortigen Befehlshabers, Festung und Hafen erkundet haben. Zurückgekehrt erzählt er, dass er gemeinsam mit Schoosboe durch Bestechung die Besatzung der "Il Veloce" befreite. Und als dramatischen Höhepunkt liefert er uns die Schilderung seiner Gefangennahme durch die Marokkaner, seine Flucht aus dem Gefängnis in der Nacht vor seiner Hinrichtung und die Überfahrt in einem offenen Ruderboot von Tanger nach Gibraltar (Siehe Skizze Seite 532).

Angesichts dieser dramatischen Erzählungen nimmt sich KKapt Bandieras Bericht über Kudriaffskys Mission wohlwollend, aber in der Sache sehr zurückhaltend aus. Am 18. Februar 1829 meldet er nach Wien: "Diesen Vormittag ist der Herr Schiffsfähnrich Kudriaffsky von seiner Mission nach Tanger zurückgekehrt. (...)Der Herr Schiffsfähnrich Kudriaffsky hat seine Mission in äußerst bemerkenswerter Weise erledigt und mir alle interessanten Details für unsere weitere (Operations-)Führung zukommen lassen." Die wichtigste Information war: Kudriaffsky beobachtete, dass eine von Bandiera zeitgleich mit seiner Anwesenheit in Tanger durchgeführte - demonstrative - Kreuzung vor Tanger bei den Marokkanern einigen Eindruck machte und Angst in der Bevölkerung hervorrief.

Lob für Kudriaffsky übermittelt auch Konsul Schoosboe in einem Brief an Legationsrat Pflügl: "Was die weiteren kleinen Details betrifft, beziehe ich mich auf Herrn von Kudriaffsky, dem gegenüber ich nichts verschwiegen habe und der sich des in ihn gesetzten Vertrauens würdig erwiesen hat." Aber auch er nimmt keinerlei Bezug zu den von Kudriaffsky geschilderten "heldenhaften" Ereignissen. Können sie überhaupt wahr sein?

Aus den amtlichen Quellen lässt sich nur Kudriaffskys Weg von Cadiz nach Tanger bestätigen. Die Erkundung im Süden von Marokko kann schon aus Zeitgründen - zumindest in der geschilderten Weise - nicht stattgefunden haben (Anm. siehe auch Kasten auf Seite 530). Die Reise von Tanger über Arzilla nach Larache hätte min­destens fünf bis sechs Tagen gedauert. Ku­driaffsky erreichte in Wirklichkeit Tanger am 13. Februar und reiste am 16. Februar, abends, spä­testens am 17. Februar, morgens, nach Gibraltar zurück.

Die Flucht der Besatzung der "Il Veloce" kann keinesfalls zu diesem Zeitpunkt und unter Mitwirkung Kudri­affskys geschehen sein. Kapitän Bla­zinich und seine zwölf Matrosen bleiben gemäß den amtlichen Quellen über einen Monat länger in Gefangenschaft und gelangen, wie noch zu schildern sein wird, unter ganz an­deren Umständen in Freiheit.

Zusammenfassend können wir feststellen, dass Kudriaffskys Memoiren dort, wo seine persönliche Beteiligung an historischen Geschehnissen zur Sprache kommt, stellenweise bis ins romanhaft-phantastische überzeichnet sind, während an neutraleren Stellen eine bis ins Detail gehende Übereinstimmung mit dem amtlichen Schriftverkehr beobachtet werden kann. Nicht verifizierbar, aber im schlimmsten Fall "gut erfunden", ist Kudriaffskys Randglosse, er hätte in Tanger, um seiner Tarnung als Kaufmann gerecht zu werden, ausgerechnet eine Ladung Affen gekauft. Diese sei ihm auch prompt nach Algeciras auf die "Carolina" geliefert worden. Den letzten Affen aus dieser Ladung schenkte er jedenfalls ein Jahr später seinem Onkel in Wien.

Kudriaffskys Mission hatte einen anderen, unspektakulären, aber wichtigen Effekt: den der sicheren Nachrichtenübermittlung. Durch die Empfehlung Schoosboes gelang es, eine für weitere Verhandlungen unabdingbare direkte Verbindung zwischen dem Kommandanten der Ponentedivision und der marokkanischen Regierung herzustellen. Diese lief über den marokkanischen Geschäftsträger in Gibraltar, den Kaufmann Judah Benuliel. Gleichzeitig empfahl Schoosboe, der mit einem Eintreten in direkte Verhandlungen sicher rechnete, in einer detaillierten Liste die Anschaffung angemessener Geschenke für die marokkanischen Würdenträger.

Die Marokkaner hatten es aber nicht eilig, mit den Österreichern in Verhandlungen zu treten. Der Sultan weilte aufgrund der Festlichkeiten des Fastenmonats Ramadan in seinen Residenzen im Süden. Benuliel, dem man großen Einfluss am marokkanischen Diwan (Kabinett) nachsagte, leitete mit Briefen die direkte Kontaktaufnahme ein. Der einzige, kurzfristig zu erreichende Erfolg war eine Note des ersten Wesirs (Premierministers), in dem der offizielle Standpunkt erstmalig klargestellt wurde:

"Auf dass es durch die gegenständliche (Erklärung) allen bekannt wird, (...) dass (nämlich) alle, die sich von den christlichen Nationen an ihn wenden und die Frieden und Eintracht von seiner Nation wünschen - nach dem, was durch Vertrag und Übereinkunft (die Gott erhalte) bestimmt ist, er sich ihrem Anliegen nicht verschließen und sie empfangen wird. (...) Was nun dasjenige betrifft, das der Rais (Kapitän) des Korsarenschiffes unseres Herrn (den Gott erhalte) unter der Flagge des Herrschers getan hat, so ist es nicht auf Befehl unseres Herrn passiert, denn er verurteilt es, und nachdem er davon Kenntnis erlangt hat, wird der Rais für seine Taten bestraft und gezüchtigt werden. (...)" Diese moderne Interpretation einer französischen Übersetzung aus dem Arabischen ins Deutsche (was die etwas mühsame Rhetorik erklärt), sagt aus, dass Marokko zu Verhandlungen bereit war und zur Wahrung des eigenen Gesichts und Befriedigung der Österreicher dem Kaperkapitän die alleinige Verantwortung an der Kaperung der "Il Veloce" zuschob (die dieser mit Sicherheit nicht hatte). Die Herausgabe der Besatzung der "Il Veloce", des Schiffes selbst und seiner Ladung, wurde nach­drücklichst verweigert.

Während dieser diplomatischen Aktionen lag Bandiera mit seinem Flaggschiff "Carolina" in Algeciras auf Reede. Die anderen Schiffe waren mit Kreuzungen entlang der marokkanischen Küste beauftragt, um Flagge zu zeigen und aufzuklären. Sehr schnell wurde klar, dass der Sultan lediglich über drei Schiffe (zwei Briggs und eine Goelette) verfügte. Die Briggs lagen im geschützten Hafen von Larache vor Anker, die Goelette, durch die Kreuzungen blockiert, weit im Süden, im Hafen von Sale.

Eine zusätzliche Gefährdung der Handelsschifffahrt drohte jedoch von ganz anderer Seite: Amerikanische Kaper ließen sich an der afrikanischen Atlantikküste blicken und sorgten für zusätzliche Unruhe, der Bandiera durch zusätzliche Kreuzungen entgegenzuwirken suchte. Diese Aktionen dürften nicht von der amerikanischen Regierung ausgegangen sein, sondern von privaten Reederkonsortien, was bis in die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts durchaus üblich war.

Anfang März kam Bewegung in die Verhandlungen. Benuliel berichtete, dass der erste Wesir, Ben Gelun, die Österreicher in Tanger zu Verhandlungen erwarte.

Am 14. März ankerte die "Carolina" vor Tanger auf Reede (d. h. außerhalb des Hafens, und zwar deswegen, um der marokkanischen Fahne nicht die Ehrenbezeigung durch Salutschüsse leisten zu müssen, wie der zuständige Referent im Hofkriegsrat befriedigt anmerkt). Der an Land gesandte Divisionsadjutant, SchFhr Attajan, brachte die Nachricht, dass das offizielle Marokko bereit war, die österreichischen Verhandler zu empfangen. Bandiera und Pflügl gingen mit Suite an Land, wo sie von Generalkonsul Schoosboe erwartet wurden.

Marokko hatte einen großen Empfang arrangiert. Bandieras Delegation schritt durch ein Spalier von Infanteristen vom Hafen bis zum Hauptplatz.

Dort hatten sich, neben einer Ehrenformation mit Musik, Premierminister Sidi Ben Gelun und der Pascha von Tanger, Sidi El Arby Ben Ali Saidi, mit ihren Suiten eingefunden. Nach den Begrüßungsansprachen erlebte Ban­diera eine Überraschung: Kapitän Blazinich und seine Matrosen wurden zeremoniell in Freiheit gesetzt und den Ös­ter­reichern übergeben. Diese einleitende Geste markierte aber gleichzeitig die Grenze dessen, was Marokko zuzugestehen bereit war.

Die insgesamt dreitägigen Verhandlungen begannen. Die marokkanische Argumentation blieb unverändert. Ben Gelun gab eine Erklärung ab, mit welcher er "das Verfahren des marokkanischen See-Offiziers, der die ‚Veloce‘ gekapert hatte, als eigenmächtig bezeichnete, es in den bestimmtesten Ausdrücken höchlichst missbilligte, ja sogar die Bestrafung des Schuldtragenden zusicherte. (...)" Kaum erwähnte Schoosboe jedoch die Zurückgabe der "Veloce" und eine angemessene Entschädigung, als Ben Gelun sogleich die Sprache änderte und "(...) eines wie das andere abzulehnen suchte. Auch die Rückgabe der Schiffsladung lehnte der Wesir ab, da diese bereits dem Kapitän Bargas zum Geschenk gemacht worden war." Letzteres war wohl der Dank für das eigenmächtige Handeln des Kaperkapitäns.

Marokko bekräftigte seinen starren Standpunkt täglich schriftlich, indem ein, der ersten Note nahezu wörtlich gleicher Schriftsatz übergeben wurde. Die Verhandlungen fuhren sich an diesen Punkten fest.

KKapt Bandiera stellte in dieser Zeit bereits das Einvernehmen mit dem Hofkriegsrat betreffend "angemessener Gewalt" her, indem er drei verschiedene Vorschläge präsentierte:

- Zerstörung der marokkanischen Kaperschiffe (die derzeit nicht ausgerüstet in den Häfen lagen); - Beschießung von Küstenstädten (ohne des zu stark befestigten Tanger); - Blockade der Handelshäfen von Tanger und Tetuan, um den Handelsverkehr zu unterbinden.

Hier griff nun Staatskanzler Fürst Metternich aktiv ins Geschehen ein. Er empfahl, von einer Blockade von Tanger und Tetuan abzusehen, da dies englische Interessen verletzen könnte, wie ihm der österreichische Botschafter in London versichert habe. Der Grund: Die englische Garnison in Gibraltar verproviantierte sich zu großen Teilen aus marokkanischen Häfen.

Metternichs Bemerkung über Ban­diera, dessen "Klugheit und Diensteifer es im vorhinein verbürgen, dass er den eigentlichen Zweck der Mission, baldmö­g­lichste ehrenvolle Ausgleichung der Irrungen und Erneuerungen des Traktates, nie aus dem Auge verlieren werde", zeigt, dass dieser auch in der Staatskanzlei einen guten Namen hatte.

Über allem aber drängte die strategische Vorgabe von Kaiser Franz, die Affäre möglichst rasch und kostengünstig zu einem gedeihlichen Ende zu bringen.

Damit verstrich wieder ein Monat. Bandiera stellte den marokkanischen Behörden am 22. April 1829 ein letztes Ultimatum bis Ende Mai, um die "Il Veloce" und ihre Ladung frei zu bekommen.

Gleichzeitig rechnete Bandiera wohl auch damit, dass seine Bemühungen letztlich von Erfolg gekrönt sein würden. Er sandte (bereits zu diesem Zeitpunkt!) eine umfangreiche Anforderung von Geschenken (beginnend mit einem Diamantring mit kaiserlichem Namenszug, über wertvolle Stoffe, Porzellanservices, bis zu Tee und Zucker) für den Sultan und seine Würdenträger nach Wien. Diese sollten anlässlich zu erwartender Friedensverhandlungen übergeben werden.

Die Frist verstrich wiederum ergebnislos - Bandiera entschloss sich, zu handeln. Das erste Angriffsziel waren die beiden Kriegsbriggs im Hafen von Larache. Der Kommandant der Korvette "Adria", die entlang der marokkanischen Atlantikküste kreuzte, hatte bestätigt, dass sie noch immer nicht seeklar war. Am 1. Juni 1829 gingen die Korvette "Carolina" und die Brigg "Veneto" ankerauf und trafen am darauf folgenden Tag vor Larache mit der "Adria" zusammen. (Anm.: Briggs waren in der österreichischen Marine - und nur dort - umgangssprachlich "männlich" - "der Brich" - gesprochen.) Bandiera nahm noch in derselben Nacht in einem Beiboot eine persönliche Erkundung der Flussmündung vor. Die beiden Kriegsbriggs lagen noch immer mit abgenommenen Bramstengen und nicht seeklar vor Anker hinter der Landzunge; die Besatzungen lagerten in Zelten an Land. Dass es sich bei dem einen der beiden Schiffe um die "Rabbia el Gheir" von Kapitän Abd el-Rhaman Bargas gehandelt hat, können wir vermuten, da Marokko zu dieser Zeit nur zwei Briggs im Bestand hatte. Aus den Akten ist dies jedoch nicht eindeutig ersichtlich. Besondere Verteidigungsvor­berei­tungen waren in der Stadt nicht zu bemerken. Lediglich auf der flachen Landzunge, die nördlich der Stadt die Mündung des Luecos flankiert, war eine Batterie mit fünf Feldgeschützen unter Infanteriebe­deckung in Stellung gegangen.

Bandieras Absicht war es, am frühen Morgen des kommenden Tages und in Kompaniestärke (Matrosen und Mari­ne­infanteristen, verstärkt durch Rake­ten­geschütze System "Augustin") anzulanden. Sodann sollte - über die Landzunge vorstoßend - der Innenhafen gewonnen und die beiden Briggs durch Ra­keten­beschuss zerstört werden. Die Landungstruppe sollte vom Kommandanten der "Adria" - dem inzwischen zum KKapt beförderten - Karl Bor­romäus Zimburg befehligt werden. Der hatte bereits im Jahre 1826 auf der griechischen Insel Naxos ein ähnliches Unternehmen mit Erfolg durchgeführt. Die drei österreichischen Schiffe warfen in Schussweite vor der Stadt Anker.

Am 3. Juni 1829 wurde im Morgengrauen erst warme Verpflegung ausgegeben und dann "Klarschiff zum Gefecht" befohlen. Unter den Trommelwirbeln der Tambours der Marineinfanterie wurden die Geschütze gefechtsklar gemacht. Pulveräffchen (Schiffsjungen) brachten im Laufschritt die Beutelkartuschen (Anm. wird im Teil III, kommendes Heft, näher erklärt) aus den Pulverkammern. Netze spannten sich über die Oberdecks, um die Geschützbedienungen vor aus der Takelage geschossenen Trümmern zu schützen. Die Küchenfeuer waren aus, die Wasserpumpen besetzt, und die Schiffshandwerker bereiteten sich auf Reparaturen im Gefecht vor. Und hinter jedem Geschütz glimmten die Lunten in ihren Eimern.

Um etwa 0745 Uhr stießen die mit Marineinfanteristen und bewaffneten Matrosen voll besetzten Boote von den Schiffen ab, während auf "Ca­rolina", "Adria" und "Veneto" die Geschützbedienungen auf den Feuerbefehl warteten.


Autor: Klaus Bachmann, Jahrgang 1958. Insgesamt 16-jährige aktive Dienstzeit als Unteroffizier (LWR 101, LWSR 21, JgR 2), zuletzt als Lehrunteroffizier für Stabsdienst und Kanzleiwesen an der Heeresversorgungsschule. Dienstführender Unteroffizier einer Milizkompanie. Lebt und arbeitet als freiberuflicher Autor und Grabungstechniker im historisch-archäologischen Bereich in Wien.

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