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Einsatz im urbanen Umfeld - Lehren aus Fallujah

Praxis ohne Theorie ist blind und Theorie ohne Praxis leer. Anhand eines Gefechtsbeispieles aus dem Irak wird für den "Einsatz im urbanen Umfeld" die Umsetzung der Theorie (Vorschrift, Ausbildung) in der Praxis in einem Gefecht dargestellt.

Jedes Gefechtsbeispiel, egal aus welcher historischen Epoche, zeigt immer nur einen schmalen Ausschnitt der Realität. Dennoch lassen sich daraus trotz verschiedener Interpretationen Tatsachen ansprechen, Lösungsansätze bewerten und Erkenntnisse folgern. Als Gefechtsbeispiel dient die Operation "Phantom Fury" (später in Operation "al Fajr/New Dawn" umbenannt) im November 2004 in der Stadt Fallujah im Irak. Die Verwendung dieser Operation als Anschauungsobjekt bietet einige Vorteile: Die Operation erfolgte vor nicht allzu langer Zeit, ist aber trotzdem bereits gut analysiert. Durch diese zeitliche Nähe kann die angewandte Gefechtstechnik gut mit den aktuellen Gefechtstechniken verglichen werden.

In den TRUPPENDIENST-Ausgaben 3 und 4/2007 wurden bereits zwei Artikel zu den Operationen in Fallujah veröffentlicht. Um den Gesamtkontext herzustellen, wird die Darstellung des Gefechtsbeispieles wie folgt gegliedert: Zuerst wird in einem kurzen Überblick der Hintergrund für die Operation erklärt und die Basis definiert. Danach werden das Gefechtsfeld und die Gegner dargestellt. Im Anschluss wird als Überbau der Angriff auf Divisions- und Regimentsebene beschrieben.

Das Gefechtsbeispiel spielt auf Zugs- bis Kompanieebene mit entsprechenden Folgerungen. In einer der nächsten TRUPPENDIENST-Ausgaben soll ein weiteres Gefechtsbeispiel auf Einzelsoldaten- bis Gruppenebene analysiert werden.

Der Einfachheit halber wird in diesem Artikel der Gegner im Allgemeinen als Insurgent bezeichnet.

Ausgangslage

Am Morgen des 31. März 2004 fuhr ein Konvoi mit Hilfslieferungen, auf der Hauptversorgungsstraße (Main Supply Route - MSR) Michigan durch die Stadt Fallujah. Die Sicherung erfolgte durch vier amerikanische Angehörige der amerikanischen Sicherheitsfirma "Blackwater Security Consulting" (inzwischen "Academi"). Mitten in der Stadt wurde der Konvoi durch Insurgenten angegriffen. Die vier Amerikaner wurden durch Gewehrschüsse getötet und mitsamt ihren Fahrzeugen angezündet. Der Mob zerrte die verbrannten und geschändeten Leichen durch die Straßen und hängte diese weithin sichtbar auf der westlich der Stadt gelegenen Stahlbrücke auf. Diese Bilder gingen um die Welt und wurden zum Symbol für den Widerstand der irakischen Insurgenten gegen die Besetzung des Irak durch die Koalitionstruppen. Die USA führten daraufhin die Operation Vigilant Resolve durch. Eine detaillierte Beschreibung dieser Operation kann im TD-Heft 3/2007 nachgelesen werden. Zusammengefasst endete sie nach 26 Tagen Gefecht mit einem Rückzug der US-Truppen aus der Stadt und einer Übergabe der Verantwortung an die provisorische Fallujah-Brigade. Die Verluste der USA beliefen sich dabei auf 18 Tote und 96 Verwundete. Die Insurgenten sahen sich als großer Sieger und nutzten den Rückzug der US-Truppen für eigene Propagandazwecke.

Das Gefechtsfeld

Die Stadt Fallujah (arabisch الفلوجةal-Fallūdscha) liegt im so genannten "Sunni Triangle". Im mehrheitlich schiitischen Irak stellte dieser Raum die Machtbasis für Saddam Husseins Diktatur dar. Auf einer Fläche von ca. 30 km² hatte die Stadt vor dem Angriff geschätzte 350 000 Einwohner. Mit der Abschaltung des Stromes durch die US-Streitkräfte nach der Abriegelung der Stadt unterstrichen die Amerikaner ihre Aufforderung an die Zivilbevölkerung, Fallujah vor Beginn der Kampfhandlungen zu verlassen. So waren zu Beginn des Angriffes der Marines noch etwa 10 000 Zivilisten in der Stadt. Mit seinen über 200 Moscheen ist Fallujah auch als "Stadt der Moscheen" bekannt. Diese wurden durch die Insurgenten entgegen dem Humanitären Völkerrecht (in Form des Haager Abkommens von 1954) in einigen Fällen als Stützpunkte oder Versorgungseinrichtungen genutzt.

Die Insurgenten

Nach dem Sturz Saddam Husseins sowie dem offiziellen Ende der "major combat operations in Iraq" und der folgenden Auflösung der Baath-Partei sowie der irakischen Streitkräfte durch die US-Übergangsverwaltung entwickelte sich im Irak eine Vielzahl an Splittergruppen, die alle ein Ziel einte: die Besetzung des Irak durch die Koalitionstruppen durch Gewaltanwendung zu beenden.

Die fünf wichtigsten Gruppierungen waren: Baathisten, Nationalisten, Salafis, Schiitische Milizen und ausländische islamistische Freiwillige. Eine Unterscheidung der einzelnen Gruppierungen im Gefecht war für Einheiten ohne separate Aufklärungs- und Verhörfähigkeit kaum möglich. Daher unterschieden die US-Truppen bei den Insurgenten in der Stadt nur zwei Gruppierungen: Märtyrer und Guerillas. Der Hauptunterschied lag im Fanatismus, der sich in der sehr hohen Opferbereitschaft der Märtyrer äußerte. Beide Gruppierungen waren mit leichten Infanteriewaffen bis zum leichten Granatwerfer und Sprengstoff in Form von Improvised Explosive Devices (IEDs) bewaffnet.

Insgesamt waren zu Beginn des Angriffes ungefähr 3 000 Insurgenten in der Stadt. Die Insurgenten hatten seit April 2004 sechs Monate Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Stellungen waren ausgebaut und vorbereitet, Verteidigungszonen eingerichtet, Waffenlager angelegt und IEDs über die ganze Stadt verteilt worden. Manche Häuser wurden durch Sandsackbunker, IEDs und eigens angelegte "Schusskanäle" zu kleinen Festungen ausgebaut, die zum Teil bis zum Tod verteidigt wurden. Die folgenden Summen an gefundener Munition und Kampfmitteln soll verdeutlichen, wie sehr Fallujah durch die Insurgenten zur "Festung" ausgebaut worden war. So fanden die Koalitionstruppen ab Angriffsbeginn 8. November 2004 bis zum 19. November unter anderem über 1 000 Artillerie- und Granatwerfergranaten bzw. Raketen, über 900 Minen verschiedenster Art, 86 Panzerabwehrlenkwaffen, über 300 Panzerabwehr (RPG)-Granaten und zehn Boden-Luft-Raketen, aufgeteilt auf 346 Waffenlager.

Es lässt sich nicht genau nachvollziehen, ob die Gesamtheit der Insurgenten eine Art Kommandostruktur aufwies oder nicht. Abgehörte Funkgespräche lassen aber darauf schließen, dass dies zumindest für Teile zutraf.

Der Angriff der 1st U.S. Marine Division

Nachdem die politische Einigung über das weitere Vorgehen erzielt war, wurde die Task Force "Blue Diamond" unter Major General Richard F. Natonski gebildet. Die Basis dieser Task Force war die 1st U.S. Marine Division. Diese bestand aus den Regimental Combat Teams (RCT) 1 und 7 des U.S. Marine Corps sowie aus dem 2nd Brigade Combat Team (BCT) der 1st Cavalry Division der U.S. Army. Der unmittelbare Angriff auf Fallujah erfolgte durch sechs Kampfbataillone, davon zwei gemischte Panzer-/Panzergrenadierbataillone der U.S. Army. Die Abriegelung im Süden erfolgte durch das 2nd BCT mit zwei Kampfbataillonen. In der restlichen Provinz al-Anbar war das 2nd BCT der 2nd Infantry Division mit insgesamt fünf weiteren Kampfbataillonen zur Sicherung der Versorgungsstraßen und zur Kontrolle des restlichen Verantwortungsbereiches eingesetzt. Fünf Infanteriebataillone der neu aufgestellten irakischen Armee unterstützten die Task Force. Sie hatten den Auftrag, hinter den US-Verbänden die Kontrolle über die von Insurgenten gesäuberten Gebiete zu übernehmen. Die Qualität dieser Bataillone war äußerst unterschiedlich. Manche waren einsetzbar, andere ineffizient und unzuverlässig. Insgesamt waren vier große Verbände auf Brigade-/Regimentsebene mit zusammen 13 Kampfbataillonen und fünf irakischen Bataillonen eingesetzt. Dazu kamen noch Kampfunterstützungs-, Einsatzunterstützungs- und Führungsunterstützungstruppen.

Der Operationsplan sah folgende Phasen vor:

  • Einnahme der Gefechtsgliederung und Abriegelung der Stadt;
  • Angriff auf die Angriffsziele in der Tiefe der Stadt;
  • Säuberung der Stadt;
  • Übergabe der Kontrolle an Folgeelemente.

Die Operation "Phantom Fury" dauerte vom 8. bis 16. November 2004.

Die zwei angreifenden RCTs verwendeten unterschiedliche Taktiken. Das RCT7 im Osten der Stadt plante einen geländebezogenen Angriff, indem es seinen Kampfbataillonen unter Umgehung von bekannten Stützpunkten der Insurgenten weitgesteckte Angriffsziele befahl. Dazu griff es mit seinen drei Kampfbataillonen nebeneinander an. Das mechanisierte Bataillon der U.S. Army, Task Force 2-2, wurde dabei am ostwärtigen Rand der Stadt eingesetzt. Das RCT1 im Westen der Stadt, wo auch das Schwergewicht der Operationsführung der Division lag, führte hingegen einen gegnerzentrierten Angriff zur vollständigen Inbesitznahme durch. Das Kampfbataillon 3rd Battalion/5th Marines war vorerst zum Schutz der rechten Flanke der im Schwergewicht eingesetzten Bataillone eingesetzt. Im Schwergewicht waren das 3/1 Marines und das 2/7 Army Battailon eingesetzt, wobei die 3/1 Marines vorerst den Auftrag hatten, den Einbruch zu schaffen. 2/7 Army Battailon sollte im Anschluss rasch Richtung Angriffsziel "Jolan Park" als nächste Aufgabe des Regimentes vorstoßen. Die Details der Operation können im TD-Heft 4/2007 nachgelesen werden.

Gefechtsbeispiel

In dieser Ausgabe werden anhand eines Gefechtsbeispieles die Prinzipien des Kampfes im urbanen Umfeld auf Zugs- bis Kompanieebene dargestellt. In einer weiteren Ausgabe des Truppendienstes wird noch ein Beispiel auf Soldat- bis Gruppenebene analysiert. Auf dem Luftbild (Seite 56) sind die Räume des ersten (Gelb) und zweiten (Blau) Gefechtsbeispieles markiert.

Angriff eines verstärkten Infanteriezuges im Rahmen der verstärkten Infanteriekompanie

Das folgende Gefecht fand am 11. November 2004 im Bereich des RCT7 statt. Die Alpha Company des 1st Battalion der 8th Marines, bestehend aus drei Infanteriezügen, einem Panzerabwehrzug (Combined Anti Armor Team - CAAT) und einem Kampfpanzerzug, hatte den Government Complex genommen und wartete auf weitere Befehle für den Angriff Richtung Süden. Dabei wurde die Alpha Kompanie von drei Seiten, vor allem aber aus den Gebäuden jenseits der Route Michigan beschossen. Da diese gleichzeitig die Phase Line (PL) "Elizabeth" für den weiteren Angriff war, gab es auch noch keine Koalitionstruppen südlich dieser Linie. Nach Genehmigung durch seinen Bataillonskommandanten gab der Kompaniekommandant Captain Cunningham seinem 1st Platoon (I. Zug) unter 2nd Lieutenant Ackermann am 10. November 2004 den Befehl, südlich der PL ein dominierendes Gebäude zu nehmen, um so den Angriff der Kompanie über die PL am Folgetag zu unterstützen. Der I. Zug bestand aus drei Squads (Gruppen) à 13 Marines, einem MG-Squad, bestehend aus sieben Marines, und zwei 7,62mm-MG M240G sowie einem Assault-Squad (vergleichbar einer Panzerabwehrrohr-Gruppe), bestehend aus vier Marines.

Zur Vorbereitung forderte der Zugskommandant Feuerunterstützung auf seine Einbruchstelle durch ein AC-130"Gunship" an. Am 11. November um 0400 Uhr brach der I. Zug mit einem Überwachungselement zum Feuerschutz und einer Eindringgruppe in seine Einbruchstelle ein. Um die Insurgenten zu überraschen, gingen die Marines ohne Feuer vor. Nach der Inbesitznahme erkannte der Zugskommandant, dass das Gebäude durch die vorangegangene Feuerunterstützung für die weitere Kampfführung de facto unbrauchbar geworden war, und entschloss sich, weiter Richtung Süden vorzugehen, die PL "Fran" zu überschreiten und dort ein Gebäude rund 200 Meter von der vordersten Eigenen Linie entfernt in Besitz zu nehmen.

Um 0530 Uhr war auch dieses Gebäude ohne Feindkontakt genommen. Rechtzeitig vor Sonnenaufgang hatte der I. Zug seine Stellungen bezogen, die sich ebenfalls als Hinterhalt eigneten. Ab diesem Zeitpunkt konnte der Zugskommandant auf die zwei Kampfpanzer der Kompanie zurückgreifen, die im Bereich der Kompanie in Bereitschaft waren.

Bei Tagesanbruch erkannten die Marines Insurgenten, die sich auf mehreren Bewegungslinien von Süden nach Norden verschoben, um das Gefecht wieder aufzunehmen. Diese hatten aber das Vorgehen des I. Zuges während der Nacht nicht bemerkt und vermuteten keinen Gegner so weit im Süden. Sie wurden sofort mit Flachfeuer, Granatwerfer, Artillerie und Luftnahunterstützung bekämpft. Die Insurgenten erwiderten das Feuer aus mehreren ausgebauten Gebäuden. Dabei gingen einige Insurgenten auch zwischen dem I. Zug und der Kompanie im Norden in Stellung. Der Zugskommandant beschrieb die Situation mit den Worten "This made geometries of fire to the north very challenging." Da die Insurgenten nun die Stellungen der Marines genau erkannt hatten und diese durchgehend bewirkten, konnten diese das Feuer kaum mehr erwidern. Nun erwiesen sich die Kampfpanzer als wichtiges Mittel zur Feuerunterstützung. Der Zugskommandant forderte den Panzer-Halbzug an und wies ihm Stellungen auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu. Die Nahsicherung übernahmen die Marines.

Der Zugskommandant nutzte zur Zielzuweisung mehrere Methoden, wie die Uhrzeigermethode, Zielpunkte oder das Markieren mittels Leuchtspurmunition. Nachdem alle erkannten Stellungen der Insurgenten vernichtet waren, bezogen die Kampfpanzer ihre Ausgangsstellung im Bereich der Kompanie. Während des gesamten Tages wiederholte sich dieser Ablauf 15 bis 20 Mal.

Am Nachmittag hatte der I. Zug zwei schwerverwundete Soldaten. Ein Marin hatte einen Kopfschuss erhalten, der andere einen Treffer in die Oberschenkelarterie. Der erste Versuch eines CASEVAC (Casualty Evacuation - Bergung eines Verwundeten unter Einsatz von provisorischen Transportmitteln) endete mit der Zerstörung eines AAV gehärtetes Landungsfahrzeug der Marines) nördlich der PL "Elizabeth".

Beim zweiten Bergungsversuch kamen der Kampfpanzerhalbzug und zwei gehärtete "Hummer". Dabei fuhren die Kampfpanzer voran in ihre Stellungen und dahinter die leicht verwundbaren "Hummer" und bekämpften die Insurgenten, während die Verwundeten in die Fahrzeuge verladen wurden.

Der Abtransport erfolgte zum vorgeschobenen Truppenverbandplatz Battalion Aid Station - BAS), der sich im Bereich des Regierungsgebäudes (Government Complex) befand.

Um 1500 Uhr erhielt der I. Zug den Auftrag, innerhalb der Kompanie weiter anzugreifen. Das Angriffsziel befand sich 200 Meter weiter im Süden. Der Zweck war die Vernichtung des Feindes in diesem Raum. Dazu griff die Kompanie entlang zweier paralleler Bewegungslinien an.

Dem I. Zug wurden weiterhin der Kampfpanzerhalbzug sowie Landungsfahrzeuge (AAV) unterstellt. Die Kampfpanzer übernahmen die Spitze, die AAVs agierten hinter der Infanterie als gehärtete Sanitäts- und Versorgungsfahrzeuge. Zu Angriffsbeginn lag der einzige Ausgang aus dem Gebäude, in dem sich der I. Zug befand, unter Feuer der Insurgenten. Um den Angriff weiter fortsetzen zu können, sprengte sich der Zug mit Feuerunterstützung der Kampfpanzer einen eigenen Ausgang. In weiterer Folge nahmen die Infanteriezüge Gebäude um Gebäude. Bei Feindkontakt unterstüzten die Kampfpanzer, indem sie die Gebäude zerstörten. Während der Bewegung waren die Kampfpanzer an der Spitze eingesetzt, um Gelegenheitsziele zu bekämpfen. Aufgrund der engen Straßen konnten die Kampfpanzer ihre Türme kaum bewegen und mussten zusätzlich auf herabhängende Stromkabel achten.

Nach Inbesitznahme des Angriffszieles bezogen die Kampfpanzer Stellungen entlang der Bewegungslinien und die Infanteriezüge als Nahsicherung im Angelände. Der Angriff der Kompanie über 400 Meter dauerte mehr als fünf Stunden. Die Kampfpanzer verschossen dabei 30 Granaten aus den Bordkanonen sowie 8 000 Schuss 7,62-mm- und 4 000 Schuss 12,7-mm-Munition aus den Maschinengewehren. Die Kompanie bekämpfte 150 bis 200 Insurgenten und hatte 30 Prozent Ausfälle.

Dem Zugskommandanten des I. Zuges, Leutnant Ackermann, wurde für seinen persönlichen Mut und Einsatz während des Angriffes (Er exponierte sich wiederholt, um den CASEVAC einzuweisen und dem Kampfpanzerhalbzug Ziele zu geben.) der Silver Star, die vierthöchste Tapferkeitsauszeichnung der US-Streitkräfte, verliehen.

Folgerungen

Nun werden einige Ausschnitte aus dem Gefecht angesprochen (A), bewertet (B) und Folgerungen für das Österreichische Bundesheer gezogen (F).

Unterstellung von Kampf- und Kampfunterstützungselementen

A: Ein Kampfpanzerzug und ein Zug gepanzerter Landungsfahrzeuge verstärkten die Kompanie. Einem Infanteriezug wurde daraus zeitweise jeweils ein Halbzug auf Zusammenarbeit angewiesen bzw. unterstellt. In der unmittelbaren Vorbereitung der Operation wies man Kampfpanzerhalbzüge bereits den jeweiligen Kompanien bzw. bei Bedarf den jeweiligen Zügen zu, um gemeinsam zu trainieren.

B: Infanterie und Gefechtsfahrzeuge konnten sich aufeinander abstimmen und kombinierte Gefechtstechniken anwenden. Es zeigte sich wiederholt, dass Kampfpanzer, aber auch Schützenpanzer im urbanen Umfeld ein unverzichtbares Mittel zur Kampfunterstützung sind, da diese den Soldaten den nötigen Panzerschutz boten.

F: Die Zusammenarbeit von Infanterie mit Kampfpanzern und Schützenpanzern (vgl. Landungsfahrzeug AAV) sollte im ÖBH (nicht nur, aber vor allem) bei der Ausbildung für den Kampf im urbanen Umfeld gefördert werden. Priorität hiebei hat das Thema "Zielzuweisung an gepanzerte Kampf- und Gefechtsfahrzeuge (GKGF)" aufgrund der unterschiedlichen Beobachtungsmittel und Blickwinkel der einzelnen Waffengattungen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die "behelfsmäßige Sicherstellung der Kommunikation".

Gliederung der Infanteriegruppe

A: Eine Infanteriegruppe des U.S. Marine Corps besteht aus drei Trupps zu je vier Schützen, insgesamt 13 Soldaten.

B: Die Mannstärke macht es möglich, dass eine Infanteriegruppe selbstständig ein Gebäude in Besitz nehmen kann, wodurch wiederum der Zug und die Kompanie mehr Raum abdecken können. Zusätzlich ermöglicht die fixe Gliederung in Trupps à vier Schützen das genaue Einspielen der Trupps untereinander in den diversen Gefechtstechniken.

F: Der Trend im ÖBH ist hiezu sogar rückläufig. Waren es vor wenigen Jahren noch acht Schützen pro Jägergruppe (inklusive Gruppenkommandanten), so sind es inzwischen nur mehr sieben, da man den Kraftfahrer/Panzerfahrer und den Bordschützen (bei Mannschaftstransportpanzern) bei der Absitzstärke grundsätzlich nicht dazurechnen darf. Dies schränkt die Jägerkompanie bei der Erfüllung ihrer Aufträge ein, da unterhalb des Jägerzuges keine eigenständigen Gefechtsaufgaben möglich sind. Daher sollte der Trend zur Reduzierung der Absitzstärke zumindest angehalten werden, eher sollte man die Mannschaftsstärke erhöhen.

Feuerunterstützung im urbanen Umfeld

A: Der angreifende Infanteriezug (I. Zug) konnte auf die Feuerunterstützung von Kampfpanzern, Granatwerfern, Artillerie und Fliegerkräften zurückgreifen. Die Feuerunterstützung machte daher die Nutzung des ersten Angriffszieles für den I. Zug unmöglich.

B: Der Infanteriezug ist im Kampf im urbanen Umfeld auf der einen Seite sehr verwundbar, auf der anderen Seite aber essenziell für die Auftragserfüllung. Da das urbane Umfeld eine hochkomplexe Struktur besitzt, kann nicht immer die Feuerunterstützung durch eigene Teile sichergestellt werden. Dies kann oft nur durch Kampfunterstützung von außerhalb (Steilfeuer, Fliegerkräfte) erfolgen.

Die Wirkung von großkalibrigen Waffen (die AC-130U verfügt über eine 25-mm-Gatling-Kanone, eine 40-mm-Maschinenkanone und eine 10,5-cm-Haubitze) auf Angriffsziele muss vor dem Einsatz beurteilt werden, da die Folgenutzung stark eingeschränkt oder unmöglich gemacht werden kann.

F: Das ÖBH verfügt nur über marginale Fähigkeiten zur Luftnahunterstützung, kann aber im multinationalen Verbund möglicherweise auf geeignete Mittel zurückgreifen. Daher muss die Fähigkeit zur Anforderung von Steilfeuer und Luftnahunterstützung zumindest bis auf Ebene des Jägerzuges vorhanden sein. Dies bedeutet einerseits die notwendige Ausbildung der Kommandanten und andererseits die Ausstattung mit Fernmeldemitteln/Funkunterlagen. Zusätzlich sollte die Ausbildung von Joint Fire Support Coordinator (JFSC) und Forward Air Controller (FAC) forciert werden.

Der Führungsgrundsatz "Überraschung und Täuschung" im urbanen Umfeld

A: Der angreifende I. Zug griff während der Nachtstunden ohne unmittelbare Feuerunterstützung über eine Hauptstraße hinweg an und überraschte damit die Insurgenten am nächsten Tag.

B: Vor allem bei einem unterlegenen Gegner erlaubt es die Dunkelheit im urbanen Umfeld unerkannt vorzugehen. Die Überraschung ermöglicht es, ohne den Einsatz von Feuer Gelände in Besitz zu nehmen. Dazu muss einerseits die Nachtkampffähigkeit gegeben und andererseits die Disziplin der Soldaten (Geräuschtarnung, Lichttarnung, Geländeausnutzung) hoch sein.

F: Die Ausstattung mit Nachtkampfmitteln im ÖBH sollte weiter erhöht werden. In der Ausbildung sollte der Führungsgrundsatz "Überraschung und Täuschung" öfter angewandt werden - auch auf den untersten Ebenen und im urbanen Umfeld. Um dies alles entsprechend nützen zu können, muss die Ausbildung bei eingeschränkter Sicht (so auch bei Nacht) wieder forciert werden.

Der Führungsgrundsatz "Initiative" im urbanen Umfeld A: Nachdem der Zugskommandant erkannt hatte, dass das erste Angriffsziel nicht mehr richtig nutzbar war, verlegte er es weiter in die Tiefe, um den taktischen Zweck weiterhin erfüllen zu können.

B: Der Zugskommandant hatte drei Optionen:

  • Er konnte das Angriffsziel trotz Einschränkungen weiterhin nutzen.
  • Er konnte den Angriff abbrechen und zurück auf die alte Stellung gehen.
  • Er konnte selbstständig ein neues Angriffsziel im Sinne der Absicht des Kompaniekommandanten wählen.

Die letzte Variante verlangt einen Zugskommandanten, der die Absicht des Kompaniekommandanten versteht und diese konsequent umsetzt sowie bei Bedarf abändert.

F: Die Initiative von Kommandanten bis zur untersten Ebenen ist weiter zu fördern und zu fordern. Im urbanen Umfeld ist sie unbedingt notwendig, da die übergeordnete Führungsebene nicht über das gleiche Lagebild verfügt und kaum die Möglichkeit zur direkten Einblicknahme hat. Deswegen müssen die nachgeordneten Kommandanten über die Fähigkeit, aber auch die Fertigkeit verfügen, im Sinne des Kommandanten den Auftrag bei Bedarf selbstständig abzuändern. Die Absicht des Kommandanten muss bis in das kleinste Detail von seinen Untergebenen verstanden werden.

Feuerbereiche und Sicherheitsbestimmungen

A: Nach der unerkannten Inbesitznahme des Angriffszieles durch den Zug und der Feuereröffnung auf die Insurgenten wurde der Zug teilweise durch den Gegner eingeschlossen. Die Worte des Zugskommandanten:

"(…) [the] geometries of fire to the north very challenging." B: Die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen stellt im urbanen Umfeld eine immense Herausforderung, in weiten Bereichen sogar eine Unmöglichkeit dar (siehe dazu auch den Artikel im TD-Heft 3/2012). Genaue Zielidentifikation, aber auch Treffergenauigkeit können das Risiko, eigene Teile zu gefährden, minimieren.

F: Zielerkennung und Treffergenauigkeit müssen nicht nur ausgebildet, sondern im scharfen Schuss geübt werden, um Handlungssicherheit der Soldaten zu erlangen. Das Schießprogramm 08 mit seiner Forderung nach einer hundertprozentigen Treffergenau- igkeit ist ein guter Weg dorthin. Zusätzlich muss hier der Kampfplan der übergeordneten Ebene in allen Facetten (bis hin zur Raumordnung) verstanden werden, um durch die Zuweisung geeigneter Feuerbereiche das Risiko zu minimieren. Dies ersetzt nicht die dringende Notwendigkeit, dass sich das ÖBH mit der Thematik von separaten Sicherheitsbestimmungen für mögliche Kampfeinsätze auseinandersetzt.

Zielzuweisung an GKGF

A: Der Zugskommandant des I. Zuges nahm Verbindung mit dem Kampfpanzerkommandanten auf und führte eine direkte Zielzuweisung durch.

B: Vom gleichen Geländeteil zu sprechen, ist schon ohne Feindfeuer schwierig genug. Unter Feindfeuer im urbanen Umfeld erhöht sich die Schwierigkeit auf ein Vielfaches. Durch den Unterschied in der Qualität der Beobachtungsmittel (Feldstecher versus stabilisiertes Wärmebildgerät) kommt noch ein zusätzlicher Erschwernisfaktor zum Tragen. Lange Gespräche zwecks Zielzuweisung blockieren die dringend benötigte Funkverbindung.

F: Das im ÖBH praktizierte System der Zielzuweisung im urbanen Umfeld mittels genauer Aufschlüsselung der Gebäude funktioniert zwar, ist jedoch sehr aufwändig und fehleranfällig. Ergänzende Methoden, wie im Artikel beschrieben (Uhr, Richtschuss etc.), sind gute Ergänzungen, müssen aber geübt werden. Auch ein Außenbordtelefon bei Gefechtsfahrzeugen wäre von Vorteil, da einerseits die Funkverbindung nicht blockiert wird und andererseits die Verbindung zum Kampfpanzer stabil und für jeden Soldaten möglich ist.

Sanitätsversorgung

A: Der vorgeschobene Zug hatte zwei Schwerstverwundete, die eine rasche ärztliche Versorgung benötigten. Der erste Versuch eines CASEVACs scheiterte am Feindfeuer, der zweite gelang nur, weil zwei Kampfpanzer die gehärteten, aber leicht verwundbaren "Hummer" vor direktem Feindfeuer schützten. Im Anschluss wurden die Verwundeten zum weit nach vorne gezogenen Truppenverbandplatz gebracht, der sich direkt im Bereich der angreifenden Kompanie befand.

B: Eine funktionierende Sanitätsversorgung im Gefecht ist ein maßgeblicher Faktor für die Motivation und Bereitschaft von Soldaten, in den Kampf zu treten. Sie beginnt schon am Ausfallsort. Für eine funktionierende Versorgung muss genügend ausgebildetes Sanitätspersonal, die notwendige Ausrüstung, genügend geeigneter (gehärteter) Transportraum und die erste ärztliche Versorgung rasch verfügbar sein. Darüber hinaus muss die persönliche Erste-Hilfe-Ausrüstung aus mehr als dem Verbandspäckchen in der linken Schenkeltasche bestehen.

F: Im U.S. Marines Corps und in der U.S. Army hat jeder Infanteriezug seinen eigenen Combat Medic, jeder Soldat verfügt über ein Improved First Aid Kit (IFAK). Dieses wäre auch im ÖBH verfügbar und wurde auch schon (einsatzbezogen) ausgegeben. Allerdings fehlt die Rechtssicherheit für die Ausbildung und Anwendung. Dies sind Probleme, die rasch zu beseitigen sind. Zusätzlich sollte das im ÖBH verfügbare Sanitätspersonal wieder mehr in die Gefechtsausbildung eingebunden bzw. in Themen der Gefechtstechnik ausgebildet werden und der weit vorgeschobene Einsatz dieser geübt werden.

Sprengen im urbanen Umfeld

A: Als die Kompanie zum weiteren Angriff antrat, lag der einzige Ausgang des, durch den I. Zug besetzten Gebäudes unter Feindfeuer. Aufgrund der Bauweise des Objektes (wenige, kleine Fenster) musste sich der Zug seinen eigenen Ausgang sprengen.

B: Derzeit sind in der gesamten Jägerkompanie keine Pioniere und (außer dem Zündgerätesatz Gruppe) keine Zündmittel verfügbar. Die Menge an Sprengmitteln ist begrenzt.

F: Den angreifenden Kompanien müssen genügend Pioniersprengtrupps unterstellt und Sprengmittel ausgegeben werden, damit diese ihre Züge verstärken können. Diese sollten im Sprengen im urbanen Umfeld speziell ausgebildet sein, um die Besonderheiten wie die Statik beurteilen zu können. Zusätzlich sollte nach Möglichkeit jeder Soldat in der Herstellung, Anbringung und Zündung einfacher Sprengladungen ausgebildet sein. Eine weitere Herausforderung im ÖBH stellen die Sicherheitsbestimmungen dar. Gemäß letzter Änderung der Dienstvorschrift für das Bundesheer(zur Erprobung) "Besondere Gefechtstechniken für den Einsatz im urbanen Umfeld" ist der Aufenthalt in Gebäuden, in denen gesprengt wird, ausnahmslos verboten.

Zusammenfassung

Das Gefechtsbeispiel zeigt die Herausforderung des Kampfes im urbanen Umfeld auf Zugs- und Kompanieebene. Kommandanten beider Ebenen müssen die Besonderheiten des urbanen Umfeldes, aber auch der verschiedenen Waffengattungen berücksichtigen. Die Waffengattungen wiederum müssen sich an die jeweiligen Besonderheiten anpassen. Die Analyse des Gefechtsbeispiels hat gezeigt, dass im ÖBH zwar einige notwendige Fähigkeiten wie Luftnahunterstützung nicht oder nur unzureichend verfügbar sind, in der Kommandantenausbildung ab Kompanieebene aber die Nutzung der jeweiligen Möglichkeiten ausgebildet wird. Die Ausbildung der Gruppen- und Zugskommandanten muss weiter gefördert und anpassen.

(wird fortgesetzt)


Autor: Hauptmann Mag. (FH) Johannes Url,Jahrgang 1980. 2001 bis 2005 Militärakademie Wiener Neustadt, Jahrgang "O´Donell", Waffengattung Jäger, 2005 bis 2010 Jägerbataillon 24(HGeb), davon 2007 bis 2010 stellvertretender Kompaniekommandant 1. Jägerkompanie(KPE)/JgB24(HGeb). Auslandseinsätze: AUTCON2/ORF und AUTCON20/KFOR. Seit 2010 Lehroffizier Jäger & Ortskampf am Institut Jäger/Heerestruppenschule.

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