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Interaktives Szenarientraining - eine neue Ausbildungsmethode

Unter interaktivem Szenarientraining versteht man eine Ausbildungsmethode, in der in einer Simulation interaktiv alle erforderlichen Fertigkeiten eines Soldaten zur Bewältigung einer kritischen Einsatz- situation angewandt und analysiert werden. Das ÖBH trainiert seine Soldaten, militärische Gewalt unter Beachtung der Prinzipien der Notwendigkeit und der Angemessenheit der Mittel anzuwenden.

Anpassung der rechtlichen Bestimmungen

Die Durchsetzung des militärischen Auftrages unter Anwendung von (quasi-polizeilichen) Befugnissen und Rules of Engagements (ROE) erfordert "Feingefühl" durch militärische Kräfte, um mögliche Kollateralschäden unter der betroffenen Zivilbevölkerung zu vermeiden. Dazu kommt die zunehmende Präsenz von Medien in nahezu allen Konfliktsituationen, die in Sekundenschnelle über aufgetretene Verfehlungen von Einsatzkräften berichten. Fehler auf der untersten Ebene können sich im Einsatz sofort auf strategischer Ebene auswirken.

Der Gesetzgeber hat auf diese Situation durch die Anpassung der militärischen Befugnisse im Auslandseinsatz (siehe hierzu die Novellierung vom 22. November 2011 zum Auslandseinsatzgesetz 2001) reagiert.

Ausgangslage

Erfahrungen bei stichprobenartigen Überprüfungen bei der Truppe sowie bei Schießausbilderlehrgängen an der Heerestruppenschule (HTS) haben gezeigt, dass Soldaten eine rechtskonforme Ausübung ihrer Befugnisse in simulierten Szenarien zu 85 Prozent nicht erfolgreich lösen konnten. Eine anschließend durchgeführte Befragung der Teilnehmer verstärkte das oben genannte Bild.

Eine Ergänzung der Ausbildung war daher unumgänglich und wurde durch die im BMLVS zuständige Fachabteilung mit dem Projekt "Entwicklung eines Seminars Szenarientrainer" an der HTS eingeleitet. Folgende Fragestellungen waren zu klären:

  • Welche Ausbildung ist für die Soldaten zusätzlich erforderlich?
  • Kann mit der derzeitigen Ausbildung das Auslangen gefunden werden?

Kompetenzerweiterung

Als Grundlage war zuerst das Kompetenzprofil der Soldaten in künftigen Einsatzszenarien zu ermitteln. Werden österreichische Soldaten vermehrt zu Einsätzen gerufen, wo polizeiähnliche Aufgaben an der Tagesordnung stehen, müssen auch jene Fertigkeiten ausgebildet bzw. vertieft werden, die im ständigen Umgang mit der Zivilbevölkerung von Bedeutung sind.

Soldaten müssen sich vor allem der Ausbildung einer situationsangepassten Kommunikation stellen, um militärische Aufträge möglichst durch Vermeiden von Gewaltanwendung erfüllen zu können. Insbesondere nonverbale Kommunikation spielt dabei eine große Rolle. Das ist nichts Neues, da dies in den Durchführungsbestimmungen bereits vorgesehen ist. Die Auswertung der bisher gemachten Erfahrungen lässt aber einen Mangel in der methodischen Vermittlung erkennen.

Interaktives Szenarientraining

Unter Anleitung von besonders qualifiziertem Personal soll die Kommunikation zur Vermeidung von Gewaltanwendung mit

  • rechtskonformem Handeln,
  • schießtechnischem Wissen,
  • gefechtstechnischem Vorgehen im Team/Trupp sowie in der
  • Eigensicherung

so verknüpft werden, dass eine Erfüllung der Einsatzaufgabe möglichst durch Konfliktvermeidung erzielt werden kann. Das Schwergewicht der Ausbildung liegt dabei in der Kommunikation, um die Anwendung von Gewalt zu vermeiden, und im rechtskonformen Handeln.

Interaktives Szenarientraining setzt voraus, dass die einzelnen Ausbildungsabschnitte, wie Schieß- und Gefechtstechnik, Rechtsgrundlagen, Grundsätze der Eigensicherung und Kommunikation wie bisher im Einzelnen vorgestaffelt ausgebildet werden.

Situationsangepasste Kommunikation und Eigensicherung

Die Kommunikation erfolgt nicht nur durch sprachliche sondern auch durch nichtsprachliche Elemente. Nonverbales Verhalten hat einen hohen Anteil in der Kommunikation. Kulturelle und soziale Eigenheiten sind dabei zu berücksichtigen. Um Missverständnisse bei der Auftragserfüllung von vornherein zu vermeiden, sind militärische Kräfte aufgefordert, jene Zeichen eines Gegenübers zu "lesen", die auf eine bevorstehende Gewalttat schließen lassen. Diese erkannten Zeichen sind wichtige Indikatoren, um weitere Maßnahmen zur Eigensicherung (z. B. Distanz zum Gegner einnehmen), einleiten zu können.

Weitere Faktoren zur Eigensicherung sind die Distanz-, Situations- und die Selbstkontrolle. Unter Selbstkontrolle ist ein aufmerksames und selbstsicheres Handeln zu verstehen. Zusätzlich kommt die geistige Flexibilität des Soldaten hinzu, um mehrdeutige Reize in einer Situation verarbeiten zu können.

Arten von interaktiven Szenarientraining (IZT)

Das lehrende IZT

Das lehrende IZT wird nach methodischen und didaktischen Grundzügen zur Festigung von einzelnen Unterrichtseinheiten angewandt. Das Ziel dabei ist, in einer Sequenz eines Szenarios eine ganz bestimmte Handlung des Teilnehmers (z. B. Einnahme der entschlossenen Schießhaltung, Einsatz des Pfeffersprays etc.) interaktiv "herauszulocken".

Ein möglicher Ablauf kann die Verbesserung der Schießtechnik mit Hilfe von lehrendem interaktivem Szenarientrainings wie folgt sein: Anwenden der Sequenz (z. B. entschlossene Schießhaltung) im interaktiven Szenarientraining mit dem "Schwerpunkt Ausführen der Technik und der Ausführgeschwindigkeit unter Stressbelastung". Danach wird die Einnahme von Bereitschaftsgrade anhand der Videodokumentation analysiert.

Das überprüfende IZT

Dabei werden erlernte, praktischen Verfahren vernetzt angewendet, wobei rechtliche Grundsätze zur Beurteilung von erworbenen Fertigkeiten und Kenntnissen einbezogen werden. Der Ausbilder erhält durch diese Methode einen Überblick über das Leistungsniveau des Auszubildenden. Dies gibt Aufschluss über deren bisherigen Fähigkeiten und deren möglichen Feldverwendungsfähigkeit.

Simulierte Einsatzsituationen

In ausgewählten Übungsszenarien (z. B. Verhalten am Kontrollpunkt, Patrouillendienst, Dienst vom Tag) werden durch Szenariendarsteller (Roleplayer), ähnlich einem Schauspieler, bestimmte Verhaltensweisen realitätsnahe simuliert, sodass der Auszubildende alle vorher erwähnten Fertigkeiten anwenden muss. Die dabei angewandte Kreativität durch den handelnden Szenariendarsteller ist deshalb notwendig, um alle Kompetenzen und Handlungsoptionen, insbesondere jene der situationsangepassten Kommunikation, beim Teilnehmer auszureizen. Durch ständiges Üben der verschiedensten Interaktionen werden Kompetenzen gewonnen, die im Einsatz von tragender Bedeutung sind.

Ziel dabei ist es nicht, die Situation mit einem alles erlösenden "finalen" Schuss aus der Handfeuerwaffe in Perfektion zu trainieren, sondern Aufgaben unter Beachtung der Eigensicherung möglichst durch Vermeidung der Gewaltanwendung gegenüber Dritten zu lösen.

Aufgabe des Szenariendarstellers

Nach Vorgabe des Ausbildungsleiters erhält der Szenariendarsteller eine bestimmte, eingegrenzte "Rolle". Der Ausbildungsleiter achtet darauf, die Handlungen auf den Zweck abzustimmen und Verletzungen während der Ausbildung zu vermeiden. Die "Kunst" des Szenariendarstellers ist es einerseits, unter Einhaltung der Sicherheit aller Beteiligten, eskalierende Situationen zu erzeugen und damit deeskalierende Maßnahmen vom Auszubildenden zu erzwingen.

Analyse mit Videofeedback

Das Schlüsselmoment der Ausbildung ist die anschließende Analyse mit Videofeedback, die einzeln oder mit allen Teilnehmern erfolgen kann. Jede kritische Einsatzsituation unterliegt aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmungen einer ganz bestimmten Dynamik und einer eigenen, rechtlichen Würdigung. Daher werden mehrere mögliche Varianten einer Lösung durch den Ausbildungsleiter angeboten. Eine Mustercheckliste zur Lösung von kritischen Einsatzsituationen, wie sie oft gefordert wird, ist nicht möglich, da sie zu sehr einschränken würde.

Durch das Videofeedback kann jeder Teilnehmer am interaktiven Szenarientraining neben der Beurteilung durch den geschulten Szenarientrainer auch selbst beurteilen, wie weit seine Kenntnisse in der Anwendung der Befugnisse reichen bzw. welche Fehler er im Szenario gemacht hat. Dies führt beim Auszubildenden zu einem doppelten Lerneffekt. Einerseits lernt er am Modell durch gezeigte Lösungsansätze vom Szenarientrainer und andererseits ist Lernen durch eigenen Erfolg möglich. Dies steigert die Kompetenzerwartung des Teilnehmers, also jene subjektive Erwartung, die besonders in kritischen Einsatzsituationen benötigt wird, um eine gewünschte Handlung erfolgreich selbst ausführen zu können. Dieser Baustein der Persönlichkeit der handelnden militärischen Person ist neben der mentalen Flexibilität und der körperlichen und geistigen Fitness erforderlich, um in kritischen Einsatzsituationen "überleben" zu können.

Der Szenarientrainer braucht daher spezielle ausbildungsmethodische Kompetenzen und ein Geschick für die Analyse, um Auszubildende gezielt fordern zu können.

Erfordernisse für ein interaktives Szenarientraining

Damit eine qualitative Ausbildung sichergestellt ist, sind verschiedene Voraussetzungen erforderlich:

  • Mindergefährliche Einsatzmittel;
  • FX-Waffen (Waffen mit Markiermunition);
  • Ausbildungs- und Übungsgerät;
  • Schutzausrüstung für Szenariendarsteller und Teilnehmer;
  • Videoausstattung mit Speichermöglichkeit;
  • Geeignete Infrastruktur (z. B. bewegliches Inventar).

Wenn eine situationsangepasste Kommunikation keinen Erfolg in der Durchsetzung eines militärischen Auftrages bringt, erlauben rechtliche Bestimmungen unter anderem auch die Ausübung von unmittelbarer Zwangsgewalt. Dabei kommt mindergefährlichen Mitteln wie dem Pfefferspray besondere Bedeutung zu. Wann und wie diese Mittel in einer kritischen Einsatzsituation einzusetzen sind, lässt sich bei einem interaktiven Szenarientraining effizient üben. Zum Beispiel stellen Provokationen durch ein "nerviges" Gegenüber oft eine kritische Situation für Soldaten dar, die zu unnötigen Handlungen bzw. gefährlichen Situationen führen können. Derartige Situationen können bei einem Übungsszenario unter Anleitung gezielt ausgebildet und anschließend analysiert werden.

Die Überprüfung der Schießtechnik unter zehn Metern ist derzeit nur eingeschränkt am Schießplatz auf Scheiben feststellbar. Ein Üben mit Duellsimulation ist aus Sicherheitsgründen nicht durchführbar. Die Reaktion auf komplexe Bewegungen von Personen erfordert aber rasche und präzise Einsatzhandlungen von Soldaten bis hin zum möglichen Gebrauch der Handfeuerwaffe. Genau dies muss in der Ausbildung intensiviert werden.

FX-Waffen ermöglichen es dem Ausbilder, auf Mängel in der Anwendung der Grundfertigkeiten beim Schießen im laufenden Übungsszenario (Haltepunkt, Abzugskontrolle, Trefferbild etc.) einzugehen.

Ausbildungsgerät und Schutzausrüstung

Zur Darstellung in den verschiedenen Übungsszenarien ist Ausbildungsgerät wie Übungswaffen aus Kunststoff, Fixiermittel und Übungspfeffersprays erforderlich. Um Verletzungen bei der Ausbildung (z. B. bei der Verwendung von FX-Munition) vorzubeugen, braucht man einer Schutzausrüstung.

Die Videoausrüstung soll es ermöglichen, Einzelheiten während des Szenarios zu dokumentieren, um es im Anschluss analysieren zu können. Mit handelsüblichen Geräten (verschiedene Modelle sind im Bestand des ÖBH) wird das Auslangen gefunden. Bei der Bevorratung der gewonnenen Daten müssen die jeweils gültigen Datenschutzbestimmungen berücksichtigt werden.

Infrastruktur

Bei der Auswahl der Infrastruktur muss man berücksichtigen, dass ein Sicherheits- und ein Übungsbereich notwendig sind. Teilnehmer halten sich während der gesamten Dauer der Ausbildung im definierten Sicherheitsbereich auf. Ein Verlassen kann nur nach der Genehmigung durch den Ausbildungsleiter möglich sein.

Das tatsächliche Szenario wird im Übungsbereich durchgeführt, worin sich nur der Ausbildungsleiter, die eingeteilten Teilnehmer, Beobachter und das Personal für die Dokumentation aufhalten dürfen. Einfaches, bewegliches Inventar soll den Teilnehmer zusätzlich in eine einsatzgerechte Lage versetzen. Im Raum zur Durchführung der Analyse bekommt der Teilnehmer sein Feedback. Räumlichkeiten, aus denen man aus einem darüber liegenden Stockwerk/Flur filmen kann, eignen sich besonders gut für die Dokumentation (passende Perspektive) der Szenarien.

Empirische Überprüfung

Diese Form der Ausbildung wurde in einer Versuchsreihe mit der deutschen Polizei empirisch untersucht. Neben der Entwicklung eines psychologischen Modells operativer Handlungskompetenz zur Bewältigung kritischer Einsatzsituationen wurde folgender Mehrwert festgestellt:

  • nachhaltige Steigerung der Teilnehmer im "einsatzkompetenten" Handeln in kritischen Einsatzsituationen;
  • erworbene Kompetenzen sind auch nach viereinhalb Monaten nachweisbar (Nachhaltigkeit);messbarer Fortschritt im Kompetenzaufbau, egal ob Auszubildende eine 20-jährige Berufserfahrung hatten oder von der Polizeischule kamen.

Das interaktive Szenarientraining fand auch bei der Erforschung des unbeabsichtigten Schusswaffengebrauches Anwendung. Unter Zuhilfenahme verschiedener Szenarien mit und ohne Gefährdungspotenzial wurde bei Polizisten überprüft, welche möglichen Ursachen einen unbeabsichtigten Schusswaffengebrauch auslösen können. Dabei nützte man speziell die qualifizierte Analyse der Szenarien, um empirisch festzustellen, was es mit dem unbeabsichtigten Schusswaffengebrauch auf sich hat.

Der Mehrwert lässt sich auf die Truppenausbildung im ÖBH umlegen. Es muss daher ein Anliegen sein, militärische Kräfte durch simulierte Einsatzsituationen bestmöglich auf einen Einsatz vorzubereiten. Durch intensives Auseinandersetzen der Teilnehmer mit den erwähnten Fertigkeiten in der Ausbildung wird eine Kompetenzsteigerung herbeigeführt, die auch Soldaten in Einsatzsituationen benötigen.

Projekt "Interaktives Szenarientraining"

Die Heerestruppenschule führt seit November 2011 das Projekt zur Entwicklung eines Seminars für das Jahr 2013 durch. Unter Beteiligung der Streitkräfte und Ämter wurden Inhalte auf Basis des bisher Erwähnten entwickelt und in einem Curriculum zusammengefasst. In weiteren Projektschritte werden Ausbildungsgrundlagen (Entwicklung von Dienstvorschriften) und die personellen und materiellen Ressourcen bereitgestellt, so dass das erste Seminar im Mai 2013 starten kann. Der Aufbau des Ausbildungskaders ist mit Schwergewicht an der HTS vorgesehen. Danach sollen Soldaten der Truppe mit abgeschlossener Ausbildung zum Offizier bzw. Stabsunteroffizier mit erlangter Schießgrundfertigkeit und Eignung zum Einsatz in drei Wochen an der HTS als Schließmittelanwender ausgebildet werden. Das Ziel ist es vorerst, zwei Szenarientrainer je eines kleinen Verbandes heranzubilden und diese Ausbildungsmethode in der Kaderfortbildung bei der Truppe anzuwenden.

Auf einen Blick

Interaktives Szenarientraining soll keine bisher bekannten Ausbildungsabschnitte ersetzen, sondern ergänzend eingesetzt werden. Diese Ausbildungsmethode soll Soldaten helfen, sich auf einen bevorstehenden Einsatz bestmöglich vorzubereiten. Die Ausbildung muss daher sehr realitätsnahe und effizient sein, damit der Soldat im Einsatz alle möglichen Handlungsoptionen zur Verfügung hat, die er zur Erfüllung seiner militärischen Aufgaben und selbst zum "Überleben" braucht. Interaktives Szenarientraining, angewandt durch geschultes Personal, wird daher seinen Beitrag leisten, die Anwendung militärischer Befugnisse im Einsatz zu verbessern und die Soldaten zu mehr Professionalität in ihrer Kernaufgabe führen.


Autor: Oberstleutnant Gerhard Wukovits, MSD, Jahrgang 1963. Theresianische Militärakademie Jahrgang "Predil". Verwendung als Zugs- und Kompaniekommandant beim Landwehrstammregiment 12, verschiedene Stabsfunktionen in kleinen und großen Verbänden (Stabsregiment 1 und Kommando 1. Jägerbrigade), 2004 bis 2005 Lehrgang universitären Charakters "Sicherheitsmanagement" (MSD) an der Landesverteidigungsakademie, Auslandsverwendung als Deputy Commanding Officer der TF "Dulje" bei AUCON13/KFOR. Derzeit Referent Entwicklung in der Grundlagenabteilung der Heerestruppenschule und Projektleiter "Interaktives Szenarientraining".

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