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Vorstoß nach Bagdad

Die eingeschränkten Möglichkeiten der Hochtechnologie

Beim Angriff der Iraker auf den Brückenkopf der 3rd Infantry Division südwestlich von Bagdad am 3. April 2003 war die neue Network Centric Warfare der US-Streitkräfte ihrer bis heute härtesten Bewährungsprobe ausgesetzt. Bei diesem Gefecht prallten konventionelle mechanisierte Kräfte - wie auch schon im Zweiten Weltkrieg - in geradezu klassischer Form aufeinander. Dieses Gefecht und andere vergleichbare Beispiele zeigen, dass sich der Einsatz von Hochtechnologie bis heute tatsächlich nur in einigen Bereichen bewährt hat.

____________________________________ Abkürzungen:

Brigade Combat Team - BCT Task Force - TF Armored - AR Infantry - IN Engineers - EN Fieldartillery - FA Mortar - MTR Marine Expeditionary Force - MEF Close Air Support - CAS ____________________________________ Der von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld eingeleitete und derzeit noch laufende Transformationsprozess des amerikanischen Militärs hat die Schaffung von leichten, hoch beweglichen und flexiblen Kräften zum Ziel. Dabei sollen weniger die großen Truppenstärken und das schwere Gerät den Erfolg bringen, als vielmehr der Einsatz der überlegenen Informationstechnologie und die Übertragung von Daten in Echtzeit. "Network Centric Warfare" und "Effect Based Operations" sind die bezeichnenden Schlagworte für diese zukünftige Kriegsführung. Jeder gegnerische Angriff soll bereits in seiner Bereitstellungsphase erkannt werden können. Die heiße Phase des Irak-Krieges (19. März bis 1. Mai 2005) wird gerne als Beispiel dafür angeführt, was amerikanische Streitkräfte in Zukunft zu leisten imstande sein sollen.

Doch die Realität im Irak-Krieg sah anders aus: Beim Angriff der Iraker auf den Brückenkopf der 3rd Infantry Division südwestlich von Bagdad in den Morgenstunden des 3. April 2003 waren konventionelle mechanisierte Kräfte so wie im Zweiten Weltkrieg aufeinander geprallt, obwohl die US-Strategen diese Art der Kampfführung bereits als veraltet angesehen hatten. Dieses Gefecht und andere vergleichbare Beispiele machen deutlich, dass sich der Einsatz von Hochtechnologie auf dem Gefechtsfeld bis heute tatsächlich nur in einigen Bereichen bewährt hat.

Der Irak-Krieg, wie er von den US-Militärs geplant war …

Bereits geraume Zeit vor der Eröffnung der eigentlichen Kampfhandlungen waren unzählige satelliten- und flugzeuggestützte Aufklärungssysteme sowie UAVs (Unmanned Aerial Vehicles) im Einsatz und sollten die entscheidenden Informationen über den Irak liefern. Ein neues Blue Force Tracking System sollte es ermöglichen, zu jedem Zeitpunkt den Standort der eigenen und der benachbarten Truppen auf dem Bildschirm zu verfolgen, und Befehle sollten via E-Mail ohne Zeitverzögerung übermittelt werden - bis hinunter zum einzelnen Gefechtsfahrzeug. Die vier Teilstreitkräfte (Army, Air Force, Navy und Marines) koordinierten ihre Aktionen in einer noch nie da gewesenen Art und Weise, und in der Operationsbasis der US-Streitkräfte in Qatar verfolgten die kommandierenden Offiziere den Verlauf der Kampfhandlungen anhand eines 24-Stunden-Feindlagebildes in Echtzeit.

Mit dieser neuen Art der Kriegführung, eines 4th Generation War, waren die Planer im Pentagon überzeugt, den Krieg innerhalb kürzester Zeit und unter Vermeidung größerer Verluste gewinnen zu können.

… und wie er in der Realität ablief

Als am 20. März 2003 an der irakisch-kuwaitischen Grenze der Vormarsch der Koalitionstruppen in Richtung Bagdad begann, wurden die US-Strategen bereits nach den ersten größeren Gefechten sehr rasch von der Realität der Kriegführung eingeholt: Die in die überlegene Technik gesetzten Erwartungen mussten zum Teil drastisch zurückgeschraubt werden.

Nachdem das V. Corps mit der 3rd Infantry Division an der Spitze Ende März die Enge von Kerbala überwunden hatte, schien der Weg nach Bagdad offen zu stehen. Die Gegenwehr der Iraker hatte - mit einigen Ausnahmen - bis zu jenem Zeitpunkt keine wirkliche Bedrohung für die vorrückenden US-Truppen dargestellt. Die Medina-Division der irakischen Republikanischen Garden war in der Enge von Kerbala zerschlagen worden, und der in diesem Raum befürchtete Einsatz von Massenvernichtungswaffen war ausgeblieben. Die Kämpfe beschränkten sich meist auf kleinere, aber durchaus heftige Gefechte entlang der Vormarschrouten. Das einzige Hindernis, das der 3rd Infantry Division noch den Weg nach Bagdad zu versperren schien, war der Euphrat.

Hindernis Euphrat

Die 3rd Infantry Division war mit drei gemischten Brigadekampfgruppen (Brigade Combat Teams - BCT) in den Irak einmarschiert. Nach Einnahme der Enge von Kerbala Ende März durch das 3rd BCT lautete nun der Auftrag des V. Corps an die Division: "Schaffung eines Übergangs über den Euphrat und Schaffen der Voraussetzungen für einen Vorstoß nach Bagdad." Um diese Voraussetzungen für einen Vorstoß in Richtung Bagdad schaffen zu können, musste eine 30 Kilometer südwestlich von Bagdad liegende Brücke ("Objective Peach" genannt) über den Euphrat eingenommen werden. Diese Brücke war von operativer, wenn nicht strategischer Bedeutung, da mit ihrer Einnahme der Weg nach Bagdad offen stand. Das 1st BCT unter Colonel Grimsley erhielt von der 3rd Infantry Division den Auftrag, die Brücke einzunehmen und einen Brückenkopf zu bilden. Danach sollte das 2nd BCT unter Colonel Perkins weiter Richtung Bagdad vorstoßen.

Während das 3rd BCT den Raum in und um Kerbala säuberte, stieß das 1st BCT am 1. und 2. April weiter Richtung Norden vor. Das 2nd BCT sollte inzwischen in seinem Rücken Bereitstellung beziehen, um sich für den weiteren Stoß Richtung Bagdad vorzubereiten. Innerhalb des 1st BCT war es die Bataillonskampfgruppe TF 3-69 AR unter ihrem Kommandanten Lieutenant Colonel Ernest Marcone, der mit der Einnahme des "Objective Peach", also der Brücke über den Euphrat, beauftragt wurde. Lieutenant Colonel Marcone plante, den Angriff auf die Brücke in zwei Phasen durchzuführen: Zuerst sollte das Westufer der Euphrat-Brücke eingenommen werden. Nach der Überprüfung der Brücke auf Sprengladungen und dem Einsatz eines Feuerunterstützungselementes sollte unter dem Schutz einer Nebelwand der Stoß über die Brücke erfolgen. Dazu standen ihm - zwei Panzerkompanien (Team A/3-69 AR und C/3-69 AR), - zwei Panzergrenadierkompanien (Team B/3-7 IN und C/2-7 IN), - eine Pionierkompanie (Team A/11 EN) und - eine Nebelkompanie (5/92 Chemical Company) zur Verfügung. Die indirekte Feuerunterstützung sollte - vom Feldartilleriebataillon (1/41 FA) des 1st BCT sowie - einem schweren Granatwerferzug (MTR-Platoon 3-69) der TF 3-69 AR sichergestellt werden. Für die Luftnahunterstützung (Close Air Support - CAS) waren - eine Staffel Kampfhubschrauber AH-64D "Apache Longbow" und - mehrere Erdkampfflugzeuge A-10A "Thunderbolt" II bei Bedarf jederzeit abrufbar.

"Null Informationen" vor dem Angriff

Lieutenant Colonel Marcone war sich der strategischen Bedeutung seines Angriffszieles wohl bewusst, sah sich aber plötzlich einem erheblichen Problem gegenüber: Die detaillierte Feindlageübermittlung vom übergeordneten Kommando war unterblieben - das Divisionskommando hatte es nicht geschafft, entsprechende Feindlageinformationen rechtzeitig zur Verfügung zu stellen. Lieutenant Colonel Marcone dazu: "Neben dem Fall von Bagdad stellte die Einnahme dieser Brücke das wichtigste zu erreichende Ziel des Feldzuges dar. Ich stand vor dem Angriff und niemand konnte mir sagen, womit oder durch wen die Brücke verteidigt werden würde: nicht wie viele Truppen, welche Einheiten, Panzer oder nur Infanterie, einfach gar nichts. Es waren einfach Null Informationen vorhanden!" Am 2. April 2003 um 1229 Uhr trat die TF 3-69 AR aus dem Bereitstellungsraum ("Objective Chargers") mit Stoßrichtung Brücke ("Objective Peach") heraus. Aufgrund des Fehlens der entsprechenden Feindlageinformationen setzte Lieutenant Colonel Marcone eigene leichte Aufklärungsteile zur Feindaufklärung an; diese trafen am Westufer der Brücke auf überaus heftiges Gegenfeuer. Erste Lagebeurteilungen ließen den Schluss zu, dass mindestens ein feindliches leichtes Infanteriebataillon sowie mechanisierte Aufklärungskräfte an der Brücke in Stellung gegangen waren. Lieutenant Colonel Marcone setzte daraufhin die Kampfpanzer M-1 "Abrams" der A/3-69 AR von Captain O’Brian entlang des Westufers des Euphrats in Richtung Norden an, während der Rest der TF 3-69 AR mit den Schützenpanzern M-2 "Bradley" der C/2-7 IN von Captain Kelly an der Spitze entlang der zur Brücke führenden Straße vorstoßen sollte.

Das Ziel war, die Brücke so rasch und überraschend wie möglich einzunehmen, um einer möglichen Sprengung durch den Gegner zuvor zukommen. Die TF 3-69 AR hatte bereits eine ähnliche Situation bei der Einnahme einer Brücke bei Kifl ("Objective Jenkins") im Südirak erlebt. Dort hatte sich herausgestellt, dass die Sprengung der Brücke mit deutschem Gerät und nach der deutschen Armeevorschrift vorbereitet worden war. Daraus ließ sich ableiten, in welcher Entfernung die Zündtrupps wohl auch diesmal von der Brücke entfernt sein würden. Ein Blick auf die Karte und die Beurteilung des offenen, nur teilweise bewachsenen und leicht kupierten Geländes zeigten, dass es nur einige wenige Möglichkeiten für die Aufstellung dieser Zündtrupps gab.

Angriff

Kampfhubschrauber "Apache" hielten die vermuteten Feindstellungen auf dem Westufer nieder und die Panzerhaubitzen M-109A6 "Paladin" des 1/41 FA belegten das Ostufer, wo die irakischen Zündtrupps vermutet worden waren, mit Niederhalte- und Sperrfeuer. Gleichzeitig wurden auch Nebelgranaten verschossen, und unter dem Schutz der Nebelwand stießen die beiden Spitzenkompanien in den Raum westlich der Brücke vor. Um 1500 Uhr war das Westufer schließlich genommen. Team A/3-69 AR und C/2-7 IN bezogen zwei Riegel zur Feuerunterstützung, während sich die beiden restlichen mechanisierten Kompanien zum Stoß über die Brücke bereithielten. Vorher musste jedoch noch geklärt werden, ob die Brücke zur Sprengung vorbereitet war. Diese heikle Aufgabe hatte die Pionierkompanie (A/11 EN) unter Captain Hibner zu erfüllen.

Die irakischen Zündtrupps schienen durch das eigene Artilleriefeuer ausgeschaltet worden zu sein, und unter dem Feuerschutz der mechanisierten Teile führten die Pioniere mittels RB-15-Schlauchbooten eine Erkundung der Brückenpfeiler durch. Dabei entdeckten sie gegen 1600 Uhr die ersten Sprengladungen und begannen mit deren Entschärfung. Als die Iraker dies sahen, zündeten sie die Sprengladungen - es war 1615 Uhr. Es kam jedoch nur zur Explosion einer einzigen Ladung, die einen der nördlichen Brückenpfeiler beschädigte. Das Artilleriefeuer hatte - wie geplant - die meisten Zündleitungen unterbrochen.

Heftige irakische Gegenwehr

Während die Pioniere noch an der Entschärfung der Sprengladungen arbeiteten, bereitete sich die TF 3-69 AR auf den Stoß über die Brücke vor. Die Nebelkompanie hatte um 1515 Uhr ihre Stellung bezogen und mit dem Aufbau einer Nebelwand begonnen, welche nun langsam in Richtung Brücke und Ostufer des Euphrat zog. Als die M-1 "Abrams" des Teams C/3-69 AR von Captain Robins und die M-2 "Bradley" des Teams B/3-7 IN von Captain Benton unter dem Schutz dieser Nebelwand gerade mit dem Stoß über die Brücke begannen, lag plötzlich heftiges feindliches Artilleriefeuer gezielt auf den Riegelstellungen der beiden Feuerunterstützungskompanien. Etwa 200 152-mm-Artilleriegranaten schlugen in den Stellungsräumen ein. Die Teams C/3-69 AR und B/3-7 IN stießen gerade über die Brücke vor, die ersten "Abrams"-Kampfpanzer der C/3-69 AR hatten sogar schon das Ostufer erreicht. Kurzentschlossen schickte Lieutenant Colonel Marcone auch die "Abrams"-Kampfpanzer der A/3-69 AR von Captain O’Brian über die Brücke, während sich die Schützenpanzer "Bradley" der C/2-7 IN von Captain Kelly aus dem Wirkungsraum der feindlichen Artillerie zurückzogen. Beiden Kompanien gelang es damit, den feindlichen Artillerieschlag ohne Ausfälle zu überstehen; die "Abrams" und "Bradley" hatten meist nur geringe Schäden durch Splitter erlitten.

Die Soldaten der Nebelkompanie waren trotz des heftigen Artilleriefeuers in ihrer Stellung geblieben und hatten ihren Auftrag weiter durchgeführt. Das Artillerieortungsradar des 1st BCT war zum Zeitpunkt des irakischen Feuerüberfalls nicht verfügbar gewesen, weshalb der Artillerieschlag unbeantwortet blieb. Lieutenant Colonel Marcone musste daher jederzeit mit einem weiteren Artillerieangriff rechnen - ein beunruhigender Gedanke!

Stoß über die Brücke

Die drei Kompanien hatten - verdeckt durch die Nebelwand und unter Zuhilfenahme ihrer Wärmebildgeräte - den Stoß über die Brücke geschafft; in aller Eile bezogen sie Riegelstellungen zur Sicherung des nunmehr gebildeten Brückenkopfes ("Objective Lincoln"). Nach der Beurteilung des Geländes und der vermutlichen Feindabsicht kam Lieutenant Colonel Marcone zu dem Schluss, dass das entscheidende Gelände eine Straßenkreuzung ostwärts der Brücke sei. Denn allein über diese Straßenkreuzung würde es dem Feind möglich sein, Kräfte zum Gegenstoß auf den Brückenkopf anzusetzen. Die M-1 "Abrams" der C/3-69 AR von Captain Robins bekamen daher den Auftrag, diese Kreuzung so rasch wie möglich zu gewinnen und dort die Riegelstellung "Sierra 6" zu beziehen. In der Zwischenzeit schwenkten die M-2 "Bradley" der B/3-7 IN von Captain Benton Richtung Norden und bezogen in unmittelbarer Nähe eines Kanals eine Riegelstellung in Richtung Norden. Dabei stießen die M-2 "Bradley" der Kompanie auf mehrere irakische Schützenpanzer russischer Herkunft vom Typ BMD einer mechanisierten Aufklärungskompanie des Aufklärungsbataillons der Medina-Divison der Republikanischen Garden; die BMD waren Richtung Westen in Stellung gegangen. Die M-2 "Bradley" konnten die BMD durch einen Flankenstoß ohne Schwierigkeiten vernichten. Bei näherer Untersuchung der zerstörten und verlassenen Fahrzeuge machten die Amerikaner eine interessante Entdeckung: Sie fanden eine Lagekarte. Dieser konnten sie entnehmen, dass die Iraker den Hauptstoß entlang des Ostufers des Euphrats erwarteten und daher auch den dortigen Raum mit Kräften verstärkt hatten.

Die irakischen BMD hatten mit Teilen eine Brücke ("Objective Powell") über einen Nebenkanal des Euphrat gesichert. Nachdem die Pioniere der A/11 EN diese auf Sprengladungen überprüft hatten, stießen die aus dem Artilleriefeuer herausgezogenen M-1 "Abrams" der A/3-69 AR über die Brücke vor, nahmen die dortige Straßenkreuzung ("Objective Clinton") und bezogen die Riegelstellung "Alpha 6" mit Schutz in Richtung Nordosten. Die C/2-7 IN zog daraufhin ebenfalls nach und bezog Stellung südlich des Brückenkopfes. Somit war der Ring um den Brückenkopf geschlossen und der Raum ostwärts davon ("Objective Lincoln") gesichert.

Sicherung des Brückenkopfes

Aufgrund einer Verzögerung während des Beziehens des Bereitstellungsraumes war mit dem Antreten des 2nd BCT in Richtung Bagdad erst ab 0700 Uhr des nächsten Tages zu rechnen. So musste sich Lieutenant Colonel Marcone am Abend des 2. April mit seinen Truppen darauf einrichten, diesen strategischen Brückenkopf über Nacht zu sichern. Zum ersten Mal seit Beginn des Angriffes auf die Brücke erhielt die TF 3-69 AR eine Feindlagemeldung. Mehrere Funksprüche waren abgehört worden, aus denen zu entnehmen war, dass sich ein feindliches Kommandobataillon auf dem Vormarsch vom Flughafen Bagdad in Richtung Brückenkopf befand; vermutlich würde es noch während der Nacht die dortigen amerikanischen Truppen angreifen. Lieutenant Colonel Marcone ließ seine Truppen daraufhin zur eilig bezogenen Verteidigung einrichten und legte in Absprache mit den unterstützenden fliegenden Teilen eine Vernichtungszone (CAS Kill Box) fest. Diese befand sich vor den vordersten Eigenen, also im Wesentlichen im unmittelbaren Vorgelände jener Straßenkreuzung, die als entscheidendes Gelände beurteilt worden war und die durch die M-1 "Abrams" der C/3-69 AR (Riegel "Sierra 6") gesichert wurde.

Die Feindlageinformation war nicht nur relativ spät, sondern zudem äußerst ungenau bei der TF 3-69 AR eingelangt. Während Lieutenant Colonel Marcone auf das Eintreffen des 2nd BCT wartete, bereiteten sich seine Truppen am Abend des 2. April auf das Schlimmste vor. Während der Nacht beschossen die Iraker alle 15 Minuten jeweils mit mehreren Artilleriegranaten den Brückenkopf. In den Morgenstunden des 3. April zeichnete sich schließlich ab, was tatsächlich auf die US-Einheiten zukam.

Der irakische Gegenangriff

Der Gegenangriff der Iraker begann um 0300 Uhr früh und stellte sich als Zangenangriff dar. Das gemeldete irakische Kommandobataillon, welches sich in der Realität als leichte Infanteriebrigade herausgestellt hatte, griff von Norden abgesessen in Richtung der Kanal-Brücke ("Objective Powell") an. Währenddessen versuchten irakische Kräfte in der Stärke von etwa zwei mechanisierten Brigaden der Medina-Division der Republikanischen Garden von Süden und Osten den Brückenkopf einzudrücken. Insgesamt umfassten die irakischen Kräfte - 25 bis 30 Kampfpanzer T-72, - 70 bis 80 Mannschaftstransportpanzer M-113 und - etwa 5 000 bis 10 000 Soldaten.

Das antretende Kommandobataillon hatte man zwar gemeldet, die von Süden und Osten anrückende Hauptstreitmacht war den Amerikanern jedoch völlig entgangen. Den vorstoßenden irakischen Gegenangriffskräften standen in den unmittelbar betroffenen Riegelstellungen der TF 3-69 AR folgende amerikanische Kräfte gegenüber: - rund 30 Kampfpanzer M-1 "Abrams" (Team A/3-69 AR, C/3-69 AR und TF-Kommando), - 14 Schützenpanzer M-2 "Bradley" (C/72-7 IN) und - knapp 1 000 Soldaten (Stärke der gesamten Task Force).

Lieutenant Colonel Marcone beschrieb den Beginn des nun folgenden irakischen Gegenangriffes wie folgt: "Wir hatten, obwohl die beiden irakischen Brigaden in massierter Form auf uns zustießen, absolut keine Information über ihren Vorstoß bekommen. Wir sahen sie erst, als sie direkt auf uns prallten!" Die von Norden vorrückende leichte Infanteriebrigade griff entlang des Euphrat-Kanals in Richtung Kanal-Brücke an, wurde von den M-1 "Abrams" der A/3-69 AR ausflankiert und blieb daraufhin im vernichtenden Feuer der amerikanischen Panzerkanonen und schweren Maschinengewehre stecken. Die Iraker waren mit Klein-Lastkraftwagen herangefahren, waren dann abgesessen und hatten - unterstützt von den auf Pick Up-Fahrzeugen montierten schweren Maschinengewehren - zu Fuß angegriffen. Die M-1 "Abrams" von Captain O’Brian im Riegel "Alpha 6" hatten nur Richtung Osten geschwenkt und die Angreifer unter vernichtendes Feuer genommen. Bereits nach kurzer Zeit zogen sich die Iraker wieder zurück.

Im Süden stellte sich die Situation etwas schwieriger dar: Dort griff die 10. Panzerbrigade der Medina-Division in Richtung Euphrat-Brücke an. In Keilform, mit einer T-72-Panzerkompanie vorne und zwei irakischen M-113-Panzergrenadierkompanien dahinter, stießen die Iraker in Richtung der M-2-Schützenpanzer der C/2-7 IN von Captain Kelly vor. Diesen gelang es, drei T-72 der irakischen Panzerkompanie mittels TOW-Panzerabwehrlenkwaffen zu vernichten. Dabei spielte auch der Zufall eine Rolle: Einer der drei vernichteten Kampfpanzer war der T-72 des irakischen Brigadekommandanten. Die solcherart führungslos gewordene Brigade wich daraufhin Richtung Osten aus. Dort vereinigte sie sich mit einer zweiten mechanisierten Brigade und gemeinsam griffen die Iraker ab 0430 Uhr den Riegel der M-1 "Abrams" der C/3-69 AR an. Dabei liefen aber beide irakischen Brigaden in die CAS Kill Box und wurden von A-10A-Erdkampflugzeugen und AH-64D-Kampfhubschraubern unter vernichtendes Feuer genommen. Vereinzelt durchbrechende irakische Kampffahrzeuge wurden von den amerikanischen "Abrams" aus dem Riegel heraus gezielt bekämpft und vernichtet. Die Reste der irakischen Brigaden wurden durch das Artilleriefeuer des 1/41 FA zerschlagen, und schließlich zogen sich die überlebenden Teile wieder in Richtung Osten zurück. Gegen 0500 Uhr war das Gefecht an der Straßenkreuzung beendet: 15 abgeschossene irakische Kampfpanzer T-72 und 30 bis 40 zerstörte irakische Mannschaftstransportpanzer M-113 lagen brennend auf dem Gefechtsfeld. Die sich zurückziehenden Teile wurden bis 0530 Uhr weiterhin auf einer Länge von fast 15 Kilometern aus der Luft angegriffen, was zusätzliche Ausfälle verursachte. Die drei angreifenden irakischen Brigaden waren somit zerschlagen bzw. großteils vernichtet worden.

Die Amerikaner hatten das Gefecht für sich entschieden - allerdings nicht aufgrund ihrer überragenden Aufklärungs- und Informationstechnologie, sondern aufgrund der überlegenen Taktik und Ausrüstung. Insgesamt war das Informationsdefizit bei den amerikanischen Verbänden jedoch offensichtlich. Bei diesem Angriff handelte es sich um den größten Gegenangriff der irakischen Streitkräfte während des Irak-Krieges, und genau dieser war von den US-Streitkräften nicht erkannt worden!

Weiter nach Bagdad

Nach der Einnahme der Euphrat-Brücke errichtete die 3rd Infantry Division innerhalb kürzester Zeit zwei Pontonbrücken in unmittelbarer Nähe der eingenommenen Brücke. Trotz dieses "Nadelöhrs" über den Euphrat war es der 3rd Infantry Division mit dem 2nd BCT an der Spitze schließlich möglich, weiter in Richtung Bagdad vorzustoßen und als nächstes die beiden Angriffsziele "Objective Baldwin" und "Objective Saints" einzunehmen. Damit war Bagdad letztlich von den eigenen Kräften im Süden abgeschnitten, und die Amerikaner konnten den Flughafen (Saddam International Airport - "Objective Lions") einnehmen. Dies schuf wiederum die Voraussetzung für den erfolgreichen Sturm der 3rd Infantry Division auf Bagdad. Die Route über die Brücke wurde für das V. Corps zur Hauptversorgungslinie während der nun folgenden Kämpfe um die irakische Hauptstadt Bagdad.

Mehrere gefährliche Situationen

Situationen wie diese gab es während des Vormarsches in Richtung Bagdad mehrere. Eine ähnlich gefährliche Entwicklung war auch zwischen dem 25. und 28. März entstanden, während ein verheerender Sandsturm den Vormarsch der US-Streitkräfte vorübergehend lähmte. Ein US-Radaraufklärungsflugzeug entdeckte im letzten Moment den Vormarsch starker mechanisierter Kräfte der irakischen Republikanischen Garden in Richtung der im Sandsturm steckenden amerikanischen Angriffsspitzen. Nur durch den raschen Einsatz mehrerer B-52-Bomber, welche die irakischen Kräfte durch den Sandsturm hindurch bombardierten und damit zerschlugen, konnte der irakische Angriff abgewehrt werden.

Die eingeschränkten Möglichkeiten der Hochtechnologie

Die ersten Erfahrungsberichte der amerikanischen Streitkräfte, aber auch anderer Armeen zeigen, dass sich der Einsatz von Hochtechnologie bis heute tatsächlich nur in einigen Bereichen bewährt hat. Auf Divisionsebene und darüber erwies sich während des Irak-Krieges die Echtzeitdarstellung des Gefechtes als durchaus machbar. Technologisch fortgeschrittene Aufklärungsmittel aller Art lieferten den US-Streitkräften und auch ihren Verbündeten hervorragende Aufklärungsergebnisse. Auf Brigade- und Bataillonsebene, also auf den Ebenen der vorne eingesetzten Kampfkommandanten, für die eine rasche Entschlussfassung unabdingbar war, misslang die Bereitstellung eines aktuellen Lagebildes jedoch oft völlig.

Dieses Problem war bereits bei der Operation "DESERT STORM" 1991 erkannt worden, und man glaubte, mit der 2003 für die "OPERATION IRAQI FREEDOM I" verwendeten neuartigen Technologie dieses Problem behoben zu haben. Doch durch die weit auseinander gezogen operierenden Verbände und die teilweise massive Überlastung der eigenen Kommunikationsnetze dauerte es oft Stunden, bis den vorne eingesetzten Teilen das aktuelle Feindlagebild zur Verfügung stand.

Zwar sprach Brigadier General Robert Cone, der Vorstand des Joint Center for Operational Analysis and Lessons Learned des US-Verteidigungsministeriums von "… einer sehr beeindruckenden digitalen Vernetzung, welche bereits viele Charakteristika einer zukünftigen netzwerkgeführten Kriegsführung, wie wir sie uns vorstellen, inkludiert hatte ...". Doch die Realität für den Truppenführer vor Ort sah ganz anders aus. Tatsächlich auf den Punkt brachte dies der Lessons Learned Report der I. Marine Expeditionary Force (MEF): "Die Division fand den Gegner nur dadurch, dass sie auf ihn stieß, genau so, wie es von Streitkräften seit Anbeginn der Kriegführung praktiziert wird." ___________________________________ __________________________________ Autor: Oberleutnant Mag. (FH) Markus Reisner, Jahrgang 1978. 1997 Einjährig-Freiwilligen-Ausbildung beim Stabsbataillon 3 in Amstetten; 2002 Ausmusterung an der Theresianischen Militärakademie, Jahrgang Sachsen-Coburg, Waffengattung mechanisierte Aufklärung; versetzt zum Aufklärungsbataillon 2 in Salzburg; 2003 Absolvierung des 34. Jagdkommando-Grundkurses; 2005 Auslandseinsatz bei EUFOR "Althea"; derzeit stellvertretender Kompaniekommandant und Ausbildungsoffizier der 2. Jagdkommandokompanie.

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