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Schutz vor improvisierten Sprengsätzen

Improvisierte Sprengsätze sind ein kostengünstiges, relativ einfach herzustellendes Kampfmittel, um regulären Streitkräften Schäden zuzufügen oder ihnen die Nutzung eines Gebietes zu erschweren. Die Entwicklung von Gegenmaßnahmen erfordert hingegen einen hohen finanziellen Aufwand und viel Phantasie der Techniker.

In einen Geheimbericht wurden die Mitglieder des Geheimdienstausschusses im US-Senat davon unterrichtet, dass sich die Zahl der Bombenanschläge in den Einsatzgebieten der US-Streitkräfte von 5 607 im Jahr 2004 auf 10 593 im Jahr 2005 beinahe verdoppelt hat. 407 von 846 im Jahr 2005 getöteten US-Soldaten starben durch so genannte improvisierte Sprengsätze (Improvised Explosive Devices - IEDs). Das Verteidigungsministerium reagierte umgehend und hat die Mittel jener Spezialeinheit, deren Auftrag die Abwehr dieser Kampfmittel ist, auf 3,5 Milliarden US-Dollar aufgestockt.

Für Unbehagen sowohl unter den Befehlshabern der US-Streitkräfte als auch unter den einfachen Soldaten sorgt der Umstand, wie einfach der Einsatz von IEDs zu bewerkstelligen ist. Außerdem existiert ein beinahe unerschöpflicher Vorrat an Ausgangsmaterialien, um derartige Kampfmittel zu erzeugen.

Road Side Bombs

Nach Berichten aus dem Irak besteht die gefährlichste Waffe der irakischen Aufständischen aus Komponenten, die relativ einfach zu beschaffen bzw. fast problemlos herzustellen sind. Um ein militärisches Fahrzeug zu zerstören, genügt beispielsweise eine gut getarnte Artilleriegranate an der Straßenböschung (Road Side Bomb), deren Zünder mit einer simplen drahtlosen Türklingelanlage verbunden ist. So improvisiert die Technik auch scheinen mag, so wirkungsvoll ist sie. Die Bomben werden getarnt am Straßenrand vergraben oder in alten Autoreifen versteckt. Sie werden mit Hilfe von formbaren Materialien oder Gips so getarnt, dass sie wie normale Bordsteine oder Felsen aussehen. Das einzige Verräterische sind oft Drähte, die von den 155-Millimeter-Granaten wegführen.

Im Irak gibt es keinen Mangel an Explosionsstoffen. Amerikanische Offiziere berichten, dass allein in einem Waffenlager bei Bagdad über eine Million Granaten verschiedener Kaliber entdeckt wurden. Trotz der Bewachung durch US-Truppen finden die Rebellen immer wieder Wege, in diese Lager einzubrechen und Granaten oder Sprengstoff zu stehlen. Der Handel mit Explosivstoffen hat sich bereits zu einem der lukrativsten Geschäfte im Nahen Osten entwickelt.

Daisy Chains

Die Aufständischen im Nahen und Mittleren Osten sind sehr erfinderisch beim Einsatz ihrer IEDs.

Eine davon ist die so genannte "Daisy Chain", ein simples, aber raffiniertes System, in dem mehrere Artilleriegeschoße oder andere Sprengkörper miteinander verbunden sind und durch einen Fernzünder oder eine Knallzündschnur beinahe zeitgleich ausgelöst werden. Eine derartige Daisy Chain vernichtete bei den Kampfhandlungen an der libanesischen Grenze einen gepanzerten israelischen D-9-Bulldozer. Dafür benützte die Hisbollah eine Reihe von "Claymore"-Minen.

Das größte Risiko geht derzeit von den Hohlladungssprengsätzen aus, weil diese auch an stark gepanzerten Fahrzeugen schwere Schäden verursachen können.

Dass Terroristen diese Technologie bereits beherrschen, war den US-Behörden bis vor kurzem nicht bekannt. Israelische Soldaten haben bereits vor Jahren ihre schmerzhaften Erfahrungen mit Selbstbau-Hohlladungssprengsätzen (siehe Kasten unten) gemacht und verschiedene Schutzmaßnahmen ergriffen.

Guerilla-Angriffe gegen militärische Nachschubkolonnen

Die Erfahrungen im Irak haben aufgezeigt, dass die Guerillas auf die schwächste Stelle des Konvois zielen - die ungepanzerten Fahrzeuge in der Kolonne.

Der Überfall beginnt, wenn der erste Wagen in die so genannte "Kill Zone" einfährt, also in den gut getarnten Hinterhalt. Die Rebellen eröffnen aus ihren Verstecken das Feuer aus Schnellfeuerwaffen oder mit tragbaren Panzerabwehrrohren RPG. Wenn die Kolonne abbremst oder gar stoppt, werden durch Fernzündung mehrere IEDs zur Detonation gebracht. Im darauf folgenden Chaos ziehen sich dann die Angreifer zurück, bevor die Truppe reagieren kann.

Die US-Streitkräfte haben nun begonnen, Gegenmaßnahmen zu setzen, die sich als mehr oder weniger erfolgreich erwiesen haben. Es handelt sich dabei sowohl um taktische als auch um technische Maßnahmen.

Auf der taktischen Ebene werden die Konvoiführer angewiesen, auf keinen Fall anzuhalten, sondern die Kill Zone mit Höchstgeschwindigkeit zu durchfahren. Dieses Verhalten kann im günstigsten Fall die Kolonne ohne Ausfälle aus der Zone des Hinterhaltes herausbringen, vor allem dann, wenn die IEDs nicht gezündet werden konnten. Wichtig ist außerdem, dass alle Fahrzeugbesatzungen mit sämtlichen verfügbaren Waffen den Feuerkampf auch dann aufnehmen, wenn kein Feind zu erkennen ist, um ihn zumindest in Deckung zu zwingen.

Versorgungskonvois können durch Panzerschutz für die Fahrzeuge die Gefährdung verringern. Es ist unmöglich, das gesamte Fahrzeug zu panzern, weil Motoren und Fahrgestelle nicht für derartige Zusatzbelastungen ausgelegt sind, außer man verzichtet auf Nutzlast. Die Lösung lautet daher, nur die wichtigsten Komponenten zu verstärken, also den Motor und das Führerhaus, um dem Fahrzeug die Beweglichkeit auch unter Feuer zu erhalten.

Aber auch Gefechtsfahrzeuge, die mit den derzeit modernsten Schutzsystemen ausgestattet sind, haben gegen die "Super-IEDs" kaum Chancen.

Im Februar 2002 fuhr ein israelischer Kampfpanzer "Merkava" Mk.3 auf eine 100-kg-Bombe auf, die in einer Straße vergraben war. Die Ladung explodierte unter der Wanne. Durch den Druck wurde die 120-mm-Kanone hochgeschleudert und der Turm abgehoben. Der Panzerkommandant wurde aus der offenen Turmluke katapultiert, Richtschütze und Ladeschütze waren auf der Stelle tot. Der Fahrer blieb dagegen unversehrt. Nach diesem Vorfall wurden sofort alle Panzer mit einer Zusatzwannenpanzerung ausgerüstet. Erst nachdem ein weiterer Panzer einer noch stärkeren IED zum Opfer fiel, begannen die Israel Defence Forces (IDF), den schwer gepanzerten Schützenpanzer "Nakpadon" einzusetzen, dessen Zusatzpanzerung einer Explosion von bis zu 150 kg Sprengstoff widerstehen können soll.

Im Irak fiel ein US-Kampfpanzer des Typs M-1A2 SEP "Abrams" ebenfalls einer Super-IED zum Opfer. Das 70-Tonnen-Fahrzeug wurde seitlich getroffen. Der Turm wurde weggeschleudert und die kettenlose Wanne rollte in den Straßengraben. Zwei Mann der Besatzung kamen ums Leben, ein weiterer wurde schwer verwundet. Der Vorfall sollte vorerst von den US-Behörden geheim gehalten werden, ein russischer Fotograf, der zufällig zur Stelle war, publizierte jedoch die verheerende Wirkung der IED.

Neuerdings wenden die irakischen Rebellen sich auch der Bekämpfung von Luftfahrzeugen zu. Tief fliegende Hubschrauber wurden unter mysteriösen Umständen abgeschossen und zwar nicht, wie bisher angenommen, mit Panzerabwehrrohren. Wie sich herausstellte, stammten die Treffer von so genannten "fliegenden IEDs". Es handelt sich dabei um aus umgebauten Granatwerferrohren abgefeuerte Fliegerabwehrgeschoße mit Annäherungszündern, die bei der Detonation den Hubschrauber mit tausenden kleinen Splittern durchschlagen. Die Iraker benützten ihr Wissen über die Routineflugschneisen der US-Helikopterpiloten und bauten sogar "Aerial Daisy Chains" aus mehreren fliegenden IEDs. Besonders gefährdet ist dadurch der Einsatz von Hubschraubern, die Opfer von anderen Anschlägen ausfliegen sollen.

Neue Schutzmaßnahmen gegen IEDs

Im Irak werden bereits seit einiger Zeit technische Maßnahmen gesetzt, um IEDs effektiver bekämpfen zu können. Ein Mittel sind z. B. Jammer, elektronische Störsender, die fernzündbare IEDs außer Gefecht setzen sollen, was aber nicht in allen Fällen zum Erfolg führt. Um dieses Problem zu lösen, werden große Summen investiert, und die Tests laufen in den USA und in Israel auf Hochtouren. Da oft herkömmliche Mobiltelefone als Auslöser zur Zündung von IED benutzt werden, setzen die IDF - speziell für die Frequenzbereiche von Mobiltelefonen - Störsender auf Spezialfahrzeugen ein. Diese Jammer wurden von der IDF schon vor Jahren erfolgreich im Libanon eingesetzt. Aber auch die Rebellen schlafen nicht und entwickeln Gegenmaßnahmen, um diese Störsender auszuhebeln. Die Spirale zwischen Maßnahmen und Gegenmaßnahmen dreht sich somit ununterbrochen weiter. Eines der neuesten Systeme ist der so genannte Barrage-Jammer, ein Breitbandstörer, der ein breites Spektrum von Frequenzen abdeckt und somit alle Mobiltelefone und andere elektronische Geräte lahm legen kann.

Bereits in Verwendung ist Warlock. Nach den technischen Angaben blockt dieses Gerät die Funksignale zur Fernzündung ab und ermöglicht die Zündung der Sprengladung zu einem für die IDF günstigen Zeitpunkt. Ein weiteres System mit dem Namen Shortstop Electronic Protection System (SEPS) funktioniert als Störer, welcher auf spezifische Frequenzen programmiert werden kann und somit auch in der Lage ist, die Annäherungszünder von anfliegenden Artilleriegranaten vorzeitig auszulösen.

Um die Gefahr für Nachschubtransporte herabzusetzen, werden zunehmend Drohnen oder UAVs (Unmanned Aerial Vehicles) eingesetzt. Mit Hilfe von GPS und Echtzeit-Videodatenübertragung werden die Konvoiführer über die aktuelle Lage auf dem Laufenden gehalten.

Ein anderes, ebenfalls bereits im Einsatz befindliches System ist die so genannte "IED Charge Detection". Sie beruht auf einem hochauflösenden Bildverarbeitungssystem. Tag- und Nachtsichtgeräte auf UAVs liefern permanent Datenmaterial an Bodenstationen, wo Spezialkräfte die gesammelten Informationen hinsichtlich jeder Änderung am Boden, wie z. B. frisch umgegrabenen Stellen, untersuchen und, wenn nötig, die Konvoiführung warnen, noch bevor die Gefahrenzone erreicht ist.

Ein weiteres Gerät, das sich derzeit noch in der Testphase befindet, ist auf dem HMMWV (High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle) montiert. Es handelt sich dabei um das "ZEUS-HLONS" (ZEUSTM-HMMWV Laser Ordnance Neutralization System). Es basiert auf einem 10-kW-Feststofflaser, welcher die Metallhülle der zu zerstörenden Munition erhitzt, was zu einer langsamen Verbrennung bzw. nur zu einer schwachen Explosion des Sprengstoffes führt. Der Laser besitzt eine maximale Reichweite von 300 Metern; die Energieversorgung erfolgt über ein Dieselaggregat.

Die israelische Firma Rafael hat ein ähnliches Konzept entwickelt, das bereits bei den IDF im Einsatz ist. Es handelt sich um ein Lasergerät namens Mini-Samson, welches parallel zu einem fernbedienbaren Waffensystem (Remote Controlled Weapon System - RCWS) montiert ist. Der Laser trägt die Firmenbezeichnung "Thor" und besteht aus einem luftgekühlten Hochenergielaser, wobei wahlweise der Laser oder die Maschinenwaffe (mit Spezialmunition) zur Vernichtung von IEDs, Road Side Bombs oder von Blindgängern eingesetzt wird.

Der "Thor"-Laser wird auf einem Schützenpanzer oder HMMWV montiert. Er hat eine variable Leistung zwischen 70 und 700 Watt und wird durch eine herkömmliche 24-V-Fahrzeugbatterie gespeist.

Die fernbedienbare Maschinenwaffe (7,62 bzw. 30 mm) und der Laser verfügen gemeinsam über eine Infrarot-Sichteinrichtung und einen Laser-Entfernungsmesser.

Die IDF haben während der Intifada besondere Techniken gegen IEDs im dicht verbauten Gebiet entwickelt. Im Gaza-Streifen, wo die meisten Kämpfe stattfinden, wird jeder Einsatz von UAVs mit hochauflösenden Kameras begleitet, die verdächtige Stellen, wo IEDs versteckt sein könnten, überwachen und die Daten in Echtzeit an die Bodenstation übertragen. Ein besonderer Glücksfall ist es natürlich dann, wenn Attentäter noch während ihrer Vorbereitungsarbeiten aufgeklärt und danach von Kampfhubschraubern bekämpft werden können. Ansonsten werden entdeckte IEDs durch "Hellfire"-Raketen vernichtet. Diese Taktik hat sich als sehr effizient herausgestellt. Nach offiziellen israelischen Angaben wurden beinahe 90 Prozent aller IEDs noch vor deren Wirksamwerden neutralisiert. Im Einsatz selbst werden weitere Kampfmittel gegen IEDs verwendet.

Ein von einer anderen israelischen Firma (IAI/Ramta) entwickeltes Konzept, welches unter dem Namen EOD-Vehicle läuft, besteht aus dem Spezial-LKW Modell 4800 mit einer Panzerung für den Motorraum, den Fahrerraum und für die restliche Besatzung. Für den Einsatz stehen im Heck des Fahrzeuges zwei Roboter zur Verfügung, die über eine hydraulische Rampe abgesetzt werden. Die Roboter sind mit GPS und Störsendern ausgestattet, werden vom Fahrzeug aus überwacht und an die zu zerstörenden IEDs herangeführt.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Lieutenant Colonel David Eshel (retd) wurde 1928 in Dresden geboren und emigrierte 1939 nach Palästina. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er 1948 einer der Begründer des israelischen Panzerkorps und diente 26 Jahre bei den israelischen Streitkräften. Nach seiner militärischen Ausbildung in Saumur (Frankreich) war er in verschiedensten Kommando- und Stabsfunktionen tätig, kämpfte in allen arabisch-israelischen Kriegen bis 1967 und war zuletzt Taktiklehrer im "Command and Staff College". Er studierte Geschichte an der Universität in Tel Aviv und war zwölf Jahre lang Herausgeber einer israelisch-deutschen Zeitschrift. Derzeit arbeitet er als freier Journalist und Analytiker in Sicherheitsfragen für mehrere europäische und amerikanische Verleger von Militärpublikationen.

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