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Non Governmental Organisations und Streitkräfte (II)

Vorgangsweisen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Hilfseinsätzen

Obwohl Non Governmental Organisations (NGOs) und Streitkräfte in zahlreichen Einsätzen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, unterscheiden sie sich im Status, in Einsatzgrundsätzen, Arbeitsweise, Personalaufbringung und im Grundverständnis der eigenen Tätigkeit. Auch existieren einige Vorurteile und Missverständnisse über die Tätigkeit des jeweils anderen. Soldaten sollten sich daher möglichst gut und zeitgerecht über die in ihren möglichen Einsatzgebieten tätigen NGOs informieren.

Der rechtliche Status von NGOs im Einsatz

Um die Arbeitsweise von NGOs zu verstehen, muss man auch ihren Rechtsstatus in den Einsatzgebieten kennen.

Status in Ländern mit funktionierenden Regierungen: Bei Notsituationen, in denen die öffentlichen Stellen noch funktionieren, brauchen NGOs, bevor sie zum Einsatz kommen, ein Abkommen mit der Regierung der Zielländer. Diese Abkommen umfassen Kontrakte zur technischen Kooperation in den unterschiedlichsten Bereichen. Die NGOs agieren dabei als Partner verschiedener Ministerien und Dienststellen, die auch die Koordination übernehmen. Besonders in Ländern, in denen die Gefahr von komplexen Notsituationen besteht, wird es aber für NGOs derzeit immer schwieriger, die nationale Anerkennung zu erlangen.

Status bei Zusammenarbeit mit den UN: Viele NGOs arbeiten eng mit UN-Agenturen zusammen und genießen als deren Partner im Einsatzfall dieselben Rechte. Oftmals kommt es zu Drei-Parteien-Abkommen zwischen einer Regierung, den UN und einer NGO.

Status bei Fehlen der staatlichen Ordnung: Hat in Notsituationen die staatliche Gewalt aufgehört zu funktionieren, ist auch eine Registrierung der NGOs nicht mehr möglich. Dann operieren die NGOs auf der Basis ihrer Kontrakte oder ihres Abkommens mit den UN unabhängig oder auch als Einzelne und verhandeln oder bestimmen ihre Ziele und Programme selbst.

Doch solche "Einzelkämpfer" sind in Friedensunterstützenden Einsätzen problematisch, denn ohne offizielle Verbindung zu anderen, offiziellen Hilfsprogrammen sind sie meist nicht Teil der Sicherheitsarrangements im Einsatzraum. Daher distanziert sich auch oftmals die PSO-Führung von solchen autonomen Gruppen. Brauchen diese Gruppen aber Hilfe, komplizieren oder kompromittieren sie so die Arbeit aller anderen.

Einsatzspektren von NGOs

Verschiedene Notsituationen erfordern unterschiedliche NGOs, die den unterschiedlichen Bedarf abdecken können, wie z. B.:

- Frühwarnung vor Hungersnöten; - Lebensmittelnachschub und -verteilung; - Trinkwasserversorgung und Gesundheitswesen; - öffentliche Gesundheitsprogramme (Impfaktionen, Seuchenbekämpfung); - Wiederherstellung des Gesundheitswesens (Krankenhäuser, Altenpflege); - Überwachung der Einhaltung der Menschenrechte; - Konfliktvorbeugung, Konfliktverhütung; - Konfliktlösung und Wiederaufbau; - Familienzusammenführung; - psychosoziale Hilfe; - landwirtschaftliche Hilfsprogramme; - Erziehungshilfe (Schulbücher, Schulbau, Heranbildung von Lehrern); - Wiederaufbau der zivilen Gesellschaft und Infrastruktur.

Manche NGOs verfügen nur über ein bestimmtes Maß an Fachwissen und konzentrieren sich daher auf einen bestimmten Teilbereich. Andere hingegen, vor allem die größeren, haben Experten in einem weiten Bereich der humanitären Hilfe und sind auch bereit, im Bedarfsfall neue Wege zu beschreiten. Sie sind überdies in der Lage, gleichzeitig mehrere komplett unterschiedliche Programme abzuwickeln.

Arten der Durchführung

NGOs operieren im humanitären Einsatz vor allem auf vier Arten:

Direkter Einsatz: NGOs rekrutieren ihr Personal selbst, kaufen ihre eigene Ausrüstung und managen ihr Programm in allen Aspekten selbst.

Einsatz als Subunternehmer: In vielen Fällen werden NGOs von großen Spenderorganisationen, aber auch von UN-Agenturen als Subunternehmer eingesetzt und erhalten Mittel sowie die Autorisierung, spezielle Hilfsaufgaben auszuführen. So hat zum Beispiel die amerikanische INGO "International Rescue Organisation" im Auftrag von USAID und UNHCR ein 50 Millionen Dollar-Hilfsprogramm in Bosnien abgewickelt.

Einsatz mittels Partnerorganisationen: Viele NGOs wickeln ihre Hilfsprogramme über Drittorganisationen ab. Diese können lokale NGOs, Ministerien, aber auch lokale Organisationen sein, die geeignet sind, vor Ort das Hilfsprogramm umzusetzen. In diesem Fall übernimmt die (I)NGO die Rolle des Geldgebers, Beraters und Überwachers des Hilfsprogrammes, führt es aber nicht selbst durch. Dies geschieht oftmals auch, um im Sinne einer Langzeitplanung lokale Kapazitäten zu schaffen und zu nutzen.

Unterstützung mit Personal: Viele INGOs unterstützen bei humanitären Operationen mit ihren Experten lokale NGOs, aber auch die politische Ebene, wie Ministerien oder UN-Agenturen, und beeinflussen so die regionale oder nationale humanitäre Politik.

NGOs und Medien

Große NGOs vertreten die Anliegen derer, denen sie zu helfen versuchen. Mediale Unterstützung, verbunden mit persönlicher Überzeugungsarbeit bei Regierungen und den UN, gelten dabei als wichtige Teile ihrer Tätigkeit. Hiefür gibt es drei Hauptgründe:

- Mediale Unterstützung zieht nationale und internationale Anerkennung auf sich und öffnet Ressourcen.

- NGOs wissen, dass dies ihre eigene Reputation steigert und ihren humanitären Einfluss über ein bestimmtes Projekt hinaus anhebt. Hiezu ein Beispiel: Die Bereitstellung ausreichender Lebensmittelmengen für Flüchtlinge würde eine NGO überfordern. Sie wird daher öffentlichkeitswirksam die Entscheidungsträger drängen, die zu geringe Lebensmittelration zu erhöhen. Gelingt das, hat die NGO zum Überleben der Flüchtlinge mehr beigetragen als durch ihr eigenes Hilfsprogramm.

- Für NGOs hat die öffentlichkeitswirksame Unterstützung höchste Priorität. Sie brauchen Publicity zur Erhaltung ihrer Reputation, ihrer Geldquellen und ihres Einflusses.

"Allianzen" betroffener NGOs mit internationalen Medien bringen die humanitäre Katastrophe in die Schlagzeilen und machen so die Welt erst auf diese Notsituation aufmerksam. Manche NGOs unterhalten dafür speziell geschulte Abteilungen und entwickeln zu ihrer öffentlichen Förderung breit angelegte "Werbekampagnen". Die Unterstützung von NGOs ist dann ein bedeutender Teil der internationalen Reaktion auf humanitäre Krisen.

Die anderen Einsatzkräfte sollten diese üblichen Praktiken respektieren.

Kritik durch NGOs

NGOs haben schon mehrmals Medienkampagnen gegen das gestartet, was sie als Fahrlässigkeit, Inkompetenz und Fehlverhalten der internationalen Gemeinschaft betrachten. Insbesondere Menschenrechtsorganisationen wie "Amnesty International" sehen ein Hauptanliegen darin, das Vorgehen der UN und anderer friedensunterstützender Organisationen zu überwachen und Fehlverhalten anzuprangern. Die Kritik an Menschenrechtsverletzungen, begangen durch UN-Soldaten in Somalia, ist ein Beispiel hiefür.

Oftmals kommt es zu Kollisionen von Bestrebungen der NGOs mit Anliegen und Absichten der militärischen Komponente einer Friedensoperation. Trotz Respekt für das Bestreben der NGOs ist es aber für die Soldaten erforderlich, die Kampagnen der NGOs und deren substantielle Inhalte kritisch zu prüfen und ihnen im Bedarfsfall entsprechend zu begegnen.

Kooperation mit NGOs

Die hohe Zahl von NGOs in den derzeitigen Krisen bedeutet, dass Koordination und Kooperation ständig schwieriger werden bzw. zum Teil nicht mehr möglich sind, zumindest stellen sie aber hohe zeitliche und organisatorische Anforderungen an die militärische Komponente. NGOs haben auch den Ruf, sich gegen Koordination zu wehren, um ihre Unabhängigkeit in jedem Fall zu erhalten. Größere NGOs können ihre Arbeit selbst mit anderen koordinieren und eng mit diesen zusammenarbeiten. Durch andere bleiben sie dennoch schwer koordinierbar. Aus mehreren Gründen haben NGOs eine Art formeller und informeller Koordination geschaffen:

- zur Abgrenzung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten zueinander; - zur Verhinderung von Überschneidungen von Anstrengungen und Mitteln; - zum Austausch von Informationen, Ressourcen und Fachwissen; - zur Präsentation einer geeinten Front gegenüber Regierungen, Geldgebern, den UN bzw. Medien; - zur Schaffung einheitlicher Standards in Leistungen und Bezahlung.

Militärs sollten diese Koordinationsmechanismen nutzen. Das ist meistens besser, als eigene Mechanismen zu schaffen und von den NGOs zu fordern, diese zu befolgen. Dies schafft nur Animositäten, weil die NGOs dies als einen Angriff auf ihre Unabhängigkeit ansehen. Erkennen aber die Militärs die NGO-Koordinationsmechanismen an, sind die NGOs auch meist bereit, militärische Koordinationsbestrebungen anzuerkennen und anzunehmen.

In den meisten Notfällen formen NGOs eine Art unabhängiges NGO-Netzwerk im Einsatzraum, im frühen Stadium eines Notfalles als eine Art Adhoc-Forum. Je länger die Zusammenarbeit andauert, desto mehr strukturiert sich dies in Richtung einer Dachorganisation oder eines Konsortiums. Beispiele dafür sind der "Agency Coordination Body of Afghan Relief" (ACBAR) oder das Internationale NGO-Konsortium in Somalia. Die Administrationskosten werden geteilt, den Vorsitz führen die einzelnen NGOs im Wechsel. Später eintreffende militärische Teile einer Friedensunterstützenden Operation sollten sich bewusst sein, dass in Ländern mit einer jahrzehntelangen Geschichte an Notsituationen, Konsortien mit einer ebenfalls jahrzehntelangen Erfahrung und Organisation existieren.

Die oben angesprochenen Dachorganisationen sind das hauptsächliche Mittel der NGO-Familie, mit der militärischen Komponente zu kommunizieren. Die Militärs sollten an ihren Treffen als Beobachter teilnehmen und diese nutzen, um die NGOs über die militärischen Ziele und Aktivitäten zu informieren. Im Gegenzug sollten sie die NGOs animieren, an ähnlichen, von den Militärs organisierten Treffen teilzunehmen. Persönliche Kontakte und eine gedeihliche Zusammenarbeit können für den gemeinsamen Erfolg entscheidend sein.

Besteht eine funktionierende staatliche Gewalt, wird diese die Koordination der NGOs wahrnehmen, sowohl auf staatlicher, regionaler als auch auf Bezirksebene. Übernehmen in Notfällen UN-Agenturen eine Führungsrolle, stellt die Leitagentur eine Koordinierungsgruppe für alle Aktivitäten im Einsatzraum. In einem solchen Fall kann es NGOs geben, die unabhängig bleiben wollen. In einer PSO sind unkoordinierte Aktivitäten aber erfolgsmindernd und riskant. Den Betroffenen sind daher die Konsequenzen ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen klar zu machen.

Stärken der NGOs im Einsatz

NGOs haben in humanitären Notsituationen besondere operative Vorteile gegenüber Regierungen, den UN und militärischen bzw. paramilitärischen Kräften der Konfliktparteien. Aufgrund ihres guten Images wird ihre Effektivität allerdings oft überschätzt. Westliche Regierungen und die NGOs selbst haben ein Interesse daran, deren Stärken überzubetonen. Darüber hinaus brauchen Medien "Geschichten" über Notsituationen, in denen Einzelne und Organisationen die Rolle des Retters und Helden spielen - NGOs, vor allem internationale, haben diese Rolle oft übernommen.

Unabhängig und überparteilich: Unabhängigkeit und Überparteilichkeit der NGOs sind bei ihren Einsätzen von großer Bedeutung und zeigen sich stark in der Darstellung ihrer Werte und Tätigkeiten. Es ist das Ziel vieler NGOs, auf Notsituationen unabhängig und nur auf der Basis der Humanität zu reagieren.

Die Hilfe ist daher allein auf den Bedarf vor Ort aufgebaut, ohne Rücksicht auf Rasse, Religion oder Nationalität. Völlige Unabhängigkeit und Überparteilichkeit sind zwar überaus selten erreichbar, trotzdem werden sich die NGOs diese beiden Positionen erhalten wollen, denn ohne diese sinken ihre Glaubwürdigkeit und ihre Effektivität drastisch. Unabhängigkeit und Überparteilichkeit waren traditionell auch der beste Schutz in Konflikten, wobei dieser Faktor aber deutlich schwindet. Das führt dazu, dass in jüngster Zeit immer mehr NGO-Mitarbeiter im Einsatz ums Leben kommen.

Das militärische Personal muss sich der Bedeutung der Unabhängigkeit und Überparteilichkeit für die NGOs bewusst sein. Das Beharren auf diesen Prinzipien kann zu einer gewissen Distanz zur Friedensunterstützenden Operation und schlimmstenfalls zu einer offenen Konfrontation führen. Andererseits kann die Reputation der NGOs dazu führen, dass Hilfe auch in Gegenden gelangt, zu der die militärische Komponente oder UN-Agenturen keinen Zugang haben.

Rasch, flexibel und unbürokratisch: NGOs können in fast allen Situationen agieren, denn ihre Gliederung und Stärke hat sich aus der Arbeitsebene entwickelt, ihre Verantwortlichen führen vor Ort. Die meisten NGOs sind persönlichkeitsorientiert, die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern und dem Top-Management ist direkt und informell. Entscheidungen fallen rasch und unbürokratisch. Viele große NGOs sind sehr flexibel und setzen sich kaum Einschränkungen im Einsatz. Ist eine Straße zu reparieren, engagieren sie eine Baufirma, ist Öffentlichkeitsarbeit notwendig, starten sie ein Rundfunkprogramm, ist Geld erforderlich, gehen sie zur nächsten Bank.

Risikobereit: Viele NGOs operieren in Lagen, die von anderen Organisationen als zu gefährlich eingestuft werden, oder organisieren Einsätze über Konfrontationslinien hinweg. So wurde z. B. im Jahre 1991 während der Somalia-Krise der UN-Stab für mehr als elf Monate, der Stab von "Rettet das Kind" für nur ganze sieben Tage aus Somalia evakuiert.

Die Ersten im Einsatz: NGOs setzen - als die Ersten vor Ort - ein moralisches Signal für den Rest der internationalen Gemeinschaft. Sie alarmieren das "Weltgewissen" durch oftmals radikale und dramatische Gesten und lenken so die Aufmerksamkeit der Welt auf die jeweils aktuelle Krisensituation.

Experimentierfreudig: Mehr als alle anderen Hilfsorganisationen sind NGOs bereit, zu experimentieren und Risiken einzugehen, sowohl im Bereich der Sicherheit als auch zur Verwirklichung neuer Ideen. Vieles, was heute als Standard gilt, ist aus innovativen Programmen entstanden, z. B. die Bereitstellung von Finanzmitteln und Krediten anstelle von Lebensmittellieferungen, die Entwicklung von Energienahrung für Gebiete mit Hungersnot, die Entwicklung von Programmen zur Suche vermisster Familienangehöriger oder die Schaffung lokaler Friedensinitiativen.

Gut informiert, beste Verbindungen und dem Einsatz verbunden: NGOs haben oft langjährige Erfahrungen im Einsatzland, verfügen über beste Kontakte und sind dem Land und seinen Gemeinschaften verbunden. Sie sind entweder nationale NGOs, heimisch im Einsatzland und Teil der Bevölkerung oder INGOs mit einer langen Einsatztradition, aus dem Land rekrutierten Stäben und Langzeitprogrammen. Damit sind sie bestens informiert und verfügen über lokales Wissen und Fachkenntnis. Sie halten mit jenen Kontakt, die die volle Last der Notsituation zu tragen haben; das lässt sie mit "beiden Füßen am Boden bleiben". Sie können daher oft als Einzige die Bedürfnisse der Notleidenden abschätzen. Das Vertrauen der lokalen Gemeinschaft und ihrer Führer in die Verbundenheit dieser Organisationen mit ihrem Land und ihren Bedürfnissen erleichtert ihnen ihren Einsatz wesentlich.

Integrativ und Kapazität schaffend: In Notfällen versuchen die meisten NGOs, ein Maximum an Menschen, denen sie helfen, in die Arbeit zu integrieren. Sie sind bestrebt, bestehende Institutionen wieder aufzubauen, anstatt sie gänzlich durch internationale Einrichtungen zu ersetzen. Dieser Ansatz ist der Schlüssel des NGO-Erfolges und eng mit dem Begriff Partnerschaft verbunden, kann aber den Eindruck erwecken, dass die NGOs nicht mehr Herr ihres eigenen Programmes sind. Denn bereits einfache Entscheidungen bedürfen der Konsultation und erwecken den Eindruck, dass die NGOs ihre Verantwortung nicht mehr wahrnehmen.

Langzeit-Zielsetzungen: NGOs mit einer langen Verbundenheit zu einem Land haben meist Langzeitperspektiven über die Krise hinweg und für die Zeit danach entwickelt. Ihre Fähigkeit, über die unmittelbare Notsituation hinaus zu planen, sollte vom militärischen Personal einer PSO respektiert und genutzt werden. Denn die NGOs bleiben meist im Land, wenn die Truppen abziehen.

Große Reichweite: Mit den aufgezeigten Fähigkeiten können NGOs eine Notsituation in einer Weise beeinflussen, wie es andere z. B. staatliche Organisationen nicht vermögen. NGOs stellen daher oftmals humanitäre Prinzipien über das Prinzip der Souveränität.

Schwächen der NGOs im Einsatz

Nicht immer hält die tatsächliche Effektivität einer NGO mit ihrer Selbsteinschätzung Schritt. Ein militärischer PSO-Einsatz vermag oft mehr Hilfe zu bringen. Die Stäbe sind auch gut beraten, Informationen mancher NGOs über örtliche Bedingungen nicht kritiklos zu übernehmen, sondern zu prüfen.

Ungleiche Qualität: Standard und Qualität von NGO-Hilfeleistungen sind unterschiedlich. Manche NGOs sind besser, manche schlechter, manche verfügen über alle vorher aufgezeigten Stärken, manche über nur wenige. Es ist entscheidend, Worte und Taten der NGOs zu vergleichen und die Fähigkeit und Glaubwürdigkeit jeder Organisation unabhängig zu überprüfen. Besonders militärische Stäbe sollten die unterschiedlichen Fähigkeiten genau evaluieren, denn die Zusammenarbeit mit einer qualitativ schlechteren Organisation bedarf genauerer Anordnungen, besserer Kontrolle und intensiverer Verbindung.

Selbstüberschätzung: Ihre Publicity in vielen Notsituationen führte bei manchen NGOs zu einer Einschätzung ihres Stellenwertes, der ihren Leistungen nicht entspricht. Viele kleine NGOs vergessen unter dem Eindruck der Ereignisse ihre (relativ) geringe Bedeutung. In Überschätzung der Notwendigkeit und Dringlichkeit ihres Programmes stellen sie unrealistische und zum Teil gefährliche Forderungen an die militärischen Teile.

Begrenzte Sichtweite: Nur wenige NGOs arbeiten in allen Teilbereichen der humanitären Hilfe; daher fehlt vielen der Gesamtüberblick. Die meisten NGOs arbeiten nur in geografisch begrenzten Räumen und in einem eng umrissenen Bereich (z. B. Behandlung/Verhinderung von Augenkrankheiten). Sie verfügen deshalb - im Gegensatz zu größeren Organisationen - nicht über das volle Lagebild, sondern nur über ein auf ihren Bereich beschränktes. Daher sollten ihre Aussagen über die Bedingungen in bestimmten Räumen nicht ungeprüft übernommen werden bzw. die Gesamtplanung beeinflussen.

Wetteifernd: Untereinander sind die einzelnen NGOs extrem wetteifernd. Jede preist ihre Arbeit und versucht die "Rivalen" an operativen Ergebnissen und Medienwirksamkeit zu übertreffen. NGOs ernten Ruhm und Ehre aus der Arbeit unter widrigsten Bedingungen, an gefährlichen Plätzen und in den Kernbereichen der humanitären Hilfe. Der Wettstreit aber beeinträchtigt die Koordination, besonders bei der Aufteilung der Verantwortlichkeiten zu Beginn einer Hilfeleistung, wenn es um bestimmte Räume oder Aufgabenbereiche geht.

Modisch: Die NGO-Gemeinschaft folgt oft dem Zeitgeist. Moderne Programme können wertvoll sein und oftmals auch innovativ. Daher wollen manche NGOs unbedingt in modernen Programmen involviert sein, vor allem wenn Spender bereit sind, diese zu finanzieren. In manchen Notsituationen entsteht ein Run auf bestimmte moderne Programme (wie derzeit psychosoziale Programme und Konfliktfrühwarnsysteme) - zum Nachteil wichtigerer Bedürfnisse. Überkapazitäten und Doppelgleisigkeiten sind die zweifelhaften Resultate dieses Trends.

NGO-Mitarbeiter

Die Mitarbeiter der NGOs sind von enormer Vielfalt, können aber grundsätzlich zwei Gruppen zugeordnet werden: internationale und nationale Mitarbeiter.

Die internationalen Mitarbeiter sind den Werten ihrer Organisation und ihrer Mission verbunden. Sie versuchen ernsthaft, die Welt besser zu machen, sind Idealisten und setzen ihren Idealismus oftmals in (plakative) Aktivitäten um. NGOs ziehen motivierte, pragmatische und effektive Mitarbeiter an und fördern diese, aber sie rekrutieren auch Gescheiterte, mit der Gesellschaft Unzufriedene, für die das Helfen in einer humanitären Notsituation die Befriedigung ihrer Abenteuerlust bedeutet.

NGO-Mitarbeiter sind meist relativ jung und haben daher geringe Erfahrung und geringe Vorkenntnisse. Ihre Energie, ihr Mut und ihr Innovationswille sind von Vorteil, ihr Mangel an Rückbesinnung, Erfahrung und politischem Verständnis von Nachteil. Aber Erfahrung erwerben sie rasch, und die Lernkurve ist steil. Bei der Rekrutierung von NGO-Mitarbeitern zählen Verfügbarkeit und Enthusiasmus oft mehr als Erfahrung und Fähigkeiten. Damit stehen die NGOs im Kontrast mit der militärischen Komponente, für die Ausbildung und Professionalismus von besonderem Wert sind. In der letzten Zeit haben allerdings auch zahlreiche Ex-Soldaten ihre Arbeit bei NGOs aufgenommen und damit eine zweite Karriere gestartet, besonders in den Teilbereichen Logistik, Minenräumen, Fernmeldetechnik und Sicherheitsberatung.

Die zweite Gruppe bilden die nationalen Mitarbeiter. Obwohl meist das Image der internationalen Mitarbeiter die öffentliche Meinung beeinflusst, muss man sich vor Augen halten, dass die Masse der Mitarbeiter lokal rekrutiert wird und dass hauptsächlich diese für die Reichweite und die Effektivität der Notprogramme verantwortlich sind. Nationale Mitarbeiter sind genau so motiviert wie ihre internationalen Kameraden, aber auch Teil der betroffenen Gesellschaft und Gemeinschaft (z. B. bosnische Muslime). Sie entwickeln daher ein spezielles Eigeninteresse und riskieren dadurch Einschüchterung und Gewalttätigkeit durch Konfliktparteien.

Nationale Mitarbeiter informieren und beraten die internationalen Mitarbeiter, handeln sich damit aber wiederum ein großes Risiko an Repression und Bedrohung innerhalb der eigenen Bevölkerung ein. Daher ist auch der Anteil der nationalen NGO-Mitarbeiter, die im Einsatz getötet wurden, bedeutend höher als jener der internationalen.

In den meisten Notsituationen sind NGOs jene Arbeitgeber, die die höchsten Löhne bezahlen. Die dadurch entstehende ökonomische Beeinflussung sollte nicht unterschätzt werden. Die Anhäufung von NGOs im Einsatzraum und deren relative Freizügigkeit mit finanziellen Mitteln, sei es beim Beschaffen von Gütern, beim Anmieten von Leistungen, aber auch bei der Entlohnung von lokal angeheuerten Mitarbeitern, kann das Lohn-Preisgefüge des Einsatzlandes empfindlich stören.

Das bedeutet, dass nationale Mitarbeiter von (I)NGOs zu lokalen Eliten werden und sie dies von ihrer Gemeinschaft trennt. Das bedeutet aber auch, dass viele Leute mehr aus Gründen des persönlichen Überlebens denn aus Überzeugung von der Notwendigkeit der Hilfeleistung zur Mitarbeit bereit sind.

Sicherheit von NGO-Personal

Die Soldaten in Friedensunterstützenden Einsätzen sollten sich bewusst sein, wie NGO-Mitarbeiter zum Ziel von Bedrohung und Erpressung werden können. In Räumen, in denen Kommunikation, Handel und Arbeit zusammengebrochen sind, sind NGOs eine Geldquelle. Für die Truppen der Warlords gelten sie als Besitzer von Ressourcen aller Art - und es kommt z. B. rund um die NGOs bald zu Schutzgelderpressungen. In Somalia waren den lokalen Milizen Geld und Mittel wichtiger als die humanitäre Hilfe, die damit hätte geleistet werden können. Die Löhne stiegen exzessiv, und bewaffnete Raubüberfälle, Entführungen mit Lösegeldforderung sowie Morde an NGO-Mitarbeitern waren an der Tagesordnung.

Neben ihren Mitteln sind NGOs aufgrund ihrer Nationalität, aber auch ihrer politischen Positionen Ziele von Übergriffen. Oft betrachten Teile der Bevölkerung die NGOs als Partei oder als Vollstrecker einer unpopulären Entscheidung der internationalen Gemeinschaft und lassen aus Frustration über eine internationale Anweisung ihre Wut an den nächsten greifbaren (scheinbaren) Repräsentanten dieser Anweisung aus.

Deshalb haben die meisten NGOs Verfahren zu ihrer eigenen Sicherheit entwickelt und standardisiert. Manchmal werden zum Schutz der Mitarbeiter eigene Sicherheitsdienste angeheuert. Das militärische Personal muss sich mit den Sicherheitsvorkehrungen der NGOs vertraut machen und diese bei Bedarf beeinflussen. In Friedensunterstützenden Einsätzen hat die militärische Komponente oftmals auch die Sicherheit der NGOs zu gewährleisten.

Auf einen Blick

Militär und NGOs müssen die Art ihrer Zusammenarbeit gemeinsam festlegen und damit eine kreative Arbeitsbeziehung schaffen. Denn effektive Zusammenarbeit hat einen bedeutenden Einfluss auf den Gesamterfolg. In Notsituationen müssen die Beziehungen der militärischen und zivilen Organisationen unter intensivem Druck geschaffen werden. Zwei verschiedene Unternehmenskulturen treffen aufeinander, und es ist wichtig, den unterschiedlichen Stil des anderen zu respektieren. (Die häufigsten Reibungsflächen wurden bereits in den Kästen dargestellt.) Die zivilen Helfer sind leider oft der Ansicht, dass die Militärs mit Ende des Kalten Krieges ihres eigentlichen Auftrags, ihr Heimatland oder ihr Bündnis zu schützen, beraubt wurden. Sie glauben, die Soldaten würden nun nach imageträchtigen Aufgaben suchen, um dem Verlust budgetärer Mittel oder der radikalen Verkleinerung zu entgehen. Nur so ist für viele NGOs die Hinwendung nahezu aller Streitkräfte zu "Out of Area"-Aufgaben und zur Hilfeleistung in komplexen Notsituation erklärbar - und die "Konkurrenz" in einem Gebiet, das bislang alleinige Domäne der NGOs war.

Wenn Soldaten und zivile Helfer zusammen agieren, schauen Soldaten hingegen oft mit Schrecken auf die losen und anscheinend fragilen zivilistischen Strukturen, die die humanitäre Hilfe garantieren sollen. Die zivilen Helfer wiederum halten die Soldaten für inflexibel und kulturell gefühllos. Die zivilen Hilfsorganisationen wollen nicht als Handlanger der Soldaten angesehen werden, die Soldaten verfügen jedoch über signifikante Kapazitäten zur Hilfeleistung und nehmen es den zivilen Helfern übel, dass sie diese Kapazitäten ablehnen.

Trotz allem - militärische und zivile Helfer befinden sich im selben Boot. Sie müssen sich aufeinander verlassen können, um ihre jeweiligen und die gemeinsamen Ziele zu erreichen. Denn im Kampf gegen Not und Elend ist auch die Kenntnis der Stärken und Schwächen der Mitkämpfer wichtig. Es ist also unerlässlich, zumindest die "Mannschaftsaufstellung" für das ernste Zusammenspiel am großen Feld der humanitären Hilfe zu kennen sowie die Fähigkeiten, Stärken und Schwächen der "Mitspieler". Verlässliche Prognosen, wie das Zusammenspiel dann aussehen wird, kann ohnedies kein Prophet der Welt abgeben; zu unterschiedlich sind die Einsätze und die Zusammensetzung der "Spieler". Auch gibt es keinen gemeinsamen Trainer, der die Akteure coacht. Dies besorgen oft selbst ernannte Kapitäne, deren Leute für ihren eigenen Ruhm und ihre eigenen Ziele spielen und so auf den entscheidenden "Doppelpass" vergessen.

Diese Schwachstellen hat inzwischen auch die internationale Gemeinschaft erkannt. Sie versucht nun unter der Ägide der Vereinten Nationen (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) die Zusammenarbeit zu institutionalisieren. Ob diese Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden, wird sich zeigen - notwendig und wünschenswert wäre es jedenfalls.

Autor: Oberst Horst Malat, Jahrgang 1944. Nach der Offiziersausbildung Ausmusterung zum Panzerbataillon 10; Verwendungen als Zugskommandant, Stabsmitglied und Kompaniekommandant; 1983 bis 1992 Kommandant des Panzerbataillons 10. Seit 1993 in der Ausbildung A (nun im BMLV/Führungsstab/Führungsgrundgebiet 7) tätig.

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Anhang:

Verhaltenskodex für das Internationale Rote Kreuz, den Internationalen Roten Halbmond und die zivilen Hilfsorganisationen bei der humanitären Hilfeleistung

Die Humanitäre Notwendigkeit steht an der Spitze

Das Recht, humanitäre Hilfe zu leisten und zu empfangen, ist ein fundamentales humanitäres Prinzip, das jedem Bürger in jedem Land zusteht.

Die primäre Motivation unserer Reaktion auf Katastrophen ist es, menschliches Leiden jener zu mindern, die am wenigsten dem Stress widerstehen können, der durch das Unglück ausgelöst wurde.

Wenn wir helfen, dann ist das kein parteilicher oder politischer Akt und sollte auch nicht als solcher gesehen werden.

Hilfe wird geleistet ohne Rücksicht auf Rasse, Glauben oder Nationalität der Empfänger und ohne Unterschiede, Prioritäten werden auf der Basis der Bedürfnisse gesetzt

Wann immer möglich, begründen wir die Bereitstellung unserer Hilfe auf die gründlich erhobenen Bedürfnisse der Opfer und der lokalen Kapazitäten, um die Bedürfnisse zu befriedigen.

Menschliches Leiden muss gelindert werden, wo immer es vorgefunden wird, Leben ist kostbar, wo immer es auch ist.

Wir anerkennen die entscheidende Rolle der Frauen in einem von einer Katastrophe betroffenen Land und werden besonders ihre Unterstützung sicherstellen.

Hilfe darf nicht einen bestimmten politischen oder religiösen Standpunkt fördern

Die Non Governmental Humanitarian Agencies (NGHA) leisten Hilfe nur nach den Bedürfnissen der Einzelnen, Familien oder Gemeinschaften. Nichtsdestoweniger haben wir NGHA das Recht, für bestimmte politische oder religiöse Meinungen einzutreten, wir versichern aber, dass unsere Hilfe nicht davon abhängt, dass die Empfänger unsere Ansichten teilen.

Wir werden uns bemühen, nicht als Instrument der Außenpolitik einer Regierung zu agieren

NGHA agieren unabhängig von Regierungen. Wir formulieren deshalb unsere eigene Politik und unsere eigenen Strategien und versuchen nicht, die Politik irgendeines Landes einzuführen, außer sie deckt sich mit unserer unabhängigen Politik.

Wir werden es uns und unseren Mitarbeitern nicht erlauben, weder wissentlich noch unwissentlich benutzt zu werden, Informationen von politischer, militärischer oder ökonomischer Sensibilität für Regierungen oder andere zu sammeln, die einem anderen als einem humanitären Zweck dienen, und werden auch nicht als Instrument der Außenpolitik von Regierungen von Spenderländern agieren.

Wir werden Kultur und Brauchtum respektieren

Wir werden versuchen, unsere Hilfe auf lokale Kapazitäten aufzubauen

Alle Völker und Gemeinschaften besitzen - auch im Katastrophenfall - Kapazitäten genauso wie Bedürfnisse. Wann immer möglich, werden wir diese Kapazitäten durch Beschäftigung örtlicher Mitarbeiter, durch Beschaffung aus dem Land und durch Handel mit lokalen Gesellschaften fördern. Wo immer möglich, werden wir unsere Hilfe durch örtliche Organisationen leisten, als Partner in Planung und Durchführung und mit den örtlichen Behörden soweit wie möglich zusammenarbeiten.

Wir werden Wege finden, jene, die von unserer Hilfe profitieren, in das Management der Hilfe einzubeziehen

Effektive Hilfe und Wiederaufbau können am besten erreicht werden, wenn die Hilfeempfänger in die Festlegung, Steuerung und Durchführung der Hilfe eingebunden werden. Wir werden uns daher um die volle Mitwirkung der betroffenen Gemeinschaften bemühen.

Hilfe soll sowohl unmittelbar Grundbedürfnisse decken als auch die Anfälligkeit auf kommende Unglücksfälle herabsetzen

Wir werden versuchen, solche Programme durchzuführen, welche die Anfälligkeit der Betroffenen gegenüber künftigen Katastrophen vermindern und ihnen helfen, lebenswerte Umstände zu schaffen. Wir werden auch versuchen, negative Einflüsse und die Abhängigkeit der Bedürftigen auf Hilfe von außen zu vermindern.

Wir glauben, dass man auf uns bauen kann, sowohl jene, denen wir Hilfe leisten, als auch jene, von denen wir Mittel annehmen

Wir agieren als institutionalisiertes Bindeglied in der Partnerschaft zwischen denen, die helfen wollen, und jenen, die Hilfe brauchen.

Unser Umgang mit Spendern und Spendenempfängern spiegelt unsere Haltung von Offenheit und Transparenz wider.

Wir anerkennen die Verpflichtung, die Hilfeleistung entsprechend zu überwachen, und überprüfen regelmäßig deren Wirkung.

In unseren Informations-, Öffentlichkeits- und Werbeaktivitäten behandeln wir die Opfer von Katastrophen als würdige Menschen und nicht als Objekte ohne Hoffnung

Respekt vor den Opfern als gleichberechtigte Partner darf niemals verloren gehen. Wir werden auch vermeiden, mit anderen Hilfsorganisationen in der Berichterstattung über eine Situation in den Wettstreit zu treten, wenn diese Berichterstattung zum Nachteil für die Hilfe an die Betroffenen oder für die Sicherheit der Betroffenen und unserer Mitarbeiter gereicht.

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Was NGOs an Soldaten "stört" ...

Unterschiede der Unternehmenskultur

Das Personal der NGOs hat meist einen anderen politischen und sozialen Hintergrund als das der anderen Teilnehmer an humanitären Einsätzen. In den späten sechziger Jahren wurde die NGO-Bewegung "radikalisiert", und viele ihrer Mitarbeiter sehen sich auch heute noch als Alternative zum Establishment. Viele haben daher einen zwiespältigen Zugang zu militärischen Kräften als Partner. Uniformen und Waffen sind in ihren Augen Symbole reaktionärer Kräfte, und es ist für sie schwer zu akzeptieren, dass Soldaten genauso idealistisch und aufgeklärt sein können wie sie. Andererseits schätzen sie die logistischen Fähigkeiten, den Mut und das Durchhaltevermögen der Soldaten und haben Ehrfurcht vor vielen ihrer technischen Kapazitäten und Fähigkeiten. Die Meinung der NGOs über die Soldaten ist daher geprägt von einer Mischung aus Faszination und Widerstand.

Unsensibles, technisch unangemessenes Vorgehen

NGOs kritisieren die militärischen Stäbe häufig als unsensibel und, vor allem über lokale Besonderheiten schlecht informiert. Alles, was über die militärischen Aufgaben der Bewachung und des Transportes hinausgeht, wird als Verantwortungsbereich der NGOs angesehen. Sie meinen, dass der militärische "Hammer" für die oft nur kleinen "harten Nüsse" einer Notsituation ungeeignet ist. Diese Kritik richtet sich besonders gegen militärische Bestrebungen des Wiederaufbaus der zivilen Gesellschaft nach Krisen wie in Somalia und Kambodscha, aber auch gegen militärische Bemühungen bei der Lebensmittelverteilung und der medizinischen Nothilfe.

Militär ist zu teuer

Zu den Hauptkritikpunkten zählen hier die relativ hohen Kosten der militärischen humanitären Interventionen, verglichen mit den Kosten der NGOs.

Gewollte Distanz zu Streitkräften

Der Zusammenschluss mit Streitkräften kann zum Verlust der Unparteilichkeit führen. Das hindert NGOs, zu eng mit dem Militär zusammenzuarbeiten. Es gibt in den meisten Friedensunterstützenden Einsätzen einen Zeitpunkt, zu dem Streitkräfte direkt in den Konflikt eingreifen müssen und sich daher bis zu einem gewissen Grad bei der betroffenen Partei unpopulär machen. Etwa wenn nationale Kontingente nicht nach einer UN-Resolution agieren, sondern eigene nationale Interessen verfolgen. Das kann aber den Eindruck erwecken, dass die Truppen Partei ergreifen - und fallweise müssen sie das sogar. In solchen Situationen befürchten NGOs, dass sie durch die enge Bindung an den militärischen Teil der Einsatzkräfte an Wirkung, Glaubwürdigkeit und Reputation verlieren könnten. Sie unternehmen dann Anstrengungen, um sich vom Militär zu distanzieren und fordern eine strikte Trennung der humanitären und der politischmilitärischen Belange. Sie halten dies wichtig für ihre Unparteilichkeit und Sicherheit sowie für die Erhaltung der Langzeit-Partnerschaft mit der Bevölkerung des Einsatzlandes.

Politisches Misstrauen

Die NGOs misstrauen den Motiven der militärischen Kontingente. Die vermehrten humanitären Interventionen des Militärs werden als Entwicklung einer zynischen internationalen Realpolitik angesehen: Mächtige Mitglieder der internationalen Gemeinschaft investieren in telegene, öffentlichkeitswirksame Interventionen, anstatt Mittel für langfristige politische Lösungen zu riskieren. Manche NGOs fürchten, dass Friedensunterstützende Operationen nur als einfaches Mittel benutzt werden, eine Situation "einzufrieren", also den Status quo zu erhalten, bis es politisch opportun ist, die Truppen abzuziehen. Auch die rasche Bildung von Staaten und die Durchführung von Wahlen sehen sie nur als Mittel, rasch eine freundlich gestimmte Regierung einzusetzen, ohne die erforderliche langwierige politische und soziale Veränderung in der Gesellschaft herbeizuführen.

Militär als Konkurrenz

Die Beziehungen von Militär und NGOs sind auch durch den Wettbewerbsgedanken gefährdet. Die in den letzten Jahren stark angewachsenen NGOs fürchten, dass die militärischen Kräfte, aber auch andere Organisationen ihnen "die Butter vom Brot nehmen". Die Soldaten nehmen ihnen zwar nicht die tägliche Routinearbeit ab, aber sie übernehmen mehr und mehr Anteile an Autorität - und die Führungsrolle bei humanitären Einsätzen in Konfliktzonen. Das Militär ist darüber hinaus nun auch in den Medien präsent und zieht die Aufmerksamkeit und das internationale Interesse auf sich. Das beeinträchtigt natürlich die NGOs, die die Publicity für ihren Einfluss und ihre Geldbeschaffung brauchen.

Zu kurze Einsatzdauer

Ein beträchtlicher Unterschied zwischen Militär und NGOs besteht in ihrer Beurteilung von Zeit und Erfolg. Viele NGOs haben langfristige Verpflichtungen und Investitionen in den Einsatzländern. Die Erhaltung von Kontakten, Glaubwürdigkeit, Reputation, Mitarbeitern und Infrastruktur ist daher für sie lebenswichtig. NGOs fürchten daher, dass seitens des Militärs Friedensunterstützende Operationen nur aus der kurzfristigen Sicht gemanagt werden, rasch (militärische) Ziele zu erreichen, koste es, was es wolle.

Was geschieht nach dem Einsatz?

Viele NGOs fürchten, dass das Militär mehr am Ziel einer Mission interessiert ist, als am Prozess, der mit der Mission ausgelöst werden soll. Diese Konzentration auf die Beendigung des Einsatzes um jeden Preis beunruhigt die NGOs, die mit den Konsequenzen des militärischen Ansatzes zu leben haben, der oftmals kulturell, sozial und politisch für die örtlichen Gemeinschaften scheinbar unakzeptabel ist.

... und was Soldaten an NGOs "stört"

Unterschiede in der Medienarbeit

Die Soldaten erkennen zwar die Wichtigkeit der humanitären Arbeit der NGOs an, beschreiben sie als beachtlich, notwendig und professionell, sind aber häufig über die "theatralische" Art der NGOs irritiert. Militärs können diese Art des medialen Lobbyismus der NGOs nicht mit ihrem Berufsethos vereinbaren. Denn NGOs sehen Publicity und Medien als (notwendige) Mittel der Selbstdarstellung. Im Gegensatz dazu haben die Militärs aufgrund ihrer Ausbildung für militärische Kampfeinsätze eine Tradition der Geheimhaltung. Sie sind aus Selbstschutzgründen der Ansicht, dass die Medien nicht alles erfahren müssen. Dies hat sich zwar in den letzten Jahren geändert, es sind aber noch immer gewisse Ressentiments in manchen nationalen Streitkräften verblieben.

Unterschiedlicher Führungsstil

Der unabhängige und konsultative Führungsstil der NGOs erscheint extrem verwirrend für Soldaten, die straffe Kommandostrukturen, Organisationen, Hierarchien und Abläufe gewohnt sind. Manchmal scheinen NGOs desorganisiert, aber der scheinbare Wirrwarr ist oftmals Teil ihres operativen Stils. Er gibt manchen NGOs ihre Organisationskultur, ist ein Teil ihrer Stärke und Flexibilität und gibt den Leuten das Gefühl, dass sie darauf bauen können.

Fehlende operative Verlässlichkeit

Die Aktivitäten mancher NGOs beeinträchtigen die Aufgabe und die Sicherheit militärischer Einheiten in Konfliktzonen. Militärische Führer haben oft guten Grund, besorgt zu sein, dass die unkoordinierte NGO-Arbeit ihre Truppen in gefährliche Situationen hineinzieht oder plötzlich zusätzliche Mittel erfordert, die sie nicht verfügbar haben. Sie haben das Gefühl, dass NGOs zusätzliche Aufträge schaffen und, indem sie z. B. kurzfristig logistische Unterstützung und Schutz benötigen, eine Krise heraufbeschwören, die es dann zusätzlich zu den ohnedies vorhandenen schwierigen Grundaufträgen zu bewältigen gilt.

Zwiespältigkeit

In vielen Fällen sehen die Soldaten die NGOs als zwiespältig, ja geradezu als janusköpfig. Manche NGOs kritisieren die Soldaten und distanzieren sich von ihnen - um dann von einem Moment auf den anderen von ihnen Hilfe zu fordern.

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