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Focus: Umfassende Force Protection

Mein vorrangigstes Ziel als Brigadekommandant ist es, allen Soldaten bei ihrer Verabschiedung in den Auslandseinsatz zuversichtlich meine Hand zu geben - mit dem Bewusstsein alles in meiner Macht stehende getan zu haben, um sie mit ruhigem Gewissen in einen Einsatz gehen zu lassen.

In seinem "Three Block War" Konzept hat General Charles Krulak, Offizier der US Marines, schon zu Beginn der neunziger Jahre wesentliche Parameter von Peace Support Operations (PSO) festgehalten und auch den Begriff des "Strategic Corporal" geprägt. Das "Three Block War" Konzept beschreibt die Komplexität von PSO: Konfrontation mit feindlich, neutral und freundlich gesinnten Kräften, fast zeitgleich und auf engstem Raum. Dies inkludiert umfassende Rules of Engagement (ROE), die die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur schadlos halten sollen. Das Synonym "Strategic Corporal" streicht dabei die Bedeutsamkeit der Kommandanten der unteren taktischen Führungsebenen (KpKdten, ZgKdten- und GrpKdten) hervor. So eskortieren sie beispielsweise gerade einen Konvoi von Hilfsgütern, sind plötzlich mit einer aggressiven Menschenmenge konfrontiert, deren Ziel es ist, der Hilfsgüter habhaft zu werden, fahren wenig später in einen Hinterhalt, ausgelöst durch Improvised Explosive Devices (IEDs) sowie Scharfschützen und finden sich dabei in einer Combat Situation wieder.

Die größte Herausforderung für alle Soldaten ist dabei das rasche Umschalten zwischen diesen Situationen und unterschiedlichsten Bedrohungen, angepasstes eigenes Verhalten und angemessene Reaktion. Dies geht weit über das "normale" soldatische Verhalten hinaus und bedarf einer besonderen Ausbildung, wie sie beispielsweise bei der "Invitex Pacemaker 2007" und der "Pacemaker 2008" im multinationalen Kontext umgesetzt werden konnte.

Dieses "rasche Umschalten" erfordert jedoch eine gut fundierte Ausbildung in den Einsatzarten Sicherung, Angriff, Verteidigung und Verzögerung. Darauf aufbauend müssen zusätzliche Szenarien wie "Escorting", "Cordon & Search" sowie "Crowd and Riot Control" trainiert werden. Es sind oft die untersten Führungsebenen, Kompaniekommandanten, Zugskommandanten und Gruppenkommandanten, deren Entscheidungen und Reaktionen Auswirkungen bis auf die oberste strategische Ebene haben können. In diesem Zusammenhang warne ich, nicht einem gefährlichen Gedankenspiel zu unterliegen und Erfahrungen aus eigenen Einsätzen plötzlich zur Norm zu machen. Mehrmals hörte ich bereits: "… im Kosovo machen wir das auch so …", dabei vergessend, dass der dritte Block des zuvor beschriebenen Konzeptes, nämlich die Combat Situation, die auch explizit in den zuvor angeführten Fähigkeiten aufgeführt ist, ignoriert wird. Worin liegt die Gefahr? Im Fokussieren auf die "Soft Skills", den scheinbar weniger gefährlichen Situationen innerhalb von PSO, überdecken wir die natürlichen soldatischen Reflexe und Instinkte, die da beispielsweise lauten: sich zu decken, sich zu schützen, sich zu sichern und Abstände zu halten. Daher soll die "innere Spannung" und die "Aufmerksamkeit" des Soldaten im Rahmen einer umfassenden Force Protection wieder angehoben werden.

Was verstehe ich unter "umfassender Force Protection"? Sie besteht aus drei Schlüsselelementen, "Situational Awareness", "Precision Engagement" und "Protection":

"Situational Awareness" ermöglicht dem Soldaten die Bedrohungen um ihn herum rechtzeitig zu erkennen und zu reagieren. Wo befinde ich mich? Wo sind meine Kameraden? Wo sind die Anderen (feindlich/freundlich gesinnt)?". Dies sind dabei die wesentlichen Grundfragen des Soldaten, auf die er unmittelbar eine Antwort zu finden hat. Situational Awareness erlaubt aber auch dem Kommandanten die richtigen Kräfte zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort einsatzbereit zu haben.

"Precision Engagement" lässt den Soldaten situationsangepasst und angemessen im ganzen Spektrum von "Smiling to Shooting" reagieren. Dies muss auch den Einsatz "Nicht-Tödlicher-Mittel" umfassen, die dem Soldaten mehr Zeit zum Unterscheiden zwischen freundlich/feindlich gesinnten Kräften geben und ihm eine graduellansteigende Reaktion ermöglichen, um damit die Spirale von "Gewalt" und "Gegengewalt" zu unterbrechen.

"Protection" umfasst das Verhalten des Soldaten (z. B.: tarnen, decken, sichern, Abstände halten), seine persönliche Schutzausrüstung (z. B.: Splitter-/Kugelschutzweste, CRC Ausrüstung), den Panzerschutz von Fahrzeugen, aber auch eine state of the art-gerechte und unseren westlichen Standards entsprechende sanitätsdienstliche Versorgung sowie ROE auf einer fundierten gesetzlichen Basis. Alle diese drei Elemente müssen durch gewissenhafte Ausbildung unserer Soldaten in allen möglichen Szenarien, im verbauten Gebiet und bei Nacht ständig trainiert werden. So konnten beispielsweise bei den Engländern die Verluste, verursacht durch IEDs, durch intensive Ausbildung um 50 Prozent vermindert werden.

Daher richte ich abschließend einen Appell an die Kommandanten aller Ebenen und ihre Stabsmitglieder: Sie tragen die Verantwortung für das Leben der Ihnen anvertrauten Soldaten - behüten Sie daher dieses höchste Gut - nach Ihrem besten Wissen und Gewissen!

Autor: Brigadier Mag. Thomas Starlinger

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