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902 Wochen und ein Tag (II)

Der Assistenzeinsatz zur Grenzraumüberwachung (1990 - 2007)

In diesem längsten und personalintensivsten Inlandseinsatz österreichischer Soldaten - er erstreckte sich immerhin über ein Drittel der bisherigen "Lebenszeit" des Bundesheeres der Zweiten Republik - spielten auch die Logistik und die Infrastruktur eine entscheidende Rolle.

Verbindung

In den ersten elf Jahren des Assistenzeinsatzes zur Grenzraumüberwachung erfolgte die Verbindung von den Zügen zu den Gruppen bzw. Trupps mit Handfunksprechgeräten TFF-21-0 und von den Zügen zur Kompanie bzw. zum Assistenzkommando mit Tornisterfunksprechgeräten AN/PRC-77 bzw. Funksprechsätzen KFF-19-0. Im Jahr 2002 wurden alle diese Geräte durch Handfunkgeräte TFF-41-0 ersetzt. Eine Übersicht der im Assistenzeinsatz zur Grenzraumüberwachung (AssE/GRÜ) verwendeten Verbindungsmittel, die u. a. auch die Größenordnung des Fernmeldeeinsatzes zeigt, befindet sich auf der nächsten Doppelseite links.

Mit dem TFF-41-0 erhielten die Assistenzkräfte erstmals ein Funkgerät mit Sprachverschlüsselung. Das unterband ein Mithören durch nicht autorisierte Personen. Das Gerät entsprach dem damaligen Stand der Technik und erleichterte die Durchführung des Funksprechverkehres erheblich.

Infrastruktur und Unterkünfte

Die Nutzung der bundesheereigenen Infrastruktur war schon 1990 nicht uneingeschränkt möglich, waren doch damals alle Kasernen mit Truppen belegt. Daher konnten die Kasernen nur für vorübergehende Einquartierungen, Formierungen und zur Sicherstellung der Anschlussversorgung genutzt werden. Darüber hinaus war, nicht zuletzt um den taktischen Anforderungen zu entsprechen, eine zentrale und gleichzeitig grenznahe Lage der Zugs-, Kompanie- und Assistenzkommanden sowie der Versorgungseinrichtungen gefordert. Das Bundesheer musste daher auf zivile Infrastruktur zurückgreifen, obwohl die zivilen Unterkünfte oft nicht einmal annähernd den Erfordernissen entsprachen und - bedingt durch die Kurzfristigkeit der Verträge - die Mietkosten anfänglich immens hoch waren (Kadersoldaten wurden in Fremdenzimmern von Gasthöfen und Pensionen einquartiert, Rekruten in angemieteten Massenquartieren).

Die geschlossene Unterbringung der Züge in einem Objekt gelang nur in wenigen Fällen. Vielerorts fehlte es an ausreichenden Sanitäranlagen, teilweise stand für die Körperpflege kein Warmwasser zur Verfügung. Auch waren viele Unterkünfte nicht ausreichend beheizbar. Die Instandsetzung von Fahrzeugen und der Betrieb der Feldküchen erfolgten im Winter 1990/91 unter Flugdächern im Freien. Baurechtliche, feuerpolizeiliche und sonstige sicherheitsrelevante Bestimmungen waren kaum oder nicht einhaltbar. Aufgrund dieser, den Soldaten unzumutbaren Zustände und mit der sich abzeichnenden Längerfristigkeit des Einsatzes begann das Militärkommando Burgenland (MilKdoB) die Infrastruktur zu verbessern und diese zentral zu verwalten.

Die Assistenzkommanden organisierten nur mehr die Unterkünfte für die Vorkommanden, welche grundsätzlich in militärischen Liegenschaften untergebracht wurden. Für die Erkundungen und Vertragsabschlüsse der Aufstellungsplätze für Beobachtungsstände und Zelte waren hingegen die Einheitskommandanten verantwortlich.

Ziel war es, die Züge und Kompanien jeweils geschlossen, grenznah und im jeweiligen Einsatzraum unterzubringen. Der Mindestraumbedarf je Zugs- bzw. Kompaniekommando betrug ca. 500 m² Nutzfläche für die Gefechtsstands-, Schlaf-, Aufenthalts-, Sanitär- und Ruheräume, zusätzlich zwei Lagerräume mit ca. 40 m² und eine Abstellfläche von etwa 200 m².

Die Raumaufteilung sollte die Unterbringung in mehreren Schlafräumen ermöglichen. Aufgrund des Dienstbetriebes sollte zumindest jede Gruppe einen eigenen Schlafraum haben und dieser musste - wegen des Ruhebedarfs auch tagsüber - vom Arbeits- und Aufenthaltsbereich getrennt sein. Der Einsatz weiblicher Soldaten an der Grenze machte zusätzliche Räume, Neuaufteilungen der verfügbaren Räume und die Errichtung weiterer Sanitäranlagen erforderlich.

Die notwendigen Adaptierungen wurden durch Pioniere durchgeführt. Für die Neuerrichtung von Objekten bzw. erforderliche Anpassungen wurden jährlich Beträge zwischen 100 000 und einer Million Euro aufgewendet. Darüber hinaus erforderte die Erhaltung der Infrastruktur jährlich ungefähr 100 000 Euro, wobei die Kosten der Instandhaltung für angemietete Objekte zum Teil durch die Vermieter zu tragen waren. Der jährliche Gesamtaufwand an Mieten und Betriebskosten betrug ca. 2,4 Millionen Euro. Diese auf den ersten Blick gewaltig anmutende Summe entsprach etwa (günstigen) 3,50 Euro pro Soldat und Tag.

In enger Zusammenarbeit zwischen dem Militärkommando Burgenland und dem Heeres-Bau- und Vermessungsamt entstanden 1994 die ersten Containercamps zur Unterbringung von Assistenzsoldaten in Deutsch Jahrndorf und Rattersdorf. Diesen folgten 1997 das Containercamp in Punitz für die Hubschrauberbesatzung und im Jahr 2001 Camps für die Assistenzzüge in Baumgarten und Schandorf.

Im Laufe der Jahre waren die Soldaten, Gefechtsstände, Pferde, Lager und Hubschrauber in über 120 (mit Masse zivilen) Objekten an 75 Orten des Einsatzraumes untergebracht.

Unterstände und Hochstände

Die Soldaten waren bei ihrem Dienst unmittelbar an der Staatsgrenze und abseits jeder Infrastruktur jeder Witterung ausgesetzt. Um sich einigermaßen gegen Wind, Regen, Schnee und eisige Kälte zu schützen, errichteten sie Behelfszelte. Gruppenzelte wurden ebenfalls aufgestellt und auch kleine Hütten (die so genannten Hochfilzenhütten) - mit einer Bodenfläche von kaum einem Quadratmeter - dienten als erster tauglicher Wetterschutz.

Eine Grundfläche von vier Quadratmetern hatten die mit einem Holzofen beheizbaren Zollwachhütten, welche die Soldaten schon wenige Wochen nach Beginn des Einsatzes benützen durften. Diese Hütten wurden in späteren Jahren vom Österreichischen Bundesheer übernommen (121 im Burgenland und 25 in Niederösterreich).

Damit die Soldaten, vor allem in den Ebenen des Weinviertels oder im Burgenland, möglichst weit in das Gelände hinein beobachten konnten, bediente man sich anfänglich höher gelegener, ziviler Übersichtspunkte (wie z. B. Getreidesilos). Dies wurde jedoch in weiterer Folge verboten, nicht zuletzt aus Gründen der Sicherheit. Die Beobachtung erfolgte somit nur mehr von den durch das Österreichische Bundesheer errichteten Hochständen.

Für den Bau und das Aufstellen eines Hochstandes aus Holz benötigte eine Pioniergruppe etwa eineinhalb Wochen. Die Materialkosten hiefür betrugen ca. 3 500 Euro. Mit Ende des Einsatzes im Dezember 2007 befanden sich folgende 204 Unter- und Hochstände im Bestand des Österreichischen Bundesheeres: drei Beobachtungscontainer, 146 Zollwachhütten, zwei Hochstände aus Metall und 53 Hochstände aus Holz.

Wirtschaftsgerät

Zu Beginn des Assistenzeinsatzes standen kaum genug Betten, Matratzen, Spinde, Schreibtische und Sessel zur Verfügung. Vielfach musste auf ausgeschiedenes, altes und beschädigtes Gerät zurückgegriffen werden. Nach der Schließung einiger Kasernen im Bundesgebiet konnten deren Einrichtungsgegenstände verwendet werden. Das verbesserte die unbefriedigende Ausgangssituation. Die Infrastruktur der Gefechtsstände und Unterkünfte wurde ständig verbessert und erreichte bald einen Standard, der dem der Kasernen zumindest ebenbürtig war oder diesen in Teilbereichen sogar übertraf.

Ausrüstung und Bekleidung

Zusätzlich zu den generell ausgefassten Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenständen erhielt jeder Soldat im Assistenzeinsatz noch eine Garnitur Bettwäsche, ein weiteres Feldhemd und in der kalten Jahreszeit eine Unterziehhaube und eine Schutzbrille. Es war untersagt, darüber hinaus irgendwelche anderen Bekleidungsstücke zu verwenden.

Selbst Truppen, die mit speziellen Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenständen, wie beispielsweise der Alpinschutzbekleidung, ausgestattet waren, erhielten erst nach massiven Interventionen der Personalvertretung die Erlaubnis, diese Schutzbekleidung im Assistenzeinsatz zu verwenden.

Außer bei sportlicher Betätigung war für die Soldaten auch in der Zeit ohne geplante dienstliche Inanspruchnahme das Tragen der Uniform angeordnet. Das sollte der Zivilbevölkerung eine möglichst hohe Bundesheerpräsenz im Einsatzraum vermitteln.

Die Reinigung der Wäsche erfolgte durch private Wäschereien. Die Soldaten konnten hiefür zweimal pro Woche ihre Schmutzwäsche in einem beschrifteten Wäschesack abgeben. Diese Art der personenbezogenen Reinigung stellte für die Soldaten einen besonderen Komfort dar.

Bei nasser Witterung hatten die Soldaten Probleme, in der Bereitschaftszeit ihre Schuhe trocken zu bekommen. Am Markt hätte es zwar Feldschuhe mit einer atmungsaktiven, wasserdichten Goretexfolie gegeben, nur wurden diese aus Kostengründen nicht beschafft.

Die im Einsatz befindlichen Soldaten waren auch besonders gekennzeichnet, und zwar mit Armschleifen. Je nach Taktik mit einer rot-weiß-roten, um als Grenzraumüberwachungssoldat erkannt zu werden oder mit einer olivgrünen, um verdeckt zu agieren und möglichst nicht erkannt zu werden. (Dafür war jedoch das gefechtsmäßige Verhalten der Soldaten wichtiger als die Farbe der Armschleife.)

Einsatzschäden

An der Behebung der von den Soldaten verursachten Flurschäden wurde zu Einsatzbeginn mit Pionierkräften und heereseigenen Baumaschinen gearbeitet. Aufgrund des Umfanges der Schäden reichte dies auf Dauer jedoch nicht aus. Daher wurden die Schäden finanziell abgegolten. Bis 1994 bezahlte das Bundesministerium für Landesverteidigung dafür, danach das Bundesministerium für Inneres.

Eine eigene Einsatzschadenkommission aus Vertretern des Militärkommandos und des Landespolizeikommandos führte die Abwicklung durch. Die jährlichen Zahlungen an die Geschädigten beliefen sich durchschnittlich auf rund 100 000 Euro.

Lebensmittel und Verbrauchsartikel

Zum Frühstück wurden den Soldaten frisches Gebäck und Getränke zugeführt. Die in der Truppenküche zubereitete warme Mahlzeit (mehrgängiges Menü) erhielten die Grenzschützer als Abendessen. Alle anderen Mahlzeiten mussten sie sich selbst zubereiten. Dafür konnte jeder Zugskommandant täglich anhand einer Liste Lebensmittel anfordern (übrigens in einer Vielfalt, wie sie in kaum einem Privathaushalt zu finden war). Anhand der Lebensmittelkosten wurde der Lebensmittelverbrauch überschlagsweise hochgerechnet: In Summe wurden von den Soldaten über 55 000 Tonnen Lebensmittel aller Art verbraucht. Dass es zur Aufrechterhaltung einer derartigen Organisation auch noch zahlreicher anderer Artikel bedurfte, ist logisch.

Feldpost

Zur Abwicklung der privaten Post waren für die Soldaten Feldpostämter eingerichtet, die auch für die Dienstpost genutzt wurden.

Über jene Poststücke, die über die Feldpostämter ausgegangen sind, gibt es nur mehr über die letzten 21 Monate (April 2006 bis Dezember 2007) genaue Aufzeichnungen. Aus diesen auf den gesamten Einsatz hochgerechnet, wurden demnach ca. 633 000 Briefe (im Durchschnitt wöchentlich ca. 700) und ca. 5 800 Pakete (im Durchschnitt wöchentlich ca. sieben) versandt.

Kosten

Landläufig wird behauptet: "Was nichts kostet, ist nichts wert!" Der Assistenzeinsatz hat hochgerechnet ca. 661,4 Millionen Euro gekostet.

Und nun gilt "Schengen"

Am 20. Dezember 2007 fand im Beisein höchster Würdenträger, an deren Spitze der Bundespräsident, in der Siegendorfer Puszta die letzte Weihnachtsfeier für die Assistenzsoldaten statt. Nach 6 315 Tagen ging der für österreichische Soldaten in der Geschichte Österreichs einmalige Einsatz zu Ende.

Mit dem folgenden Tag wurden die Land- und Seegrenzen in Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn geöffnet. Damit begann ein neuer Einsatz des Österreichischen Bundesheeres unter grundlegend anderen Voraussetzungen, denn der Schengenraum mit seinen 400 Millionen Menschen in 24 Ländern ist "grenzenlos".

Danke!

Ein Danke an all die Soldaten - Kader und Grundwehrdiener - die im Assistenzeinsatz gestanden sind, egal ob freiwillig oder unfreiwillig!

Ein Danke aber auch all den vielen Menschen, die in den über 17 Jahren diese Soldaten uneigennützig und unbürokratisch bei ihren Aufgaben unterstützt oder ihnen den Aufenthalt fern von zu Hause erleichtert haben! "Alle Burgenländerinnen backen für das Bundesheer" und "Grenzschützer mit Familienanschluss" schrieb Peter Zehrer in der Tageszeitung "Die Presse" vom 23. Dezember 1990.

Dass diese "Adoption" der Soldaten nicht mit den Jahren endete, war auch ein Verdienst jener Frauen - von den Soldaten liebevoll die "Körberlfrauen" genannt - die die "Landesverteidiger" über Jahre hinweg zusätzlich mit vielen landesüblichen Leckereien versorgten.

Ein Danke an alle, für die Öffentlichkeit unerkannt gebliebenen Einheimischen, welche die Soldaten einfach einmal auf ein Mittagessen oder zu Kaffee und Kuchen eingeladen haben (siehe auch Kasten links "Die Herzogs"), und die für so manchen Soldaten mit spätpubertären Problemen geduldige Zuhörer und Elternersatz fern von zu Hause gewesen sind.

Ein Danke auch an die Bürgermeister und "Zöllner", die Feuerwehrkommandanten und Gendarmen, Jäger und Grundstückseigner sowie an alle anderen, die erkannt und ihr Verhalten danach ausgerichtet haben, dass die Soldaten nicht zum Selbstzweck an der Grenze standen, sondern einen Auftrag zu erfüllen hatten: einen Auftrag nicht zuletzt zum Wohle der Bevölkerung.


Autor: Oberst Manfred Roth, Jahrgang 1951, Absolvent des Bundesrealgymnasiums (XVIII Lehrzug), Ausmusterung als Infanterieoffizier 1981 zum Landwehrstammregiment 14 nach Kaisersteinbruch, dort Kompaniekommandant, Stabsmitglied und Kommandant des Jägerbataillons 10 (mob). Ab 1992 verschiedene Funktionen im Stab des Militärkommandos Burgenland, Verwendung in der Ausbildungsabteilung des Bundesministeriums für Landesverteidigung. Seit 2003 zugeteilter Generalstabsoffizier im Militärkommando Burgenland.

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