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Die Kriegsfotografie bis zum Zweiten Weltkrieg

Entstehung, Entwicklung, Beispiele

Seit wann gibt es Kriegsfotografie? Dient sie primär nur als Mittel der Illustration oder ist sie auch historisch relevant? Was waren bzw. sind ihre Möglichkeiten, Ziele und Grenzen?

"Die Fotografie ist eine wunderbare Entdeckung, eine Wissenschaft, welche die größten Geister angezogen, eine Kunst, welche die klügsten Denker angeregt - und doch von jedem Dummkopf betrieben werden kann." Mit diesen Worten kommentierte der französische Schriftsteller, Fotograf, Zeichner und Luftschiffer Felix Nadar 1856 das noch relativ neue Medium Fotografie.

Bereits ein Jahr zuvor hatte der Brite Roger Fenton auf der Krim die fotografische Schule der Kriegsfotografie begründet: Die britische Armee hatte Fenton, ein Mitglied der Royal Photographic Society, eingeladen, ihr militärisches Engagement im so genannten Krimkrieg (1854 bis 1856) bildlich zu dokumentieren.

Die Kriegsfotografie wird in diesem Beitrag generell als Form der Reportagefotografie gesehen. Aufklärungsfotos vor einem Angriff, Spionagefotos, eigens produzierte Propagandabilder und ähnliches fallen demnach nicht unter das Genre der Kriegsfotografie im engeren Sinn.

Fenton und der Krimkrieg

Roger Fenton war der erste bedeutende Kriegsfotograf. Leistungsfähige Kameras waren damals relativ groß und massiv. Sie bestanden aus Metall, Holz, Tuchabdeckungen und Glas (für die Linsen und Fotoplatten). Ihre mit Silberjodid beschichteten Glasplatten, auf denen die Negative aufgezeichnet wurden, mussten mehrere Minuten belichtet werden. Dabei durften Kamera - und Motiv - nicht wackeln. Die Kamera konnte deshalb auf keinen Fall in den Händen gehalten werden - man brauchte ein dreibeiniges Stativ von der Größe einer Maschinengewehrlafette. Es war somit technisch unmöglich, bewegte Szenerien zu fotografieren. Fenton beschränkte sich deshalb auf Landschafts- und Etappenaufnahmen sowie auf Portraits der Generalität und (für das Foto posierende) Personengruppen.

Der Sezessionskrieg

Die Kriegsfotografie im amerikanischen Sezessionskrieg (1861 bis 1865) prägen im Vergleich zum Krimkrieg zwei wesentliche Entwicklungsschritte. Obwohl die technischen Voraussetzungen die selben waren wie im Krimkrieg, wurde der Sezessionskrieg erstmals quantitativ umfassend dokumentiert. Während an der Krim einige tausend Fotos angefertigt wurden, sind vom amerikanischen Bürgerkrieg etwa eine Million vorhanden! Als zweite wesentliche Neuerung rückten die Fotografen des Sezessionskrieges, die eine relativ große Bewegungsfreiheit genossen, die Schrecken des Krieges erstmals ins Bild.

Galt für Fenton noch "No dead bodies!", zeigen die Fotos aus dem Sezessionskrieg auch die Schlachtfelder nach dem Ende der Schlacht und brachten damit ein Charakteristikum des Krieges, den Tod, ins Bild.

Der Erste Weltkrieg

Obwohl der Erste Weltkrieg noch kein "moderner Krieg" im Sinne des Kampfes der verbundenen Waffen war, wies er waffentechnisch und organisatorisch bereits viele moderne Merkmale auf.

Der Erste Weltkrieg bildete allerdings in drei Punkten eine Zäsur in der Geschichte der Kriegsfotografie:

  • Die Kriegsparteien wurden sich erstmals der propagandistischen Wirkung und Möglichkeiten von Fotografien bewusst und schufen "systemisierte Dienstposten" zur Bildproduktion.
  • Der Erste Weltkrieg war der erste Konflikt nach der industriellen und wissenschaftlichen Revolution des späten 19. Jahrhunderts. Waffen neuen Typs entstanden in Massenfertigung und die beteiligten Nationen verfügten über Millionenheere.
  • Auch die Zivilbevölkerung spürte die Auswirkungen des Kriegsgeschehens massiv und war direkt oder indirekt in die Kriegsanstrengungen eingebunden.

Glichen die Kriegsfotografien - auch aufgrund der langen Belichtungszeiten und der dafür notwendigen Arrangements der Motive - bisher eher Schlachtengemälden, wenn auch in Schwarz-Weiß bzw. in Braun-Weiß, konnte und wollte man nun die (Kriegs)Wirklichkeit mit technischen Mitteln einfangen. Mit den moderneren, wesentlich leichteren Kameras konnte man die Soldaten und ihre Ausrüstung fotografieren, wie und wo man sie vorfand: Frühe Panzermodelle, Maschinengewehre, Schützengräben und Soldaten mit Gasmasken wurden oftmals ikonengleich (als Symbol statt als Dokumentation; Anm.) dargestellt. Sie zählten zu den fotografischen Leitmotiven des Weltkrieges, des Great War oder wie auch immer der Krieg im jeweiligen Land bezeichnet wurde.

Der Spanische Bürgerkrieg

Der Spanische Bürgerkrieg (1936 bis 1939) war der erste wirklich moderne Krieg. Die Luftstreitkräfte Francos, Hitlers und Mussolinis wurden erstmals nach den Vorstellungen des italienischen Generalstabsoffiziers und Luftkriegstheoretikers Giulio Douhet als Waffengattung strategisch eingesetzt. Auch der Einsatz von Luftstreitkräften zur Luftnahunterstützung/Close Air Support - entwickelt vom United States Marine Corps während der so genannten Bananenkriege der "Zwanzigerjahre" des zwanzigsten Jahrhunderts - erfolgte nun systematisch.

Doch auch die publizistischen und propagandistischen Rahmenbedingungen hatten sich geändert, ebenso die Kameratechnik. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einem unglaublichen Boom auf dem Gebiet des Magazinjournalismus. Der technische Fortschritt ermöglichte z. B. die Massenproduktion und die relativ einfache Vervielfältigung von Fotografien. Die Folge war, dass sich Mitte der "Dreißiger" ein großer Teil der Menschheit mittels illustrierter Magazine über die Vorgänge in der Welt informierte.

Auf dem Gebiet der Kameratechnik hatte der Deutsche Oskar Barnack 1924 die legendäre "Leica" konstruiert, eine Kleinbildkamera, die 35-mm-Filmstreifen verwendete, was einerseits die Kamera klein und handlich machte, andererseits in einer Filmpatrone Platz für 36 Aufnahmen schuf. In Kombination mit neuem, hochempfindlichem Filmmaterial, das kurze Verschlusszeiten und damit das Einfrieren von dynamischen Bewegungsabläufen möglich machte, konnten die Fotografen nun auch Kampfszenen festhalten.

Der Spanische Bürgerkrieg - gewissermaßen ein Stellvertreterkrieg der damals dominierenden revolutionären Ideologien in Europa, des Faschismus und des Kommunismus - stieß weltweit auf großes Interesse. Er war der erste Krieg, der im heutigen Sinne von Scharen professioneller Bildjournalisten gecovert (auf die Titelseiten von Zeitschriften gebracht; Anm.) wurde.

Der Zweite Weltkrieg

Schon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Rahmenbedingungen gegeben, die dazu führten, dass dieser Krieg der bis heute meistfotografierte der Geschichte ist: Auf dem Gebiet des Magazinjournalismus existierte ein riesiger Markt, der nach Bildberichterstattung aus dem Krieg verlangte.

Die politischen, propagandistischen und militärischen Apparate der Teilnehmerstaaten waren sich des Wertes und der Einsatzmöglichkeiten von Fotografien aus dem Krieg bewusst und nutzten diese auch. Die Kriegsfotografen verfügten aufgrund der kameratechnischen Entwicklungen der "Zwanziger-" und "Dreißigerjahre" über Werkzeuge, die es ihnen ermöglichten, sich frei von technischen Beschränkungen zu bewegen. Obwohl die Masse der Kriegsfotos noch Schwarz-Weiß-Aufnahmen waren, kam als neues Element die Farbe dazu.

Kriegsfotos als historische Quellen

Der Spanische Bürgerkrieg hatte die Erwartungen der bildbetrachtenden Öffentlichkeit enorm gesteigert und auch das "visuelle Vokabular" des Genres Kriegsfotografie wurde dort von 1936 bis 1939 definiert.

Kriegsfotografien können aber viel mehr sein als Illustrationen in Zeitschriften. Will sie der Leser/Betrachter als historische Quellen nutzbar machen, ist es aber vonnöten, analog zu schriftlichen Quellen, auf sie eine Quellenkritik anzuwenden.

Zuerst gilt es, Informationen über den Bildautor zu sammeln und diese in der Bildanalyse zu berücksichtigen. Dazu ein plakatives Beispiel: Es macht einen wesentlichen Unterschied aus, ob ein Foto vom Warschauer Aufstand (1944) von einem Mitglied der Polnischen Heimatarmee stammt oder von einem überzeugten Nationalsozialisten aus einer SS-Einheit.

Danach ist das Foto in seinen historischen Kontext einzuordnen, d. h. es geht um das wer, was, wann, wie und wo. Man muss - wie die folgenden Beispiele zeigen - oftmals gar kein Historiker, Militärexperte oder hochrangiger Soldat sein, um das wer, was, wann, wie und wo zu ermitteln. Erst so wird aus einer Illustration ein Dokument, dessen Wert nicht geringer ist als der einer textlichen Quelle.

Exkurs - Robert Capa (1913 bis 1954):

Die Bilder dieses aus Ungarn stammenden Kriegsberichterstatters haben das sprichwörtliche Bild vom Krieg in einer unvergleichlichen Art und Weise geprägt. Als Capa 1941 seine Arbeit als fotografischer Kriegsberichterstatter begann, hatte er bereits eine abenteuerliche Flucht durch Europa hinter sich. Anfang der "Dreißigerjahre" vor dem Horthy-Regime aus Ungarn geflohen, führte ihn sein Weg über Wien nach Berlin, wo er an der renommierten Hochschule für Politik studierte und bei der Agentur Dephot erste fotografische Erfahrungen sammelte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging er nach Paris, wo er 1935 seinen Namen, Endre Friedmann, auf Robert Capa änderte.

Zwischen 1936 und 1939 fotografierte er im Spanischen Bürgerkrieg und erarbeitete sich innerhalb kurzer Zeit den Ruf als Greatest War Photographer in the World. Während er 1940 im Auftrag des LIFE-Magazine in den USA und Mexiko unterwegs war, wurde seine nunmehrige Heimatstadt Paris vom deutschen Blitzkrieg überrollt und Capa blieb in Amerika, bis ihn 1941 sein Engagement als Korrespondent nach London führte. In der Folge fotografierte Capa als ziviler amerikanischer Kriegsberichterstatter die alliierten Feldzüge in Nordafrika, Sizilien, Italien, Nordfrankreich, den Niederlanden und schließlich in Deutschland. Seine Bilder aus El Guettar in Nordafrika, von den Hängen des Monte Cassino, den Stränden der Normandie, aus der belagerten Stadt Bastogne und letztlich vom Reichsparteitagsgelände in Nürnberg bilden die visuelle Referenz der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg.

Glaubt man der Kulturwissenschafterin Ute Daniel "funktioniert das historische Gedächtnis des Menschen in Bildern, nicht in Texten". Ohne die Bilder von Robert Capa wäre unser Gedächtnis an den Zweiten Weltkrieg jedenfalls nur unvollständig.

Capa starb 1954 im Ersten Indochina-Krieg durch eine Minenexplosion.

Beispiel "Omaha Beach":

Die Bilder von der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 erzählen eher eine Geschichte von Chaos, Panik, Tod und Vernichtung als die eines erfolgreichen Landeunternehmens.

Wenden wir nun die im Vorkapitel erwähnte Vorgangsweise darauf an.

Der Fotograf ist Robert Capa (siehe oben), ein ziviler Kriegsberichterstatter der amerikanischen Streitkräfte. Über die Militäraktion gibt dem Betrachter bereits jedes durchschnittliche Lexikon Aufschluss: Das Unternehmen "Overlord", die alliierte Landung an der französischen Normandieküste, war das größte amphibische Landungsunternehmen der Kriegsgeschichte. Ca. 5 000 Kampfschiffe, Kampfunterstützungsschiffe und Landungsboote, unterstützt von 12 000 Flugzeugen, landeten etwa 130 000 Mann an, und eröffneten so die Zweite Front gegen Deutschland.

Bei genauer Betrachtung der Bilder fällt ein Panzer (mit einer weißen 10 am Heckaufbau) auf. Vergleicht man nun diesen Panzer - unter der Lupe - mit Typenblättern, findet man bald heraus, dass es sich dabei um einen Kampfpanzer M-4 "Sherman" mit Watwanne und Schnorchel handelt, einen "Sherman" DD (für Duplex Drive, weil er auch Schiffsschrauben hatte).

Das Schicksal der "Shermans" DD am D-Day ist in zahlreichen leicht zugänglichen Publikationen historischer und waffentechnischer Art sowie im Internet minutiös dokumentiert: 32 von einem Transportschiff ausgesetzte "Shermans" DD sollten das 16th Infantry Regiment unterstützen, das zu den Initial Assault Troops zählte, also zur ersten Welle der Angriffstruppen. Die Schwimmausrüstung der Panzer war aber nur unzureichend getestet worden und nur fünf davon schafften es an den Strand. Die restlichen 27 kenterten, sanken und die meisten Besatzungsmitglieder ertranken.

Der Fotograf muss somit die Initial Assault Troops begleitet haben. Was war nun deren Schicksal? Ein Blick in eine der vielen populärwissenschaftlichen Dokumentationen (Readers Digest, Time Life, Janusz Piekalkiewicz, …) über den "Längsten Tag" gibt Auskunft:

  • Obwohl die alliierte Aufklärung grundsätzlich sehr gute Arbeit geleistet hatte, war ihr die Anwesenheit der deutschen 352. Infanteriedivision im Bereich "Omaha Beach" völlig entgangen. Diese war voll aufgefüllt, voll ausgerüstet und verfügte über gut ausgebildete, kampferprobte Soldaten.
  • Nach dem Beschuss der deutschen Küstenbefestigungen durch die Schiffsartillerie der Alliierten hatten 329 viermotorige Bomber B-24 "Liberator" der 8th U.S. Air Force insgesamt 13 000 Bomben abgeworfen. Aufgrund des schlechten Wetters konnten die Bombenschützen ihre Ziele aber nicht visuell erfassen, sondern mussten den Abwurfzeitpunkt über ihre Navigationsgeräte ermitteln. In Absprache mit General Eisenhower hatte das Kommando der 8th U.S. Air Force angeordnet, die Bomben einige Sekunden nach dem errechneten Abwurfzeitpunkt auszuklinken, um nicht eigene, schon am Strand befindliche Truppen zu treffen. Das gesamte Bombardement ging deshalb im Hinterland nieder und hatte auf die deutschen Verteidiger von "Omaha Beach" keine Wirkung.
  • Von den 32 Kampfpanzern M-4 "Sherman" DD, die die Infanterie unterstützen sollten, hatten nur fünf den Strand erreicht. Auch der Großteil der für "Omaha Beach" vorgesehenen Artillerie und einige Infanterielandungsboote waren aufgrund der widrigen Wetterverhältnisse verlorengegangen.
  • Darüber hinaus landeten - u. a. auch aufgrund des Schlechtwetters - nur wenige Infanteriekompanien exakt dort, wo sie hätten landen sollen. Das vergrößerte das Chaos am Strand.
  • Weil die Initial Assault Troops am Strand keinen gesicherten Brückenkopf bilden konnten, war es den Sprengexperten unmöglich, die Strandhindernisse zu sprengen. Die Fahrzeuge der Landetruppen konnten deshalb nicht weiterfahren und durch die nachfolgenden Truppen wurde das Chaos am Strand noch größer.
  • Praktisch das gesamte Kommando des angelandeten 16th Infantry Regiment fiel als es an den Strand kam. Das Regiment war dadurch de facto führungslos.
  • Die Folge all dessen waren exorbitante Verluste. (Die Kompanie, bei der sich der Fotograf befand, verlor z. B. zwei Drittel ihres Personals unmittelbar nach der Landung. Viele Soldaten ertranken aufgrund einer Verwundung oder der schweren Ausrüstung in relativ flachem Wasser.)

In diesem Kontext gesehen, sind die Bilder Capas hundertprozentig stimmig. Sie entfalten erst mit diesen Informationen ihre volle Wirkung. Capa, der in den frühen Morgenstunden die erste Welle der Initial Assault Troops begleitete, schuf mit seinen beiden 35-mm-Contax II-Kameras Fotos, die bis heute zu den Klassikern des Genres zählen.

Beispiel Notre Dame de Cenilly:

Das Foto bietet auf den ersten Blick nur wenig relevante Information. Man sieht einen Franzosen, der amerikanischen Soldaten auf einem gepanzerten Halbkettenfahrzeug Cidre (Apfelwein) anbietet. Das Bild entstand - so die Original-Bildunterschrift - am 28. Juli 1944 in einem Ort namens Notre Dame de Cenilly. Wie kann man als Betrachter nun den Informationsgehalt steigern?

Zum Beispiel, indem man sich Informationen über das 2 D - 41 . I an der hinteren Stoßstange des gepanzerten Halbkettenfahrzeuges verschafft: Geht man davon aus, dass das keine "Autonummer" darstellt, sondern ein taktisches Zeichen, das Auskunft über die Zugehörigkeit des Fahrzeuges gibt, ist man schon einen großen Schritt weiter.

Selbst in einfachen, weitverbreiteten populärhistorischen Publikationen finden sich die "Markings" der großen amerikanischen Verbände im Zweiten Weltkrieg. Dabei fällt auf: Die Symbole der Mechanisierten Divisionen (Armored Divisions) der U.S. Army sind alle in dreieckiger Form gehalten. Das weist darauf hin, dass der erste Teil des taktischen Zeichens, das 2 D, für die 2nd Armored Division steht. Nun lohnt es sich zu prüfen, welche Verbände dieser unterstellt waren. Aus "Breakout and Pursuit" von Martin Blumenson - aber auch aus anderen Publikationen und aus dem Internet - erfährt man, dass der 2nd Armored Division u. a. ein 41st Armored Infantry Regiment unterstand. Damit ist auch die Zahl 41 geklärt.

Nun sollte man sich aber etwas intensiver mit der Tradition der Benennung amerikanischer Einheiten befassen, denn hier droht eine Falle: Die Kompanien der amerikanischen Regimenter wurden durchlaufend mit Buchstaben bezeichnet, egal, welchem Bataillon sie angehörten. Bestand ein Regiment z. B. aus neun Kompanien, so hießen diese "A(ble) Company" bis "I(da) Company". Das I ist demnach keine Römische Eins (z. B. für "First Battalion"), sondern der Buchstabe I für die neunte Kompanie des Regimentes, die "Ida Company". Das Bild zeigt folglich ein Fahrzeug und Personen der neunten Kompanie ("Ida Company") des 41st Armored Infantry Regiment der 2nd Armored Division.

Mit dieser Information, kombiniert mit dem Aufnahmedatum und dem Aufnahmeort, kann man den historischen Kontext bereits relativ genau rekonstruieren: Nach dem Durchbruch der 1st U.S. Army durch die deutschen Stellungen am 27. Juli 1944 im Zuge der Operation "COBRA" stieß die 2nd Armored Division nach Südwesten vor, um an der Straße zwischen Tessy sur Vire und Cerences sechs Ortschaften einzunehmen. Eine Kampfgruppe der 2nd Armored Division, zu der - das beweist das Foto - auch Teile des 41st Armored Infantry Regiment gehörten, hatte den Auftrag, die drei westlichen Ortschaften an dieser Linie zu erobern und erreichte offenbar auf dem Weg dorthin am 28. Juli Notre Dame de Cenilly.

Beispiel Leipzig, 18. April 1945:

Ein bewaffneter amerikanischer Soldat, dem Verbandsabzeichen am Oberarm nach ein Angehöriger der 2nd Infantry Division, tritt nach einem offensichtlich waffenlosen deutschen Soldaten. Betrachtet man das Bild als Einzelfoto, scheint es ein geradezu klassisches Dokument für die Misshandlung eines Gefangenen zu sein. (Aus diesem Grund wurde es vermutlich von der amerikanischen Militärzensur damals nicht zur Veröffentlichung freigegeben.) Die "ganze Geschichte" zeigt sich allerdings erst im Konnex mit den anderen Bildern dieser Bildserie Capas vom 18. April 1945:

Das erste Bild zeigt einen toten amerikanischen Soldaten in der Balkontüre einer Leipziger Wohnung. Von seinem Kopf aus breitet sich eine Blutlache aus. Auf dem Balkon liegt der Munitionskasten eines Maschinengewehrs.

Im Folgebild sieht man drei weitere amerikanische Soldaten, zwei davon suchen offenbar im Raum Deckung, der dritte steht gebückt auf dem Balkon. Der tote Soldat war anscheinend der Maschinengewehrschütze, der seinen auf einer Straße im Zentrum von Leipzig vorgehenden Kameraden Feuerschutz geben sollte. Dabei wurde er ein Opfer deutscher Schützen (Scharfschützen?). Diese wollen sich kurz danach ergeben und laufen aus ihrer Deckung auf die Kamera zu. Ein amerikanischer Soldat tritt ihnen mit aufgepflanztem Bajonett entgegen, holt gegen sie aus und tritt mit dem Fuß nach dem letzten auftauchenden Deutschen.

Die in der Normandie angelandete 2nd Infantry Division hatte nach der Landung an den alliierten Feldzügen in der Normandie, in Nordfrankreich, dem Rheinland, den Ardennen und in Mitteleuropa teilgenommen. Am 18. April 1945 marschierte sie in Leipzig ein und stieß bei den Brücken über die Weiße Elster auf starken Widerstand durch Volkssturmeinheiten, durchsetzt mit regulären Truppen.

Mitte April 1945 war jedem Soldaten der 2nd Infantry Division klar, dass der Krieg gewonnen war. Die deutsche Kapitulation war nur noch eine Frage der Zeit. In diesen letzten Tagen des Krieges empfanden die Soldaten den Tod jedes Kameraden als doppelt sinnlos. Das macht die Handlung des amerikanischen Soldaten nachvollziehbar.

Das Bild zeigt jedenfalls nicht - wie es auf den ersten Blick den Anschein hat - die Misshandlung Gefangener, sondern die Gefangennahme von Soldaten, die anscheinend gerade zuvor einen Kameraden des Gefangennehmers erschossen hatten. Das ist jedoch nur im Konnex mit anderen Aufnahmen erkennbar. Daher Vorsicht bei Einzelbildern!

Auf einen Blick

Kriegsfotos erzählen Geschichten - und Geschichte. Jedes Foto für sich mag gut oder schlecht, erschreckend, bestürzend, plakativ oder informativ sein. Seine ganze Geschichte entfaltet sich erst

  • mit der Information über den Fotografen,
  • nach der Ermittlung des wer, was, wann, wie und wo,
  • im Zusammenhang mit eventuell davor und danach geschossenen Bildern und
  • mit dem Wissen um den historischen Kontext.

Sollten Sie alte Kriegsfotos besitzen, versuchen Sie es doch ruhig einmal selbst! Sie werden überrascht sein, was Sie alles herausfinden werden.


Autor: Mag. Marco Robert Büchl, Jahrgang 1977. Ab 1992 Ausbildung zum Möbeltischler; 1997 Grundwehrdienst in der Aufklärungskompanie/Stabsbataillon 4 (Kirchdorf an der Krems); 1999 Ablegung der Studienberechtigungsprüfung; 2000 bis 2008 Studium Geschichte/Politikwissenschaft; 2008 Diplomprüfung aus Geschichte. 2006/07 Auslandseinsatz bei KFOR als Bildberichterstatter im HQ der Multinational Task Force South in Prizren, Kosovo.

Der Beitrag ist ein für TRUPPENDIENST bearbeiteter Auszug aus der Monographie Shooting War - Kriegsbilder als Bildquellen. Der Zweite Weltkrieg aus Sicht der US - Kriegsphotographie (Tectum Verlag, Marburg 2009) bzw. der Diplomarbeit des Autors Kriegsphotographien als historisches Quellenmaterial als Basis dieser Monographie.

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