Wie stellt sich der derzeitige Verlauf der russischen Sommeroffensive dar?
Die Sommeroffensive der russischen Streitkräfte bleibt auch dieses Jahr hinter den Erwartungen zurück. Der umfassende Drohneneinsatz beider Seiten lässt vor allem dem Angreifer kaum Bewegungsmöglichkeiten. Es gibt keine echte Frontlinie, sondern nur eine von Drohnen beherrschte, 50 km breite „Grau- bzw. Todeszone“, die sich entlang der Front zieht.
Russland behauptet, seine Streitkräfte hätten in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 über 2.200 km² – nahezu die fünffache Fläche von Wien – in den Regionen Sumy und Charkiw sowie in den Oblasten Saporischschja und Donezk erobert. Die Ukraine nimmt für sich in Anspruch, bis Mitte 2026 745 km², darunter 26 Ortschaften in den Oblasten Saporischschja, Donezk und Dnipropetrowsk, zurückerobert zu haben.
Das Schwergewicht der russischen Angriffe ist nach wie vor das Zentrum der Front im Donbass. Hier versuchen die Russen, den ukrainischen Festungsgürtel bei Kramatorsk und Slowjansk von zwei Seiten anzugreifen: im Norden bei Lyman sowie im Süden bei Kostiantynivka. Letztere Stadt ist zu ca. 50 % unter russischer Kontrolle. Zu diesem Zangenangriff kommt der Versuch einer tiefen russischen Umfassung über Dobropilla westlich von Kostiantynivka. Hinzu kommen unterstützende Angriffe im Norden bei Sumy und Charkiw sowie im Süden bei Saporischschja und Orichiv.
Die Russen machen im Donbass nur langsam Fortschritte, sie gehen aber methodisch vor: Artillerie-, Gleitbomben- und Angriffsdrohneneinsätze, gefolgt von Vorstößen kleiner Stoßtrupps. So rücken sie langsam, aber stetig vor.
Können russische Truppen den ukrainischen Festungsgürtel mittelfristig in Besitz nehmen?
Die alles entscheidende Fähigkeit, die den Kampf um den ukrainischen Festungsgürtel bei Kramatorsk und Slowjansk bestimmt, ist die Versorgung der Verteidiger in diesen Städten. Gelingt es den russischen Angreifern, die wichtigen Nachschublinien in die Städte zu unterbrechen, können die ukrainischen Verteidiger nur mehr begrenzt durchhalten.
Bereits jetzt wird die Versorgung der ukrainischen Verteidiger zum größten Teil über schwere Multicopter-Drohnen und unbemannte Bodensysteme durchgeführt. Jede motorisierte oder mechanisierte Bewegung ist in der „Grau- bzw. Todeszone“ unmöglich geworden. Die Russen machen gezielt Jagd auf jedes Fahrzeug und versuchen zusätzlich zu verhindern, dass die Ukrainer ihre Soldaten verstärken oder rotieren können.
Hinzu kommen die zermürbenden Artillerie-, Gleitbomben- und Angriffsdrohnenangriffe auf die Verteidigungsstellungen. Bei Druzhkivka und Dobropilla allein werden täglich jeweils zwischen 1.000 und 1.500 russische Drohnenangriffe gemeldet. Sollte es den Ukrainern nicht gelingen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, wird der Festungsgürtel fallen. In der umkämpften Stadt Kostiantynivka und ostwärts von Slowjansk wird der russische Druck immer stärker. Den ukrainischen Verteidigern gelingt es nur schwer, die permanenten Angriffe und Infiltrationen russischer Stoß- und Sturmtrupps aufzuhalten.
Ist zu erwarten, dass der russische Präsident Putin nach der Einnahme des Donbass zu einem Waffenstillstand bereit ist?
Putin wird seine operativen Kriegsziele an der Front in der Ukraine in Abhängigkeit vom Zustand der ukrainischen Verteidiger kürzer oder weiter setzen. Die Ukraine konnte im Sommer durch den Einsatz von Mittel- und Langstreckendrohnen auf operativer und strategischer Ebene die Initiative an sich ziehen. Russland erleidet seit dem Frühjahr schwere Schläge, konnte diese aber bis jetzt kompensieren.
Durch den vermehrten Einsatz von Drohnen, die von Jettriebwerken angetrieben werden, sowie durch den erhöhten Einsatz von ballistischen Raketen – auch aus nordkoreanischer Produktion – versuchen die Russen, vor dem Winter die Initiative wieder zurückzugewinnen. Sie zielen dabei auf die Achillesferse der Ukraine: den Mangel an Flugabwehrmunition, vor allem vom Typ Patriot.
Der ukrainische Präsident Selensky fordert hier für die nächsten sechs Monate insgesamt 300 Patriot-Abwehrraketen. Selbst diese Zahl ist zu niedrig, denn die Ukraine bräuchte auch zusätzliche Fliegerabwehrbatterien, um sich gegen die verheerenden Gleitbombenangriffe an der Front wehren zu können.
Erste russische strategische Angriffe lassen erkennen, dass Putin plant, die Ukraine diesen Winter mit schweren Angriffen zu überziehen. Er folgt hier einer Strategie der Ermattung bzw. Zermürbung, frei nach Alexander A. Svetchin, einem bekannten sowjetischen Militärtheoretiker der frühen 1930er-Jahre. Die Ukraine kann nur überleben, wenn sie sich aus diesem russischen Zermürbungskrieg befreien kann.