1. Ist die Operation VIVALDI bedeutsam und wenn ja, warum?
Die große Anzahl russischer und ukrainischer Drohnen im Einsatz – zu jeder Zeit mehrere Zehntausend entlang der gesamten Front – führt zu einem „gläsernen Gefechtsfeld“ sowie zu einer Art „Todeszone“ mit einer Breite von etwa 50 Kilometern, in der sich keine Seite mit großen Verbänden bewegen kann. Diese zunehmende Dichte und Tiefe der Drohneneinsätze hat dazu geführt, dass es der Ukraine und Russland schwerfällt, die für den Durchbruch der feindlichen Verteidigungslinien erforderlichen Faktoren Stoßkraft, Masse, Geschwindigkeit und Überraschung zu erreichen.
Die Ukraine hat mit der Operation VIVALDI im Raum Lyman gezeigt, dass ein Angriffsmanöver trotzdem erfolgreich sein kann. Durch den Einsatz des 3. Armeekorps als gut ausgestatteter Großverband mit vor allem Elitedrohneneinheiten konnten die Ukrainer den Raum nördlich von Lyman – der mit 420 km² etwa der Größe Wiens entspricht – zunächst mit Drohnen sättigen. Zum Zwecke des Angriffs bildeten die Ukrainer in diesem Raum mit ausgewählten Drohnenverbänden und Einheiten der elektronischen Kampfführung ein räumliches Schwergewicht. So gelang es dem eingesetzten 3. Armeekorps, die Pattsituation temporär zu überwinden.
2. Können diese neuen Taktiken ein Gamechanger an der Front werden?
Der ukrainische Angriff wurde sorgfältig vorbereitet. Ukrainische „Hornet“-Drohnen operierten mehr als 150 Kilometer hinter den russischen Linien, griffen die zentralen, von den Russen gehaltenen Flussübergänge an und verhinderten damit, dass russischer Nachschub nach vorne gebracht werden konnte. Hinzu kamen „Baba Yaga“- und „Vampire“-Drohnen, die im Lufttransport an geografischen Schlüsselstellen angriffsfähige Bodenroboter absetzten.
Erkannte Stellungen des russischen Drohneneliteverbandes „Rubicon“ wurden ohne Unterbrechung angegriffen, Munitionsdepots und Drohnenstartplätze zerstört sowie erfahrene Drohnenteams getötet. Diese kombinierte Taktik isolierte die russischen Angriffsspitzen und hinderte sie daran, ihre Logistik aufrechtzuerhalten. Die Russen hatten sich mit ihren Stoßtrupps zuvor über die Flüsse vorgearbeitet und immer wieder auch Höhen gewonnen, aber die Ukrainer konnten diese Flussübergänge mit Angriffsdrohnen effektiv sperren.
Nachdem die russische Logistik zusammengebrochen war, griffen die ukrainischen Sturmtrupps in kleinen Formationen an und brachen den russischen Widerstand. Die Ukraine konnte in der Folge in Lyman signifikante taktische Erfolge verbuchen. Es ist ihr jedoch nicht gelungen, diese in einen Durchbruch auf operativer Ebene umzuwandeln, indem sie die russischen Stellungen gänzlich überrannte. Russland konnte vorerst hinter dem Fluss Zherebets eine neue Verteidigungslinie organisieren.
3. Was können moderne Streitkräfte aus der Operation VIVALDI lernen?
Die Operation VIVALDI war das Ergebnis monatelanger ukrainischer Vorbereitungen. Sie zeigte, wie die Ukraine auf dem modernen Schlachtfeld – trotz der Herausforderungen des „gläsernen Gefechtsfeldes“ – einen tiefen Einbruch auf operativer Ebene erzielen kann. Dies ist für die Taktik und operative Einsatzführung moderner Streitkräfte von Bedeutung.
Die Theorie des Sieges erfordert auch im 21. Jahrhundert einen Durchbruch auf operativer Ebene, möchte man vermeiden, in einem langwierigen Abnützungskrieg gefangen zu bleiben. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass ein Ein- bzw. Durchbruch fast unmöglich wird, sobald beide Gegner eine durchgehende, in die Tiefe reichende Verteidigung aufgebaut haben, ihre Schwachstellen absichern und bei jedem Durchbruchversuch Kampfkraft konzentrieren.
Um die Dynamik einer Offensive auf operativer Ebene aufrechtzuerhalten, muss die Ukraine mit mehreren Brigaden mit Infanterie und unbemannten Bodensystemen in die russischen Verteidigungslinien einbrechen und in diesen vordringen. Die Ukraine hat mit der Operation VIVALDI gezeigt, dass dies möglich ist. Daraus sollten moderne Streitkräfte lernen.