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3 Fragen – 3 Antworten: Strategischer Luftkrieg zwischen Russland und der Ukraine – Ursachen und Auswirkungen der derzeitigen Eskalation

3 Fragen – 3 Antworten: Strategischer Luftkrieg zwischen Russland und der Ukraine – Ursachen und Auswirkungen der derzeitigen Eskalation

Der Krieg in der Ukraine hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Welche strategischen Ziele Russland und die Ukraine verfolgen, welche Rolle technologische Innovationen spielen und welche Auswirkungen diese Entwicklung auf Europa haben könnte, analysiert Oberst Dr. Markus Reisner.


Warum kommt es zu immer intensiveren gegenseitigen strategischen Luftangriffen?

Wir befinden uns derzeit in Phase 10 dieses Krieges. Eingeleitet wurde diese Phase vor allem durch die zunehmenden massiven ukrainischen Angriffe mit Langstreckendrohnen und Marschflugkörpern auf die Energieinfrastruktur Russlands. Diese eskalierende Phase begann im Mai dieses Jahres und dauert derzeit an. Es ist auch jene Phase, in der wir erstmals ganz konkrete Drohungen Russlands gegenüber Europa gesehen haben. Russland droht europäischen Unternehmen, die in das ukrainische Langstreckendrohnenprogramm involviert sind, mit „Vergeltung“ und bezeichnet sie als „legitime Angriffsziele“. Außerdem haben wir in dieser Phase – ebenfalls bereits im Mai – erstmals den Versuch der USA gesehen, eine Art Waffenstillstand zu vermitteln. Dieser Versuch ist bis jetzt allerdings gescheitert.

Die Front selbst ist auf taktischer Ebene erstarrt. Die Russen greifen zwar an, können aber nicht wirklich vormarschieren. Die Ukrainer verteidigen, können aber ebenfalls keine Gebiete in nennenswertem Umfang zurückerobern. Das „gläserne Gefechtsfeld“ verhindert in einer 50 Kilometer breiten „Todeszone“ jede Bewegung militärischer Verbände. Auf der operativen Ebene versucht vor allem die Ukraine derzeit, die vielseitigen Fähigkeiten und Verfahren der Drohnenkriegsführung zu nutzen und auf mittlere Distanz in den rückwärtigen Bereich hinter der russischen Frontlinie zu wirken. Hier wird mit Hornet-Drohnen, die in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Google-CEO Eric Schmidt entwickelt wurden, versucht, die Treibstoffversorgung der Krim zu unterbrechen.

Aufgrund des beschriebenen taktisch-operativen Patts lässt gerade die strategische Ebene eine Eskalation zu. Die daraus resultierende Intensivierung der Luftangriffe erleben wir derzeit.

Wie stellt sich diese Eskalation in der beiderseitigen Luftkriegsführung derzeit konkret dar?

 

Beide Seiten zielen darauf ab, die Fähigkeit des jeweils anderen zur nachhaltigen strategischen Kriegsführung zu stören oder massiv einzuschränken. Dies bedeutet vor allem gegenseitige Angriffe auf die Treibstofflogistik, das Eisenbahnnetz sowie auf große Logistikzentren, etwa die russischen Wildberries- oder die ukrainischen AMTEL- beziehungsweise Post-Verteilerzentren.

Russland erleidet aufgrund der ukrainischen Schläge in seine strategische Tiefe bereits so schwere messbare Schäden an seinem industriellen Komplex, dass diese die Fähigkeit Russlands zur Fortführung des Krieges zunehmend einschränken. Wenn Russland zugleich keinen taktisch-operativen Erfolg an der Front erzielt, könnte es mittelfristig gezwungen sein, dennoch einem Waffenstillstand zuzustimmen, weil die Schäden durch die ukrainischen Angriffe sonst zu nachhaltig werden.

Die Russen versuchen daher, so rasch wie möglich zu einem Ergebnis zu kommen. Putin weiß, dass Russland die Zeit davonläuft, da die ukrainischen Angriffe auf die strategische Tiefe Russlands immer weiter zunehmen.

Die ukrainische Situation ist – trotz der messbaren Erfolge – ebenfalls herausfordernd. Die ukrainische Regierung weiß, dass sie noch bis zum Herbst Zeit hat, Russland zu einem Waffenstillstand zu zwingen. Danach beginnt wieder die schwierige Phase des Winters mit den erwartbaren schweren russischen Angriffen auf die kritische Infrastruktur der Ukraine, die noch immer beschädigt oder teilweise zerstört ist und bereits im vergangenen Winter schwere Schäden davongetragen hat.

Die Achillesferse der Ukraine auf der strategischen Ebene ist derzeit der Mangel an Flugkörpern für ihre „Patriot“-Batterien. Russland hat dies erkannt und greift daher zunehmend intensiver mit ballistischen Raketen an. Selenskyj betont deshalb immer wieder, dass er für einen Waffenstillstand auf strategischer Ebene – also ein Ende der gegenseitigen Luftangriffe in der Tiefe – bereit ist.

In dieser Zuspitzung geht es um einen Kampf der Willen und um die Frage, wer stärker ist. Man sieht sehr gut, dass beide Seiten versuchen, vor dem Winter eine Entscheidung herbeizuführen – unabhängig davon, ob das gelingt. Das finale Ergebnis der derzeitigen Phase ist im Moment noch offen.

Welche Rahmenbedingungen haben derzeit einen Einfluss auf die Kriegsführung?

Begünstigend für die Ukraine wirkt derzeit die Situation im Iran. Die Amerikaner sehen, dass sie dort trotz der Luftangriffe im Moment keinen entscheidenden Erfolg erzielen und der Iran weiterhin Druck über die Straße von Hormus ausüben kann. Trump wendet sich deshalb wieder stärker der Ukraine zu. Dort erhofft er sich ein Ergebnis, das er innenpolitisch verkaufen und für die bevorstehenden Zwischenwahlen nutzen kann. Auch beim NATO-Gipfel waren daher wieder deutlich versöhnlichere Töne gegenüber der Ukraine zu hören.

Wir sehen aber auch eine Zunahme weiterer konkreter russischer Drohungen: zum Beispiel den Test einer „Sarmat“-Atomrakete am 12. Mai, eine große Nuklearübung und den dritten Einsatz einer Mittelstreckenrakete vom Typ „Oreschnik“ – ebenfalls im Mai – als Botschaft an Europa.

Für die derzeitige Phase ist auch interessant, dass Peskow, der Sprecher Putins, am 5. Juli die „Spezialoperation“ erstmals öffentlich als Krieg bezeichnet hat. In der bekannten russischen Eskalationsstufenleiter ist das ein weiterer Schritt – vom lokalen Krieg in Richtung des sogenannten regionalen Krieges.

Interessant ist außerdem, wie stark die sogenannten „Tech-Bros“ – also die Chefs führender amerikanischer Technologieunternehmen – die Ukraine unterstützen. Palantir spielt mit den Systemen MAVEN und PRISMA eine wichtige Rolle: MAVEN hilft der Ukraine, mithilfe von Zieldaten gezielte Angriffe in Russland durchzuführen. PRISMA ermöglicht es, die begrenzten Luftabwehrfähigkeiten möglichst wirksam einzusetzen. Hinzu kommt Elon Musk mit „Starlink“.

Die Abberufung des ukrainischen Verteidigungsministers Federov bringt hier neue Dynamik ins Spiel. Er war im Bereich der Drohnenangriffe ein wesentlicher Treiber innovativer Ideen und ihrer Umsetzung auf taktischer, operativer und strategischer Ebene. Er war auch jemand, der versucht hat, den Aderlass der ukrainischen Streitkräfte zu verringern, indem nicht immer wieder neue Soldaten an der Front eingesetzt werden, sondern verstärkt unbemannte Systeme – also Drohnen und Bodenroboter – an ihre Stelle treten.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie technologische Innovationen unmittelbaren Einfluss auf den Kriegsverlauf haben und dass jene Seite die strategische Initiative gewinnt, die Innovationen im Gefechtsraum am besten einzusetzen vermag.

 

 

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